Die Lindengallmilbe

(07.12.2020)

The age of aquarius

Der Titel "Lindengallmilbe" führt völlig in die Irre, denn das, was wir auf den Fotos sehen, ist nichts anderes als die Galle der Milbe Eriophyes tiliae. Das Tierchen selbst ist so klein (über zwei Millimeter kommt es nicht), dass man es nur unter dem Mikroskop sehen kann. Oder man nimmt psychoaktive Pilze zu sich, um die Sinne zu schärfen. Ich bin sich, dass man dann zumindest die Lebensäußerungen der Milbe durch die Gallwände hindurch erahnen kann. Der Name "Eriophyes tiliae" ist nicht genau; es verstecken sich in den rötlichen Beahusungen unterschiedliche Arten und Unterarten, die teilweise auch an unterschiedlichen Lindenarten vorkommen und somit recht "wirtsspezifisch" sind. Doch der deutsche Name "Lindengallmilbe" passt auf jeden Fall.
Hatte ich an anderer Stelle dieses Blogs mich damit gebrüstet, dass seine Beiträge im Rhythmus der Jahreszeiten stringent abgestimmt sind, muss ich nun eine Argumentation finden, die das Zeigen der Fotos Anfang Dezember rechtfertigt. Aufgenommen habe ich sie Anfang Mai, was auch die Zeit darstellt (spätes Frühjahr bis Frühsommer), in der man die Gallen der Lindengallmilbe an noch jüngeren Lindenblättern finden kann. Je nach Lesart kann nun die Präsentation der Galle als Erinnerung oder als Vorausahnung des Frühjahr betrachtet werden. In zyklischen Zeitgeschehen sind diese Alternativen sicherlich obsolet, denn im Kreislauf fließen Erinnerung und Vorausahnung ineinander zusammen, wodurch so wunderbare Wortschöpfungen wie das "erinnernde Vorausahnen" oder das "vorausahnende Erinnern entstehen. Also habe ich hiermit Zukunft und Vergangenheit in die Präsenz eines dezemberlichen Spätherbstabends hineingezaubert. Wenn dies kein magischer Moment ist.
Und die Lindengallmilbe erlaubt zudem verblüffende Parallelitäten zur Menschenwelt zu schaffen. Schnallt euch an, die Fahrt beginnt.
Zunächst erstaunt die Größe der Gallmilbe in Bezug auf ihre "Behausung": Keine 2 Millimeter groß, misst der rote Hauszipfel einen guten Zentimeter. Da will wohl jemand mehr scheinen als sein. Und ach, kennen wir das nicht zu Genüge von unseren Artgenossen? Unbedeutende Menschen, die in aufgemotzte SUVs steigen; von der Muse vergessene Zeitgenossen, die sich in schönster Abendgarderobe in die Theater zwängen; Villenviertel, aus die jeder geistiger Anstand ausgezogen ist. Tja, all denen sei die Lindengallmilbe als Maskottchen ans Herz gelegt.
Aber nein, ein Blick in die Literatur zu Eriophyes tiliae zeigt andere Wirklichkeiten. Dazu seien einige Worte zu ihrem Leben gesagt. Die Lindengallmilbe saugt an den Unterseiten von Lindenblättern, und ihr Speichel erzeugt im Pflanzengewebe eine Reaktion, die es wachsen lässt; eben diese Wachstumsform haben wir auf den Fotos vor uns. Nun legt die weibliche Lindengallmilbe in die zipfelartigen Auswüchse Eier ab. Die schlüpfende Generation bleibt in der Galle leben, die in der Innenwand ein Gewebe ausbildet, das Stärke und Proteine beinhaltet, das den Milben als Nahrung dient. Und nun beginnt ein kleiner Kreislauf: Die Milben paaren sich von Neuem, neue Milben schlüpfen usw, bis die letzte Milbengeneration die Dunkelheit der Galle erblickt. Die weiblichen befruchteten Tiere verlassen nun "ihr Haus" über die Blattunterseite und suchen Schutz in Lindenknospen oder der Lindenrinde, bis im nächsten Frühjahr der Baum neue Blätter trägt und das Lebenskreislaufspiel von Neuem beginnt. 
Was erstaunt, ist die Menge an Milben, die eine einzige Galle bewohnen kann: Es sind wohl bis zu 100 Einzelexemplare, die fressen, vögeln und sterben.
Nun könnte die nächste Assoziation zu Eriophyes tiliae einen Anstrich einer Pariser Banlieu erhalten. Dichtgedrängt in prekärer Höhe fristen sie ein von der Gesellschaft vergessenes Leben und müssen sich mit kleinkriminellen Handlungen über Wasser halten. Doch diesen Gedanken geben wir direkt wieder auf: Soziale Probleme kommen - soweit ich nachforschen konnte - trotz engem Wohnraum in ihrer Welt nicht vor.
Ganz im Gegenteil: Was wir vor uns haben ist die symbolische Wiedereinsetzung des "Age of Aquarius", das Wiedererstarken einer kommunenhaften Hippiewelt, die zeigt, das es andere Lebensmodelle als die der bürgerlichen Gemütlichkeit gibt. (Ich spreche hier natürlich nur von der westlichen Welt; in anderen Weltteilen ist die Gemütlichkeit der bürgerlichen Welt sicherlich erstrebenswert.) Ja, in einem Haus leben hundert Gleichgesinnte im Zeichen der Liebe zusammen, und wenn nun noch die Wissenschaft beweisen könnte, dass die Lindenblattsäfte auf den Stoffwechsel der Lindengallmilbe psychoaktiv wirkt, wäre das Bild perfekt. So nehmen wir zum Gedenken dieses kleinen Wesens einen tiefen Zug aus der Bong, lehnen uns zurück und träumen uns mit psychedelischen Klängen untermalt in die Behausungen der roten Zipfelchen hinein,.      

Der Heide-Dornfinger

(26.11.2020) (Datum der Aufnahmen: 28.08.2020)

Die wundersame Welt der Genitalmorphologie

Obwohl ich immer dachte, dass die Farbkombination von Rot, Orange, Gelb und Schwarz nicht unbedingt ein stimmiges Gesamtbild ergeben könnte, belehrt uns der Heide-Dornfinger - Cheiracanthium erraticum - eines Besseren. Nimmt man dann noch das Grün und Lila des Grashalmes, der mit weißen Spinnenfäden durchsetzt ist, hinzu, könnte man in Jubelschreie ob dieses expressionistisch anmutenden Farbexperimentes ausbrechen. Ja, hier ist Schönheit am Werk. Doch kommen wir erst einmal zu dem traurigen Aspekt des Artikels: Es ist nämlich nicht sicher, dass wir es tatsächlich mit dem Heide-Dornfinger zu tun haben. Weltweit umfasst die Familie Cheiracanthium knapp zweihundert Arten und in Europa kommen immerhin noch 25 von ihnen vor. Nach längerem Abwägen bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass neben dem Heide-Dornfinger nur noch Pennys Dornfinger (welch bescheuerter Name, wahrscheinlich der Erstbeschreiber dieser Art) - Cheiracanthium pennyi - in Frage kommt. Beide bewohnen dasselbe Habitat: offene Landschaften mit niedriger Krautvegetation und es heißt, dass man sie äußerlich (sozusagen makroskopisch) nicht unterscheiden könne. Und etwas geschluckt habe ich schon, als ich bemerkte, dass die Beschreibung beider Arten auch nicht so ganz auf die Spinne der Fotos passt. Es heißt für den Heide-Dornfinger, dass sein Prosoma (Oberkörper) und seine Beine gelb-braun bis grünlich seien. Für Pennys Dornfinger wird die Oberkörperfarbe mit orange-bräunlich angegeben und die Beine seien teilweise grünlich. Tja, was tun? Die Spinne auf den Fotos hat definitiv einen orangen Oberkörper und orange Beine. Die Beschreibung des Opisthosoma (Hinterleib) jedoch passt perfekt zu "meiner" Spinne. Langer Rede kurzer Sinn: Es muss eine der zwei genannten Arten sein und nach langem Bildervergleich tendiere ich ganz klar zu dem Heide-Dornfinger, der insgesamt auch viel häufiger vorkommt. Letzte Bestimmungssicherheit bekommt man allerdings nur über die Untersuchung der Genitalmorphologie, bei der sich beide Arten unterscheiden. Und so langsam wird dieser Artikel an Fahrt aufnehmen, denn wir nähern uns den etwas dunkleren Gefilden des Seins. Spinnenforscher - auch Arachnologen genannt-, sind häufiger auf die Untersuchungen der Genitalien angewiesen, um Arten sicher bestimmen zu können. Und diese Untersuchung geht eben nur bei schon toten Tieren. Ihr werdet mir zustimmen, dass man hier zumindest von einer Spielart der Nekrophilie sprechen muss. Und Genitalien waren bei der Gattung der Dornfinger ebenfalls namensgebend. Ich muss zugeben, dass meine erste Assoziation des Gattungnamens eher in die Bereiche der B-Kategorie des Splatter-Horror-Films fielen. Hätte Jack Arnold unser kleines Spinnentier gekannt, hätte er bestimmt nicht den Film "Tarantula" gedreht, sondern "Die Invasion der Heide-Dornspinnen" wäre als Klassiker in die Filmgeschichte eingegangen. Dornenbesetzte Gliedmaßen, die sich in die Gehirne der menschlichen Bevölkerung bohren: das Drehbuch ist schon fast geschrieben. Doch auch hier wären Sexualphantasien besser am Platz, denn "Dornfinger" bezeichnet einen Teil des Genitalapparates der männlichen Spinnen. Auch wenn meine Leser schon in Begeisterung geraten und sich die Frage stellen, ob "Dornfinger" nicht auch für die menschliche Sexualität genutzt werden könnten, muss ich folgendes ernüchterndes Zitat hinterherschicken: "Dornfinger" bezieht sich auf den "dornartigen Fortsatz an dem Cymbium genannten, umgestalteten Tarsus der männlich Pedipalpen, ..." (Wikipedia) Bei diesem Satz ist mir die Lust vergangen, noch weiter nachzuforschen.
Doch worauf sitzt nun unser potentieller Heide_Dornfinger? Hier müssen ein paar Worte zur Lebensweise der Spinne genannt werden. Cheiracanthium erraticum ist hauptsächlich nachtaktiv und tagsüber hält sie sich in einem Wohngespinst auf und wartet auf die Dämmerung, um in ihr Jagd auf Beute zu machen. Nun, aber sie sitzt doch auf dem Wohngespinst? Ja, gleichzeitig dient die Behausung der Eiablage, die von dem weiblichen Tier bewacht und notfalls verteidigt wird. Ich gehe deshalb davon aus, dass sich die Spinne irgendwie gestört fühlte - vielleicht von mir - und schon einmal sich darauf vorbereitete, möglich Feine - mich - abzuwehren. 
Und zu guter Letzt lassen wir das gesamte prosaische Beiwerk von Artbestimmung, Genitalien und Behausung beiseite und wenden uns dem ästhetischen Aspekt der Spinne zu. Ich denke, ihr stimmt mir zu, dass man den Blick lange nicht von ihr abwenden möchte. Und eigentlich erblickt man etwas, was alles vorher Geschriebene in einen Dunst der Nichtigkeit schiebt. Hölderlin schreibt an einer Stelle des Hyperion über das Kind: "Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön". (Friedrich Hölderlin, Gesammelte Werke, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, S. 318) "Es ist ganz, was es ist" und es macht eigentlich keinen Sinn, es in Einheiten aufzuteilen, abzuwägen und die Genitalien zu verstümmeln. Die Schönheit ist in ihm, da es ein lebendiges Ganzes darstellt, dass in der Lebendigkeit Stolz und Schönheit verströmt. Vielleicht geht auch etwas von dem in den Betrachter über. Dann könnten wir mit Hölderlins utopischen Worten schließen: "Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht".(Friedrich Hölderlin, Gesammelte Werke, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, S. 316)  "Ins All der Natur zurückzukehren", eine Ganzheit zurückzugewinnen, vielleicht kann dies für einen Augenblick in einem meditativen Betrachten gelingen.
   

Die Früchte des japanischen Staudenknöterichs

(17.11.2020)


Die Lust an der Nicht-Funktionalität

Fragil und leicht hängen die Früchte des japanischen Staudenknöterichs (Fallopia japonica) an den Zweigen des Blütenstandes und scheinen sich ganz dem Spiel des Windes hinzugeben. So heißen sie nicht umsonst Flügelfrüchte und warten darauf, von den Ästchen gerissen und zu den künftigen Keimplätzen getragen zu werden. So ist in ihnen eine Funktionalität eingeschrieben, die eben in der geschlechtlichen Fortpflanzung begründet liegt. Doch traut eurem biologischen Schulwissen nicht zu sehr. Denn die auf den Fotos zu sehenden Früchte haben sich außerhalb eines jeglichen Funktionszusammenhanges gestellt und gefallen sich darin, einfach da-zu-sein. (Pseudo-Heidegger-mäßig habe ich gekonnt die Bindestriche zwischen die Wörter platziert, was, so hoffe ich, ein anerkennendes Nicken meiner Leser zur Folge haben wird.) Ein Luftspiel außerhalb allen Sinngefüges von Grund und Wirkung, sondern ein Schweben in der Präsens, das auf den Betrachter sinnlich wirkt. Wie das? Die Erklärung ist prosaisch einfach: In Deutschland kommen fast nur weibliche Formen von Fallopia japonica vor, was zur Folge hat, dass die Blüten nicht bestäubt werden können. Trotzdem werden manchmal Früchte ausgebildet, die aber nicht keimfähig sind, was bei fehlender Bestäubung nicht weiter verwundert. So schaukeln und wiegen sie sich im Wind, den Scheinsamen in sich tragend, der hier nur den Regeln (wie paradox) eines sinnfreien ästhetischen Spieles folgt. 
Fast haben die Fotos etwas von einer minimalistischen japanischen Tuschezeichnung, die geradezu nach dem Rezitieren eines Haikus schreit:

"Wie bewundernswert ist doch,
wer nicht denkt: "Das Leben [pflanzt sich fort]",
wenn er eine[...] [Frucht] sieht"
 
Das Orginalgedicht stammt von Matsuo Basho, und ich habe mir die Freiheit genommen, in der letzten Zeile das Wort "Blitz" durch das Wort "Frucht" und in der zweiten Zeile "ist vergänglich" durch "pflanzt sich fort" zu ersetzen. Vielleicht nicht mehr ganz so literarisch ansprechend wie bei dem japanischen Dichter, doch die philosophische Grundaussage bleibt dieselbe: Unser Denken ist in Konvetionsmuster eines rationalen Denkens erstarrt, aus dem uns der Haiku und die Flügelfrucht des japanischen Staudenknöterichs herausführen möchten. Kampf dem auf ein Ziel gerichteten Sinn.
Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des ästhetischen und philosophischen Potentials des japanischen Staudenknöterichs, hat er ausbreitungstechnisch einen Siegeszug sondergleichen hingelegt. Und leider muss ich hinzufügen, dass dies nicht der Leichtigkeit seiner Früchte zu verdanken ist. 
Fallopia japonica ist eine sogenannte hemerochore Pflanze, die ethelochor ihren Weg nach Europa gefunden hat. Ha, alles klar? "Ethelochor" bezeichnet die bewusste Einführung von Pflanzen in eine Region, in der sie nicht heimisch ist, und "hemerochor" bedeutet die Ausbreitung durch Kulturtechniken. Ursprünglich stammt der japanische Staudenknöterich aus Japan, China und Korea und wurde 1825 nach Europa gebracht und diente dort zuerst als Zier- und Futterpflanze. Tja, und einmal verwildert, gibt es kein Halten mehr. Denn der eigentliche Erfolg von Fallopia japonica liegt in ihrer ungeschlechtlichen Fortpflanzung begründet. Schon kleinste Rhizomteilche, die aus dem Boden gerissen wurden, reichen der Pflanze, um neue Triebe zu bilden. Das Rhizom ist ein Spross, der unter der Erde weiterwächst und Wurzeln und neue Pflanzen austreiben lassen kann. Tja, und hat es ein Rhizomteilchen mal geschafft, an die richtige Stelle zu gelangen, können nach einigen Jahren ganze japanische-Knöterich-Areale entstanden sein, was durchaus problematisch ist: Denn wo Fallopia japonica sich ausbreitet, da wächst im wahrsten Sinne des Wortes kein Gras mehr. Dies liegt in ihrer Wuchsweise begründet: Zuerst senkrecht rasend schnell nach oben wachsend, verlagert die Pflanze schon bald ihr Wachstum in die Horizontale, was durch die großen Blätter auf der einen Seite gut für kleinwüchsige Menschen ist, die Schatten suchen, jedoch schlecht für andere Pflanzen, die unter ihr Platz finden möchten. In der Schweiz hat es das poetische Wesen sozusagen schon geschafft, auf die Liste des Ausgestoßenen zu gelangen und wird mit allen Mitteln bekämpft.
Dabei hat sie neben ihren poetischen auch noch kulinarische und heilwirksame Qualitäten. Die jungen Triebe schmecken roh phantastisch säuerlich erfrischend und auch als Gemüse sollen sie vorzüglich sein, was ich allerdings noch nicht ausprobiert habe. Und die Heilwirksamkeit? Als Stichworte sollen hier "antiviral", "entzündungshemmend", "antitumorigen" und "fungizid" genügen. Eine wahre Allrounderin.
So versenken wir uns zum Schluss noch einmal in das windgetränkte leichte Spiel der Fotos und prosten der asexuellen Funktionslosigkeit mit klingenden Gläsern zu.     
 

Myko-Kitchen 

(auf Titel klicken, dann geht es zur Seite "myko-kitchen")

(27.06.2020)

Die Sinnlichkeit des Mykos

Die Rubrik „Orte“ auf meiner Homepage wandelt in ungewohnten Gefilden und wagt einen Ausflug in die Virtualität des Ortsraumes. Eigentlich ganz im Sinne eines postmodernen Denkens müsste Michel Foucault, der den Ausdruck der „Heterotopie“ geprägt hat, beglückt auf die nun 

folgenden Zeilen blicken. „Heterotopien“ sind eine Form von utopischen Gegenräumen, die allerdings – im Gegensatz zu Utopien – tatsächlich im Raum verortbar sind. So wäre das Schiff für Foucault eine Heterotopie par excellence. Auf der einen Seite ist es ein ökonomisches Instrument, das Waren transportieren kann. Dann jedoch legt sich auf ihn ein zweiter Raum der Heterotopie, der als „grand réserve d’imagination“ beschrieben wird – man denke beim Schiff an den romantisch konnotierten Aufbruch ins Ungewisse, der festgefügte Grenzen ins Wanken bringt. Und dieser Raum der Imagination ist in der Lage neue Diskurszusammenhänge zu schaffen. 

Schön und gut – doch wir haben es ja bei „Myko-Kitchen“ mit einem virtuellen Raum zu tun, der jedoch ebenso verortbar ist – schließlich gibt es ja eine Ortsadresse - und tatsächlich grenzverschiebende Eigenschaften und Imagination in sich birgt. 

Die letzten beiden angesprochenen Punkte stehen für mich in einem direkten Zusammenhang mit dem Wort „Sinnlichkeit“. Ja, „Myko-Kitchen“ ist sinnlich, und bevor ich dies näher auszuführen versuche, sei erst einmal gesagt, worum es bei der Webseite geht. Tja, Überraschung, Überraschung: Es geht um Pilze und Küche. Jeweils wird ein Pilz in den Vordergrund gerückt, Informationen zu ihm geliefert, auf mögliche Heilwirkungen eingegangen und dann Rezepte vorgestellt. Neben der kulinarischen Seite werden aber auf „Myko-Kitchen“ – teilweise durch Gastbeiträge – weitere interessante Aspekte des Mykos beleuchtet, die nichts mehr mit Kulinarik zu tun haben. So z.B. wird die Bedeutung von Pilzen für Bienen behandelt, ein Einblick in die Welt der phytoparasitischen Pilze gewährt und dem Phänomen der „spalted woods“ nachgegangen, bei denen Pigmente bestimmter Pilze das Farbspektrum von Holz verändern. Und daneben ist Tanja Major – so der Name derjenigen, die das alles zu verantworten hat – ein zertifizierter Pilzcoach, was sich in einem Kursangebot auf ihrer Seite niederschlägt: Pilzkörbe gestalten, Giraffenholz schnitzen, Pilz- und Kräuterwanderungen mit anschließendem gemeinsam Kochen…wer nicht spätestens jetzt auf ihre Seite geklickt hat, ist selber schuld. 

Doch kommen wir zurück auf die Begriffe „Sinnlichkeit“, „Imagination“ und „Grenzverschiebungen“. 

Ein erstes sinnliches Moment der Seite sind die wirklich gekonnt in Szene gesetzten Pilze und Pilzgerichte. (Tanja Major ist Foodfotografin und gelernte Köchin – ihr seht, um phantasieloses Pfannengebrutzel mit Zwiebeln und Sahnesauce wird es hier nicht gehen) 

Sowohl die Pilze als auch die zubereiteten Gerichte verströmen im besten Sinne des Wortes Lust. Man erkennt schon hier, dass Pilze aus „Diskurszusammenhängen“ gerissen und in neue Räume eintreten. Als Beispiel dienen die beiden oberen Fotos, die über dem Artikel zu sehen sind. Das pilzliche Geschöpf wirkt ja schon etwas verschroben unheimlich und schon der Gedanke, es essen zu wollen, wird bei meinen Lesern nur ein entsetztes Kopfschütteln hervorrufen. Es handelt sich um den Maisbeulenbrand – Ustilago maydis – und gehört zu den Brandpilzen, die sich parasitär von bestimmten Pflanzen ernähren. In unserem Falle befällt Ustilago maydis den Mais und ist in Mexiko als Huitlacoche bekannt. Und dort wird er auch tatsächlich als Speisepilz geschätzt. „Myko-Kitchen“ greift diese Traditionslinie auf und präsentiert zwei Rezepte – einmal Huitlacoche mit Omelette, einmal mit Taco. Das Resultat der Omelette-Variante kann oben links betrachtet werden. 

Unten rechts nun ist die Stinkmorchel – Phallus impudicus - zu sehen. Um Gottes willen: der obszöne Schwanz zerschnitten und gegart – soll hier ein moralisches Zeichen gesetzt werden? Nein, nein, wie meine geneigten Leser bereits wissen, entwickelt sich Phallus impudicus aus einem Hexenei, deren Inneres von einer Gleba umgeben ist. Wenn die weisse Haut mit der Gallerte entfernt ist, offenbart sich durchaus ein schmackhafter Pilz und die Präsentation auf dem Teller lässt sicher auch den größten Zweifler das Wasser im Munde zusammenlaufen. 

Und unten links? Ja, Wetter- und Erdsterne, von denen ich auch nicht gewusst hatte, dass sie essbar sind. (Sind sie auch nur zum Teil - anscheinend wird in Asien nur ein bestimmter Wetterstern, Astraeus odoratus, gegessen. (Also, nicht den erstbesten gefundenen Erdstern in den Kochtopf wandern lassen!) In dem auf Myko-Kitchen präsentierten Rezept stammen die Wettersterne aus einer Dose aus dem Asia-Shop, denn in Asien ist der Pilz eine ausgesprochene Delikatesse. Das Rezeptresultat ist ein Glasnudelsalat mit knackenden Wettersternen – ja, Crunchyness scheint ein Wesensmerkmal dieser pussierlichen Wesen zu sein. 

Noch einmal nachgefragt. Worin besteht nun die Sinnlichkeit , und auf ihr aufbauend die Imagination und Grenzverschiebung von Myko-Kitchen? Sinnlichkeit ist im implizierenden Blick der Fotos anwesend – gewisse ästhetische Potentiale werden in die Realität geholt. Sinnlichkeit der Zubereitung, die sozusagen das Potential, das in sich schlummernde Wesen, der Pilze neu erfahren und erleben lässt. Imagination ist demnach hier ein besonderer Zugang zu Welt. Dinge neu denken, in neue Zusammenhänge und Zusammenstellungen setzen. (Hier fällt mir das Rezept des „Chaga-Veilchen-Schoki“ ein.) Und Grenzverschiebungen? Wie alles auf der Welt ist das Leben vollgesogen mit Komplexität, die unser Denken und unsere Wahrnehmung nur zu oft in eine Eindimensionalität herunterbrechen. So auch die Welt der Pilze. Diese Welt (wie alle anderen auch) ist nicht eindimensional: Sie ist aufregend und bietet Platz für alles: auch für die Imagination.

(P.S. Die Fotos dieses Beitrages stammen von Tanja Major und sind auf "myko-kitchen" veröffentlicht)

Karussell und Geier in Addis Abeba

(17.04.2020)

Verfluchte Symbolik

Die oben zu sehenden Fotos haben definitiv meinen kreativen Fluss in ein armseliges, vom völligen Versiegen bedrohtes, Rinnsal verwandelt. Schon länger als einen Monat ist es her, dass ich sie hochgeladen hatte, jedoch schreckte ich davor zurück, auch nur ein Wort in die Tastatur zu tippen. So langsam habe ich eine Ahnung davon bekommen, woran es liegen könnte: die jeglichen feinsinnigen Ästhetizismus beleidigende Offenheit der Symbolik, die einem ihre Bedeutung in die Augen schmettert. Da haben wir zum einen einen Geier auf einem Hausdach, zum anderen ein stillstehendes Karussell in einer etwas trostlos wirkenden städtischen Landschaft, in die sich jedoch eine dichte Baumreihe horizontal eingeschoben hat. Nunja, Geier, stillstehendes Karussell, was anderes als der Stillstand des Lebens und der schon eingetretene Tod könnten in diesen Fotos stecken? Und dann noch der Aufnahmeort: Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens und vielleicht die einzige Hauptstadt der Welt, in dessen Name sich ein Sehnen nach Poesie verbirgt: auf Amharisch bedeutet Adids Abeba „Neue Blume“. Diese Konnotation werden jedoch nicht viele Mitteleuropäer haben, wenn sie an die Hauptstadt in Ostafrika denken. Noch zu präsent scheinen die Bilder der Hungerkatastrophe Mitte der 80er-Jahre, und noch immer scheint sich das Land nicht von diesen Bildern, die sich in das kollektive Gedächtnis der gesamten Welt eingeschrieben haben, lösen zu können. So haben wir nun: Geier, stillstehendes Karussell in trostloser Landschaft und Addis Abeba. Ich erspare meinen Lesern die zum Klischee geronnene Symbolik hier weiter aufzuführen.

Doch interessant ist es, wie Bilder in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Assoziationen hervorrufen können. Hätten vor drei Monaten die Fotos nur eben angedeuteten Sinnzusammenhang angedeutet und wären nicht aus dem lokalen Geschehen Äthiopiens herausgekommen, so haben sich sozusagen ihre Bedeutungszusammenhänge ins Globale erweitert: Geier, Stillstand des Karussells, Corona-Virus. Eine Substantivreihung, die geradezu für die heutige Zeit geschaffen worden ist: der drohende Tod, der Stillstand des öffentlichen Lebens und trostlose städtische Landschaften, aus denen sich das Leben herausgeschlichen hat.

Gut, trotz alledem haben sich die Fotos nicht von ihrer inhärenten Symbolik befreit, was nun die folgenden Zeilen sich zu leisten vorgenommen haben.

Zuerst allerdings noch einmal kurz zur Aufnahmesituation der Fotos: Sie gehören tatsächlich zusammen. Morgens nach der ersten Nacht in einem Hotel in Addis Abeba gingen wir in das oberste Stockwerk, in dem sich der Frühstücksraum befand. Von einer kleinen Terrasse aus hatte man den Blick, der auf das Karussell hinausging. Und direkt darüber auf das Dach setzte sich der zu sehende Geier. Also haben wir es wiederum mit einem kleinen Augenblicksensemble zu tun.

Wie befreien wir nun aber das Ensemble von unserem kulturell geprägten Blick, der nur eine Lesart der Fotos zuzulassen scheint?

Eine erste Antwort gibt uns die Korona-Krise selbst. Bedeutet doch in ihr der Stillstand des (öffentlichen) Lebens gerade seinen Erhalt. In diesem Sinne hätte auch der den Tod verkündende Geier dem Karussell den Rücken gekehrt und kann seine menschlichen Opfer nicht finden.

Doch Blicke können auch durch andere kulturellen Prägungen gezeichnet sein. Im alten Ägypten scheinen Geier das mütterliche Prinzip darzustellen, mit denen die beiden Muttergöttinnen Mut und Nechbet assoziiert waren. Hier spiel wahrscheinlich die große Flügelspannweite der Vögel eine Rolle, die Schutz unter ihren Flügeln implizieren. Und so wäre der Stillstand des Karussells und die Abwesenheit von Kinderschreien in ihm nur ein vorübergehender Zustand, denn die breiten Flügel des mütterlichen Tieres werden über es wachen. (Vergessen wir lieber hier, dass sich das Tier auf den Fotos dem Karussell abgewendet hat....Sonst klappt diese Lesart einfach nicht.)

Doch am Ende schlage ich eine weitere Lesart vor, die sich allen kulturellen Prägungen, ob vergangenen oder heutigen, entledigt hat:

In Addis Abeba, der neuen Blume, hat sich auch ein völlig neues Leben entwickelt. Die Blume ist aufgegangen und verströmt einen lieblichen Duft, dem nun auch die Geier verfallen sind. Das menschliche Konstrukt des Karussells steht nicht eigentlich still, sondern wurde eigens für die Geier konstruiert. Und in den Abendstunden, nach getaner Arbeit, segeln kleine Geierfamilien in die leeren Sitze des Karussells, während ein städtischer Angestellter die Konstruktion zum Drehen bringt. Welch ein liebliches Gekrächze sich dann von diesem Ort erhebt, dem die Einwohner Addis Abebas in kindlicher Freude lauschen. (Nun, auch hier haben wir den verfluchten Tatbestand des stillstehenden Karussells und des abgewendeten Geiers nicht ganz gelöst, ganz zu Schweigen von dem Leben implizierenden Drehen des Karussells -  doch seis drum, anscheinend bin ich letztendlich doch an der Symbolik kläglich gescheitert.)


Der Blutbrustpavian

(16.02.2020)

Schon wieder Blut

Mir fällt auf, dass meine Beiträge auf dieser Homepage viel mit Blut und Tod zu tun haben, doch diesmal bin ich tatsächlich unschuldig, denn die Tiere auf den Fotos nennen sich tatsächlich Blutbrustpaviane. Sind meine Streifzüge zu großen Teilen nicht über die Bröcke, Eifel, Lank Latum und Knechtsteden herausgekommen, stell sich mein geneigter Leser nun sicherlich die Frage, ob die Klimaerwärmung jetzt auch die Fauna in Nordrhein-Westfalen durcheinandergewürfelt hat: Erste Blutbrustpaviane im Münsterland gesichtet und bis sich die ersten Krokodile im Rhein tummeln, wird es auch nicht mehr lange dauern. Doch nein, Fridays for future machen weiterhin Sinn und noch ist es vielleicht nicht zu spät, denn die Affen auf den Fotos habe ich in den Simien-Mountains im Hochland von Äthiopien getroffen. Ich war bei der Familie einer äthiopischen Freundin zu Besuch und für eine Woche machte ich mich alleine auf, um etwas vom Land zu sehen. Die Reise führte mich nach Gondar, die alte Kaiserstadt Äthiopiens. Der Simien-Nationalpark liegt in der Nähe und so fuhr ich an einem Tag mit einem vor Ort gebuchten Führer - der gleichzeitig ein entfernter Verwandter der Familie war - los, um die Bergwelt Äthiopiens etwas näher kennenzulernen. Tja, von der Bergwelt habe ich nicht viel gesehen, was jetzt nicht an meinem Führer lag, sondern dem erbärmlich schlechten Wetter geschuldet war. Es schüttete wie aus Kübeln und die Berge waren die meiste Zeit in tief hängende Regenwolken gehüllt. Auch mein Schuhwerk war alles andere als bergwelttauglich, und so rutschte und stolperte ich die kleinen Pfade entlang, was meiner guten Laune jedoch keinen Abbruch tat: Eine gewisse Magie hatte die Wanderung allemal. So wirkten die Baumsilhouetten mit ihren wehenden Bartflechten an den Ästen gespenstisch schön und aus dem Dunst vernahm man seltsame Vogelstimmen. Und plötzlich stoppte mein Führer und zeigte mit dem Finger nach vorne. Eine Art Wiese breitete sich vor uns aus und auf ihr sah man unzählige Affen - die Blutbrustpaviane, auch Dscheladas genannt. Und ja, was man auf den Fotos nicht unbedingt sieht: Es waren bestimmt um die Hundert von ihnen vor uns, die im Gras saßen und im besten Sinne des Wortes weideten, denn Dscheladas ernähren sich von Gras und Wurzeln. Mein Führer sagte mir, dass ich, wenn ich mich langsam bewegte, zu ihnen gehen könnte. Mit etwas Skepsis ging ich los und wartete darauf, dass sich ein bemähntes Männchen auf mich stürzen würde und seine vegetarische Diät in einem menschlichen Blutrausch vergäße - doch tatsächlich, ich kam ihnen ganz nah, hockte mich nieder und beobachtete sie, wie sie die Halme aus dem Boden rissen und in ihr Maul stopften. Teilweise hätte man sogar seinen Arm ausstrecken und sie berühren können. Doch so weit wollte ich mein Glück auch nicht auskosten und fingeramputiert hätte ich nun auch nicht die Gelegenheit, diesen Text in die Tastatur zu tippen. Und für einen kurzen Moment hatte auch der Himmel ein Einsehen, und es klarte für ein paar Minuten auf. (Drei der oben zu sehenden Fotos sind in dem Moment entstanden.) Um nun das rechte obere Foto zu erklären, muss ich etwas auf die Lebensweise der Blutbrustpaviane eingehen. Und schon hier sei angemerkt, dass nicht ich es war, der den Tieren einen solchen Schrecken eingejagt habe, dass sie sich schützend in einem engen Kreis zusammenkauerten. Dscheladas leben in kleinen Gruppen zusammen, die entweder aus einem Männchen, mehreren Weibchen und dem Nachwuchs oder aus reinen Männergruppen bestehen. Wenn das Nahrungsangebot gut ist, schließen sich mehrere Kleingruppen zu großen Verbänden zusammen, was bei den Blutbrustpavianen, die ich traf, der Fall war. Und nun - wie konnte es anders sein - setzte von Neuem starker Regen ein und die Dscheladas stürzten aufeinander zu und suchten in kleinen Gruppen (wohl die kleineren Kerngruppen) gegenseitig Schutz. Ein anrührendes Schauspiel, bei dem ich sogar den Gedanken an das namensgebende Blut vergaß und irgendwie ein zartes Mitfühlen in mir wahrnahm. In diesem Moment hätte auch ich mich gerne zwischen sie begeben.
Zu den Dscheladas - oder auch Theropithecus gelada auf lateinisch - sei noch erwähnt, dass die Weibchen die Kleingruppen anführen. Und auch sie treffen die Wahl ihres Männchens. Zwar kommt es auch zu Kämpfen, bei denen ein Männchen ein anderes aus einer Gruppe vertreiben will, um selbst aufgenommen zu werden - jedoch haben sie da die Rechnung ohne die Weibchen gemacht. Sie bestimmen, welches Männchen in ihre Gruppe aufgenommen wird - und dies kann durchaus das im Kampf unterlegene sein. So ähnlich, wie wenn Cameron Diaz einen arbeitslosen Straßenkehrer heiraten würde. Wie herrlich wäre doch die Welt.
Kommen wir noch einmal zum Blut zurück: Blutbrustpaviane haben einen roten haarlosen Fleck auf der Brust, der während der sexuell aktiven Zeit geradezu leuchtet - auf dem linken unteren Foto kann man es erkennen. Dscheladas sind eine endemische Affenart, die nur im Hochland Äthiopiens leben. Mensch ja, es gibt schon besondere Zusammentreffen.

Tor und Brennnessel

(27.10.2019)

Der römische Kriegsgott wacht

Sträflich ist eine doch zu nette Umschreibung für das, was sich in den letzten drei Monaten auf dieser Homepage ereignet hat: nämlich nichts. Niente, nada, gähnende Leere im Nichts. Entschuldigungen habe ich wenige zu bieten, nur die eine kleine, dass sich die Pilzsaison in vollen Zügen auf den Weiden und in den Wäldern und am Bordstein entfaltet hat, und so blieb nur noch die Zeit fürs Wesenetliche: die Pilze. Die Fotos, die über diesem Beitrag zu sehen sind, haben dennoch nicht die Spur (dem ersten Anschein nach) mit Pilzen zu tun, doch sie weilen nun schon an die 100 Tage im virtuellen Raum, ohne dass ich es geschafft habe, einen Artikel über sie zu schreiben. Was hat mich abgehalten? Nun eigentlich kann es nur das Tor oder die Brennnessel gewesen sein - oder vielleicht die Orthographie? Ein Ungetüm aus drei "n" kann schon abschreckende Wirkung entfalten. Doch kommen wir tatsächlich nun auf die Protagonisten dieses Beitrages zu sprechen: Brennnessel und Tor, das zudem noch mit in  die Jahre gekommenen Schlössern verrostet einen nicht mehr ganz so wehrhaften Eindruck hinterlässt. Ich denke, dass hierin die Grund für das Wachsen der Brennnessel zu suchen ist. Holen wir etwas aus. Tore haben ja einmal den Sinn, in einer gezogenen Grenze Ein- und Auslass zu gewähren. Das Schädliche (für wen auch immer) soll in einem Außen verharren, während nur Gutes und Wohlgesonnenes Eintritt erhält. Diese Bedeutung hat unser Tor schon lange verloren. Es scheint so, als ob schon Jahre niemand mehr es geöffnet hätte, und tatsächlich ist es Teil einer Umzäunung, die das Naturschutzgebiet des Brachter-Waldes am Niederrhein schützt. Umgangssprachlich hat es auch den Namen "Depot" erhalten, was darauf zurückzuführen ist, dass es vor Jahren einmal ein von den Briten geführtes Munitionsdepot gewesen ist, das zu den größten Europas gehörte. 1996 wurde es geschlossen und Teile wurden zwei Jahre später zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Besondere an ihm ist, dass es zu großen Teilen aus Sandmagerrasen besteht. Diese Bodenform ist in Deutschland aufgrund von veränderter Beweidungswirtschaft stark zurückgegangen, was bedeutet, dass viele Arten (ob Pflanzen, Flechten, Pilze oder Insekten), die auf diese Bodenform angewiesen sind, sehr selten geworden und teilweise vom Aussterben bedroht sind. Nicht so im Brachter Wald. Um nur die pilzliche Besonderheit herauszustellen, sei gesagt, dass von Rötlingen über Saftlinge hin zu Wiesenkeulen und Puppemkernkeulen sich so viel Besonderes in diesem Raum tummelt, dass es einem schier den Atem nimmt.

Grenze ist in diesem Fall also durchaus positiv konnotiert. Sie hilft dem schützenswerten Raum sich vor fremdem bedrohlichem Einflüssen zu schützen. Demnach soll das Tor auf den Fotos auch gar nicht mehr geöffnet werden, sondern trutzig der Artenvielfalt dienen. Trutzig? Nein, wahrhaftig – so kann man unser Tor beim besten Willen nicht bezeichnen. Jedoch hat sich ein pflanzlicher Schutzgeist seiner angenommen, der kriegerrisch sein Leben dem Planeten Mars geweiht hat. Hä, wat? Ja, die Brennnessel gilt in ihrem aufrechten mit Brennhaaren ausstaffiertem Sein dem Planeten Mars zugeordnet. (Ja, das gibt es. Pflanzen werden in einer eher spirituellen Ebene den Planeten assoziert – so gilt der Apfelbaum zum Beispiel als Venuspflanze)

Doch ein venustrunkener Apfelbaum als Schutz eines Naturschutzgebietes? Nein, definitiv, das passt nicht. So nun wächst die Brennnessel am Tor und zeigt es jedem an, nicht mit unlauteren Absichten in diesen Raum einzutreten – sonst, ja sonst bohren sich die Brennhaare in das Bedrohliche hinein und lassen es anschwellen, bis es eitrig in die Ebenen des Niederrheins hinein zerplatzt.

Angemerkt sei nun zum Schluss, dass der Geist der Brennnessel auch für das eigene Wohlbefinden ungeahnte Kräfte bereithält. Für mich ist sie zu meinen absoluten Lieblingsheilpflanzen geworden, und nach Abschluss dieser Zeilen werde ich mir einen Tee aus seinen Blättern zubereiten und an Eiter und Niederrhein denken

      

Wide Karde und Schaumzikade

(03.07.2019)

Suicidal Tendencies

Die Wilde Karde - Dipsacus fullonum - ist ein Geschöpf, dem man sich mit einer gehörigen Portion Respekt nähern sollte. Erst einmal sei ihre Größe genannt, die gut und gerne anderthalb Meter erreichen kann. Dann der Blütenkolben mit seinen spitzen Spreublättern, zwischen denen die violetten Blüten, in Reihen angeordnet, hervorschauen. Die Hüllblätter umgeben bogig in die Höhe wachsend und mit kleinen Dornen besetzt den Blütenstand und schaffen eine Art von magischem Schutzraum, den nur Menschen mit ausgesprochenen nihilistischen Tendenzen zu durchbrechen wagen. Ja, die wilde Karde ist ein wehrhaftes magisch durchwirktes Geschöpf, das mit Schwingungen in Verbindung steht, die wir nur erahnen können. Und ihr magisches Potential schließt auch Opfertiere ein, die als ätherische Wesen in ihren Pflanzenleib eingehen. Nein, von der Schaumzikade auf dem oberen linken Foto ist noch nicht die Rede, sondern von etwas, das auf den Bildern leider nicht zu sehen ist. Die Wilde Karde bildet nämlich am Stängel sogenannte Zisternenblätter auf. Diese stehen parallel zueinander und haben an ihren Seiten Häutchen entwickelt, die am Stiel hermetisch dicht anschließen und tiefe Mulden bilden - man könnte sie tatsächlich Zisternen nennen. Wenn es nun regnet, sammelt sich in ihnen das Wasser, was die Frage - die die Biologie so gerne stellt - nach der Funktion dieses Bauwerkes aufwirft. Zum einen könnten die Zisternen natürlich als Wasserreservoir dienen, zum anderen stellen sie einen Schutz vor heraufkriechenden - möglicherweise gefährlichen - Insekten dar. Jede Ameise zumindest würde bei einer versuchten Kardenbesteigung unweigerlich ersaufen. Es gibt allerdings auch eine Nahrungsfunktion, die uns zu dem Opferkultstatus der Zisternen hinführt. So enden tatsächlich kleine Insekten ihr Leben in den Wassermassen, und man geht davon aus, dass ihre organischen Stoffe von der Wilden Karde für das eigene Leben genutzt werden. So sind es auch tierische Eiweiße, die durch ihre Leitungsbahnen rinnen, und allmählich versteht man, warum man seine Finger nicht in das Zisternenwasser tauchen sollte. 
Doch kommen wir endlich auf die Schaumzikade auf dem Foto oben links zu sprechen. Auch mit Hilfe eines Insektenforums war es mir nicht möglich, die genaue Art herauszufinden, obwohl ich einen starken Verdacht habe, dass es sich um Aphrophora salicina - die braune Weiden-Schaumzikade - handelt. Im Forum gab man mir allerdings den Tipp, es besser bei Aphrophora spec. zu belassen: Zikadenbestimmung sei ein Minenfeld, wie ein Forist meinte. Und auch wenn es nun nur eine potentielle Aphrophora salicina ist: Schaumzikaden sind wundervolle Tiere. Bestimmt sind meinen verehrten Lesern bei einem Gang durch die Natur schaumartige Gebilde an Pflanzen, Bäumen und Sträuchern aufgefallen. Früher dachte man, es sei Kuckucksspeichel. Doch wir wissen es besser: Es ist das Werk der Larven der Schaumzikaden. Sie pumpen kleine Luftbläschen durch ihre Atmungsröhren in eine Flüssigkeit, die eiweißhaltig ist. Aus dem After wird sie daraufhin ausgeschieden und es entwickelt sich der Schaum, der zum einen eine hohe Luftfeuchtigkeit besitzt, die die Larven für ihre Entwicklung braucht, zum anderen schützt er auch. 
Nun, die Larven der braunen Weiden-Zikade würde ihre Heranwachsen an Weiden vollziehen, deren Säfte ihnen als Nahrung dienen.
Gut, eigentlich hätte ich mir das ebene Geschriebene sparen können, geht es doch um das ausgewachsene Tier auf der Wilden Karde. Und ja, was ist passiert? Rundherum von spitzen Stacheln umgeben sitzt Aphrophora spec. am Stiel und macht - ja, was eigentlich? Ruht sie sich aus? Saugt sie die Pflanzensäfte von Dipsacus fullonum? Nein, wir haben es hier ganz klar mit einer suizidal veranlagten Schaumzikade zu tun. Rhythmisch singend-zirpend gewahr es die mit Fluch und Tod drohenden Stacheln und flog - ein letztes Lebewohl aus ihrem Leib trommelnd - mitten hinein. Wie betäunt sitzt sie nun auf der Wilden Karde und fasst es nicht, wie sie es geschafft hat, die Todesdolche zu verfehlen. Doch sie scheint ihr Vorhaben noch nicht aufgegeben zu haben. Erinnern wir uns an die Zisternenbecken, die unter ihr mit organischer Auflösung locken. Ja, den Moment, als unsere Schaumzikade in das Wasser fiel, habe ich nicht mehr abgewartet, doch gehe ich davon aus, dass sie mittlerweile durch die Leitungsbahnen der Wilden Karde fließt. Ja, it's a kind of magic.  

Der Trauer-Rosenkäfer

(18.06.2019)

Kamillentee und postglaziale Steppenzeit

Während ich mich nun daran mache, einen Beitrag über den Trauer-Rosenkäfer - Oxythyrea funesta - zu schreiben, schlürfe ich genüsslich eine Tasse Kamillentee. Ja, das Alter, die Gebrechen. Doch nicht irgendeinen Kamillentee. Nein! Es sind Blüten des Kamillentees, die ich an dem Ort gesammelt habe, an dem auch das Foto mit unserem Rosenkäfer entstanden ist. Die Stelle liegt mal wieder am Hotspot der Funga, Flora und Fauna Nordrhein-Westfalens: Lank Latum. Zeichnet die Gegend, die ich dort aufsuche, Bruchwaldcharakter aus, so gibt es doch auch in der Nähe bewirtschaftete Felder und brache Flecken, sogenannte Ruderalstandorte. An solch einem Ruderalstandort blühte nun (bereits im Mai) in solchen Mengen die echte Kamille, dass ich mein Glück kaum fassen wollte. Nicht, dass die Kamille sehr selten wäre: Sie wächst überaus häufig, doch meist an Feldrändern, so dass ich bisher auf das Sammeln von ihr verzichtet habe. Man weiß ja nie, was unsere lieben Bauern so auf ihren Feldern versprühen und vergießen. Nun war alles perfekt: Die nächsten Felder lagen gut 150 Meter entfernt und auch die nächste befahrene Autostraße hielt gebührlich den angemessenen Abstand. So m,achte ich mich mit dem dazugehörenden Enthusiasmus daran, die schönsten Blüten abzuernten, als ich den Rosenkäfer so entdeckte, wie er sich auf den Fotos präsentiert. Er bewegte sich nicht, und es muss davon ausgegangen werden, dass er sich hemmungslos dem Pollenkamillenrausch hingab. Und schon haben wir ein Element seiner Lebensweise benannt: Die erwachsenen Tiere - sogenannte Imagos - ernähren sich von dem Pollen der Familien der Korbblüter und Doldenblüter. Und jetzt schlürfe ich einen Kamillentee aus Lank Latum, der genetische Spuren von Oxythyrea funesta enthält. Heidnisch-schamanistisches Denken breitet sich in meinem Körper aus und ich meine zu verspüren, wie Eigenschaften des Trauer-Rosenkäfers in mich übergehen. Doch welche Eigenschaften können das sein? Wieder kann es nur das gesamtheitliche Denken sein, das Gegensätze in sich vereint und nebeneinander bestehen lässt. Yeah, Dialektik sucks. Trauer und Rosen scheint ja erst einmal ein Oxymoron par excellence zu sein. Trauer und die Fülle des Lebens, die die Rose symbolisiert. Doch steckt in der Rose ja auch ihr Gegenteil - der Schmerz in Form der Dornen, so dass in der Fülle des Lebens immer auch die Verse Rilkes mitschwingen: "Der Tod ist groß/Wir sind die Seinen/lachenden Munds/Wenn wir uns mitten im Leben meinen/wagt er zu weinen/Mitten in uns.
Der Name "Rosenkäfer" bezieht sich wohl zum einen auf die Pollenernährungsweise der Käfer und zum anderen auf ihren viele Arten auszeichnenden Glanz, den man mit Rosen assoziiert hat. (So jedenfalls meine Theorie) Und Trauer verweist wohl auf die dunkle Grundfarbe des Käfers.
Gut, und hier trinke ich die Essenz des Trauer-Rosenkäfers in mich hinein. Wow.
 Jetzt aber zum zweiten Teil des Titels: postglaziale Steppenzeit. Und es wird noch besser: Der Trauer-Rosenkäfer ist ein Indikator für den Klimawandel. Sic! Nun aber der Reihe nach: Ursprünglich beheimatet ist Oxythyrea funesta vom Mittelmeerraum bis nach Kleinasien und nach Mitteleuropa kam er über Rhein, Main und Donau in der postglazialen Steppenzeit. Somit gilt er als Relikt dieser erdgeschichtlichen Epoche. Im 19. Jahrhundert war der Trauer-Rosenkäfer in Mitteleuropa weit verbreitet, doch kam es im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem dramatischen Einbruch seines Artbestandes, weshalb er in Deutschland den zweifelhaften Ruhm erlangte, auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten der Stufe 2 (stark gefährdet) zu gelangen. Doch dies wird in Zukunft wahrscheinlich revidiert werden müssen. Oxythyrea funesta ist ein klarer Gewinner des Klimawandels. Als wärmeliebende Art und in Folge der milden Winter in Deutschland gekingt es ihm gerade wieder, sich auszubreiten. Waren Anfang der 2010er-Jahre Funde im Rheinland noch sensationelle Meldungen, so scheint er im Jahre 2019 wieder häufig (auch nördlich vom Rheinland) angetroffen zu werden.
Es kann davon ausgegangen werden, dass er bald sein Trauer-Outfit (wenn seine Trauer denn in der Nicht-Existenz begründet lag) aufgeben wird und sich mit den Kamillenblüten wohlig gelb-golden im Sonnenlicht vom lauen Wind schaukeln lässt. 

Der Fruchtstand der Küchenschelle in Blankenheim

(29.05.2019)


Der Teufelsbart

Die spinnenbeingleich anmutenden Fäden renken und krümmen sich von dem grünen Fruchtstand in nur allen erdenklichen Richtungen weg und stellen die einzelnen zottig wilden Haare des Bartes des Teufels dar. Doch sinnieren wir für einen Augenblick uns in die Metamorphose der Pflanzen hinein. Ganz gegen meine Gewohnheit habe ich nun zum zweiten Mal denselben Vertreter einer Pflanzenart zum Zentrum eines Beitrages gemacht. Bewegt man sich auf dieser Seite etwas nach unten, werden einen die Blüten der Küchenschelle entgegenleuchten, und es fällt schon schwer, zu glauben, dass wir es hier mit ein und derselben Pflanze zu tun haben. Der Fruchtstand von Pulsatilla vulgaris - so der lateinische Artname - hat die Küchenschelle in ein anderes Wesen metamorphosiert - wenn man so sagen darf. Die Anmut der purpurfarbenen Blütenhülle hat sich in ein krummbeiniges Streben und Fliehen und Wehen verwandelt, das in volkstümlicher Tradition eben als Teufelbart gedeutet wurde. (Ja, der Titel dieses Beitrages ist somit nicht auf meinem Mist gewachsen.) Wenn man so will, stehen wir betroffen der pflanzlichen Inkarnation von Dr. Jekyll und Mr. Hyde gegenüber. Und die Liste der Schandtaten des Mr. Hyde sind lang. Mit dem Teufel im Bunde markiert die Stelle des Fruchtstandes der Kuhschelle (ja, auch diesen Namen trägt sie) den Ort, an dem ein Jäger eine Hexe vom Himmel schoss. Das Grausen packte mich, als ich auf einer Magerwiese in der Eifel die zahllosen verrenkten Fäden von Pulsatilla vulgaris gewahrte. Wieviele Hexen flogen wohl durch die Eifeler Abenddämmerungen und wurden Opfer der Jageslust? Andere Quellen schreiben dem Fruchtstand der Kuhschelle die Kraft zu, kleine Gänschen in ihren Eiern ersticken zu lassen. (Warum es gerade Gänse sind und nicht Hühner konnte ich beim besten Willen nicht eruieren.)
Doch in einem Wesen ist alles eingewoben und aufgehoben: das Böse wie das Gute. Hat Pulsatilla vulgäres Teufelskraft, so hat es - symbolisiert durch seine Blüten - Engelspotential. Unter anderem gab es den Brauch, im Frühling die Blüten der Kuhschelle in ein rotes Tuch einzuwickeln und mit sich zu tragen., Dies konnte vor Krankheiten und Unheil schützen. In bestimmten Regionen wird sie auch blaue Osterblume genannt und zeigt ihre Verbindung zu dem Aufstehen, zum Erheben des Lebens an. Jedoch ist dies die Blütenseite der Pflanze. Der Fruchtstand hat teuflische Kraft.
Botanisch gesehen, ist alles furchtbar prosaisch zu erklären. Die verkrümmten Barthaare sind sogenannte Federschweife, an deren Enden am grünen Fruchtstand ein Samen in Form eines Nüsschen hängt. Das Gesamtkonstrukt der Frucht wird Federschweifflieger genannt und verweist auf die Verbreitungsstrategie der Pflanze: der Wind reißt die Nüsschen los und hilft ihnen auf dem Weg, neue Magerwiesen zu besiedeln. Doch selbst, falls die Windausbreitung nicht klappen sollte, hat Pulsatilla vulgaris noch einen Plan B, der wiederum mit dem Teuflischen zusammengedacht werden muss. Die Nüsschen können sich allein fortbewegen. Keine Angst, so skurril, dass sich kleine Beinchen aus den Federschweifen entwickelten, wird es nun leider nicht. Fällt ein Federschweif - von dem Wind schmählich verschmäht - plump neben seine Mutter, gibt es immer noch Hoffnung der Abnabelung. Und ich warne: es wird physikalisch! Ist der Federschweif bei trockenem Wetter in einem mehr oder weniger abgeknickten rechten Winkel, so streckt er sich wieder bei Regen. Gleichzeitig vollführen - choreographisch durchdacht - die Nüsschen mehrere Drehungen um die eigene Achse. (Schnallt euch vorher an, wenn ihr dieses Schauspiel mit eigenen Augen betrachten wollt. Der Sog der Geschwindigkeit kann nur teuflisch genannt werden.) Dies alles verhilft dem Nüsschen dazu, bis an die 20 cm zurückzulegen, bevor es sich in den Erdboden bohrt und den Dingen, die da kommen wollen, harrt.
Meine Güte, ich glaube, ich werde einen eigenen Blog für Pulsatilla vulgaris eröffnen - denn glaubt mit: So viel Teufelskraft ist unerschöpflich. 

Das Mordkreuz von Tilbeck

(13.05.2019)


Pilgern und Todschlag

Ganz christlich in mich gekehrt, habe ich mich auf große Pilgerschaft von Münster nach Nottuln begeben. Tatsächlich ist ein Weg zwischen diesen beiden Städten mit der Jakobsmuschel markiert und zeigt den nach Erlösung und inneren Reinigung Strebenden den Weg nach Santiago de Compostela. So weit wollte ich die Einkehr jedoch nicht betreiben, sondern beließ es bei dem Ziel Nottuln. Gut, mystische Schauer werden bei der Nennung dieses Ortes sicherlich nicht ausgelöst, jedoch ist der Weg sehr schön und einfach zu gehen, denn die einzigen leichten Anstiege führen am Fuße der Baumberge vorbei. Der Ausdruck "Berge" ist für sie etwas hochgegriffen, aber wenn man die flache münsterländische Parklandschaft als Kontrast ihnen gegenüberstellt, nehmen sie schon die Dimensionen gewaltiger Bergriesen ein. Genau dort - am Fuße der Baumberge - befindet sich nun auch das Mordkreuz von Tilbeck, das auf den Fotos zu sehen ist. Ist nun Nottuln als Ort nicht in der Lage, oben genannte mystische Schauer hervorzurufen, dann ist es das Mordkreuz allemal. Die Inschrift des Kreuzes lautet: INRI ANNO 1164 ALDA BI DIG CRe.IST RebOHRe T. DAS.AL=HieelNeMeIRSCHe, Tilbick VeRMORDE T IST. Anscheinend in einem niederdeutschen Dialekt wird davon berichtet, dass 1164 die Meirsche von Tilbeck vermordet worden ist. Die wahllos groß und klein geschriebenen Buchstaben und von den Worten gelösten Lettern bilden den ersten Teil einer kleinen Verwunderung. Warum um Himmels Willen ist das "T" von "vermordet" abgetrennt worden? Spielt diese Verstümmelung auf die eigentliche Verstümmelung der Meierschen von Tilbick an? Dann hätte die Inschrift allemal kreatives Potenzial. Doch ich fürchte, dass es eher der Oberfläche des Sandsteinkreuzes oder dem dilletantischen Inschriftenschreiber geschuldet war, dass das "T" einsam und getrennt vom "vermorde" seine Existenz fristen muss. Ebenso erstaunlich - wenn wir nur bei diesem Wort bleiben wollen - ist es, dass zwischen den Großbuchstaben ein einziges schüchternes "e" klein geschrieben wurde. Ist es ein kurzes Einknicken vor der Äußerung der schlimmen Tat. "Vermordung" - Schauer der Angst können einen Buchstaben schon in die Knie zwingen.
Doch wenden wir uns endlich der Meierschen von Tilbeck (so heutige Name) zu. Um sie und ihre Vermordung hat sich eine Sage entwickelt, die im Grunde so trivial ist, dass man sich wundert, dass sie es geschafft hat, mit einem Kreuz gewürdigt zu werden. (Aber Gott - im Münsterland gibt es auch Kreuze für Menschen, die von einem Pferd überrannt worden sind - warum nicht also auch ein Mordkreuz? ) Eine Bauersfrau aus Tilbeck kehrte eines Abends in einem Gasthof ein und ließ es sich schmecken und munden. Als sie die Zeche bezahen wollte, kramte sie einen Beutel hervor, der laut metallisch klimperte, so dass zwei Landsknechte, die in der Nähe saßen, aufmerksam wurden und in dem Beutel eine Menge Münzen vermuteten. Die Bauerfrau machte sich auf den Heimweg, auf dem die zwei Landsknechte sie überfielen und erschlugen. In dem Beutel fanden sie jedoch nur Nägel, die das metallene Geräusch verursacht hatten. Mensch ja - dumm gelaufen, denn die beiden Landsknechte wurden gefasst und in Schapdetten erhängt. In einigen Quellen wird auch berichtet, dass die Meiersche besonders lange in ihrem Beutel wühlte, bis sie wohl eine Münze zwischen den Nägeln fand, um den Gastwirt zu bezahlen. Fast ist man ja versucht, auszurufen: Selber Schuld, aber das wäre wahrscheinlich nicht politisch korrekt. 
Das Kreuz markiert nun die Stelle, an der das Verbrechen sich ereignete, und meine verehrten Leser werden mir beipflichten, wenn ich noch einmal die Trivialität des Ganzen hervorhebe. Jedoch passieren wunderliche Dinge mit Bewertungen, wenn sie in die Tiefe der Zeit verschoben werden: 1164 geschah die Vermordung, vor fast 900 Jahren. Etwas Ehrfurcht vor dem Leben ergreift einen bei dieser Zahl, und der Ort schafft eine Kontinuität über das Verwesen und Vergehen hinweg, und für einen kurzen Mpment gehen wir hinein in die Szene, in der zwei Landsknechte eine Meiersche erschlugen. Ich glaube, nicht die Tat an sich, sondern die Übereinanderschichtung verschiedener historischer Zeiten und Erzählungen machen das Erhabene dieses Ortes aus. Jeden Ortes, was man auch auf einer Pilgerwanderung des Öfteren spüren und erleben und erschauern kann. 
Eine weitere Geschichte deutet sich durch die russische Ikone an, die jemand auf dem Sockel des Kreuzes platziert hat. Ist Rasputins Bruder nicht nur in Whitechapel umgegangen, um Prostituierte zu ermorden und die Unfähigkeit des FBI vorzuführen? (Siehe Artikel The Fall - Fantastic life unter der Rubrik "Literatur") Ist er etwa auch in der Nähe Nottulns aufgetaucht, um Meiersche zu erschlagen? Ich denke, ein Zeichen geht von der Ikone aus, das gedeutet werden will.    

Das Landkärtchen

(03.05.2019)


Saisondimorhismus

Landkärtchen und Saisondimorphismus sind zwei Worte, die fast schon abstrakt im virtuellen Raum nebeneinander Platz gefunden haben. So wenden wir uns erst einmal der Erklärung der Begriffe zu. Landkärtchen bezeichnet den Schmetterling, der auf den Fotos zu sehen ist. Auf seinen lateinischen Artnamen - Araschnia levana - werden wir noch gesondert zu sprechen kommen, birgt er doch ein poetisches Potential. Aber auch der deutsche Name scheint an abstrakte Möglichkeitsaufbrüche zu gemahnen, wenn man sich in die Weiten seines Wegenetzes mit der Phantasie begibt. Wegenetz? Das rechte obere Foto zeigt, was gemeint ist. Auf den Flügelunterseiten des Landkärtchens ist neben den verschiedenen Farbparzellen ein weißes verdicktes Wegnetz eingezeichnet, das dem Schmetterling seinen Namen einbrachte. Es sind die Flügeladern, die bei ihm mit weißen Schuppen besetzt sind und die Assoziation an eine Landkarte heraufbeschwor. Wer weiß, in welche Welten man gelangt, wenn man seine Wanderschuhe schnürt und sich auf die Reise den Flügeladern entlang begibt. Sicherlich in ein taumelndes Frühlingserwachen jenseits der gedeuteten Welt in den Weltinnenraum hinein. (Diese Anspielungen auf Rilke konnte ich mir nun nicht verkneifen - die Flügeladern des Landkärtchens werden es mir verzeihen.) Das Zweipaar "taumelndes Frühlingserwachen" ist nun auch nicht wahllos in die Tastatur gehämmert, womit wir an der Stelle sind, uns dem lateinischen Artnamen etwas näher zuzuwenden: Araschnia levana. Das Artepitheton leitet sich von dem lateinischen Verb "levare" ab, das so viel wie "aufheben", "erheben" bedeutet. Es bezieht sich auf die Erhebung des Lichtes, des Frühlings, die Erhebung des neuen Lebens. Und tatsächlich ist das Landkärtchen ein flatterndes buntes Zeichen einer neu erwachten Freude am Sein. (Puh, jetzt wird es doch etwas zu pathetisch) Kommen wir lieber zu dem skurrilen Ausdruck des Saisondimorphismus, der es schon jetzt geschafft hat, für mich in die Top Ten der biologischen Lieblingsbegriffe aufzusteigen. Doch was beinhaltet er? Übersetzt man ihn, käme man zu dem Wort "Saisonzweikörperlichkeit", was schon einen gewissen Sexappeal ausströmt, der an dieser Stelle aber nicht weiter vertieft werden soll. Was wir auf den Fotos sehen, ist die Frühglingsform von Araschnia levana. Ja, haltet euch fest: Es gibt auch eine Sommerform des Schmetterlings, die in ihrem Aussehen recht unterschiedlich ist. So ist man auch lange Zeit davon ausgegangen, dass Frühlings- und Sommerform zwei verschiedene Schmetterlingsarten sein müssten. Erst 1829 fand Christian Friedrich Freyer in Zuchtversuchen heraus, dass Frühlings- und Sommerform ein und dieselbe Art sind. Doch warum um Himmels Willen unterscheiden sich die Landkärtchen des Mais von denen des Julis? Einen transzendentalen Grund kann ich nicht nennen, jedoch eine wissenschaftliche Erklärung nachliefern. So hat man herausgefunden, dass bei der Entwicklung der Raupen die Tageslänge eine entscheidende Rolle spielt. Ist die Tageslänge noch kürzer, entwickelt sich die Frühlingsform des Landkärtchens. Nimmt die Tageslänge zu, metamorphosieren sich die Raupen zu der Sommerform. Verantwortlich dafür ist ein Hormon aus der Gruppe der Ecdysteroide. Bei zunehmender Tageslänge wird ein Gen, das für die Produktion dieses Hormons verantwortlich ist, aktiviert. Das Hormon wird ausgeschüttet und hasta la Vista Frühlingsform. Ich kann nur den Hut vor dem Hormon der Ecdysteroid-Gruppe ziehen - das ist pure Magie. Man stelle sich vor, Saisondimorphismus existiere unter uns Menschen. Je nach Tageslänge und der Menge eines ausgeschütteten Hormons entwickeln sich schwarze, braune, weiße, gelbe, rote, rosa, violette, blaue Babys. Rassistische Ausgrenzungen, die sich auf die Hautfarbe des Menschen stützen, wären zumindest passé; es sei denn, man fände Gründe, die blauen Januarbabys ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. 
Das Landkärtchen ist recht häufig und oft findet man es an Waldrändern, die blühende Pflanzen aufweisen und Brennnesseln in der Nähe haben. Brennnesseln sind nötig, da an ihnen die Weibchen ihre Eier ablegen, und auch die Raupen ernähren sich von der Pflanze. Womit ich wieder bei einem meiner Lieblingsbegriffe angekommen bin: das Gefüge. Alles - Natur - Gesellschaft - Tier - Mensch - Pflanze - Pilz - kann nur in einem Geflecht dieses Begriffes gedacht werden. 
   

Die gewöhnliche Küchenschelle in Blankenheim

(15.04.2019)


Küche und Kuh

Im Pilzblog hatte ich es schon angedeutet, dass mein großes mykologisches Ziel für dieses Jahr das Finden einer Morchel ist - sei es nun Speise-, Spitz- oder Käppchenmorchel. Während Pilzbegeisterte in den Foren ihre Funde präsentieren, scheint sich mein Ziel so langsam aber sicher als unerreichbar zu erweisen. Jetzt ist als erschwerender Faktor (neben meiner offensichtlichen Unfähigkeit) das Wetter hinzugekommen. Schon wieder seit Wochen hat es nicht mehr geregnet, was jetzt das Morchelfinden nicht unbedingt vereinfacht. Doch ich habe mein Bestes gegeben, weshalb ich ja eigentlich ruhigen Gewissens jede Nacht zufrieden in den Schlaf gleiten könnte. Nein, in ihm tauchen nur verzerrte Morchelgesichter auf, die sich in allen erdenklichen grinsenden Fratzen über mich lustig machen.
Gut, was aber nun haben die Fotos der gewöhnlichen Küchenschelle - Pulsatilla vulgaris - mit dem Nichtfinden der Morchel zu tun? Wie gesagt habe ich in meinem Bemühen nichts unversucht gelassen, weshalb ich sogar die Strecke nach Blankenheim in der Eifel auf mich genommen habe. Man muss wissen, dass das Gebiet um Blankenheim zu der sogenannten Kalkeifel gehört, und kalkhaltige Böden bevorzugt vor allem die Speisemorchel. Nicht an desem Tag. Trotz allem habe ich nicht tränenüberströmt den Heimweg angetreten, denn natürlich hat die Eifel viele Kostbarkeiten zu bieten. Eine davon ist Pulsatilla vulgaris - die gewöhnliche Küchenschelle -, die auf kalkhaltigen Magerrasen wächst, von denen es auf dem Rundwanderweg, den ich ging, einige gab. Der Ort ihres Wachstums hat der Küchenschelle auch den Preis der Blume des Jahres 1996 eingebracht. Die von Loki Schmidt ins Leben gerufene "Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen" wollte damit auf den Lebensraum des Magerrasens aufmerksam machen, der in seinen Beständen stark gefährdet ist. Und mit ihm alle Pflanzen und Pilze, die die nährstoffarmen Böden zu ihrem Leben brauchen. Nebenbei bemerkt sind Magerrasen natürlich vom Menschen geschaffene Kulturprodukte und wenn man so will kein wirklicher "Naturraum". Der "wirkliche Naturraum" wäre in Mitteleuropa ein Eichen-Buchenmischwald und letztendlich ein recht artenleerer. Es ergibt sich die paradoxe Situation, dass der Mensch tatsächlich auch für die Artenvielfalt in Mitteleuropa mitverantwortlich ist. Magerrasen entsatnden durch die Beweidung von Naturräumen. Die Pflanzenschicht wurde auf diesen Flächen durch die weidenden Tiere kurz gehalten, und insgesamt verarmte der Boden, was für diverse Arten von Pflanzen und Pilzen das ideale Biotop darstellt. Nun, die ohne Düngerauftrag auskommende Beweidung der Magerrasen hat seinen wirtschaftlichen Nutzen verloren, weshalb viele Arten mittlerweile vom Aussterben bedroht sind. Die Küchenschelle nun ist bereits in einigen Bundesländern ausgestorben, in anderen gilt sie als (stark) gefährdet und kann nur dank der Schaffung von Naturschutzräumen überleben. Die Magerrasen in der Kalkeifel um Blankenheim stellen solche Naturschutzräume dar, weshalb ich auf meiner Wanderung unzähligen kleine Küchenschellen als lila-gelbe Farbtupfer im gelb-grünen Gras sah. Die Küchenschelle ist wirklich klein, weshalb man nahe an sie heran muss, um ihre wirklich atemberaubende Schönheit in sich aufnehmen zu können. Zu nennen sei erst ein mal die raue Außenhülle der Hochblätter, die stark behaart sind und einen wirklich abweisenden Charakter haben. (Tatsächlich haben sie auch eine Schutzfunktion, die darin besteht, die Pflanze auf den mageren Standorten vor Wasserverlust zu schützen.) Hinter (auf den Fotos über) den Kelchblätter eröffnet sich eine Pracht, die gerade in ihrem Farbkontrast höchste Kunst ist. Die sechs purpurfarbenen Kronblättern beherbergen in ihrem Kelch unzählige gelbe Staubblätter, die wiederum in ihrem Inneren die weiblichen Griffel umschließen, die - wie um der Ausgewogenheit zu huldigen - im unteren Bereich gelb, im oberen Bereich lila sind. Ja, hier war Perfektion im Spiel oder um mit Shakira zu singen: This is perfection. 
Doch wie ist nun der Titel dieses Beitrages zu erklären: Küche und Kuh? Durch ihre glockenähnliche Form erinnert sie an ein kleines Glöckchen - an eine kleine Schelle. Und danach kam erst einmal die Kuh. Wie schon erwähnt, wächst Pulsatilla vulgaris auf Magerrasen ganz klassisch zwischen weidenden Tieren, u.a. Kühen. So scheint die erste Assoziation des Menschen die Kuhschelle gewesen zu sein. Sozusagen haben sich die Glocken der Tiere im Boden vermehrt - ob nun vegetativ oder sexuell muss ein Rätsel bleiben. Weil alles so wunderhübsch war, wurde bald aus "Kuh" "Kühchen" und wackere Hausfrauen oder -Männer hörten "Küchen", weshalb Pulsatilla vulgaris mal Kuh- mal Küchenschelle genannt wird.
In allen Pflanzenteilen ist sie giftig, kann jedoch als Heilpflanze eingesetzt werden. Hippokrates setzte sie gegen hyterische Angstzustände und zur Menstruationsförderung ein. In der Volksmedizin spielt die Küchenschelle allerdings keine große Rolle, da sie neben ihrer Giftigkeit auch außerordentlich hautreizend wirkt, was an einem Stoff namens Protanemonin liegt. Wundsalben aus der Kuhschelle hätten also eher kontraproduktive Wirkungen.
Auch sollte man der Küchenschelle mit gehörigem Respekt gegenübertreten. denn im Volksglauben steht sie mit dem Teufel im Bunde. (Dies liegt an der skurrilen Form des Fruchtstandes.) Gift - Kuh - Küche - Teufel; ja, die Küchenschelle neben all ihrer Schönheit ein tiefgründiges Wesen.   

Die Süntel-Buche in Blankenheim

(02.04.2019)


Keltengrab und Hexenbuche

Die Reihe der volkstümlichen Namen der Süntel-Buche ist lang und reicht von Hexenbuche, Schlangenbaum über Krüppelbuche bis zum Teufelsholz. Bis zum Bersten aufgeladen mit magischer Bedeutung, potenziert der Baum, der auf den Fotos zu sehen ist, die Übersinnlichkeit durch den Ort, auf dem er wächst. Man erkennt, dass die Süntel-Buche auf einem kleinen Hügel steht, der ein keltisches Hünengrab darstellt. Ein magischer Baum auf einem magischen Ort. Man spürt es förmlich, wie ein kraftvolles Energiefeld vibrierend vom Hügel ausgeht und nach allen Seiten in die Landschaft ausstrahlt. Gleichsam scheint es, als ob sich ein heiliger Raum um den Baum ausgebreitet hat: Flächen von Magerrasen markieren eine Leere, die die Süntelbuche auf dem keltischen Grab um so wirkungsvoller in Szene setzt. Dies war in der 250-jährigen Geschichte dieses Baumes nicht immer so gewesen. Mehr zufällig fand man ihn zugewachsen zwischen Lärchen und Grauerlen und beschloss, seine skurril wirkende Wuchsweise in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Das magische Momentum dieses Exemplars von Fagus sylvatica var. suentelensis (so der lateinische Artname) ist ihm allerdings seit seinen Anfängen eingeschrieben, denn man geht davon aus, dass es absichtlich auf den Grabhügel gepflanzt wurde. Wer weiß, vielleicht spielten sich an diesem Ort druidische Riten ab, die zum Ziel hatten, die dämonische Geisterwesen anzurufen oder zu besänftigen. 
Botanisch gesehen ist die Süntel-Buche eine Variation der Rotbuche. Im 19. Jahrhundert war sie fast ausgerottet, was daran liegt, dass sie unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten eine zu Holz gewordene Katastrophe darstellt. Durch ihre krumme, krüppelhafte, mal links, mal rechts ausschlagende Wuchsweise konnte sie nicht einmal sinnvoll als Feuerholz dienen, da krumm und schief gewachsene Äste und Stämme sich nicht vernünftig stapeln lassen. Die Folge war eine systematische Abholzung von Fagus sylvaticus var. suentelensis, bis sie nur noch einigermaßen sicher in botanischen Gärten als Baumkuriosum überlebte. Das größte Süntel-Buchen-Vorkommen in Europa musste 1843 einer Flurbereinigung weichen. Dieses Gebiet befand sich auf dem Höhenzug der Süntel (daher der Name Süntel-Buche) in Niedersachsen. Seit einigen Jahrzehnten hat jedoch ein wiederum  wirtschaftlich motiviertes Umdenken eingesetzt. Man erkannte das ästhetische Potential des Baumes und fing an, es touristisch zu vermarkten. So ist südlich von Reims in Frankreich ein parkähnliches Areal aus mehreren hundert, der Axt entkommenen, Süntel-Buchen entstanden, durch das ein Rundweg führt, der zu einer kleinen touristischen Attraktion geworden ist. 
Diesem Umdenken verdankt nun auch die Süntel-Buche in der Nähe von Blankenheim seine prominente Stellung als Naturschutzdenkmal. Betrachten wir noch einmal die wenigen biographischen Daten seines 250-jährigen Lebens. Mit einer heiligen Aura umgeben wurde sie auf das Keltengrab gepflanzt, bevor sie aus einer positiven Kosten-Nutzen--Holz-Bilanz herausfiel. Ihr Glück war es, dicht und versteckt zwischen Lärchen und Grauerlen zu wachsen, was sie davor schützte, gefällt zu werden. Ihre Wiederentdeckung fiel in die Zeit, als der Blick auf die Natur durch touristisches Kalkül verändert war, weshalb sie als Naturdenkmal für die nächsten Jahre sicher zu sein scheint,
Was ersichtlich wird, ist, dass das Überleben von Lebensräumen und Arten eng an den Menschen gekoppelt ist, was jetzt nicht gerade als neue Erkenntnis gelten kann. Doch vielleicht schärft es den Blick für das, was nicht das Glück gehabt hat, als Naturdenkmal deklariert zu werden.
Und habt acht: Weitere Bedeutungs- und Wirkschichten im Hexenbaum auf dem Keltenhügel warten darauf, aus den Grüften des Erddunklen ans Tageslicht zu kriechen.

Erdkröten in Bad Bentheim

(23.03.2019)


Gang Bang im Kurzentrum

Das Kurzentrum in Bad Bentheim mit seinem Solebad, das den an Hautkrankheiten Leidenden Linderung verschaffen soll, macht einen etwas in die Jahre gekommenen Anschein einer gutbürgerlichen mit sich zufriedenen Welt. Niemals könnte ein Anschein verfehlter sein als hier. Es ist ein Ort des entfesselten orgiastischen Seins, das vor den Fassaden des Sittsamen rauschende Feste feiert. Der erste Blick in das, was das Kurzentrum in Bad Bentheim wirklich ist, schenkte uns bereits der blaue Kahlkopf - Psylocybe cyanescens -, den die Kranken in rituellen Festen zu sich nehmen, um in kosmische Dimensionen einzukehren. (Siehe den Eintrag unter Pilze:  hier) Das, was ich nun im März in dem Kurpark von Bad Bentheim sah, ist nichts anderes als die Ekstase des Sinnlichen, die sich hier in einem fast schon pornographisch anmutenden Gang Bang manifestiert. Purer, schmutziger, den Kosmos erreichender Sex. Doch bevor ich zu dieser Einsicht gelang, dauerte es eine gewisse Zeit, weshalb ich im Folgenden auf die Entdeckung der Gang Bang-Kröten zu sprechen komme.
Als ich gerade den Kurpark Richtung Wald verlassen wollte, hörte ich direkt neben mir quakende Geräusche, die sich aus einem fleischlichen Klumpen lösten. Ich bekam einen gehörigen Schreck, denn der Klumpen - wenn auch schwerfällig - bewegte sich etwas wackelig und versuchte vorwärts zu kommen.  Es fiel mir schwer, die ineinander verschlungenen Körper auseinanderzuhalten, doch unterschied ich langsam krötenähnliche Köpfe und Beinchen. Ich dachte schon, es mit einer monströsen radioaktiv verursachten Mutation eines Amphibiums zu tun zu haben und suchte schnell die Sicherheit des dunklen Laubwaldes, der hinter dem Kurpark beginnt. Dort traf ich bald auf das Erdkrötenpärchen auf dem oberen rechten Foto und mir schwante, dass das, was ich als Fleischkumpen wahrgenommen hatte, nichts anderes als ein Kröten-Gang Bang war, bei dem alles erlaubt zu sein schien. Nach ungefähr zwei Stunden kehrte ich zum Ort der ausschweifenden Lust zurück. Die Gruppe hatte sich vielleicht einen halben Meter vorwärts bewegt, ansonsten war alles beim alten geblieben, auch wenn eine männliche Kröte aus dem Knäuel herausgefallen war und Schwierigkeiten zu haben schien, ins Spiel der Lust wieder aufzusteigen. Während ich das Treiben beobachtete, stellte ich mir die Frage, ob das, was ich sah, ein typisches Verhalten der Erdkröte - Bufo bufo (ja, unglaublich, dies ist tatsächlich ihr lateinischer Artname) - war. Nein, es musste etwas mit dem Kurzentrum in Bad Bentheim zu tun haben. Erdkröten sind intelligente Tiere und lernen gewöhnlich durch Nachahmung. Nur einen Schluss konnte ich ziehen, der in das geheime Wesen des Ortes einführt. In schon lauen Frühlingsnächten kommen die Kranken aus ihren Zimmern heraus und suchen die körperliche Wärme eines Mitleidenden im Schutze der hohen Bäume, die im Kurpark wachsen. Aus der Suche nach Wärme wird langsam Lust, die sich schließlich in orgiastische Lusträusche verwandelt. Die Erdkröten, die aus dem im Vorjahr herabgefallenen Laub heraus das verrenkende sich Umschlingen beobachten, wollen sein, wie der Mensch. Ein Quäken und Ächzen und Stöhnen - das ist der Soundtrack des Kurzentrums Bad Bentheim.
Kurz sei noch die biologische Erklärung des Gesehenen nachgeschoben und der verehrte Leser kann selbst entscheiden, welcher Version er mehr Glaubwürdigkeit schenken wird.
Im März machen sich die Erdkrötchenweibchen auf den Weg zu ihren Laichplätzen, wobei sie ja leider auch oft genug Autostraßen überqueren müssen, was viele nicht überleben. Nun, auf den Weg zu den Laichplätzen machen sich nicht alle Weibchen, was zur Folge hat, dass unzählige Erdkrötenmännchen Schwierigkeiten haben, einen Partner für die Paarung zu finden. Klarer Männerüberschuss. Was wir auf den Fotos sehen, ist eigentlich gar kein Gang Bang, sondern der verzweifelte Versuch der Männchen, auf ein Weibchen zu springen und es nicht mehr loszulassen, bis es am Laichplatz zur tatsächlichen Paarung kommen kann. Das monogame Pärchen auf dem oberen rechten Foto hat Glück, dass es nicht bereits von weiteren Erdkrötenmännchen gesichtet worden ist. Ihr könnt sicher sein, dass sie alles tun würden, um ebenfalls aufzuspringen. Ja, es geht so weit, dass sie alles bespringen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. So springen Männchen auf andere Männchen, auf Wasserfrösche und alles, was auch nur so ungefähr wie ein Erdkrötenweibchen aussieht. Mensch Mensch Mensch, die Hormone spielen verrückt. Es kommt tatsächlich zu der absurden Situation, dass einige Weibchen unter der Last der Männer zusammenbrechen und ihre Laichplätze nicht erreichen können. Ay, ich fürchte, die Gruppe, die auf den Fotos oben zu sehen ist, hat gute Chancen, unfortgepflanzt im Kurpark von Bad Bentheim zu verenden.
Aber nein, vergesst die biologischen Erklärungen der letzten Zeilen und begebt euch mit den Kranken und den Kröten in den hemmungslosesten Gang Bang, unter dem ihr freudetrunken zusammenbrechen werdet. 

Das Scharbockskraut

(14.03.2019)

Und ne Buddle Rum

Die Assoziationskette vom Scharbockkraut - Ranunculus ficaria - zur Buddle Rum führt über die Seefahrt und die Drei Fragezeichen, genauer gesagt über die Folge "Der Superpapagei". Und schon wieder ist es mir gelungen, einen Artikel mit rätselhaften Worten einzuleiten. Der Name Scharbockkraut leitet sich von dem alten deutschen Namen Scharbock ab, der die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut bezeichnet. Und diese befiel in hohem Maße in frühen Jahrhunderten die Seefahrer, die Monate lang auf den Weiten des Meeres zubrachten und auf frisches Obst und Gemüse weitestgehend verzichten mussten. Die Folge waren Zahnausfall, Geschwüre, Erschöpfung, verunstaltende Hautkrankheiten. Noch heute kann der Versuch gestartet werden, auf Vitamin C zu verzichten. Nach ungefähr vier Monaten wird man dann in die Liedzeilen der Band Superpunk einstimmen: "Man wendet sich ab von uns, was mich nicht wundert, denn wir sehen aus wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert." Doch auch die Seefahrer des letzten Jahrhunderts (nun schon das vorletzte) wollten nicht aussehen wie Kranke ihres Zeitalters und dabei half ihnen das zarte kleine Pflänzchen des Scharbockskrautes. Es besitzt in sehr hohem Maße Vitamin C, und so gab es schon bald keine lange Seereise mehr, auf der Ranunculus ficaria nicht an Bord eingelagert wurde. Und komischerweise ist der erste Assoziation, wenn ich ein Scharbockskrautblatt oder eine Scharbockskrautblüte sehe, die eines ausgemergelten Seemanns, der am Hauptmast festgebunden ist, damit die stürmische See  ihn nicht über Bord spült und mit letzter Kraft ein Scharbockskrautblättchen kaut, damit seine noch im Fleisch festsitzenden Zähne dort auch bleiben mögen. Und die Drei Fragezeichen? Nun, auch auf die Gefahr hin, dass nun alles auf furchtbare Weise den Anstrich des Gekünzelt-Konstruierten erhält: Denke ich an die Seefahrt, denke ich zugleich an jenen Papageien der Folge "Der Superpapagei". In dieser Folge ging es darum, dass wertvolle Gemälde gestohlen worden waren. Da die Gemälde so bekannt waren, konnte der Dieb sie nicht verkaufen. Schließlich starb er, doch kurz vor seinem Tod hinterließ er einen Art Code, mit dem das Versteck der Bilder aufgefunden werden konnte. Und dieser Code war in den Worten von zahlreichen sprechenden Papageien versteckt. Einer dieser Tiere wiederholte nun ständig die Worte: Und ne Buddle Rum. Und der Name des Papageien? Er hieß Captain Cook - seitdem ist die Seefahrt für mich mit den Worten des Papageien verbunden, der Captain Cook hieß. In späteren Jahren las ich dann von der Kulturgeschichte des Scharbockkrautes, das ebenfalls mit der Seefahrt verbunden ist. Nun: Beim Anblick von Ranunculus ficaria steigen nun die Seefahrer, Captain Cook, ein Papagei, Justus Jonas, verschimmelte Zähne und eine Flasche Rum als Bilder vor meinem geistigen Auge auf und feiern wundersame Verbindungen.
Gleichzeitig ist das Scharbockskraut eine wirklich schöne Pflanze. Die Schönheit beginnt bei den teilweise herzförmig geformten Blättern, die wie wachsartig überzogen scheinen. In die Wachsschicht sind die Blattnerven förmlich eingekerbt und in geeigneten Lichtverhältnissen wirken sie wie die zerfurchten verhärmten Skorbut-Gesichter der Matrosen.
Die Hoffnung auf Heilung symbolisieren gleichsam die sonnendurchtränkten Blüten, deren Anblick ganz einfach erfreut.
Das Scharbockskraut ist mit eine der ersten Pflanzen, die im Frühling in Laubwäldern die braune abgestorbene Laubschicht des Vorjahres mit seinem Grün durchbricht. Das Foto oben links enstand bereits Ende Januar und die ersten Blüten entdeckte ich bereits Anfang März. Und natürlich kann man noch heute das Scharbockskraut nutzen, um die im Winter verloren gegangene Energie zurückzugewinnen. Allerdings sollte man das Kraut vor dem Beginn der Blüte einsammeln. Wie alle Hahnenfußgewächse enthält das Scharbockskraut den toxisch wirkenden Stoff Protoanemonin. Dieser Stoff wird in Ranunculus ficaria allerdings erst verstärkt bei Blübeginn eingelagert, so dass ein vorheriges Sammeln und Verwerten unproblematisch ist. Allerdings sollte man bei den Blättern immer eine Kostprobe machen. Sind sie zu bitter und zu scharf, deutet dies auf eine stärkere Konzentration des Protoanemonins hin.
Schmeckt es aber noch mild, so ist es tatsächlich das perfekte Kraut, die Frühjahrsmüdigkeit  auszutreiben und genießt man es dann noch mit einer Buddle Rum, tja, dann sind dem kulinarischen Schwelgen keine Grenzen mehr gesetzt.    
 

Giraffenholz

(07.03.2019)