Myko-Kitchen 

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(27.06.2020)

Die Sinnlichkeit des Mykos

Die Rubrik „Orte“ auf meiner Homepage wandelt in ungewohnten Gefilden und wagt einen Ausflug in die Virtualität des Ortsraumes. Eigentlich ganz im Sinne eines postmodernen Denkens müsste Michel Foucault, der den Ausdruck der „Heterotopie“ geprägt hat, beglückt auf die nun 

folgenden Zeilen blicken. „Heterotopien“ sind eine Form von utopischen Gegenräumen, die allerdings – im Gegensatz zu Utopien – tatsächlich im Raum verortbar sind. So wäre das Schiff für Foucault eine Heterotopie par excellence. Auf der einen Seite ist es ein ökonomisches Instrument, das Waren transportieren kann. Dann jedoch legt sich auf ihn ein zweiter Raum der Heterotopie, der als „grand réserve d’imagination“ beschrieben wird – man denke beim Schiff an den romantisch konnotierten Aufbruch ins Ungewisse, der festgefügte Grenzen ins Wanken bringt. Und dieser Raum der Imagination ist in der Lage neue Diskurszusammenhänge zu schaffen. 

Schön und gut – doch wir haben es ja bei „Myko-Kitchen“ mit einem virtuellen Raum zu tun, der jedoch ebenso verortbar ist – schließlich gibt es ja eine Ortsadresse - und tatsächlich grenzverschiebende Eigenschaften und Imagination in sich birgt. 

Die letzten beiden angesprochenen Punkte stehen für mich in einem direkten Zusammenhang mit dem Wort „Sinnlichkeit“. Ja, „Myko-Kitchen“ ist sinnlich, und bevor ich dies näher auszuführen versuche, sei erst einmal gesagt, worum es bei der Webseite geht. Tja, Überraschung, Überraschung: Es geht um Pilze und Küche. Jeweils wird ein Pilz in den Vordergrund gerückt, Informationen zu ihm geliefert, auf mögliche Heilwirkungen eingegangen und dann Rezepte vorgestellt. Neben der kulinarischen Seite werden aber auf „Myko-Kitchen“ – teilweise durch Gastbeiträge – weitere interessante Aspekte des Mykos beleuchtet, die nichts mehr mit Kulinarik zu tun haben. So z.B. wird die Bedeutung von Pilzen für Bienen behandelt, ein Einblick in die Welt der phytoparasitischen Pilze gewährt und dem Phänomen der „spalted woods“ nachgegangen, bei denen Pigmente bestimmter Pilze das Farbspektrum von Holz verändern. Und daneben ist Tanja Major – so der Name derjenigen, die das alles zu verantworten hat – ein zertifizierter Pilzcoach, was sich in einem Kursangebot auf ihrer Seite niederschlägt: Pilzkörbe gestalten, Giraffenholz schnitzen, Pilz- und Kräuterwanderungen mit anschließendem gemeinsam Kochen…wer nicht spätestens jetzt auf ihre Seite geklickt hat, ist selber schuld. 

Doch kommen wir zurück auf die Begriffe „Sinnlichkeit“, „Imagination“ und „Grenzverschiebungen“. 

Ein erstes sinnliches Moment der Seite sind die wirklich gekonnt in Szene gesetzten Pilze und Pilzgerichte. (Tanja Major ist Foodfotografin und gelernte Köchin – ihr seht, um phantasieloses Pfannengebrutzel mit Zwiebeln und Sahnesauce wird es hier nicht gehen) 

Sowohl die Pilze als auch die zubereiteten Gerichte verströmen im besten Sinne des Wortes Lust. Man erkennt schon hier, dass Pilze aus „Diskurszusammenhängen“ gerissen und in neue Räume eintreten. Als Beispiel dienen die beiden oberen Fotos, die über dem Artikel zu sehen sind. Das pilzliche Geschöpf wirkt ja schon etwas verschroben unheimlich und schon der Gedanke, es essen zu wollen, wird bei meinen Lesern nur ein entsetztes Kopfschütteln hervorrufen. Es handelt sich um den Maisbeulenbrand – Ustilago maydis – und gehört zu den Brandpilzen, die sich parasitär von bestimmten Pflanzen ernähren. In unserem Falle befällt Ustilago maydis den Mais und ist in Mexiko als Huitlacoche bekannt. Und dort wird er auch tatsächlich als Speisepilz geschätzt. „Myko-Kitchen“ greift diese Traditionslinie auf und präsentiert zwei Rezepte – einmal Huitlacoche mit Omelette, einmal mit Taco. Das Resultat der Omelette-Variante kann oben links betrachtet werden. 

Unten rechts nun ist die Stinkmorchel – Phallus impudicus - zu sehen. Um Gottes willen: der obszöne Schwanz zerschnitten und gegart – soll hier ein moralisches Zeichen gesetzt werden? Nein, nein, wie meine geneigten Leser bereits wissen, entwickelt sich Phallus impudicus aus einem Hexenei, deren Inneres von einer Gleba umgeben ist. Wenn die weisse Haut mit der Gallerte entfernt ist, offenbart sich durchaus ein schmackhafter Pilz und die Präsentation auf dem Teller lässt sicher auch den größten Zweifler das Wasser im Munde zusammenlaufen. 

Und unten links? Ja, Wetter- und Erdsterne, von denen ich auch nicht gewusst hatte, dass sie essbar sind. (Sind sie auch nur zum Teil - anscheinend wird in Asien nur ein bestimmter Wetterstern, Astraeus odoratus, gegessen. (Also, nicht den erstbesten gefundenen Erdstern in den Kochtopf wandern lassen!) In dem auf Myko-Kitchen präsentierten Rezept stammen die Wettersterne aus einer Dose aus dem Asia-Shop, denn in Asien ist der Pilz eine ausgesprochene Delikatesse. Das Rezeptresultat ist ein Glasnudelsalat mit knackenden Wettersternen – ja, Crunchyness scheint ein Wesensmerkmal dieser pussierlichen Wesen zu sein. 

Noch einmal nachgefragt. Worin besteht nun die Sinnlichkeit , und auf ihr aufbauend die Imagination und Grenzverschiebung von Myko-Kitchen? Sinnlichkeit ist im implizierenden Blick der Fotos anwesend – gewisse ästhetische Potentiale werden in die Realität geholt. Sinnlichkeit der Zubereitung, die sozusagen das Potential, das in sich schlummernde Wesen, der Pilze neu erfahren und erleben lässt. Imagination ist demnach hier ein besonderer Zugang zu Welt. Dinge neu denken, in neue Zusammenhänge und Zusammenstellungen setzen. (Hier fällt mir das Rezept des „Chaga-Veilchen-Schoki“ ein.) Und Grenzverschiebungen? Wie alles auf der Welt ist das Leben vollgesogen mit Komplexität, die unser Denken und unsere Wahrnehmung nur zu oft in eine Eindimensionalität herunterbrechen. So auch die Welt der Pilze. Diese Welt (wie alle anderen auch) ist nicht eindimensional: Sie ist aufregend und bietet Platz für alles: auch für die Imagination.

(P.S. Die Fotos dieses Beitrages stammen von Tanja Major und sind auf "myko-kitchen" veröffentlicht)

Karussell und Geier in Addis Abeba

(17.04.2020)

Verfluchte Symbolik

Die oben zu sehenden Fotos haben definitiv meinen kreativen Fluss in ein armseliges, vom völligen Versiegen bedrohtes, Rinnsal verwandelt. Schon länger als einen Monat ist es her, dass ich sie hochgeladen hatte, jedoch schreckte ich davor zurück, auch nur ein Wort in die Tastatur zu tippen. So langsam habe ich eine Ahnung davon bekommen, woran es liegen könnte: die jeglichen feinsinnigen Ästhetizismus beleidigende Offenheit der Symbolik, die einem ihre Bedeutung in die Augen schmettert. Da haben wir zum einen einen Geier auf einem Hausdach, zum anderen ein stillstehendes Karussell in einer etwas trostlos wirkenden städtischen Landschaft, in die sich jedoch eine dichte Baumreihe horizontal eingeschoben hat. Nunja, Geier, stillstehendes Karussell, was anderes als der Stillstand des Lebens und der schon eingetretene Tod könnten in diesen Fotos stecken? Und dann noch der Aufnahmeort: Addis Abeba, die Hauptstadt Äthiopiens und vielleicht die einzige Hauptstadt der Welt, in dessen Name sich ein Sehnen nach Poesie verbirgt: auf Amharisch bedeutet Adids Abeba „Neue Blume“. Diese Konnotation werden jedoch nicht viele Mitteleuropäer haben, wenn sie an die Hauptstadt in Ostafrika denken. Noch zu präsent scheinen die Bilder der Hungerkatastrophe Mitte der 80er-Jahre, und noch immer scheint sich das Land nicht von diesen Bildern, die sich in das kollektive Gedächtnis der gesamten Welt eingeschrieben haben, lösen zu können. So haben wir nun: Geier, stillstehendes Karussell in trostloser Landschaft und Addis Abeba. Ich erspare meinen Lesern die zum Klischee geronnene Symbolik hier weiter aufzuführen.

Doch interessant ist es, wie Bilder in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Assoziationen hervorrufen können. Hätten vor drei Monaten die Fotos nur eben angedeuteten Sinnzusammenhang angedeutet und wären nicht aus dem lokalen Geschehen Äthiopiens herausgekommen, so haben sich sozusagen ihre Bedeutungszusammenhänge ins Globale erweitert: Geier, Stillstand des Karussells, Corona-Virus. Eine Substantivreihung, die geradezu für die heutige Zeit geschaffen worden ist: der drohende Tod, der Stillstand des öffentlichen Lebens und trostlose städtische Landschaften, aus denen sich das Leben herausgeschlichen hat.

Gut, trotz alledem haben sich die Fotos nicht von ihrer inhärenten Symbolik befreit, was nun die folgenden Zeilen sich zu leisten vorgenommen haben.

Zuerst allerdings noch einmal kurz zur Aufnahmesituation der Fotos: Sie gehören tatsächlich zusammen. Morgens nach der ersten Nacht in einem Hotel in Addis Abeba gingen wir in das oberste Stockwerk, in dem sich der Frühstücksraum befand. Von einer kleinen Terrasse aus hatte man den Blick, der auf das Karussell hinausging. Und direkt darüber auf das Dach setzte sich der zu sehende Geier. Also haben wir es wiederum mit einem kleinen Augenblicksensemble zu tun.

Wie befreien wir nun aber das Ensemble von unserem kulturell geprägten Blick, der nur eine Lesart der Fotos zuzulassen scheint?

Eine erste Antwort gibt uns die Korona-Krise selbst. Bedeutet doch in ihr der Stillstand des (öffentlichen) Lebens gerade seinen Erhalt. In diesem Sinne hätte auch der den Tod verkündende Geier dem Karussell den Rücken gekehrt und kann seine menschlichen Opfer nicht finden.

Doch Blicke können auch durch andere kulturellen Prägungen gezeichnet sein. Im alten Ägypten scheinen Geier das mütterliche Prinzip darzustellen, mit denen die beiden Muttergöttinnen Mut und Nechbet assoziiert waren. Hier spiel wahrscheinlich die große Flügelspannweite der Vögel eine Rolle, die Schutz unter ihren Flügeln implizieren. Und so wäre der Stillstand des Karussells und die Abwesenheit von Kinderschreien in ihm nur ein vorübergehender Zustand, denn die breiten Flügel des mütterlichen Tieres werden über es wachen. (Vergessen wir lieber hier, dass sich das Tier auf den Fotos dem Karussell abgewendet hat....Sonst klappt diese Lesart einfach nicht.)

Doch am Ende schlage ich eine weitere Lesart vor, die sich allen kulturellen Prägungen, ob vergangenen oder heutigen, entledigt hat:

In Addis Abeba, der neuen Blume, hat sich auch ein völlig neues Leben entwickelt. Die Blume ist aufgegangen und verströmt einen lieblichen Duft, dem nun auch die Geier verfallen sind. Das menschliche Konstrukt des Karussells steht nicht eigentlich still, sondern wurde eigens für die Geier konstruiert. Und in den Abendstunden, nach getaner Arbeit, segeln kleine Geierfamilien in die leeren Sitze des Karussells, während ein städtischer Angestellter die Konstruktion zum Drehen bringt. Welch ein liebliches Gekrächze sich dann von diesem Ort erhebt, dem die Einwohner Addis Abebas in kindlicher Freude lauschen. (Nun, auch hier haben wir den verfluchten Tatbestand des stillstehenden Karussells und des abgewendeten Geiers nicht ganz gelöst, ganz zu Schweigen von dem Leben implizierenden Drehen des Karussells -  doch seis drum, anscheinend bin ich letztendlich doch an der Symbolik kläglich gescheitert.)


Der Blutbrustpavian

(16.02.2020)

Schon wieder Blut

Mir fällt auf, dass meine Beiträge auf dieser Homepage viel mit Blut und Tod zu tun haben, doch diesmal bin ich tatsächlich unschuldig, denn die Tiere auf den Fotos nennen sich tatsächlich Blutbrustpaviane. Sind meine Streifzüge zu großen Teilen nicht über die Bröcke, Eifel, Lank Latum und Knechtsteden herausgekommen, stell sich mein geneigter Leser nun sicherlich die Frage, ob die Klimaerwärmung jetzt auch die Fauna in Nordrhein-Westfalen durcheinandergewürfelt hat: Erste Blutbrustpaviane im Münsterland gesichtet und bis sich die ersten Krokodile im Rhein tummeln, wird es auch nicht mehr lange dauern. Doch nein, Fridays for future machen weiterhin Sinn und noch ist es vielleicht nicht zu spät, denn die Affen auf den Fotos habe ich in den Simien-Mountains im Hochland von Äthiopien getroffen. Ich war bei der Familie einer äthiopischen Freundin zu Besuch und für eine Woche machte ich mich alleine auf, um etwas vom Land zu sehen. Die Reise führte mich nach Gondar, die alte Kaiserstadt Äthiopiens. Der Simien-Nationalpark liegt in der Nähe und so fuhr ich an einem Tag mit einem vor Ort gebuchten Führer - der gleichzeitig ein entfernter Verwandter der Familie war - los, um die Bergwelt Äthiopiens etwas näher kennenzulernen. Tja, von der Bergwelt habe ich nicht viel gesehen, was jetzt nicht an meinem Führer lag, sondern dem erbärmlich schlechten Wetter geschuldet war. Es schüttete wie aus Kübeln und die Berge waren die meiste Zeit in tief hängende Regenwolken gehüllt. Auch mein Schuhwerk war alles andere als bergwelttauglich, und so rutschte und stolperte ich die kleinen Pfade entlang, was meiner guten Laune jedoch keinen Abbruch tat: Eine gewisse Magie hatte die Wanderung allemal. So wirkten die Baumsilhouetten mit ihren wehenden Bartflechten an den Ästen gespenstisch schön und aus dem Dunst vernahm man seltsame Vogelstimmen. Und plötzlich stoppte mein Führer und zeigte mit dem Finger nach vorne. Eine Art Wiese breitete sich vor uns aus und auf ihr sah man unzählige Affen - die Blutbrustpaviane, auch Dscheladas genannt. Und ja, was man auf den Fotos nicht unbedingt sieht: Es waren bestimmt um die Hundert von ihnen vor uns, die im Gras saßen und im besten Sinne des Wortes weideten, denn Dscheladas ernähren sich von Gras und Wurzeln. Mein Führer sagte mir, dass ich, wenn ich mich langsam bewegte, zu ihnen gehen könnte. Mit etwas Skepsis ging ich los und wartete darauf, dass sich ein bemähntes Männchen auf mich stürzen würde und seine vegetarische Diät in einem menschlichen Blutrausch vergäße - doch tatsächlich, ich kam ihnen ganz nah, hockte mich nieder und beobachtete sie, wie sie die Halme aus dem Boden rissen und in ihr Maul stopften. Teilweise hätte man sogar seinen Arm ausstrecken und sie berühren können. Doch so weit wollte ich mein Glück auch nicht auskosten und fingeramputiert hätte ich nun auch nicht die Gelegenheit, diesen Text in die Tastatur zu tippen. Und für einen kurzen Moment hatte auch der Himmel ein Einsehen, und es klarte für ein paar Minuten auf. (Drei der oben zu sehenden Fotos sind in dem Moment entstanden.) Um nun das rechte obere Foto zu erklären, muss ich etwas auf die Lebensweise der Blutbrustpaviane eingehen. Und schon hier sei angemerkt, dass nicht ich es war, der den Tieren einen solchen Schrecken eingejagt habe, dass sie sich schützend in einem engen Kreis zusammenkauerten. Dscheladas leben in kleinen Gruppen zusammen, die entweder aus einem Männchen, mehreren Weibchen und dem Nachwuchs oder aus reinen Männergruppen bestehen. Wenn das Nahrungsangebot gut ist, schließen sich mehrere Kleingruppen zu großen Verbänden zusammen, was bei den Blutbrustpavianen, die ich traf, der Fall war. Und nun - wie konnte es anders sein - setzte von Neuem starker Regen ein und die Dscheladas stürzten aufeinander zu und suchten in kleinen Gruppen (wohl die kleineren Kerngruppen) gegenseitig Schutz. Ein anrührendes Schauspiel, bei dem ich sogar den Gedanken an das namensgebende Blut vergaß und irgendwie ein zartes Mitfühlen in mir wahrnahm. In diesem Moment hätte auch ich mich gerne zwischen sie begeben.
Zu den Dscheladas - oder auch Theropithecus gelada auf lateinisch - sei noch erwähnt, dass die Weibchen die Kleingruppen anführen. Und auch sie treffen die Wahl ihres Männchens. Zwar kommt es auch zu Kämpfen, bei denen ein Männchen ein anderes aus einer Gruppe vertreiben will, um selbst aufgenommen zu werden - jedoch haben sie da die Rechnung ohne die Weibchen gemacht. Sie bestimmen, welches Männchen in ihre Gruppe aufgenommen wird - und dies kann durchaus das im Kampf unterlegene sein. So ähnlich, wie wenn Cameron Diaz einen arbeitslosen Straßenkehrer heiraten würde. Wie herrlich wäre doch die Welt.
Kommen wir noch einmal zum Blut zurück: Blutbrustpaviane haben einen roten haarlosen Fleck auf der Brust, der während der sexuell aktiven Zeit geradezu leuchtet - auf dem linken unteren Foto kann man es erkennen. Dscheladas sind eine endemische Affenart, die nur im Hochland Äthiopiens leben. Mensch ja, es gibt schon besondere Zusammentreffen.

Tor und Brennnessel

(27.10.2019)

Der römische Kriegsgott wacht

Sträflich ist eine doch zu nette Umschreibung für das, was sich in den letzten drei Monaten auf dieser Homepage ereignet hat: nämlich nichts. Niente, nada, gähnende Leere im Nichts. Entschuldigungen habe ich wenige zu bieten, nur die eine kleine, dass sich die Pilzsaison in vollen Zügen auf den Weiden und in den Wäldern und am Bordstein entfaltet hat, und so blieb nur noch die Zeit fürs Wesenetliche: die Pilze. Die Fotos, die über diesem Beitrag zu sehen sind, haben dennoch nicht die Spur (dem ersten Anschein nach) mit Pilzen zu tun, doch sie weilen nun schon an die 100 Tage im virtuellen Raum, ohne dass ich es geschafft habe, einen Artikel über sie zu schreiben. Was hat mich abgehalten? Nun eigentlich kann es nur das Tor oder die Brennnessel gewesen sein - oder vielleicht die Orthographie? Ein Ungetüm aus drei "n" kann schon abschreckende Wirkung entfalten. Doch kommen wir tatsächlich nun auf die Protagonisten dieses Beitrages zu sprechen: Brennnessel und Tor, das zudem noch mit in  die Jahre gekommenen Schlössern verrostet einen nicht mehr ganz so wehrhaften Eindruck hinterlässt. Ich denke, dass hierin die Grund für das Wachsen der Brennnessel zu suchen ist. Holen wir etwas aus. Tore haben ja einmal den Sinn, in einer gezogenen Grenze Ein- und Auslass zu gewähren. Das Schädliche (für wen auch immer) soll in einem Außen verharren, während nur Gutes und Wohlgesonnenes Eintritt erhält. Diese Bedeutung hat unser Tor schon lange verloren. Es scheint so, als ob schon Jahre niemand mehr es geöffnet hätte, und tatsächlich ist es Teil einer Umzäunung, die das Naturschutzgebiet des Brachter-Waldes am Niederrhein schützt. Umgangssprachlich hat es auch den Namen "Depot" erhalten, was darauf zurückzuführen ist, dass es vor Jahren einmal ein von den Briten geführtes Munitionsdepot gewesen ist, das zu den größten Europas gehörte. 1996 wurde es geschlossen und Teile wurden zwei Jahre später zum Naturschutzgebiet erklärt. Das Besondere an ihm ist, dass es zu großen Teilen aus Sandmagerrasen besteht. Diese Bodenform ist in Deutschland aufgrund von veränderter Beweidungswirtschaft stark zurückgegangen, was bedeutet, dass viele Arten (ob Pflanzen, Flechten, Pilze oder Insekten), die auf diese Bodenform angewiesen sind, sehr selten geworden und teilweise vom Aussterben bedroht sind. Nicht so im Brachter Wald. Um nur die pilzliche Besonderheit herauszustellen, sei gesagt, dass von Rötlingen über Saftlinge hin zu Wiesenkeulen und Puppemkernkeulen sich so viel Besonderes in diesem Raum tummelt, dass es einem schier den Atem nimmt.

Grenze ist in diesem Fall also durchaus positiv konnotiert. Sie hilft dem schützenswerten Raum sich vor fremdem bedrohlichem Einflüssen zu schützen. Demnach soll das Tor auf den Fotos auch gar nicht mehr geöffnet werden, sondern trutzig der Artenvielfalt dienen. Trutzig? Nein, wahrhaftig – so kann man unser Tor beim besten Willen nicht bezeichnen. Jedoch hat sich ein pflanzlicher Schutzgeist seiner angenommen, der kriegerrisch sein Leben dem Planeten Mars geweiht hat. Hä, wat? Ja, die Brennnessel gilt in ihrem aufrechten mit Brennhaaren ausstaffiertem Sein dem Planeten Mars zugeordnet. (Ja, das gibt es. Pflanzen werden in einer eher spirituellen Ebene den Planeten assoziert – so gilt der Apfelbaum zum Beispiel als Venuspflanze)

Doch ein venustrunkener Apfelbaum als Schutz eines Naturschutzgebietes? Nein, definitiv, das passt nicht. So nun wächst die Brennnessel am Tor und zeigt es jedem an, nicht mit unlauteren Absichten in diesen Raum einzutreten – sonst, ja sonst bohren sich die Brennhaare in das Bedrohliche hinein und lassen es anschwellen, bis es eitrig in die Ebenen des Niederrheins hinein zerplatzt.

Angemerkt sei nun zum Schluss, dass der Geist der Brennnessel auch für das eigene Wohlbefinden ungeahnte Kräfte bereithält. Für mich ist sie zu meinen absoluten Lieblingsheilpflanzen geworden, und nach Abschluss dieser Zeilen werde ich mir einen Tee aus seinen Blättern zubereiten und an Eiter und Niederrhein denken

      

Wide Karde und Schaumzikade

(03.07.2019)

Suicidal Tendencies

Die Wilde Karde - Dipsacus fullonum - ist ein Geschöpf, dem man sich mit einer gehörigen Portion Respekt nähern sollte. Erst einmal sei ihre Größe genannt, die gut und gerne anderthalb Meter erreichen kann. Dann der Blütenkolben mit seinen spitzen Spreublättern, zwischen denen die violetten Blüten, in Reihen angeordnet, hervorschauen. Die Hüllblätter umgeben bogig in die Höhe wachsend und mit kleinen Dornen besetzt den Blütenstand und schaffen eine Art von magischem Schutzraum, den nur Menschen mit ausgesprochenen nihilistischen Tendenzen zu durchbrechen wagen. Ja, die wilde Karde ist ein wehrhaftes magisch durchwirktes Geschöpf, das mit Schwingungen in Verbindung steht, die wir nur erahnen können. Und ihr magisches Potential schließt auch Opfertiere ein, die als ätherische Wesen in ihren Pflanzenleib eingehen. Nein, von der Schaumzikade auf dem oberen linken Foto ist noch nicht die Rede, sondern von etwas, das auf den Bildern leider nicht zu sehen ist. Die Wilde Karde bildet nämlich am Stängel sogenannte Zisternenblätter auf. Diese stehen parallel zueinander und haben an ihren Seiten Häutchen entwickelt, die am Stiel hermetisch dicht anschließen und tiefe Mulden bilden - man könnte sie tatsächlich Zisternen nennen. Wenn es nun regnet, sammelt sich in ihnen das Wasser, was die Frage - die die Biologie so gerne stellt - nach der Funktion dieses Bauwerkes aufwirft. Zum einen könnten die Zisternen natürlich als Wasserreservoir dienen, zum anderen stellen sie einen Schutz vor heraufkriechenden - möglicherweise gefährlichen - Insekten dar. Jede Ameise zumindest würde bei einer versuchten Kardenbesteigung unweigerlich ersaufen. Es gibt allerdings auch eine Nahrungsfunktion, die uns zu dem Opferkultstatus der Zisternen hinführt. So enden tatsächlich kleine Insekten ihr Leben in den Wassermassen, und man geht davon aus, dass ihre organischen Stoffe von der Wilden Karde für das eigene Leben genutzt werden. So sind es auch tierische Eiweiße, die durch ihre Leitungsbahnen rinnen, und allmählich versteht man, warum man seine Finger nicht in das Zisternenwasser tauchen sollte. 
Doch kommen wir endlich auf die Schaumzikade auf dem Foto oben links zu sprechen. Auch mit Hilfe eines Insektenforums war es mir nicht möglich, die genaue Art herauszufinden, obwohl ich einen starken Verdacht habe, dass es sich um Aphrophora salicina - die braune Weiden-Schaumzikade - handelt. Im Forum gab man mir allerdings den Tipp, es besser bei Aphrophora spec. zu belassen: Zikadenbestimmung sei ein Minenfeld, wie ein Forist meinte. Und auch wenn es nun nur eine potentielle Aphrophora salicina ist: Schaumzikaden sind wundervolle Tiere. Bestimmt sind meinen verehrten Lesern bei einem Gang durch die Natur schaumartige Gebilde an Pflanzen, Bäumen und Sträuchern aufgefallen. Früher dachte man, es sei Kuckucksspeichel. Doch wir wissen es besser: Es ist das Werk der Larven der Schaumzikaden. Sie pumpen kleine Luftbläschen durch ihre Atmungsröhren in eine Flüssigkeit, die eiweißhaltig ist. Aus dem After wird sie daraufhin ausgeschieden und es entwickelt sich der Schaum, der zum einen eine hohe Luftfeuchtigkeit besitzt, die die Larven für ihre Entwicklung braucht, zum anderen schützt er auch. 
Nun, die Larven der braunen Weiden-Zikade würde ihre Heranwachsen an Weiden vollziehen, deren Säfte ihnen als Nahrung dienen.
Gut, eigentlich hätte ich mir das ebene Geschriebene sparen können, geht es doch um das ausgewachsene Tier auf der Wilden Karde. Und ja, was ist passiert? Rundherum von spitzen Stacheln umgeben sitzt Aphrophora spec. am Stiel und macht - ja, was eigentlich? Ruht sie sich aus? Saugt sie die Pflanzensäfte von Dipsacus fullonum? Nein, wir haben es hier ganz klar mit einer suizidal veranlagten Schaumzikade zu tun. Rhythmisch singend-zirpend gewahr es die mit Fluch und Tod drohenden Stacheln und flog - ein letztes Lebewohl aus ihrem Leib trommelnd - mitten hinein. Wie betäunt sitzt sie nun auf der Wilden Karde und fasst es nicht, wie sie es geschafft hat, die Todesdolche zu verfehlen. Doch sie scheint ihr Vorhaben noch nicht aufgegeben zu haben. Erinnern wir uns an die Zisternenbecken, die unter ihr mit organischer Auflösung locken. Ja, den Moment, als unsere Schaumzikade in das Wasser fiel, habe ich nicht mehr abgewartet, doch gehe ich davon aus, dass sie mittlerweile durch die Leitungsbahnen der Wilden Karde fließt. Ja, it's a kind of magic.  

Der Trauer-Rosenkäfer

(18.06.2019)

Kamillentee und postglaziale Steppenzeit

Während ich mich nun daran mache, einen Beitrag über den Trauer-Rosenkäfer - Oxythyrea funesta - zu schreiben, schlürfe ich genüsslich eine Tasse Kamillentee. Ja, das Alter, die Gebrechen. Doch nicht irgendeinen Kamillentee. Nein! Es sind Blüten des Kamillentees, die ich an dem Ort gesammelt habe, an dem auch das Foto mit unserem Rosenkäfer entstanden ist. Die Stelle liegt mal wieder am Hotspot der Funga, Flora und Fauna Nordrhein-Westfalens: Lank Latum. Zeichnet die Gegend, die ich dort aufsuche, Bruchwaldcharakter aus, so gibt es doch auch in der Nähe bewirtschaftete Felder und brache Flecken, sogenannte Ruderalstandorte. An solch einem Ruderalstandort blühte nun (bereits im Mai) in solchen Mengen die echte Kamille, dass ich mein Glück kaum fassen wollte. Nicht, dass die Kamille sehr selten wäre: Sie wächst überaus häufig, doch meist an Feldrändern, so dass ich bisher auf das Sammeln von ihr verzichtet habe. Man weiß ja nie, was unsere lieben Bauern so auf ihren Feldern versprühen und vergießen. Nun war alles perfekt: Die nächsten Felder lagen gut 150 Meter entfernt und auch die nächste befahrene Autostraße hielt gebührlich den angemessenen Abstand. So m,achte ich mich mit dem dazugehörenden Enthusiasmus daran, die schönsten Blüten abzuernten, als ich den Rosenkäfer so entdeckte, wie er sich auf den Fotos präsentiert. Er bewegte sich nicht, und es muss davon ausgegangen werden, dass er sich hemmungslos dem Pollenkamillenrausch hingab. Und schon haben wir ein Element seiner Lebensweise benannt: Die erwachsenen Tiere - sogenannte Imagos - ernähren sich von dem Pollen der Familien der Korbblüter und Doldenblüter. Und jetzt schlürfe ich einen Kamillentee aus Lank Latum, der genetische Spuren von Oxythyrea funesta enthält. Heidnisch-schamanistisches Denken breitet sich in meinem Körper aus und ich meine zu verspüren, wie Eigenschaften des Trauer-Rosenkäfers in mich übergehen. Doch welche Eigenschaften können das sein? Wieder kann es nur das gesamtheitliche Denken sein, das Gegensätze in sich vereint und nebeneinander bestehen lässt. Yeah, Dialektik sucks. Trauer und Rosen scheint ja erst einmal ein Oxymoron par excellence zu sein. Trauer und die Fülle des Lebens, die die Rose symbolisiert. Doch steckt in der Rose ja auch ihr Gegenteil - der Schmerz in Form der Dornen, so dass in der Fülle des Lebens immer auch die Verse Rilkes mitschwingen: "Der Tod ist groß/Wir sind die Seinen/lachenden Munds/Wenn wir uns mitten im Leben meinen/wagt er zu weinen/Mitten in uns.
Der Name "Rosenkäfer" bezieht sich wohl zum einen auf die Pollenernährungsweise der Käfer und zum anderen auf ihren viele Arten auszeichnenden Glanz, den man mit Rosen assoziiert hat. (So jedenfalls meine Theorie) Und Trauer verweist wohl auf die dunkle Grundfarbe des Käfers.
Gut, und hier trinke ich die Essenz des Trauer-Rosenkäfers in mich hinein. Wow.
 Jetzt aber zum zweiten Teil des Titels: postglaziale Steppenzeit. Und es wird noch besser: Der Trauer-Rosenkäfer ist ein Indikator für den Klimawandel. Sic! Nun aber der Reihe nach: Ursprünglich beheimatet ist Oxythyrea funesta vom Mittelmeerraum bis nach Kleinasien und nach Mitteleuropa kam er über Rhein, Main und Donau in der postglazialen Steppenzeit. Somit gilt er als Relikt dieser erdgeschichtlichen Epoche. Im 19. Jahrhundert war der Trauer-Rosenkäfer in Mitteleuropa weit verbreitet, doch kam es im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem dramatischen Einbruch seines Artbestandes, weshalb er in Deutschland den zweifelhaften Ruhm erlangte, auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten der Stufe 2 (stark gefährdet) zu gelangen. Doch dies wird in Zukunft wahrscheinlich revidiert werden müssen. Oxythyrea funesta ist ein klarer Gewinner des Klimawandels. Als wärmeliebende Art und in Folge der milden Winter in Deutschland gekingt es ihm gerade wieder, sich auszubreiten. Waren Anfang der 2010er-Jahre Funde im Rheinland noch sensationelle Meldungen, so scheint er im Jahre 2019 wieder häufig (auch nördlich vom Rheinland) angetroffen zu werden.
Es kann davon ausgegangen werden, dass er bald sein Trauer-Outfit (wenn seine Trauer denn in der Nicht-Existenz begründet lag) aufgeben wird und sich mit den Kamillenblüten wohlig gelb-golden im Sonnenlicht vom lauen Wind schaukeln lässt. 

Der Fruchtstand der Küchenschelle in Blankenheim

(29.05.2019)


Der Teufelsbart

Die spinnenbeingleich anmutenden Fäden renken und krümmen sich von dem grünen Fruchtstand in nur allen erdenklichen Richtungen weg und stellen die einzelnen zottig wilden Haare des Bartes des Teufels dar. Doch sinnieren wir für einen Augenblick uns in die Metamorphose der Pflanzen hinein. Ganz gegen meine Gewohnheit habe ich nun zum zweiten Mal denselben Vertreter einer Pflanzenart zum Zentrum eines Beitrages gemacht. Bewegt man sich auf dieser Seite etwas nach unten, werden einen die Blüten der Küchenschelle entgegenleuchten, und es fällt schon schwer, zu glauben, dass wir es hier mit ein und derselben Pflanze zu tun haben. Der Fruchtstand von Pulsatilla vulgaris - so der lateinische Artname - hat die Küchenschelle in ein anderes Wesen metamorphosiert - wenn man so sagen darf. Die Anmut der purpurfarbenen Blütenhülle hat sich in ein krummbeiniges Streben und Fliehen und Wehen verwandelt, das in volkstümlicher Tradition eben als Teufelbart gedeutet wurde. (Ja, der Titel dieses Beitrages ist somit nicht auf meinem Mist gewachsen.) Wenn man so will, stehen wir betroffen der pflanzlichen Inkarnation von Dr. Jekyll und Mr. Hyde gegenüber. Und die Liste der Schandtaten des Mr. Hyde sind lang. Mit dem Teufel im Bunde markiert die Stelle des Fruchtstandes der Kuhschelle (ja, auch diesen Namen trägt sie) den Ort, an dem ein Jäger eine Hexe vom Himmel schoss. Das Grausen packte mich, als ich auf einer Magerwiese in der Eifel die zahllosen verrenkten Fäden von Pulsatilla vulgaris gewahrte. Wieviele Hexen flogen wohl durch die Eifeler Abenddämmerungen und wurden Opfer der Jageslust? Andere Quellen schreiben dem Fruchtstand der Kuhschelle die Kraft zu, kleine Gänschen in ihren Eiern ersticken zu lassen. (Warum es gerade Gänse sind und nicht Hühner konnte ich beim besten Willen nicht eruieren.)
Doch in einem Wesen ist alles eingewoben und aufgehoben: das Böse wie das Gute. Hat Pulsatilla vulgäres Teufelskraft, so hat es - symbolisiert durch seine Blüten - Engelspotential. Unter anderem gab es den Brauch, im Frühling die Blüten der Kuhschelle in ein rotes Tuch einzuwickeln und mit sich zu tragen., Dies konnte vor Krankheiten und Unheil schützen. In bestimmten Regionen wird sie auch blaue Osterblume genannt und zeigt ihre Verbindung zu dem Aufstehen, zum Erheben des Lebens an. Jedoch ist dies die Blütenseite der Pflanze. Der Fruchtstand hat teuflische Kraft.
Botanisch gesehen, ist alles furchtbar prosaisch zu erklären. Die verkrümmten Barthaare sind sogenannte Federschweife, an deren Enden am grünen Fruchtstand ein Samen in Form eines Nüsschen hängt. Das Gesamtkonstrukt der Frucht wird Federschweifflieger genannt und verweist auf die Verbreitungsstrategie der Pflanze: der Wind reißt die Nüsschen los und hilft ihnen auf dem Weg, neue Magerwiesen zu besiedeln. Doch selbst, falls die Windausbreitung nicht klappen sollte, hat Pulsatilla vulgaris noch einen Plan B, der wiederum mit dem Teuflischen zusammengedacht werden muss. Die Nüsschen können sich allein fortbewegen. Keine Angst, so skurril, dass sich kleine Beinchen aus den Federschweifen entwickelten, wird es nun leider nicht. Fällt ein Federschweif - von dem Wind schmählich verschmäht - plump neben seine Mutter, gibt es immer noch Hoffnung der Abnabelung. Und ich warne: es wird physikalisch! Ist der Federschweif bei trockenem Wetter in einem mehr oder weniger abgeknickten rechten Winkel, so streckt er sich wieder bei Regen. Gleichzeitig vollführen - choreographisch durchdacht - die Nüsschen mehrere Drehungen um die eigene Achse. (Schnallt euch vorher an, wenn ihr dieses Schauspiel mit eigenen Augen betrachten wollt. Der Sog der Geschwindigkeit kann nur teuflisch genannt werden.) Dies alles verhilft dem Nüsschen dazu, bis an die 20 cm zurückzulegen, bevor es sich in den Erdboden bohrt und den Dingen, die da kommen wollen, harrt.
Meine Güte, ich glaube, ich werde einen eigenen Blog für Pulsatilla vulgaris eröffnen - denn glaubt mit: So viel Teufelskraft ist unerschöpflich. 

Das Mordkreuz von Tilbeck

(13.05.2019)


Pilgern und Todschlag

Ganz christlich in mich gekehrt, habe ich mich auf große Pilgerschaft von Münster nach Nottuln begeben. Tatsächlich ist ein Weg zwischen diesen beiden Städten mit der Jakobsmuschel markiert und zeigt den nach Erlösung und inneren Reinigung Strebenden den Weg nach Santiago de Compostela. So weit wollte ich die Einkehr jedoch nicht betreiben, sondern beließ es bei dem Ziel Nottuln. Gut, mystische Schauer werden bei der Nennung dieses Ortes sicherlich nicht ausgelöst, jedoch ist der Weg sehr schön und einfach zu gehen, denn die einzigen leichten Anstiege führen am Fuße der Baumberge vorbei. Der Ausdruck "Berge" ist für sie etwas hochgegriffen, aber wenn man die flache münsterländische Parklandschaft als Kontrast ihnen gegenüberstellt, nehmen sie schon die Dimensionen gewaltiger Bergriesen ein. Genau dort - am Fuße der Baumberge - befindet sich nun auch das Mordkreuz von Tilbeck, das auf den Fotos zu sehen ist. Ist nun Nottuln als Ort nicht in der Lage, oben genannte mystische Schauer hervorzurufen, dann ist es das Mordkreuz allemal. Die Inschrift des Kreuzes lautet: INRI ANNO 1164 ALDA BI DIG CRe.IST RebOHRe T. DAS.AL=HieelNeMeIRSCHe, Tilbick VeRMORDE T IST. Anscheinend in einem niederdeutschen Dialekt wird davon berichtet, dass 1164 die Meirsche von Tilbeck vermordet worden ist. Die wahllos groß und klein geschriebenen Buchstaben und von den Worten gelösten Lettern bilden den ersten Teil einer kleinen Verwunderung. Warum um Himmels Willen ist das "T" von "vermordet" abgetrennt worden? Spielt diese Verstümmelung auf die eigentliche Verstümmelung der Meierschen von Tilbick an? Dann hätte die Inschrift allemal kreatives Potenzial. Doch ich fürchte, dass es eher der Oberfläche des Sandsteinkreuzes oder dem dilletantischen Inschriftenschreiber geschuldet war, dass das "T" einsam und getrennt vom "vermorde" seine Existenz fristen muss. Ebenso erstaunlich - wenn wir nur bei diesem Wort bleiben wollen - ist es, dass zwischen den Großbuchstaben ein einziges schüchternes "e" klein geschrieben wurde. Ist es ein kurzes Einknicken vor der Äußerung der schlimmen Tat. "Vermordung" - Schauer der Angst können einen Buchstaben schon in die Knie zwingen.
Doch wenden wir uns endlich der Meierschen von Tilbeck (so heutige Name) zu. Um sie und ihre Vermordung hat sich eine Sage entwickelt, die im Grunde so trivial ist, dass man sich wundert, dass sie es geschafft hat, mit einem Kreuz gewürdigt zu werden. (Aber Gott - im Münsterland gibt es auch Kreuze für Menschen, die von einem Pferd überrannt worden sind - warum nicht also auch ein Mordkreuz? ) Eine Bauersfrau aus Tilbeck kehrte eines Abends in einem Gasthof ein und ließ es sich schmecken und munden. Als sie die Zeche bezahen wollte, kramte sie einen Beutel hervor, der laut metallisch klimperte, so dass zwei Landsknechte, die in der Nähe saßen, aufmerksam wurden und in dem Beutel eine Menge Münzen vermuteten. Die Bauerfrau machte sich auf den Heimweg, auf dem die zwei Landsknechte sie überfielen und erschlugen. In dem Beutel fanden sie jedoch nur Nägel, die das metallene Geräusch verursacht hatten. Mensch ja - dumm gelaufen, denn die beiden Landsknechte wurden gefasst und in Schapdetten erhängt. In einigen Quellen wird auch berichtet, dass die Meiersche besonders lange in ihrem Beutel wühlte, bis sie wohl eine Münze zwischen den Nägeln fand, um den Gastwirt zu bezahlen. Fast ist man ja versucht, auszurufen: Selber Schuld, aber das wäre wahrscheinlich nicht politisch korrekt. 
Das Kreuz markiert nun die Stelle, an der das Verbrechen sich ereignete, und meine verehrten Leser werden mir beipflichten, wenn ich noch einmal die Trivialität des Ganzen hervorhebe. Jedoch passieren wunderliche Dinge mit Bewertungen, wenn sie in die Tiefe der Zeit verschoben werden: 1164 geschah die Vermordung, vor fast 900 Jahren. Etwas Ehrfurcht vor dem Leben ergreift einen bei dieser Zahl, und der Ort schafft eine Kontinuität über das Verwesen und Vergehen hinweg, und für einen kurzen Mpment gehen wir hinein in die Szene, in der zwei Landsknechte eine Meiersche erschlugen. Ich glaube, nicht die Tat an sich, sondern die Übereinanderschichtung verschiedener historischer Zeiten und Erzählungen machen das Erhabene dieses Ortes aus. Jeden Ortes, was man auch auf einer Pilgerwanderung des Öfteren spüren und erleben und erschauern kann. 
Eine weitere Geschichte deutet sich durch die russische Ikone an, die jemand auf dem Sockel des Kreuzes platziert hat. Ist Rasputins Bruder nicht nur in Whitechapel umgegangen, um Prostituierte zu ermorden und die Unfähigkeit des FBI vorzuführen? (Siehe Artikel The Fall - Fantastic life unter der Rubrik "Literatur") Ist er etwa auch in der Nähe Nottulns aufgetaucht, um Meiersche zu erschlagen? Ich denke, ein Zeichen geht von der Ikone aus, das gedeutet werden will.    

Das Landkärtchen

(03.05.2019)


Saisondimorhismus

Landkärtchen und Saisondimorphismus sind zwei Worte, die fast schon abstrakt im virtuellen Raum nebeneinander Platz gefunden haben. So wenden wir uns erst einmal der Erklärung der Begriffe zu. Landkärtchen bezeichnet den Schmetterling, der auf den Fotos zu sehen ist. Auf seinen lateinischen Artnamen - Araschnia levana - werden wir noch gesondert zu sprechen kommen, birgt er doch ein poetisches Potential. Aber auch der deutsche Name scheint an abstrakte Möglichkeitsaufbrüche zu gemahnen, wenn man sich in die Weiten seines Wegenetzes mit der Phantasie begibt. Wegenetz? Das rechte obere Foto zeigt, was gemeint ist. Auf den Flügelunterseiten des Landkärtchens ist neben den verschiedenen Farbparzellen ein weißes verdicktes Wegnetz eingezeichnet, das dem Schmetterling seinen Namen einbrachte. Es sind die Flügeladern, die bei ihm mit weißen Schuppen besetzt sind und die Assoziation an eine Landkarte heraufbeschwor. Wer weiß, in welche Welten man gelangt, wenn man seine Wanderschuhe schnürt und sich auf die Reise den Flügeladern entlang begibt. Sicherlich in ein taumelndes Frühlingserwachen jenseits der gedeuteten Welt in den Weltinnenraum hinein. (Diese Anspielungen auf Rilke konnte ich mir nun nicht verkneifen - die Flügeladern des Landkärtchens werden es mir verzeihen.) Das Zweipaar "taumelndes Frühlingserwachen" ist nun auch nicht wahllos in die Tastatur gehämmert, womit wir an der Stelle sind, uns dem lateinischen Artnamen etwas näher zuzuwenden: Araschnia levana. Das Artepitheton leitet sich von dem lateinischen Verb "levare" ab, das so viel wie "aufheben", "erheben" bedeutet. Es bezieht sich auf die Erhebung des Lichtes, des Frühlings, die Erhebung des neuen Lebens. Und tatsächlich ist das Landkärtchen ein flatterndes buntes Zeichen einer neu erwachten Freude am Sein. (Puh, jetzt wird es doch etwas zu pathetisch) Kommen wir lieber zu dem skurrilen Ausdruck des Saisondimorphismus, der es schon jetzt geschafft hat, für mich in die Top Ten der biologischen Lieblingsbegriffe aufzusteigen. Doch was beinhaltet er? Übersetzt man ihn, käme man zu dem Wort "Saisonzweikörperlichkeit", was schon einen gewissen Sexappeal ausströmt, der an dieser Stelle aber nicht weiter vertieft werden soll. Was wir auf den Fotos sehen, ist die Frühglingsform von Araschnia levana. Ja, haltet euch fest: Es gibt auch eine Sommerform des Schmetterlings, die in ihrem Aussehen recht unterschiedlich ist. So ist man auch lange Zeit davon ausgegangen, dass Frühlings- und Sommerform zwei verschiedene Schmetterlingsarten sein müssten. Erst 1829 fand Christian Friedrich Freyer in Zuchtversuchen heraus, dass Frühlings- und Sommerform ein und dieselbe Art sind. Doch warum um Himmels Willen unterscheiden sich die Landkärtchen des Mais von denen des Julis? Einen transzendentalen Grund kann ich nicht nennen, jedoch eine wissenschaftliche Erklärung nachliefern. So hat man herausgefunden, dass bei der Entwicklung der Raupen die Tageslänge eine entscheidende Rolle spielt. Ist die Tageslänge noch kürzer, entwickelt sich die Frühlingsform des Landkärtchens. Nimmt die Tageslänge zu, metamorphosieren sich die Raupen zu der Sommerform. Verantwortlich dafür ist ein Hormon aus der Gruppe der Ecdysteroide. Bei zunehmender Tageslänge wird ein Gen, das für die Produktion dieses Hormons verantwortlich ist, aktiviert. Das Hormon wird ausgeschüttet und hasta la Vista Frühlingsform. Ich kann nur den Hut vor dem Hormon der Ecdysteroid-Gruppe ziehen - das ist pure Magie. Man stelle sich vor, Saisondimorphismus existiere unter uns Menschen. Je nach Tageslänge und der Menge eines ausgeschütteten Hormons entwickeln sich schwarze, braune, weiße, gelbe, rote, rosa, violette, blaue Babys. Rassistische Ausgrenzungen, die sich auf die Hautfarbe des Menschen stützen, wären zumindest passé; es sei denn, man fände Gründe, die blauen Januarbabys ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. 
Das Landkärtchen ist recht häufig und oft findet man es an Waldrändern, die blühende Pflanzen aufweisen und Brennnesseln in der Nähe haben. Brennnesseln sind nötig, da an ihnen die Weibchen ihre Eier ablegen, und auch die Raupen ernähren sich von der Pflanze. Womit ich wieder bei einem meiner Lieblingsbegriffe angekommen bin: das Gefüge. Alles - Natur - Gesellschaft - Tier - Mensch - Pflanze - Pilz - kann nur in einem Geflecht dieses Begriffes gedacht werden. 
   

Die gewöhnliche Küchenschelle in Blankenheim

(15.04.2019)


Küche und Kuh

Im Pilzblog hatte ich es schon angedeutet, dass mein großes mykologisches Ziel für dieses Jahr das Finden einer Morchel ist - sei es nun Speise-, Spitz- oder Käppchenmorchel. Während Pilzbegeisterte in den Foren ihre Funde präsentieren, scheint sich mein Ziel so langsam aber sicher als unerreichbar zu erweisen. Jetzt ist als erschwerender Faktor (neben meiner offensichtlichen Unfähigkeit) das Wetter hinzugekommen. Schon wieder seit Wochen hat es nicht mehr geregnet, was jetzt das Morchelfinden nicht unbedingt vereinfacht. Doch ich habe mein Bestes gegeben, weshalb ich ja eigentlich ruhigen Gewissens jede Nacht zufrieden in den Schlaf gleiten könnte. Nein, in ihm tauchen nur verzerrte Morchelgesichter auf, die sich in allen erdenklichen grinsenden Fratzen über mich lustig machen.
Gut, was aber nun haben die Fotos der gewöhnlichen Küchenschelle - Pulsatilla vulgaris - mit dem Nichtfinden der Morchel zu tun? Wie gesagt habe ich in meinem Bemühen nichts unversucht gelassen, weshalb ich sogar die Strecke nach Blankenheim in der Eifel auf mich genommen habe. Man muss wissen, dass das Gebiet um Blankenheim zu der sogenannten Kalkeifel gehört, und kalkhaltige Böden bevorzugt vor allem die Speisemorchel. Nicht an desem Tag. Trotz allem habe ich nicht tränenüberströmt den Heimweg angetreten, denn natürlich hat die Eifel viele Kostbarkeiten zu bieten. Eine davon ist Pulsatilla vulgaris - die gewöhnliche Küchenschelle -, die auf kalkhaltigen Magerrasen wächst, von denen es auf dem Rundwanderweg, den ich ging, einige gab. Der Ort ihres Wachstums hat der Küchenschelle auch den Preis der Blume des Jahres 1996 eingebracht. Die von Loki Schmidt ins Leben gerufene "Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen" wollte damit auf den Lebensraum des Magerrasens aufmerksam machen, der in seinen Beständen stark gefährdet ist. Und mit ihm alle Pflanzen und Pilze, die die nährstoffarmen Böden zu ihrem Leben brauchen. Nebenbei bemerkt sind Magerrasen natürlich vom Menschen geschaffene Kulturprodukte und wenn man so will kein wirklicher "Naturraum". Der "wirkliche Naturraum" wäre in Mitteleuropa ein Eichen-Buchenmischwald und letztendlich ein recht artenleerer. Es ergibt sich die paradoxe Situation, dass der Mensch tatsächlich auch für die Artenvielfalt in Mitteleuropa mitverantwortlich ist. Magerrasen entsatnden durch die Beweidung von Naturräumen. Die Pflanzenschicht wurde auf diesen Flächen durch die weidenden Tiere kurz gehalten, und insgesamt verarmte der Boden, was für diverse Arten von Pflanzen und Pilzen das ideale Biotop darstellt. Nun, die ohne Düngerauftrag auskommende Beweidung der Magerrasen hat seinen wirtschaftlichen Nutzen verloren, weshalb viele Arten mittlerweile vom Aussterben bedroht sind. Die Küchenschelle nun ist bereits in einigen Bundesländern ausgestorben, in anderen gilt sie als (stark) gefährdet und kann nur dank der Schaffung von Naturschutzräumen überleben. Die Magerrasen in der Kalkeifel um Blankenheim stellen solche Naturschutzräume dar, weshalb ich auf meiner Wanderung unzähligen kleine Küchenschellen als lila-gelbe Farbtupfer im gelb-grünen Gras sah. Die Küchenschelle ist wirklich klein, weshalb man nahe an sie heran muss, um ihre wirklich atemberaubende Schönheit in sich aufnehmen zu können. Zu nennen sei erst ein mal die raue Außenhülle der Hochblätter, die stark behaart sind und einen wirklich abweisenden Charakter haben. (Tatsächlich haben sie auch eine Schutzfunktion, die darin besteht, die Pflanze auf den mageren Standorten vor Wasserverlust zu schützen.) Hinter (auf den Fotos über) den Kelchblätter eröffnet sich eine Pracht, die gerade in ihrem Farbkontrast höchste Kunst ist. Die sechs purpurfarbenen Kronblättern beherbergen in ihrem Kelch unzählige gelbe Staubblätter, die wiederum in ihrem Inneren die weiblichen Griffel umschließen, die - wie um der Ausgewogenheit zu huldigen - im unteren Bereich gelb, im oberen Bereich lila sind. Ja, hier war Perfektion im Spiel oder um mit Shakira zu singen: This is perfection. 
Doch wie ist nun der Titel dieses Beitrages zu erklären: Küche und Kuh? Durch ihre glockenähnliche Form erinnert sie an ein kleines Glöckchen - an eine kleine Schelle. Und danach kam erst einmal die Kuh. Wie schon erwähnt, wächst Pulsatilla vulgaris auf Magerrasen ganz klassisch zwischen weidenden Tieren, u.a. Kühen. So scheint die erste Assoziation des Menschen die Kuhschelle gewesen zu sein. Sozusagen haben sich die Glocken der Tiere im Boden vermehrt - ob nun vegetativ oder sexuell muss ein Rätsel bleiben. Weil alles so wunderhübsch war, wurde bald aus "Kuh" "Kühchen" und wackere Hausfrauen oder -Männer hörten "Küchen", weshalb Pulsatilla vulgaris mal Kuh- mal Küchenschelle genannt wird.
In allen Pflanzenteilen ist sie giftig, kann jedoch als Heilpflanze eingesetzt werden. Hippokrates setzte sie gegen hyterische Angstzustände und zur Menstruationsförderung ein. In der Volksmedizin spielt die Küchenschelle allerdings keine große Rolle, da sie neben ihrer Giftigkeit auch außerordentlich hautreizend wirkt, was an einem Stoff namens Protanemonin liegt. Wundsalben aus der Kuhschelle hätten also eher kontraproduktive Wirkungen.
Auch sollte man der Küchenschelle mit gehörigem Respekt gegenübertreten. denn im Volksglauben steht sie mit dem Teufel im Bunde. (Dies liegt an der skurrilen Form des Fruchtstandes.) Gift - Kuh - Küche - Teufel; ja, die Küchenschelle neben all ihrer Schönheit ein tiefgründiges Wesen.   

Die Süntel-Buche in Blankenheim

(02.04.2019)


Keltengrab und Hexenbuche

Die Reihe der volkstümlichen Namen der Süntel-Buche ist lang und reicht von Hexenbuche, Schlangenbaum über Krüppelbuche bis zum Teufelsholz. Bis zum Bersten aufgeladen mit magischer Bedeutung, potenziert der Baum, der auf den Fotos zu sehen ist, die Übersinnlichkeit durch den Ort, auf dem er wächst. Man erkennt, dass die Süntel-Buche auf einem kleinen Hügel steht, der ein keltisches Hünengrab darstellt. Ein magischer Baum auf einem magischen Ort. Man spürt es förmlich, wie ein kraftvolles Energiefeld vibrierend vom Hügel ausgeht und nach allen Seiten in die Landschaft ausstrahlt. Gleichsam scheint es, als ob sich ein heiliger Raum um den Baum ausgebreitet hat: Flächen von Magerrasen markieren eine Leere, die die Süntelbuche auf dem keltischen Grab um so wirkungsvoller in Szene setzt. Dies war in der 250-jährigen Geschichte dieses Baumes nicht immer so gewesen. Mehr zufällig fand man ihn zugewachsen zwischen Lärchen und Grauerlen und beschloss, seine skurril wirkende Wuchsweise in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Das magische Momentum dieses Exemplars von Fagus sylvatica var. suentelensis (so der lateinische Artname) ist ihm allerdings seit seinen Anfängen eingeschrieben, denn man geht davon aus, dass es absichtlich auf den Grabhügel gepflanzt wurde. Wer weiß, vielleicht spielten sich an diesem Ort druidische Riten ab, die zum Ziel hatten, die dämonische Geisterwesen anzurufen oder zu besänftigen. 
Botanisch gesehen ist die Süntel-Buche eine Variation der Rotbuche. Im 19. Jahrhundert war sie fast ausgerottet, was daran liegt, dass sie unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten eine zu Holz gewordene Katastrophe darstellt. Durch ihre krumme, krüppelhafte, mal links, mal rechts ausschlagende Wuchsweise konnte sie nicht einmal sinnvoll als Feuerholz dienen, da krumm und schief gewachsene Äste und Stämme sich nicht vernünftig stapeln lassen. Die Folge war eine systematische Abholzung von Fagus sylvaticus var. suentelensis, bis sie nur noch einigermaßen sicher in botanischen Gärten als Baumkuriosum überlebte. Das größte Süntel-Buchen-Vorkommen in Europa musste 1843 einer Flurbereinigung weichen. Dieses Gebiet befand sich auf dem Höhenzug der Süntel (daher der Name Süntel-Buche) in Niedersachsen. Seit einigen Jahrzehnten hat jedoch ein wiederum  wirtschaftlich motiviertes Umdenken eingesetzt. Man erkannte das ästhetische Potential des Baumes und fing an, es touristisch zu vermarkten. So ist südlich von Reims in Frankreich ein parkähnliches Areal aus mehreren hundert, der Axt entkommenen, Süntel-Buchen entstanden, durch das ein Rundweg führt, der zu einer kleinen touristischen Attraktion geworden ist. 
Diesem Umdenken verdankt nun auch die Süntel-Buche in der Nähe von Blankenheim seine prominente Stellung als Naturschutzdenkmal. Betrachten wir noch einmal die wenigen biographischen Daten seines 250-jährigen Lebens. Mit einer heiligen Aura umgeben wurde sie auf das Keltengrab gepflanzt, bevor sie aus einer positiven Kosten-Nutzen--Holz-Bilanz herausfiel. Ihr Glück war es, dicht und versteckt zwischen Lärchen und Grauerlen zu wachsen, was sie davor schützte, gefällt zu werden. Ihre Wiederentdeckung fiel in die Zeit, als der Blick auf die Natur durch touristisches Kalkül verändert war, weshalb sie als Naturdenkmal für die nächsten Jahre sicher zu sein scheint,
Was ersichtlich wird, ist, dass das Überleben von Lebensräumen und Arten eng an den Menschen gekoppelt ist, was jetzt nicht gerade als neue Erkenntnis gelten kann. Doch vielleicht schärft es den Blick für das, was nicht das Glück gehabt hat, als Naturdenkmal deklariert zu werden.
Und habt acht: Weitere Bedeutungs- und Wirkschichten im Hexenbaum auf dem Keltenhügel warten darauf, aus den Grüften des Erddunklen ans Tageslicht zu kriechen.

Erdkröten in Bad Bentheim

(23.03.2019)


Gang Bang im Kurzentrum

Das Kurzentrum in Bad Bentheim mit seinem Solebad, das den an Hautkrankheiten Leidenden Linderung verschaffen soll, macht einen etwas in die Jahre gekommenen Anschein einer gutbürgerlichen mit sich zufriedenen Welt. Niemals könnte ein Anschein verfehlter sein als hier. Es ist ein Ort des entfesselten orgiastischen Seins, das vor den Fassaden des Sittsamen rauschende Feste feiert. Der erste Blick in das, was das Kurzentrum in Bad Bentheim wirklich ist, schenkte uns bereits der blaue Kahlkopf - Psylocybe cyanescens -, den die Kranken in rituellen Festen zu sich nehmen, um in kosmische Dimensionen einzukehren. (Siehe den Eintrag unter Pilze:  hier) Das, was ich nun im März in dem Kurpark von Bad Bentheim sah, ist nichts anderes als die Ekstase des Sinnlichen, die sich hier in einem fast schon pornographisch anmutenden Gang Bang manifestiert. Purer, schmutziger, den Kosmos erreichender Sex. Doch bevor ich zu dieser Einsicht gelang, dauerte es eine gewisse Zeit, weshalb ich im Folgenden auf die Entdeckung der Gang Bang-Kröten zu sprechen komme.
Als ich gerade den Kurpark Richtung Wald verlassen wollte, hörte ich direkt neben mir quakende Geräusche, die sich aus einem fleischlichen Klumpen lösten. Ich bekam einen gehörigen Schreck, denn der Klumpen - wenn auch schwerfällig - bewegte sich etwas wackelig und versuchte vorwärts zu kommen.  Es fiel mir schwer, die ineinander verschlungenen Körper auseinanderzuhalten, doch unterschied ich langsam krötenähnliche Köpfe und Beinchen. Ich dachte schon, es mit einer monströsen radioaktiv verursachten Mutation eines Amphibiums zu tun zu haben und suchte schnell die Sicherheit des dunklen Laubwaldes, der hinter dem Kurpark beginnt. Dort traf ich bald auf das Erdkrötenpärchen auf dem oberen rechten Foto und mir schwante, dass das, was ich als Fleischkumpen wahrgenommen hatte, nichts anderes als ein Kröten-Gang Bang war, bei dem alles erlaubt zu sein schien. Nach ungefähr zwei Stunden kehrte ich zum Ort der ausschweifenden Lust zurück. Die Gruppe hatte sich vielleicht einen halben Meter vorwärts bewegt, ansonsten war alles beim alten geblieben, auch wenn eine männliche Kröte aus dem Knäuel herausgefallen war und Schwierigkeiten zu haben schien, ins Spiel der Lust wieder aufzusteigen. Während ich das Treiben beobachtete, stellte ich mir die Frage, ob das, was ich sah, ein typisches Verhalten der Erdkröte - Bufo bufo (ja, unglaublich, dies ist tatsächlich ihr lateinischer Artname) - war. Nein, es musste etwas mit dem Kurzentrum in Bad Bentheim zu tun haben. Erdkröten sind intelligente Tiere und lernen gewöhnlich durch Nachahmung. Nur einen Schluss konnte ich ziehen, der in das geheime Wesen des Ortes einführt. In schon lauen Frühlingsnächten kommen die Kranken aus ihren Zimmern heraus und suchen die körperliche Wärme eines Mitleidenden im Schutze der hohen Bäume, die im Kurpark wachsen. Aus der Suche nach Wärme wird langsam Lust, die sich schließlich in orgiastische Lusträusche verwandelt. Die Erdkröten, die aus dem im Vorjahr herabgefallenen Laub heraus das verrenkende sich Umschlingen beobachten, wollen sein, wie der Mensch. Ein Quäken und Ächzen und Stöhnen - das ist der Soundtrack des Kurzentrums Bad Bentheim.
Kurz sei noch die biologische Erklärung des Gesehenen nachgeschoben und der verehrte Leser kann selbst entscheiden, welcher Version er mehr Glaubwürdigkeit schenken wird.
Im März machen sich die Erdkrötchenweibchen auf den Weg zu ihren Laichplätzen, wobei sie ja leider auch oft genug Autostraßen überqueren müssen, was viele nicht überleben. Nun, auf den Weg zu den Laichplätzen machen sich nicht alle Weibchen, was zur Folge hat, dass unzählige Erdkrötenmännchen Schwierigkeiten haben, einen Partner für die Paarung zu finden. Klarer Männerüberschuss. Was wir auf den Fotos sehen, ist eigentlich gar kein Gang Bang, sondern der verzweifelte Versuch der Männchen, auf ein Weibchen zu springen und es nicht mehr loszulassen, bis es am Laichplatz zur tatsächlichen Paarung kommen kann. Das monogame Pärchen auf dem oberen rechten Foto hat Glück, dass es nicht bereits von weiteren Erdkrötenmännchen gesichtet worden ist. Ihr könnt sicher sein, dass sie alles tun würden, um ebenfalls aufzuspringen. Ja, es geht so weit, dass sie alles bespringen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. So springen Männchen auf andere Männchen, auf Wasserfrösche und alles, was auch nur so ungefähr wie ein Erdkrötenweibchen aussieht. Mensch Mensch Mensch, die Hormone spielen verrückt. Es kommt tatsächlich zu der absurden Situation, dass einige Weibchen unter der Last der Männer zusammenbrechen und ihre Laichplätze nicht erreichen können. Ay, ich fürchte, die Gruppe, die auf den Fotos oben zu sehen ist, hat gute Chancen, unfortgepflanzt im Kurpark von Bad Bentheim zu verenden.
Aber nein, vergesst die biologischen Erklärungen der letzten Zeilen und begebt euch mit den Kranken und den Kröten in den hemmungslosesten Gang Bang, unter dem ihr freudetrunken zusammenbrechen werdet. 

Das Scharbockskraut

(14.03.2019)

Und ne Buddle Rum

Die Assoziationskette vom Scharbockkraut - Ranunculus ficaria - zur Buddle Rum führt über die Seefahrt und die Drei Fragezeichen, genauer gesagt über die Folge "Der Superpapagei". Und schon wieder ist es mir gelungen, einen Artikel mit rätselhaften Worten einzuleiten. Der Name Scharbockkraut leitet sich von dem alten deutschen Namen Scharbock ab, der die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut bezeichnet. Und diese befiel in hohem Maße in frühen Jahrhunderten die Seefahrer, die Monate lang auf den Weiten des Meeres zubrachten und auf frisches Obst und Gemüse weitestgehend verzichten mussten. Die Folge waren Zahnausfall, Geschwüre, Erschöpfung, verunstaltende Hautkrankheiten. Noch heute kann der Versuch gestartet werden, auf Vitamin C zu verzichten. Nach ungefähr vier Monaten wird man dann in die Liedzeilen der Band Superpunk einstimmen: "Man wendet sich ab von uns, was mich nicht wundert, denn wir sehen aus wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert." Doch auch die Seefahrer des letzten Jahrhunderts (nun schon das vorletzte) wollten nicht aussehen wie Kranke ihres Zeitalters und dabei half ihnen das zarte kleine Pflänzchen des Scharbockskrautes. Es besitzt in sehr hohem Maße Vitamin C, und so gab es schon bald keine lange Seereise mehr, auf der Ranunculus ficaria nicht an Bord eingelagert wurde. Und komischerweise ist der erste Assoziation, wenn ich ein Scharbockskrautblatt oder eine Scharbockskrautblüte sehe, die eines ausgemergelten Seemanns, der am Hauptmast festgebunden ist, damit die stürmische See  ihn nicht über Bord spült und mit letzter Kraft ein Scharbockskrautblättchen kaut, damit seine noch im Fleisch festsitzenden Zähne dort auch bleiben mögen. Und die Drei Fragezeichen? Nun, auch auf die Gefahr hin, dass nun alles auf furchtbare Weise den Anstrich des Gekünzelt-Konstruierten erhält: Denke ich an die Seefahrt, denke ich zugleich an jenen Papageien der Folge "Der Superpapagei". In dieser Folge ging es darum, dass wertvolle Gemälde gestohlen worden waren. Da die Gemälde so bekannt waren, konnte der Dieb sie nicht verkaufen. Schließlich starb er, doch kurz vor seinem Tod hinterließ er einen Art Code, mit dem das Versteck der Bilder aufgefunden werden konnte. Und dieser Code war in den Worten von zahlreichen sprechenden Papageien versteckt. Einer dieser Tiere wiederholte nun ständig die Worte: Und ne Buddle Rum. Und der Name des Papageien? Er hieß Captain Cook - seitdem ist die Seefahrt für mich mit den Worten des Papageien verbunden, der Captain Cook hieß. In späteren Jahren las ich dann von der Kulturgeschichte des Scharbockkrautes, das ebenfalls mit der Seefahrt verbunden ist. Nun: Beim Anblick von Ranunculus ficaria steigen nun die Seefahrer, Captain Cook, ein Papagei, Justus Jonas, verschimmelte Zähne und eine Flasche Rum als Bilder vor meinem geistigen Auge auf und feiern wundersame Verbindungen.
Gleichzeitig ist das Scharbockskraut eine wirklich schöne Pflanze. Die Schönheit beginnt bei den teilweise herzförmig geformten Blättern, die wie wachsartig überzogen scheinen. In die Wachsschicht sind die Blattnerven förmlich eingekerbt und in geeigneten Lichtverhältnissen wirken sie wie die zerfurchten verhärmten Skorbut-Gesichter der Matrosen.
Die Hoffnung auf Heilung symbolisieren gleichsam die sonnendurchtränkten Blüten, deren Anblick ganz einfach erfreut.
Das Scharbockskraut ist mit eine der ersten Pflanzen, die im Frühling in Laubwäldern die braune abgestorbene Laubschicht des Vorjahres mit seinem Grün durchbricht. Das Foto oben links enstand bereits Ende Januar und die ersten Blüten entdeckte ich bereits Anfang März. Und natürlich kann man noch heute das Scharbockskraut nutzen, um die im Winter verloren gegangene Energie zurückzugewinnen. Allerdings sollte man das Kraut vor dem Beginn der Blüte einsammeln. Wie alle Hahnenfußgewächse enthält das Scharbockskraut den toxisch wirkenden Stoff Protoanemonin. Dieser Stoff wird in Ranunculus ficaria allerdings erst verstärkt bei Blübeginn eingelagert, so dass ein vorheriges Sammeln und Verwerten unproblematisch ist. Allerdings sollte man bei den Blättern immer eine Kostprobe machen. Sind sie zu bitter und zu scharf, deutet dies auf eine stärkere Konzentration des Protoanemonins hin.
Schmeckt es aber noch mild, so ist es tatsächlich das perfekte Kraut, die Frühjahrsmüdigkeit  auszutreiben und genießt man es dann noch mit einer Buddle Rum, tja, dann sind dem kulinarischen Schwelgen keine Grenzen mehr gesetzt.    
 

Giraffenholz

(07.03.2019)

Afrikanisierung eines Ahornwaldes

Jeder weiß, dass die Klimakatastrophe naht, wenn sie nicht sogar schon längst eingetreten ist. Der letzte Sommer gab ein Vorgefühl von dem, was uns Mitteleuropäer noch erwarten wird: Trockenheit, Hitze, Versteppung und extremer Wassermangel. Dass die Gefahr aber so imminent bedrohlich mit Händen greifbar ist, hätte ich nicht gedacht. Doch die Zeichen sind untrüglich: Giraffen tummeln sich in Herden unsagbaren Ausmaßes in unseren Laubwäldern und laben sich an dem noch saftigen Grün der Blätter. Zu Gesicht bekommen hat sie noch keiner, denn die europäische Art - Giraffus europeus - ist extrem scheu und versteckt sich hinter breit gewachsenen Buchenstämmen vor den Augen der Spaziergänger. Auch Jäger hatten bisher nicht das Glück, ein Tier von ihren Hochsitzen heraus zu sichten und gar zu erlegen. Nein, Giraffus europeus hat es bisher geschafft, seine Existenz geheim zu führen, doch einem aufmerksamen Beobachter entgehen die Spuren, die es hinterlässt, nicht. Auf kleinen Hölzern hat sich seine Fellzeichnung hineingekerbt und kündet von seinem Dasein. Wie ist das möglich, werden sich meine aufmerksamen Leser fragen. Die europäische und transatlantische Wissenschaftselite ist ratlos, und mal wieder, wenn absolute Ahnungslosigkeit in den Gehirnen gelehrter Männer und Frauen herrscht, dann sprießen die wildesten Theorien in die Welt. Einige behaupten, in der europäischen Art der Giraffe habe eine Transmutation eines chemischen Stoffes stattgefunden - dem sogenannten Sachronosulfitmolekül, das sich im Fell des stattlichen Paarhufers findet. Bei Berührung eines Holzes würden sich die Moleküle des Stoffes förmlich ins Holzt fräsen und das Giraffen ähnliche Muster schaffen. Im chemischen Element sei sozusagen das Gedächtnis der Fellzeichnung eingeschrieben, die auf die berührten Holzstämme übergeht.
Andere Forscher sprechen von einer Koevolution der toten Holzstücke. Um nicht von Giraffen gefunden und gefressen zu werden, haben sie in kürzester Zeit sich dahin mutiert, die Muster der Giraffen zu kopieren. Trifft nun ein gefräßiges Exemplar von Giraffus europeus auf solch ein gezeichnetes Holz, meint der Paarhufer einen Artgenossen getroffen zu haben, schnuppert vielleicht etwas an ihm, wird aber wohl dann in den meisten Fällen weiterziehen, um andere Futterquellen zu erschließen. Kannibalistische Tendenzen konnte man bei den afrikanischen Artgenossen  noch nicht feststellen. 
Die Wahrheit ist mal wieder prosaisch und wundersam zugleich: Giraffenholz hat natürlich nichts mit den wirklichen Tieren zu tun - obwohl ich von der Existenz Giraffus europeus' überzeugt bin -, sondern wird - ja haltet euch fest - von einem Pilz verursacht. Hauptsächlich verantwortlich für die Giraffenzeichnung des Holzes sind gleich zwei Pilze: Einmal das Myzel der langstieligen Holzkeule, das andere Mal das Myzel des Ahorn-Krustenkugelpilzes. Man geht allerdings davon aus, dass noch andere Pilzarten das Phänomen des Giraffenholzes hervorrufen können.  Entstehen würde das Muster dadurch, dass die verschiedenen Pilzmyzelien - bildlich gesprochen - aufeinandertreffen und sich voneinander abgrenzen. Eine Myzelvermischung hat die Natur anscheinend noch nicht zustande gebracht. Die weißen Abschnitte der Zeichnung des Holzes auf den Fotos sind sozusagen der Zwischenbereich der verschiedenen Pilzhyphen. Das Phänomen scheint nur auf Hölzern von Ahornbäumen vorzukommen, was ja auch Sinn macht, da der Ahorn-Kugelkrustenpilz nur und die langstielige Holzkeule oft auf abgestorbenem Ahornholz wachsen.
Schön ist das Giraffenholz allemal, und ich habe natürlich noch eine andere Erklärung parat: Auch Pilzmyzelien werden des Öfteren von Fernweh gepackt. Diese langweiligen Ahorn bestandenen Laubwälder: zum Kotzen. Da tut es gut, sich in die Weiten der afrikanischen Steppe hineinzuträumen. Überraschen wir nun die Pilze auf ihren Traumreisen, so entdecken wir den Traumabdruck ihres Sehnens ins Holz geprägt. 

Das Gänseblümchen

(28.02.2019)

Kindliche Traumata

Auch das Gänseblümchen lässt sich nun auf Wiesen und auf grasbewachsenen Rändern in den Wäldern finden. Der lateinische Artname ist wunderschön: Bellis perennis - die ewige Schöne. Doch launenhaft ist unsere Schöne allemal, denn sie blüht nur im Sonnenlicht, was, bei genauerem Nachdenken, nur zu verständlich ist. Unter wolkenverhangenem Himmel lasst ruhig die anderen blühen; ich vergeude meine Grazie nicht an eine mittelmäßige Inszenierung. Wie die Sonnenblume richtet das Gänseblümchen ihre Blüte nach der Sonne aus, was die enge Verbindung des Himmelskörpers mit der Pflanzenwelt unterstreicht. Was jedoch haben kindkliche Traumata mit diesem Sonnenkinde zu tun. Ich bin mir noch nicht sicher und hoffe, dass die folgenden Zeilen etwas zur (Eigen-)Aufklärung beitragen. Auch Zweifel hege ich daran, ob "Traumata"  wirklich das umschreibt, was ich in der Folge erzählen werde. Ich habe nicht zufällig "Trauma" in den Plural gesetzt, da er etwas Diffuses, Reales und Irreales zugleich beschreibt. Es ist die Rede von einem Erlebnis, das ich vor gut 40 Jahren als Schüler auf dem Pausenhof meiner Grundschule gehabt habe. Es ist so nichtig und bedeutungslos alltäglich, dass ich es kaum wage, es diesem Artikel anzuvertrauen. Doch gerade diese Nichtigkeit, diese Alltäglichkeit hat mit dem eigentlich Geheimnisvollen des Erlebnisses zu tun. Nun zurück auf den Pausenhof. Ich erinnere mich noch, dass es ein strahlend schöner Morgen gewesen ist, an dem ich mit ein paar Freunden auf einer Grasfläche neben dem Schulgebäude saßen. Die Wiese hatte kurzgemähtes Gras, zwischen dem viele Blüten von Bellis perennis herausschauten. Ich weiß nicht mehr genau, was wir im Einzelnen taten, noch wer die Freunde waren. Ich erinnere mich nur an das Zusammensitzen mit Freunden, als plötzlich das Gespräch auf die Gänseblümchen kam. Wir pflückten einige sich in unserer Reichweite bedindende und ich sagte meinen Freunden, dass man sie essen könne. Sie schauten mich ungläubig an und forderten mich auf, eine hinunterzuschlucken. Um ehrlich zu sein war ich mir gar nicht so sicher, dass man sie essen könnte und ich fragte mich wohl, welcher Teufel mich geritten hätte, damit ich dergleichen verkündete. Kurzum: Es gab kein Zurück und ich aß ein Gänseblümchen. Bald schellte es wieder und Bellis perennis gab mir keine Ruhe während des noch vor uns liegenden Schultages. Ich meinte, mich vergiftet zu haben, auch wenn nicht das kleinste Symptom sich bemerkbar machte. Doch der Gedanke ließ mich erst wohl nach der Schule am Nachmittag wieder los.
Gut, wie meine Leser sehen, handelt es sich um ein recht alltägliches kindliches Geschehen, um alltägliche nichtige Kindersorgen. Doch warum habe ich es die ganzen 40 Jahre hinweg behalten; habe viele Gesichter von Kinderfreunden in meinem Vergessen begraben, aber der Moment des Gänseblümchenessens hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt, so als ob ein Trauma mich heimgesucht, ein Dämon sich auf mich gesetzt hätte.
Ich denke, dass es mit einer Verletztheit des "Ichs", des Selbstbewusstseins zu tun hatte; und dies gleich auf zwei verschiedenen Ebenen. 
Die erste Ebene ist einfach zu beschreiben: Ich hatte mit der Essbarkeit des Gänseblümchens geprahlt und stellte mich als Eingeweihter einer fremden Welt dar. Meine Freunde forderten mich heraus, meinen Worten Taten folgen zu lassen. Und die einmal begangene Tat löste Angstgefühle einer Vergiftung aus. Ich merkte sozusagen, dass der mit Worten herbeigeführte Schein eines Selbstseins in Sekundenschnelle in sich zusammenbrach. Ein kleines kindliches Trauma. 
Doch das größere liegt auf der zweiten Ebene: Das Gänseblümchen repräsentierte eine Welt, die vollkommen fremd war und über die man nichts wusste. Eine Blume, die die ewige Schönheit repräsentiert, konnte sich als Menschen mordendes Wesen entpuppen. Obwohl das Gänseblümchen natürlich essbar ist, zeigte es mir eine Riss, der zwischen mir und der anderen Welt verlief. Vielleicht könnte man diese Ebene als die Erfahrung der Auflösung eines Hormonieganzen bezeichnen, in dem das Kind sich als Mittelpunkt eingerichtet hat. Das Gänseblümchen kündete nun von einer Aufkündigung des Ganzheitgefühls und grenzte mich als Menschen aus. 
Vielleicht zeigt das Erlebnis aber auch die allgemeine Entfremdung zu den natürlichen Dingen, die mir hier bewusst wurde. 
Tja, was auch immer es sei, wenn ich ein blühendes Gänseblümchen sehe, katapultiert es mich zu diesem Morgen auf den Pausenhof einer Grundschule zurück.
Andere Erfahrungen mit Bellis perennis kamen hinzu, hatten jedoch nicht diese Prägungskraft des ersten Erlebnisses: Ich erinnere mich an das alte Spiel des Zungeblütenabrupfens, der mit den abwechselnden Worten "sie liebt mich, sie liebt mich nicht" begleitet wurden.
Und noch eine Begegnung, die erst zwei Jahre zurückliegt: Ich nahm an einem Kräuterseminar in einem Kloster teil und dort pflückten wir Gänseblümchen, um später eine Hautcreme herzustellen. Eine alte - und sehr sympathische - Nonne leitete uns zwischen Klostermauern an, wie mit Butterschmalz und Gänseblümchen eine Hautcreme hergestellt wurde. Die im Butterschmalz gekochten Gänseblümchenblüten nahm ich mit nach Hause und bereitete sie mir mit Zwiebeln in der Pfanne gebraten zu. Doch auch dieses leckere und der fremden Natur wieder näherbringende Erlebnis hatte nicht die Kraft, die Bilder vom Pausenhof zu löschen   

  

Frühling in der Bröcke

(18.02.2019)


Die ersten Blüten des Huflattichs

Bei der Auswahl des ersten Frühlingsartikels diesen Jahres hatte ich die Qual der Wahl zwischen einem gelb-schwarz gestreiften und geköpften Feuersalamander und den Blüten des Huflattichs. Ich muss gestehen, dass die letztendliche Entscheidung für die Blüten von Tussilago farfara nicht von mir gefällt wurde, sondern von meinem fotographischen Können. Man kann ja verstehen, einen sich schnell bewegenden Feuersalamander nicht gut zu fokussieren; dass aber die Fokussierung bei einem geköpften Exemplar so dramatisch in die Hose geht, ärgert mich noch jetzt. Und um es direkt zu sagen: Ich war nicht an der Enthauptung des Salamanders beteiligt. Wie der Feuersalamander jedoch nun sein Haupt verlor, kann an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. 
Nun gut, wenden wir uns also den Sonnen kündenden Blüten von Tussilago farfara zu und verweilen etwas bei ihrem Anblick. Vollgesogen mit den ersten kräftigeren Sonnenstrahlen des Jahres künden sie von dem Ende des Winters und dem Beginn des Frühlings.  Das kräftige Gelb erwärmt in seinem Leuchten den noch vielerorts braun gefärbten Waldboden und den Menschen, der sie schon von weitem erblickt. Ich bin zwar nicht sonderlich esoterisch angehaucht, jedoch kann es an dieser Stelle nicht schaden, mich auf Wolf Dieter Storl zu berufen, der Pflanzen als umseelte Wesen auffasst - im Gegensatz zu Tieren und Menschen, die beseelt seien. Was hat es nun mit der Umseelung auf sich? Das lebensspendende Hauptorgan - um es etwas pseudowissenschaftlich zu umschreiben - liege außerhalb der Pflanze und sei die Sonne. Beim Umgang mit Pflanzen könne man so einen Hauch von kosmischen Energien spüren, denn das Wesen der Pflanze sei außerhalb ihrer selbst. Beim Anblick der Blüten des Huflattichs kann man etwas davon spüren, bilden sie doch den Himmelkörper in Miniaturformen nach. Und der Mensch kann sich in das Frühlingserwachen des Kosmos hineingeben, indem er kosmische Schwingungen aufnimmt oder diese sich gar einverleibt, indem er die ersten Kräuter des Jahres zum Essen sammelt. Bei der heutigen Tour, die ich durch die Bröcke unternahm, habe ich zumindest doch schon einiges gekostet. (Sehr kosmisch erhellt worden bin ich leider nicht - ganz im Gegenteil plagen mich seit ein paar Tagen die Symptome einer Grippe, die jedoch nicht wirklich ausbrechen will.) Neben dem Huflattich sind auch schon andere Kräuterpflanzen zu finden: die Vogelmiere, der persische Ehrenpreis und die purpurrote Taubnessel wanderten kosmisch aufgeladen in meinen wintererstarrten Magen, um dort ein allausbreitendes Leuchten hervorzurufen. Nein: Ich habe Grippe.
Von den Blüten des Huflattichs nahm ich zwei mit nach Hause und bereitete mir aus ihnen einen Tee, der angenehm mild und etwas pfefferig schmeckte. Durchaus zu empfehlen. Allerdings sollte man Huflattich nicht länger als 4-6 Wochen als Heilkraut benutzen, da er - wenn auch in geringeren Mengen - Pyrrolizidinalkaloide enthält, die Krebs verursachen und die Leber schädigen können. Aber er hat eben auch seine guten Seiten: So soll er vor allem bei Husten und Erkrankungen der Atemwege hilfreich sein. Auch Raucher können endlich wieder Licht am Ende des Geächtetseintunnels erblicken, kann man doch die Blätter getrocknet rauchen, was - im Gegensatz zu normalen Tabakzigaretten - zur Folge hat, dass die Atemwege gereinigt werden. Juhu, Rauchen ist doch gesund. Im Volksmund ist der Name "Tabakkraut" für Tussilago farfara gebräuchlich gewesen. Der lateinische Gattungsname Tussilago wurde von dem lateinischen Wort für "Husten" abgeleitet: tussis  Rauchen und Husten also, doch in einer anderen Verbindung, als es unseren lieben Rauchgegnern lieb ist.
Als letztes sei noch die Erscheinungsform des Huflattichs erwähnt. Er besitzt die schon poetisch anmutende Eigenschaft, seine Blüten vor den Blättern zu bilden. Diese kommen aus dem Waldboden erst heraus, wenn die meisten Blüten schon ihre Früchte dem Wind überlassen haben. Ja, er kann es einfach nicht abwarten, sein kosmisch aufgeladenes Leuchten dem Winterlicht entgegenzuhalten. 

In einem Mönchengladbacher Wald

(12.02.2019)

Die Knospen des wolligen Schneeballs

Bevor ich auf die wirklich spektakulären Knospen des wolligen Schneeballs - Virbunum lantana - zu sprechen komme, muss ich einige allgemeine Betrachtungen an den Anfang dieses Artikels stellen, die mit der eigentlichen Hauptthematik dieser Homepage zu tun haben. Pilze standen und stehen ja im Zentrum des Schreibens, drohen aber immer wieder durch den Blog "Orte" an den Rand gedrückt zu werden. Insekten, Kreuze, Knospen, Küchenoberlichtfenster und Krokodile  tummeln sich hier und man fragt sich, wie denn eine sinnvolle Verbindung aussehen könnte. Und ich gebe es zu, bei den Küchenoberlichtfenstern wird es keine sinnvolle Verbindung geben, vielleicht höchstens in Form des Einbruchs des Wunderbaren in die Wirklichkeit, was ebenfalls bei der Fruchtkörperentwicklung eines Pilzes analog ganz gut als Beschreibung dienen könnte. Doch Pilze sind auch Teil eines Gefüges und existieren nicht für sich alleine. Entweder parasitieren sie andere Organismen oder leben saprobiontisch von organischer Masse. Dann gibt es die große Gruppe derjenigen, die eine Symbiose mit Bäumen oder Pflanzen eingegangen ist und bei ihren Symbiosepartnern recht wählerisch ist. Ein Goldröhrling liebt nun mal nur die Lärche, und allen anderen Liebesbekundungen anderer Baumarten zeigt er die nackte Schulter der Verachtung. So ist es nur folgerichtig, dass, wenn man einmal angefangen hat, sich für Pilze zu interessieren, auch der "botanische" Blick sich zu schärfen beginnt. Zumindest kann es für die Bestimmung nützlich sein, eine Eiche von einer Fichte zu unterscheiden. Tja, und fängt man einmal mit den Unterscheidungen an, dann wird man wie in einem Strudel in die wundersame Welt allen Lebens hineingezogen. Allen Lebens, denn bald auch bemerkt man, während man auf allen Vieren einen grasbewachsenen Streifen Waldrand auf der Suche nach kleinen Häublingen absucht, das Springen und Krabbeln kleiner Insekten, die in ihrer Form- und Farbenvielfalt unerschöpflich erscheinen. Ja, Natur kann tatsächlich nur als Gefüge gedacht werden, und somit ist hinreichend erklärt, warum es den Blog "Orte" gibt. - Nein eigentlich nicht. Denn was hat eine Knospe mit einem Ort zu tun? Ha, die Bezeichnung "Ort" wurde aus rein pragmatischen Gründen gewählt, da hier die unterschiedlichsten Heterogenitäten Platz finden werden. Eine Pietà neben der Knospe des wolligen Schneeballs - die wahre chinesische Enzyklopädie unseres Lebens.
Und diese Knospe hat es in sich. Noch immer bin ich von ihrer skurrilen Form entzückt und muss sagen, dass sie im Reich der Knospen eine der imposantesten Erscheinungen (zumindest) in Mitteleuropa darstellt. Gefunden habe ich sie letzten Monat am Rande eines lichten Laubwaldes in Mönchengladbach. Auf den Fotos sehen wir eigentlich zwei Formen von Knospen. Unten links ist eine Blattknospe zu erkennen, die nichts anderes als die Blatt gewordene Inspirationsquelle eines Designmeisterschülers sein kann. Und die Blütenknospen, die sich auf den übrigen Fotos präsentieren, müssen erst einmal in all ihrer komplexen Schönheit gewürdigt werden. Um sich vor der Kälte des Winters zu schützen, besitzen sie nicht wie andere Knospen Schuppen, sondern haben Knospenblätter entwickelt, die sich kürzer oder länger, aber immer mit einem ausgesprochenen Gefühl für Symmetrie, um die Blütenanlage mit einer schützenden Hand herumgelegt haben. Mystisch angehauchte Zeitgenossen können sicherlich eine Unzahl geheimer Chiffren, Symbole und verzauberter Tiere aus ihrer Form herauslesen. 
Dieser mystisch angehauchte Charakter der Blütenknospe wird noch durch einen kurzen Blick auf die Kulturgeschichte von Virbunum lantana unterstützt, die bis in archaische Zeiten reicht. Wurde die Gletschermumie Ötzi schon im Zusammenhang mit dem Birkenporling gebührend gewürdigt, so verschafft der wollige Schneeball ihr einen zweiten ruhmreichen  Auftritt. Neben dem Pilz fand man bei ihr einen Köcher mit Pfeilschäften, die aus dem Holz von Virbunum lantana hergestellt worden waren. Dieses Holz ist durch seine faserige Struktur sehr elastisch und schwer zu brechen und noch heute dient es dazu, Pfeile für eher traditionelle Formen des Bogenschießens zu schnitzen. 
So ist beim Anblick der Knospen von Virbunum lantana ein leichtes romantisches Schauern durchaus angebracht: Das Kontinuum rules!   
    

An einem Baumstamm in Knechtsteden

(04.02.2019)

Wenn die blaue Hand des Todes...

"Was gestern war, ist hin; was itzt das Glück erhebt,
 wird morgen untergehn; die vorhin grüne Äste
 sind nunmehr dürr und tot; wir Armen sind nur Gäste,
 ob den' ein scharfes Schwert an zarter Seide schwebt."

Jeder Pilz, dem man die oben zu lesenden Verse aus dem Gedicht "Ebenbild unseres Lebens" von Andreas Gryphius vorträgt, wird - selbst schimmelbedeckt - nur ein verständnisloses Hütchenschütteln für das Gehörte übrighaben. Das, was auf den Fotos vergangen ist, sind die Fruchtkörper eines Pilzes, dessen eigentlicher Lebenskern sich sehr wahrscheinlich höchst vital und vergnügt im Holzstamm ausbreitet und möglicherweise noch über Jahre hinweg sich der Wollust des Lebens hingibt. Doch im menschlichen Auge breitet sich beim Anblick der Fruchtkörper das barocke Gefühl der Vanitas aus und wird nun auch einige Zeilen dieses Artikels mit Wehmut besprenkeln. Doch zuallererst soll der Pilz aus seiner Namenslosigkeit herausgeführt werden, um unser Mitleiden an ihm fassbarer und ansprechbarer zu machen. Es handelt sich um den Winterhelmling - Mycena tintinnabulum. Nein, so gut kann ich leider doch nicht bestimmen, dass ich selbst Pilzmumien treffsicher einer Art zuordnen kann. Aber ich kenne den Stamm  - ja, auch zu Baumstämmen kann man Bekanntschaften und Freundschaften schließen - und ab dem späten November bis in den Dezember hinein sprießen in recht üppigen Büscheln die Winterhelmlinge aus ihm hervor. "[W]as itzt das Glück erhebt,/wird morgen untergehn" und die erhobenen Fruchtkörper von Mycena tintinnabulum hängen nun schlaff der Erde zugewandt in ihrem letzten Lebensröcheln. Wenn es nur das wäre: Ein weißer Schimmelpilz hat sich gierig gefräßig über sie hergemacht, so dass man noch nicht einmal erkennen kann, dass sie einst Lamellen unter den Hütchen trugen, an denen die Sporen neuer Winterhelmlinge keimten. Der zarte Seidenfaden ist gerissen, und das scharfe Schwert ist in aller Erbarmungslosigkeit über sie hergefallen. Auch das Farbspiel der Fotos unterstreicht den Charakter des Todgeweihten. Das satte dunkle Braun des Winterhelmlings ist einer bläulichen Kälte des Winters gewichen. Ja, hier wird kein Orchester mehr liebliche Menuette und Sarabanden zum besten geben. Das erotisierende Spiel der Sinnlichkeit ist erstarrt, Eros und Amor sind hin und der lebensspende Phallus hängt schlaff als Erinnerung an ein Gestern am Baumstamm.  
Doch eigentlich eignet den Fotos nichts am barocken Spiel der Vanitas. Wie viele barocke Gedichte sind auch die Verse von Andreas Gryphius in ein anthitetisches dialektisches Denken getaucht. Der These des Lebens steht die Antithese des Todes gegenüber. Mitgedacht werden kann die Synthese in einen göttlichen Heilsplan, der epistemisch in den Gedichten und der Zeit des 17. Jahrhunderts mitschwingt. Die Fotos nun vermitteln eigentlich nur die Antithese des Dahingeschiedenen, was auf der einen Seite natürlich wieder auf die Radikalität der Gattung der Helmlinge zurückzuführen ist. (Siehe Pilzseiten) Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls hier die These als Nichtgesagtes anwesend. Nur der Fokus eben ist ganz auf das Dahinscheidende gelegt, bei dem in der heutigen modernen Zeit auch nicht unbedingt eine Synthese hin zu einem Ganzen geschaffen werden kann. Aber vielleicht doch: Die Synthese ist der Fortgang des Lebens selbst. Der Schimmelpilz steht hier für die unbesiegbare Vitalität des Lebens, was für den französischen Philosophen Deleuze Beweis genug für die Emergenz von Sinn wäre. Fazit: Dank des Schimmelpilzes tauchen wir, dem Barock abgewandt, in eine modernere Form des Sinnes ein.    

Im Witte Venn

(28.01.2019)

Schaurig ist's, übers Moor zu gehen

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
 Unheimlich nicket die Föhre,
 Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
 Durch Riesenhalme wie Speere;
 Und wie es rieselt und knittert darin!
 Das ist die unselige Spinnerin,
 Das ist die gebannte Spinnenlenor',
 Die den Haspel dreht im Geröhre!

Diese Verse aus dem Gedicht "Der Knabe im Moor" von Annette von Droste Hülshoff stellen einige der Dinge vor, die auf den Fotos zu sehen sind, jedoch ist die Stimmung auf ihnen eine fundamental andere. Der Knabe der Verse könnte der Betrachter der Fotos sein, dessen Blick auf das "Gestumpf" zwischen den "Riesenhalme[n"] gerichtet ist. Föhren kann man im Hintergrund als kurze Stämme des Waldrandes erkennen. Doch die akustische Dimension bei Droste-Hülshoff fehlt auf den Fotos, und sie vermitteln eher eine starre Tonlosigkeit, die sich über die Heide gelegt hat. Auch "nicket die Föhre" nicht, sondern steht unbeteiligt am Rande. Sie ist es nicht, die die Schrecken der übersinnlichen Natur hervorruft. Auch sind die "Riesenhalme" zu kleinen Büscheln geschrumpft und drohen nicht, das Kind bei seinem Moorgang durchs Herz zu stechen. Trotz allem geht von den Fotos eine Unheimlichkeit aus, der es lohnt, nachzuspüren. Auf die starre Tonlosigkeit habe ich eben bereits verwiesen. Diese hängt unter anderem mit dem Aufnahmezeitpunkt der Bilder zusammen, der gut zwei Wochen zurückliegt. Wir befinden uns also in der winterlichen Jahreszeit, die sich auf den Halmen und Gestümpfen in Form von wie gefroren wirkendem Raureif niedergelegt hat. Diese weißen Spuren der Kälte sind nur auf die "Heidelandschaft" im Vordergrund beschränkt. Der Wald, der sich im Hintergrund auftut, scheint irgendwie einen Schritt aus dem Winter herausgeschritten zu sein und wird teilweise von der Sonne beschienen. Fast ist es so, als ob eine Grenze durch die Bäume geschaffen wird, um die Dramatik des Vordergrundes zu steigern. Ein weiteres Element, das mit der starren Tonlosigkeit der Atmosphäre nicht in Übereinstimmung gebracht werden kann, ist die Bewegtheit der Szene. Das grasige erstarrte Heidegras ist dynamisch bewegt und von Furchen durchzogen, was so wirkt, als ob wir in die Wellen eines aufgewühlten Meeres schauten. Und ja, alles ist Schauen bei diesen Fotos: Der Wald, wir - wir blicken auf das zentrale Geschehen der Gestümpfe, eigentlich des Gestumpfes. Der erste Stumpf, der dem Betrachter am nächsten ist, liegt waagerecht auf dem Gras und grenzt uns aus einem heiligen Raum aus , in dem ein zweites Gestumpf um sein Leben ringt. Zwei Äste sind schräg zur Seite erhoben, während ein kraftvoller Sog ihn in den Untergrund hinabziehen möchte. Interessant ist nun, dass die Sogwirkung von dem Licht ausgeht, das den linken Bildbereich bescheint. Wir werden unmittelbar Zeuge des Kampfes eines Lichtwesens mit einem der Dunkelheit, das nur noch hilflos wie ein Ertrinkender seine Arme in die Luft reckt, um im nächsten Moment ein Grab unter den Wellen zu finden. Das heranrückende Licht bedroht unseren Stumpf in seiner Existenz und das schauende Auge ist ebenfalls hilflos seinem Schauen ausgeliefert und vielleicht gar auch in seiner Existenz bedroht. 
Gewalt - eine tonlose starre Gewalt - geht von dem Licht aus, dem das Gestumpf nichts entgegenzusetzen vermag. 
Die gesamte Szene ist wie aus dem Irdischen herausgehoben, abgesteckt und heilig und zeigt auf einer offenen Bühne Leben und Sterben. Dass hier nun die Vorzeichen vertauscht sind und das Element der Dunkelheit als Leidendes herausgestellt ist, während das Licht erbarmungslos waltet, ist in unbestimmter Weise poetisch:
Oh schaurig ist's, in die Sonne zu gehen,
    

Ein Ball in Lank Latum

(16.01.2019)

Ein Zeug ohne Spiel

Das, was auf den Fotos zu sehen ist, ist schnell beschrieben. ein orangener von dunklen Linien basketballgleich überzogener kleiner Plastikball, der an einer Seite eingedellt ist; Schnee; aus dem Schnee herausschauende Kräuter, abgefallene Blätter und abgestorbene Stängel. Aufgenommen habe ich die Fotos am Rande eines Auwaldgebietes in Lank Latum im Dezember letzten Jahres an einem Tage, an dem das erste und bis jetzt letzte Mal Schnee fiel. So weit so gut. Schnee, Gräser, Blätter und Stängel sind am Rande eines Auwaldgebietes erst einmal nichts Außergewöhnliches. Die Außergewöhnlichkeit stellt der eingedellte kleine Ball dar. Nun ja, wenn man die Frage nach Ursache und Wirkung stellt, ist die Szene der Fotos schnell erklärt. Entweder hat ein unachtsames Kind beim Spaziergang mit seinen Eltern den Ball verloren, oder einem Hund ist er aus dem Maul gefallen, ohne dass dies seinem Herrchen oder Frauchen aufgefallen wäre. Dann, ja dann, ist die zu sehende Szene mehr als gewöhnlich. Eine Spur des Außergewöhnlichen gewinnt man, wenn eine andere Option ins Auge gefasst wird. Was, wenn der Ball selbst aus einem Kinderzimmer oder Hundekorb das Weite gesucht hat - müde des ständig an die Wand Geworfenwerdens oder des ständig zwischen den Zähnen Zerquetschtwerdens - und sich auf den Weg rollte, andere Seinshorizonte aufzuspüren. Tja, er kam bis nach Lank Latum, als ihn der hereinbrechende Schneefall überraschte und seinen Freiheitswillen erstarren ließ. Ein heimatlos nun auf dem Weg Gestrandeter, dem schon die Delle jegliche Fortführung seines Rollens genommen hat. (Gehen wir ruhig davon aus, dass die Delle erst mit dem Beginn des Schneefalls entstanden ist.) Doch belassen wir lieber die Suche nach möglichen Ursachen des Vorhandenseins des Balles im Schnee zwischen Blättern, Kräutern und Stängeln und wenden uns dem hic und nunc der Gegenwart der Fotos zu, was bei Fotos ja eher ein Aktualisieren des Vergangenen darstellt. Und ja ich entkomme der Signifikanzfalle nicht und überziehe das Gesehene mit Bedeutungen und Gefühlen. Traurig und verlassen wirkt der Bildausschnitt auf mich. Und im Besonderen wirkt der Ball verloren und verlassen. Im Produktionsprozess entfremdet, eine kurze Zeit mit Emotionen, Gefühlen und Bindungen gefüllt, um dann wiederum als entfremdetes Objekt im Schnee zu enden. Ein Schicksal eines zirkulären Lebens, das heutzutage sicherlich viele Industrieprodukte erleiden müssen. Betrachtet man die Delle des Balles etwas genauer, könnte man durchaus davon ausgehen, dass sie eine Öffnung zu seinem Inneren darstellt. Und aus seinem Inneren quellt der Schnee, still und unablässig, bis von unserem Ball nur noch eine leere Hülle übriggeblieben sein wird. Nein, es schneite an diesem Tage gar nicht, der Schnee ist die materialisierte Form eines Verwundetseins, das sich in Lank Latum ausgebreitet hat.
Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass die Fotos moderne Stillleben in bester barocker Tradition sind. Zeigen diese in all ihrer Üppigkeit das Vergehen und das Besinnen auf die Endlichkeit alles Seienden, so ist das Üppige in unserem Falle ein kleiner geschrumpfter eingedellter Ball, der Leben und Tod in sich vereinigt. 
Das - um es drastisch auszudrücken - Auskotzen des Schnees eines Zeugs ohne Spiel jedoch stellt sicherlich eine Weiterentwicklung in der Geschichte des Stilllebens dar. 

Eine Eberesche in der Bröcke

(05.01.2019)


Die Magie des Winters

Landläufig herrscht ja die Meinung, dass in den Wintermonaten das Leben trist und wie tot dem kommenden Frühling harrt. So ganz falsch ist diese Meinung nicht, jedoch ist das  wieder aufwachende Leben als Zeichen und Spur überall anwesend. Im Falle der Bäume und Sträucher muss man sich ihnen nur offenen Auges nähern, um festzustellen, dass neue Blätter und Blüten schon in ihren Knospen angelegt sind und nur auf längere und wärmere Tage warten, um in rasanter Geschwindigkeit sich der Sonne entgegen zu strecken. So auch im Falle der Eberesche - Sorbus aucuparia -, deren Knospen man auf den oberen Fotos sehen kann. Vor der Kälte schützen sie sich einerseits durch Schuppen, andererseits durch eine in den meisten Fällen recht dichte und weiche Behaarung. Wenn man sich bewusst macht, dass in ihnen schon vollständig Blätter und Blüten angelegt sind, gefriert einem in den Wintertagen der Atem. Übrigens zeigt das untere rechte Foto eine Blattknospe, die anderen stellen Blütenknospen dar, die auch insgesamt imposanter wirken. 
Zu Weihnachten herrscht in unseren Gefilden der Brauch, sich einen Weihnachtsbaum in das Wohnzimmer als Zeichen des neu beginnenden Lebens zu stellen. Ich mag diesen Brauch, jedoch sind Fichte und Tanne ein eher missratenes Symbol, sind sie doch das gesamte Jahr über grün und als Hoffnungssymbol des wieder erwachenden Lebens nur bedingt tauglich. Als Symbolkaskade taugt hingegen jeder Laubbaum oder .-strauch, der wie abgestorben in der Landschaft steht, aber in seinen Knospen das Wunder der Geburt anzeigt. Tja, aber eine kahle Eberesche im Wohnzimmer, unter der man die Geschenke auspackt? Ich gebe zu, dass das der familiären Harmonie nicht gerade zuträglich ist. 
Die Eberesche ist nun ein ganz besonderer Baum, der in die magischen und mythischen Gründe der Menschheit hinabreicht. Eine Ahnung davon gibt schon das untere linke Foto. Wenn man es sich genau betrachtet, erkennt man eine wie in Eis gefrorene Form eines Vogels: ein kleiner Kopf im Profil mit einem Auge und einem Schnabel; dann ein Flügel. Er sitzt in einer Art Kauerstellung, so als erwartete er die wärmeren Stunden, um seinen Flug zu starten. Wenn das nun nicht ein in die Knospe der Eberesche eingeschriebenes Symbol ist, dann weiß ich es auch nicht mehr. Vieles an der Eberesche deutet darauf hin, dass er der heilige Baum der Zwerge sein muss. Der Miniaturvogel in der Knospe ist ein erstes Anzeichen. Dann sind die Früchte des Baumes kleine rot-orange Äpfel und ich stelle mir vor, wie ganze Zwergenkolonien auf ihre Äste klettern, um die Früchte zu ernten. Dass man die Ebereschenfrüchte Vogelbeeren nennt, hängt bestimmt nicht damit zusammen, dass diese gerne von Vögeln gegessen werden.  Nein, es ist das magische Flugpotential, dass sich in den Knospen von Sorbus aucuparia eingeschrieben hat. 
Und heilig ist die Eberesche: In Norwegen nennt man den Baum Thorsbjörg, was man mit Thors Begegnung übersetzen kann. In der Edda wird berichtet, dass Thor bei der Jagd in einen Fluss fiel, doch dank eines Ebereschenastes, den er zu fassen bekam, konnte er sich vor dem sicheren Ertrinkungstod retten. So ist Sorbus aucuparia dem Donnergott Thor geweiht und gilt gemeinhin als Baum des Schutzes vor bösen Kräften. Und auch die keltischen Druiden stellten ihre Zauberstäbe aus ihrem Holz her.
Die bösen Kräfte sind in unserer heutigen Zeit die Krankheiten, die mithilfe der Eberesche bekämpft werden können. Viele Menschen meinen, die Vogelbeere sei giftig, was jedoch nicht stimmt. Roh genossen ist der übermäßige Genuss der rohen Früchte unverträglich, was an der Parasorbinsäure liegt, die sie enthalten. Durch Minustemperaturen oder durch das Abkochen der Früchte wandelt sich die Parasorbinsäure zu Sorbinsäure, die völlig unbedenklich ist. Neben den Früchten, die sehr viel Vitamin C enthalten, sind auch die Blätter und Blüten getrocknet als Tees einsetzbar: Husten, Bronchitis, Magenprobleme, Rheuma, Gicht -  nichts schreckt die Eberesche. Die Früchte sollen sogar für Sänger gut sein, da sie dabei helfen Schleim von den Stimmbändern zu lösen. 
Tja, Gesang, Vögel, Zwerge, Thor, Winter, Knospen - Kinder, es gibt Hoffnung für das Jahr 2019! 
    

An einem Bach im Witte Venn

(16.12.2018)


Koitus interruptus

So langsam bekomme ich Angst, dass die Blog-Seite über Orte bald nur noch Insekten beheimaten wird. Nach der gemeinen Skorpionsfliege und dem Rosen-Flechtenbärchen präsentiert sich nun die gebänderte Prachtlibelle - Calopteryx splendens - unter "Orte", und ich gebe zu, diesen Begriff etwas über zu strapezieren. Doch seis drum. Begriffe sind formbares Wachs unter den Händen dessen, der sie bearbeitet.  
Die Fotos müssen von links unten beginnend im Uhrzeigersinn "gelesen" werden. Ja, "gelesen", stellen sie doch sozusagen das Narrativ eines Kopulierungsscheiterns dar. Dieses Scheitern ist aber weder dem Männchen, noch dem Weibchen anzulasten. Vielmehr bin ich es, der den Koitus interruptus verursacht habe, und noch immer plagen mich Schuldgefühle und der anklagende Blick des Männchens auf dem oberen linken Foto verfolgt mich in meine schlaflosen Nächte hinein. Doch beginnen wir der Reihe nach. Gefunden habe ich das Paar im Uferbereich eines kleinen Baches am Rande des Witte Venns, das sich im Münsterland an der Grenze zu den Niederlanden befindet. An einer Stelle staut sich das Wasser etwas und bewegt sich nur gemächlich weiter. Das Ufer ist von hohen Gräsern und Schilfarten bewachsen und auch im Wasser stehen einige Pflanzen, die das Weibchen der gebänderten Prachtlibelle zur Eiablage braucht. Also ideale Bedingungen, und so schwirrten und glänzten etliche Libellenfügel im Sonnenlicht um mich herum. Als ich das kopulierende Paar im Gras fand, blieb ich fasziniert stehen. Das Männchen hatte seinen Körper zu einem "Rad" verrenkt, seine Genitalien in den Hals des Weibchens gerammt und trieb es hemmungslos. Meine Güte ja - das vaginale Pendant befindet sich bei der Libelle am Hals. Tja, und nun komme ich ins Spiel. Auf der Suche nach einer besseren Position für meine Fotos berührte ich ungeschickt und tölpelhaft das Gras, auf dem sich unser Paar befindet. Und ja, das Männchen fiel herunter und konnte sich so gerade mit zwei seiner sechs Beinchen an einem sich in der Flugbahn befindlichen Grashalm festkrallen. Oh weh, seht ihr seinen etwas verängstigten und anklagenden Blick links oben? Wer einmal so angeschaut wurde, dem hilft kein Flehen um Vergebung. Der ewige gebänderte Prachtlibellenfluch wird auf mir lasten und mein Begleiter der langen kommenden Winternächte sein. Auch wenn die Geschichte weiterging. Männchen und Weibchen erholten sich und saßen bald wieder - nun aber räumlich getrennt - auf anderen Grashalmen. Mensch, fast das perfekte Märchenende. Ist die Erinnerung an vergangene Lust noch in ihren Körpern präsent? Oder ist etwa der Blick des Weibchens rechts unten auch als fluchbeladen zu deuten?
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Nein, sie sind gestorben, auch wenn ich in ihrer Todesstunde nicht zugegen war.
In gewissem Sinne stellen die Fotos ein doppeltes Memento Mori dar. Aber auch ein Moment der Fremdheit. Auf ihnen kann das exemplifiziert werden, was Roland Barthes als "studium" und "punctum" umschreibt. Im "studium" nehme ich das Foto in meiner kulturellen Eingebundenheit wahr. Ich interpretiere das kopulierende Paar mit den Referenzen meines angeeigneten biologischen Wissens. Doch das "punctum" ist ein Element des Fotos selbst, das verwundet, sticht und meine kulturelle Eingebundenheit potentiell in Stücke reißt - für einen Moment. Hier ist in besonderem Maße das "punctum" der Blick des Männchens von Calopteryx splendens. Es drückt das aus, was meinem Blick verborgen bleiben muss, aber Risse in mich hineinfräst. (So langsam versteht man meine schlaflosen Winternächte.) 
Ein anderes "punctum" ist die Anwesenheit eines Abwesenden und längst Vergangenen. Nach einem zweijährigem Larvenstadium können Weibchen maximal 50 Tage, Männchen gute zwei Wochen länger als Libelle leben, Die Libellen auf den Fotos sind also längst vergangen, habe ich sie doch im Juni diesen Jahres aufgenommen. Diese Dimension des Zeitlichen ist ja geradezu punctum-gesättigt. 
Das zweite Memento Mori-Element ist eben die Kluft, die sich zwischen Aufnahmedatum und dem Schreiben dieser Zeilen auftut. Heute schneite es das erste Mal, während der Frühsommer mit Lust und einem Koitus interruptus lockt.     
           

Auf den Blüten des Wasserdostes

(10.12.2018)


Das Rosen-Flechtenbärchen

Wer kennt sie nicht, die Nächte, in denen man wach liegt und das Sandmännchen verflucht, das einen in der Abendstunde vergessen hat. Doch Schlafprobleme scheint es nicht nur bei uns Menschen zu geben. Das Rosen-Flechtenbärchen - Miltochrista miniata - ist ein Nachtfalter, und das oben zu sehende Foto habe ich am 1. August letzten Jahres um 11:10 Uhr morgens am Rande eines Waldes aufgenommen. Am Datum wird ersichtlich, dass die Nacht schon seit einigen Stunden vergangen war, doch ja, in den Schlaf hat unser hübsches Insekt nicht gefunden. Wahrscheinlich quälte es sich auf einem Eichenblatt von einem Flügel auf den anderen wälzend, ärgerte sich über die zu lauten Buchfinken und dachte an all die Dinge, die in der folgenden Nacht zu erledigen seien: Futtersuche, Partner zur Fortpflanzung finden, unbeantwortete E-Mails - ja, dies kann einem schon mal den Schlaf rauben. Den einfachen Griff zur Schlaftablettenpackung hat Miltochrista miniata auch nicht bewerkstelligen können - was mein Glück gewesen ist, denn es wäre schade gewesen