Die gemeine Sandbiene

(11.12.2021)

Löcher und Bienen

Habe ich mich an anderer Stelle gerühmt, wie synchron abgestimmt die Beiträge dieser Seite mit der aktuellen Jahreszeit sind, habe ich nun dieses doch etwas anstrengende Unternehmen der Synchronität an den Nagel gehängt und werde nun hemmungslos der jahreszeitlichen Asynchronität frönen. So präsentiere ich nun hier einen Frühlingsboten der besonderen Art: die gemeine Sandfliege - Andrena flavipes. Und schon wieder treffen wir auf einen Vertreter der "Gemeinen", die uns ja schon so oft im Pilzreich begegnet sind. Wird mit "gemein" die Häufigkeit einer Art genannt, so frage ich mich, wie außerirdische Artenbestimmer auf die Spezies Mensch schaut. Sicherlich gibt es in einer nahen Galaxie das Bestimmungsforum der Hominidae, das sich darauf spezialisiert hat, die Menschenaffen der Erde zu bestimmen. Der Homo sapiens wird dort sicherlich als der gemeine Menschenaffe in den Bestimmungsbüchern geführt. Und gerade in diesem Moment wird bestimmt der Fund eines Schimpansen gepostet, das die Forenmitglieder in helle Aufregung versetzt: "Herzlichen Glückwunsch zu diesem selten Fund" und das Liken nimmt kein Ende. Doch schon erhebt sich eine warnende Stimme, die ausruft: "Ja, ein toller Fund, doch um wirklich sicher zu sein, dass es tatsächlich der Schimpanse ist, braucht man ein Mikroskop. Solch haarige Vertreter habe ich auch schon beim Homo sapiens entdeckt".
Ja, und schon sackt die Freude über den selten Fund in ein deprimiertes Seufzen ab: "Ach, wahrscheinlich wieder nur der gemeine Menschenaffe".
Wenden wir uns nun aber der gemeinen Sandfliege zu, die im Gegensatz zu dem, was ihr despektierlicher deutsche Name nahelegt, direkt mit Superlativen aufwartet. Gäbe es ein Ranking der mit dem ADS-Syndrom geplagten Arten, würde Andrena flavipes sie unangefochten anführen. Um dies zu erklären, muss ich allerdings auf die Umstände und die Jahreszeit (vergessen wir nicht, Andrena flavipes ist ein Frühlingsbote) des Zusammentreffens mit der gemeinen Sandbiene zu sprechen kommen. Ende März machte ich mich auf in ein Venngebiet (Witte Venn), das an der deutsch-niederländischen Grenze liegt. Am Anfang führt ein sandiger Weg durch eine typische Heidelandschaft und plötzlich umschwirrten mich Hunderte von Bienen. Neige ich sonst dazu, recht schnell in Panik zu geraten, merkte ich recht schnell, dass die Bienen nicht besonders aggressiv waren. Ganz im Gegenteil - bald erspähte ich die Löcher im Sandboden (sie sind oben auf den Fotos zu sehen) und ich kombinierte sicher, dass sie zu den Bienen gehören müssten. Tatsächlich schlüpften auch einige schnell hinein oder kamen schnell wieder heraus. Ich hockte mich nun neben die Löcher, was die Bienen nicht weiter zu stören schien. Sie waren ganz hingegeben ihrem Tun, dass darin bestand, chaotisch in rasendem Tempo ohne Rast noch Ruh über den Löchern und angrenzenden Heidepflanzen zu schwirren. Tja, nach 15-minütigem Hocken gab ich es langsam auf, noch eine ruhende Biene zu entdecken, die ich fotografieren könnte. Aber das nicht versiegende Schwirren um mich herum faszinierte mich auch so. Und plötzlich, ja, dann, endlich, eine Biene landete völlig ermattet neben einem Locheingang, und es gelang mir tatsächlich, sie abzubilden.
Warum um alles in der Welt schwirren sie nun in einem paranoid anmutenden Dauerflug in der Gegend herum? Es scheint mit dem Paarungsverhalten der Art zusammenzuhängen. Die Männchen schlüpfen vor den Weibchen und beginnen einen nicht endenden Paarungsflug. Anscheinend hinterlassen sie dabei Duftstoffe, die auf die Weibchen anziehend wirkt. Wer glaubt wird selig... Ich gehe davon aus, dass die Männchen irgendwann so die Kontrolle über ihr Dasein verloren haben, dass sie gegeneinander fliegen und benommen zu Boden fallen und dort dann vom Weibchen gezwungen werden, sie zu befruchten.
Ist dies geschehen, kommen die Löcher ins Spiel. Meine biologische bewanderten Leser und Leserinnen werden es schon erraten haben: Es handelt sich um Brutgänge, die recht weit in den sandigen Boden hineinführen können (nun ja, so um die 20 cm). Von diesem Gang abgehend, werden Brutkammern angelegt, die mit Pollen und Nektar ausgestattet werden, bevor das Ei dazwischen positioniert wird. Sterben die Männchen kurz nach der Paarung, sind dem Weibchen noch einige Wochen gegeben, um die Brutpflege abschließen zu können. (Dann sind jedoch die irren Flugmanöver nicht mehr zu sehen.)
Und so ist die Luft Ende März über dem Sandweg angefüllt mit warmen Sonnenstrahlen und dem Fliegen der gemeinen Sandbiene. Ein schöner Frühlingsmoment. Doch nicht nur Frühling kann sie, nein, sie ist gleichzeitig auch die Künderin des Spätsommers, denn Ende August beginnt das Spektakel von Neuem, denn Andrena flavipes bildet zwei Generationen aus; die Nachkommen der zweiten Generation überwintern im Erdreich (Sandreich), bis sie im Frühjahr des nächsten Jahres schlüpfen.
Doch zum Schluss muss ein Schatten über das Dasein der gemeinen Sandfliege geworfen werden. Sieht man die dicht an dicht angelegten Bruteingänge und spürt die Aberhunderten von Bienen um sich herum, bekommt man das Gefühl, einer gesellschaftsfähigen, staatsbildenden Spezies gegenüberzustehen. Um es modern auszudrücken: purer Fake. Andrena flavipes ist eine Solitärbiene und kümmert sich nicht groß darum, was ihre unmittelbaren Nachbarn den ganzen lieben langen Tag treiben. Ja, sie hat durchaus was von einem in einer Großstadt lebenden Menschen. So werden diese Agglomerationen von "Brutnestern" auch Scheingesellschaften genannt. Die Einzelgänger werden einfach von der für sie geeigneten Bodenbeschaffenheit angelockt. 
Andrena flavipes lässt sich wörtlich als blondbefußte Sandbiene bezeichnen. bei solch einem hübschen Namen kann es einen nur freuen, dass sie ausgesprochen häufig vorkommt, was daran liegt, dass ihr Nahrungsspektrum recht weit gestreut ist.
Ich hoffe, ich habe bei meinen Leserinnen und Lesern Lust auf dieses possierliche Tierchen geweckt: Das blondbefußte, paranoid veranlagte, in einer Scheingesellschaft egozentrisch im Blindflug dahin schwirrende Wesen muss man einfach gern haben.         

Die Bienenragwurz

(22.11.2021)

Die Rätsel der Unattraktivität

Ob der wirklich schön anzuschauenden Blüten der Bienenragwurz - Ophrys apifera - stellt sicherlich auch der Titel des Beitrags als solcher ein Rätsel dar. Ein doppeltes Rätsel gleich am Anfang - schauen wir mal, ob es mir gelingen sollte, noch weitere anzuhäufen und ein einziges rätselhaftes Wortergusskonstrukt hier an dieser Stelle zurückzulassen. Ich kann schon förmlich spüren, wie der Geist DADAs auf mich niederschwebt. Doch betrachten wir die Blüten etwas genauer: Man wird es kaum abstreiten können - Ophrys apifera scheint Stunden um Stunden vor kleinen Spiegeln der Eitelkeit ausgeharrt zu haben, um ein wahrlich sexy Aussehen in die botanische Welt hineinzuzaubern. Der rosa Farbton der Kelchblätter, das kontrastierende Grün der Kronenblätter und die braune Lippe mit seinen ins graubläuliche spielenden Streifen, die zart durch ein pralles Gelb umrandet werden und außerdem noch pelzige Ausstülpungen an den Seiten besitzt - eine perfekt in Szene gesetzte, auf jedes Detail achtende Schönheit tritt uns hier vor Augen, vor der jedes sich als schön erachtende Wesen betreten und schamvoll die eigene Nichtigkeit anerkennen muss. 
Nun gut - das Loblied auf die Schönheit ist angestimmt und wird in den nächsten Zeilen von disharmonischen Tönen zerfetzt. Denn ja - die Bienenragwurz fristet ein Dasein, das von Ungeliebtheit, Verachtung und Erniedrigung gekennzeichnet ist. Ich kann die verstörten Blicke meiner Leser, und Leserinnen die zwischen den Zeilen und den Fotos hin und her schwanken, spüren, denn diese Verstörung prägt auch meinen Blick - noch immer.
Bevor nun aber das Geheimnis der Unattraktivität gelüftet werden kann, ist ein kurzer Exkurs auf die Gattung der Ragwurzen von Nöten - tja, ich merke schon, die hochtrabenden Worte des Geistes DADAs vom Anfang sind schon wieder in leeren Worthülsen verweht.
Ragwurzen sind für mich so etwas wie die seltsamsten Wesen, die unsere Welt bevölkern. In ihnen scheint ein wissender Geist anwesend zu sein, der direkten Einfluss auf ihre Blütenmorphologie hatte. Denn in der Gattung gibt es neben der Bienenragwurz u.a. noch die Hummel-, die Spinnen-, die Fliegen- und die Wespenragwurz. Und das Unglaubliche: Diese Ragwurzen haben ihre Blüten so gestaltet, dass sie ihren namensgebenden Insekten gleichen bzw. recht ähnlich sehen. Der Sinn dahinter liegt in der Fortpflanzungsstrategie dieser Pflanzen begründet. Erspäht z.B. eine liebestrunkene Fliege die Blüte der Fliegenragwurz, stürzt sie sich in jeglicher Unterscheidungswahrnehmung verlustig gegangener Begattungseuphorie auf die Blüte und nimmt den Pollen auf, den sie in einem nächsten Liebesflug (ja, Insekten scheinen nicht die Hellsten zu sein) auf eine nächste Pflanze überträgt. Und betrachtet man in seiner ganzen Tragweite diese Fortpflanzungsstrategie, kann man nicht umhin, einen irgendwie wirkenden Lebensgeist im Kosmos anzunehmen. Es wirkt ja geradezu so, als ob in den Pflanzen ein Wissen um die sie umgebende Umwelt eingeschrieben ist, die sie dann zu ihrem Nutzen modellieren kann. 
Kommen wir nun aber wieder zu unserer Hauptakteurin  Ophrys apifera zurück und dem, was ich als Ungeliebtheit, Verachtung und Erniedrigung beschrieben habe. Ich mache es kurz und schmerzlos: Die Bienen  schenken der Bienenragwurz keine Beachtung; kein liebestolles sich Herabstürzen auf den attraktiven Leib der Blüte findet statt, keine ekstatische Vereinigung von Tier und Pflanze - Ophrys apifera ist dazu verdammt, einsam und allein in die Welt zu blicken. Um sich zu vermehren tut sie das, was jedem Autofellatio-Anhänger der menschlichen Spezies ein anerkennendes Kopfnicken abgewinnen muss: Die gelben luftigen Anhängsel, die auf den Fotos zu sehen sind, sind keine goldenen Ohrgeschmeide, sondern die Pollinien, die wachsen, sich krümmen und endlich auf die Narbe treffen, um sich selbst zu bestäuben. Was in menschlichen Dimensionen direkt vor dem Landgericht verhandelt würde, stellt die Überlebensstrategie der Bienenragwurz dar. Dieses inzestuöse Gebaren ist auch dafür verantwortlich, dass bei der Art Ophrys apifera recht seltsame Variationen entstehen können - wir Menschen kennen dies noch aus etwas abgelegenen Bauernschaften auf dem Lande - Inzest kann dann doch etwas seltsame Nachkommen zeugen.
Interessant ist nun aber die Frage, warum die Bienenragwurz ein so völlig unbeachtetes Dasein führen muss.  Ist ihre Blütenschönheit nur eine äußere billige Maskerade, die die Bienen nicht täuschen kann - die im Gegenteil die dahinter liegende Hässlichkeit in aller Klarheit dem Bienenauge offenbart?
Oder hat Ophrys apifera im Schönheitsrausch einfach einen Schnörkel zu viel auf ihre Blüte gemalt, so dass Bienen sie nicht mehr als Sexualpartner erkennen?
Zwar ärgere ich mich, aber die "wissenschaftliche" Deutung wird der Wahrheit wahrscheinlich am nächsten kommen: Ursprünglich stammt die Bienenragwurz aus dem Mittelmeerraum, von dem aus sie sich aufgrund der Klimaerwärmung  immer weiter nach Norden ausbreitet. Und in dem südlichen herkunftsgebiet scheinen die Bienen ein anderes Aussehen zu haben, sodass die Blüte weiter nördlich einfach nicht als Biene erkannt wird. 
So ist letztendlich auch der Fundort bezeichnend für die Ungeliebtheit dieser Spezies. Sie wuchs direkt am Hange einer Autobahn in Lank Latum. Kommt sie normalerweise auf mageren Standorten mit Kalkanteil im Boden vor, gehe ich davon aus, dass in den kommenden Jahren die meisten Fundstellen an Autobahnen, Schlachthöfen und Müllhalden liegen. Ja - die verachtete, erniedrigte, vereinsamte Schönheit kehrt der Welt ihren Rücken zu.    

Die Lindengallmilbe

(07.12.2020)

The age of aquarius

Der Titel "Lindengallmilbe" führt völlig in die Irre, denn das, was wir auf den Fotos sehen, ist nichts anderes als die Galle der Milbe Eriophyes tiliae. Das Tierchen selbst ist so klein (über zwei Millimeter kommt es nicht), dass man es nur unter dem Mikroskop sehen kann. Oder man nimmt psychoaktive Pilze zu sich, um die Sinne zu schärfen. Ich bin sich, dass man dann zumindest die Lebensäußerungen der Milbe durch die Gallwände hindurch erahnen kann. Der Name "Eriophyes tiliae" ist nicht genau; es verstecken sich in den rötlichen Beahusungen unterschiedliche Arten und Unterarten, die teilweise auch an unterschiedlichen Lindenarten vorkommen und somit recht "wirtsspezifisch" sind. Doch der deutsche Name "Lindengallmilbe" passt auf jeden Fall.
Hatte ich an anderer Stelle dieses Blogs mich damit gebrüstet, dass seine Beiträge im Rhythmus der Jahreszeiten stringent abgestimmt sind, muss ich nun eine Argumentation finden, die das Zeigen der Fotos Anfang Dezember rechtfertigt. Aufgenommen habe ich sie Anfang Mai, was auch die Zeit darstellt (spätes Frühjahr bis Frühsommer), in der man die Gallen der Lindengallmilbe an noch jüngeren Lindenblättern finden kann. Je nach Lesart kann nun die Präsentation der Galle als Erinnerung oder als Vorausahnung des Frühjahr betrachtet werden. In zyklischen Zeitgeschehen sind diese Alternativen sicherlich obsolet, denn im Kreislauf fließen Erinnerung und Vorausahnung ineinander zusammen, wodurch so wunderbare Wortschöpfungen wie das "erinnernde Vorausahnen" oder das "vorausahnende Erinnern entstehen. Also habe ich hiermit Zukunft und Vergangenheit in die Präsenz eines dezemberlichen Spätherbstabends hineingezaubert. Wenn dies kein magischer Moment ist.
Und die Lindengallmilbe erlaubt zudem verblüffende Parallelitäten zur Menschenwelt zu schaffen. Schnallt euch an, die Fahrt beginnt.
Zunächst erstaunt die Größe der Gallmilbe in Bezug auf ihre "Behausung": Keine 2 Millimeter groß, misst der rote Hauszipfel einen guten Zentimeter. Da will wohl jemand mehr scheinen als sein. Und ach, kennen wir das nicht zu Genüge von unseren Artgenossen? Unbedeutende Menschen, die in aufgemotzte SUVs steigen; von der Muse vergessene Zeitgenossen, die sich in schönster Abendgarderobe in die Theater zwängen; Villenviertel, aus die jeder geistiger Anstand ausgezogen ist. Tja, all denen sei die Lindengallmilbe als Maskottchen ans Herz gelegt.
Aber nein, ein Blick in die Literatur zu Eriophyes tiliae zeigt andere Wirklichkeiten. Dazu seien einige Worte zu ihrem Leben gesagt. Die Lindengallmilbe saugt an den Unterseiten von Lindenblättern, und ihr Speichel erzeugt im Pflanzengewebe eine Reaktion, die es wachsen lässt; eben diese Wachstumsform haben wir auf den Fotos vor uns. Nun legt die weibliche Lindengallmilbe in die zipfelartigen Auswüchse Eier ab. Die schlüpfende Generation bleibt in der Galle leben, die in der Innenwand ein Gewebe ausbildet, das Stärke und Proteine beinhaltet, das den Milben als Nahrung dient. Und nun beginnt ein kleiner Kreislauf: Die Milben paaren sich von Neuem, neue Milben schlüpfen usw, bis die letzte Milbengeneration die Dunkelheit der Galle erblickt. Die weiblichen befruchteten Tiere verlassen nun "ihr Haus" über die Blattunterseite und suchen Schutz in Lindenknospen oder der Lindenrinde, bis im nächsten Frühjahr der Baum neue Blätter trägt und das Lebenskreislaufspiel von Neuem beginnt. 
Was erstaunt, ist die Menge an Milben, die eine einzige Galle bewohnen kann: Es sind wohl bis zu 100 Einzelexemplare, die fressen, vögeln und sterben.
Nun könnte die nächste Assoziation zu Eriophyes tiliae einen Anstrich einer Pariser Banlieu erhalten. Dichtgedrängt in prekärer Höhe fristen sie ein von der Gesellschaft vergessenes Leben und müssen sich mit kleinkriminellen Handlungen über Wasser halten. Doch diesen Gedanken geben wir direkt wieder auf: Soziale Probleme kommen - soweit ich nachforschen konnte - trotz engem Wohnraum in ihrer Welt nicht vor.
Ganz im Gegenteil: Was wir vor uns haben ist die symbolische Wiedereinsetzung des "Age of Aquarius", das Wiedererstarken einer kommunenhaften Hippiewelt, die zeigt, das es andere Lebensmodelle als die der bürgerlichen Gemütlichkeit gibt. (Ich spreche hier natürlich nur von der westlichen Welt; in anderen Weltteilen ist die Gemütlichkeit der bürgerlichen Welt sicherlich erstrebenswert.) Ja, in einem Haus leben hundert Gleichgesinnte im Zeichen der Liebe zusammen, und wenn nun noch die Wissenschaft beweisen könnte, dass die Lindenblattsäfte auf den Stoffwechsel der Lindengallmilbe psychoaktiv wirkt, wäre das Bild perfekt. So nehmen wir zum Gedenken dieses kleinen Wesens einen tiefen Zug aus der Bong, lehnen uns zurück und träumen uns mit psychedelischen Klängen untermalt in die Behausungen der roten Zipfelchen hinein,.      

Der Heide-Dornfinger

(26.11.2020) (Datum der Aufnahmen: 28.08.2020)

Die wundersame Welt der Genitalmorphologie

Obwohl ich immer dachte, dass die Farbkombination von Rot, Orange, Gelb und Schwarz nicht unbedingt ein stimmiges Gesamtbild ergeben könnte, belehrt uns der Heide-Dornfinger - Cheiracanthium erraticum - eines Besseren. Nimmt man dann noch das Grün und Lila des Grashalmes, der mit weißen Spinnenfäden durchsetzt ist, hinzu, könnte man in Jubelschreie ob dieses expressionistisch anmutenden Farbexperimentes ausbrechen. Ja, hier ist Schönheit am Werk. Doch kommen wir erst einmal zu dem traurigen Aspekt des Artikels: Es ist nämlich nicht sicher, dass wir es tatsächlich mit dem Heide-Dornfinger zu tun haben. Weltweit umfasst die Familie Cheiracanthium knapp zweihundert Arten und in Europa kommen immerhin noch 25 von ihnen vor. Nach längerem Abwägen bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass neben dem Heide-Dornfinger nur noch Pennys Dornfinger (welch bescheuerter Name, wahrscheinlich der Erstbeschreiber dieser Art) - Cheiracanthium pennyi - in Frage kommt. Beide bewohnen dasselbe Habitat: offene Landschaften mit niedriger Krautvegetation und es heißt, dass man sie ä