Der Hasel-Kleiebecherling

(21.04.2020)

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Haselland

Der Hasel-Kleiebecherling – Encoelia furfuracea - ist ein Pilz, dem ich bisher auf meinen Streifzügen vergeblich nachgespürt habe. In milden Wintern und im zeitigen Frühjahr blieb kein Haselstrauch von meinem Suchen verschont, doch er wollte sich einfach nicht von mir finden lassen. Auch gut gemeinte Tipps von anderen Pilzliebhabern führten nicht zum ersehnten Pilz: Haselsträucher in der Nähe eines kleinen Baches seien gut geeignet, auf abgebrochene Haseläste sollte man verstärkt achten. Nichts, selbst ausgedehnte Bachbettwanderungen brachten mir nur nasse Füße, heftige Erkältungen, aber keinen Hasel-Kleibecherling ein. Warum nun diese Fixierung auf diesen Pilz, den man noch nicht einmal essen kann? Ich muss leider hierauf eine Antwort schuldig bleiben, denn schlicht und ergreifend fällt mir kein Grund ein. Manchmal gibt es ja so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, und vielleicht hat Amor sommernachtstraumtrunken seinen Hasel-Kleiebecherlingspfeil in mein Herz geschossen. 

 Wie es nun zu dem Fund der auf den Fotos zu sehenden Fruchtkörpern kam, lässt die Herzen aller esoterisch angehauchten Menschen höher schlagen, denn nicht ich fand den Pilz, nein, der Pilz fand mich. Kaum aus dem Auto gestiegen, um auf eine meiner Touren in die Bröcke aufzubrechen, war ich gerade dabei, die Kamera um die Schulter zu hängen, als ich schon dickere bräunliche Erhebungen auf einem Haselstamm erblickte. Es war Encoelia furfuracea, der nicht nur an diesem Stamm, sondern auch an zahlreichen anderen Haselsträuchern wuchs, die den Weg in den Wald säumen. Etwas fassungslos war ich schon: Gefühlt hunderte von Malen bin ich diesen Weg entlanggegangen und an diesem Tag schienen sich alles Hasel-Kleiebecherlinge des Münsterlandes verabredet zu haben, um aus den Stämmen zu brechen und sich mir in all ihrer Schönheit zu zeigen.

 Encoelia furfuracea gehört der Gattung der Büschelbecherlinge (Encoelia) an und die Fotos geben einen guten Hinweis darauf, warum dem so ist: büschelgleich drängen sich die Fruchtkörper aus der Rinder heraus, um sich im weiteren Entwicklungsgang ihrer Existenz zu öffnen und eine braune Fruchtschicht zu zeigen, auf die der lateinische Artname „furfuracea“ Bezug nimmt. Rachengleich öffnen sie einem ihre Schlünder entgegen und raunen geheime Zeichen in die Luft. Doch lassen wir uns davon nicht beirren, sondern werfen wir noch einen Blick auf die Außenseite der Fruchtkörper: charakteristischer kann der deutsche Artname gar nicht gewählt sein, denn tatsächlich haben gerade die jungen Pilze einen körnig-kleiigen Überzug, den sie mit fortschreitendem Alter langsam verlieren.

 Doch wie kommt nun Herr von Ribbeck ins Spiel? Bevor ich dies erklären kann, muss ich noch ganz kurz auf die Ökologie von Encoelia furfuracea zu sprechen kommen: Er ist ein saprobiontischer Pilz und wächst auf bereits abgestorbenen Haselästen oder -stämmen, kann manchmal jedoch auch auf Erlen vorkommen.

 Erinnern wir uns endlich an Herrn von Ribbeck. Der gute alte Mann, der den Kindern seiner Nachbarschaft Birnen von seinem Birnbaum schenkte. Und nach seinem Tod wuchs auf seinem Grab ein – ja was wohl? - Birnbaum, der weiterhin die Kinder beglückte:



 „Und die Jahre gingen wohl auf und ab,

 Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

 Und in der goldenen Herbsteszeit

 Leuchtet's wieder weit und breit.

 Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,

 So flüstert's im Baume: „Wiste 'ne Beer?“

 Und kommt ein Mädel, so flüstert's: „Lütt Dirn,

 Kumm man röwer, ick gew' die 'ne Birn.“



 So spendet Segen noch immer die Hand

 Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“


 Und warum zitiere ich das? Nun, Haselstrauch und Hasel-Kleiebecherling scheinen – etwas verschoben – auf einen ähnlichen Wirkzusammenhang hinzudeuten. In der goldenen Herbsteszeit leuchten bräunlich schimmernd die Haselnüsse und verheißen schon vorweihnachtliche Gefühle. Doch die abgestorbenen Äste und Stämme des Strauches werden keine Fruchtkörper mehr bilden. Jedoch haben sie nicht aufgehört von ihrer Früchtepracht zu träumen und treiben nun – zeitlich etwas versetzt – im Winter und Frühling haselnussartige Fruchtkörper aus der Rinde hervor. Ja, fruchttrunken können sie selbst nach ihrem Tod nicht aufhören, sich selbst zu beglücken. Vielleicht liegt unter ihnen kein Herr von Ribbeck vergraben, doch die wohlwollende Kraft ist in dem Haselstrauch von sich aus gegeben und spendet Segen noch immer.

 Nein, so schwülstig darf dies hier nicht enden. Schließlich ist des Haselstrauches Traum ein verzweifeltes Auflehnen gegen seinen Tod. Die sich öffnenden Fruchtkörper von Ecoelia furfuracea zeitigen keine Früchte, sondern wir starren fassungslos in einen dunkel-braunen Rachen, der nur davon träumte wieder eine Haselnuss zu sein.

 Nun, zuerst schwülstig, nun brutal. Es gibt einfach keine guten Enden.

Der Blätter-Scheinschüppling

(18.02.2020)

Der Ödipus-Komplex

Pilze können zu Weilen zartfühlende Wesen sein und sind weiß Gott nicht vor psychischen Katastrophen gefeit. Und so breitet sich vor unseren Augen der ganze zentrale Moment der Freudschen Psychoanalyse – der Ödipuskoplex – zwischen den Fruchtkörpern des Blätter-Scheinschüpplings aus. Bevor unsere Pilze in die Gattung Meottomyces (Scheinschüpplinge) gestellt wurden und den Artnamen Meottomyces dissimulans erhielten, befanden sie sich in den Reihen der Schüpplinge und ja, man mag es kaum glauben, hießen Pholiota oedipus – ein in den lateinischen Artnamen gemeißeltes Unheil kündigt sich an.

Erinnern wir uns kurz und stark vereinfacht: In der kindlichen Entwicklung kommt es zu der Phase, in der das männliche Kind eine durchaus sexuell aufgeladene Bindung zur Mutter aufbaut und den Vater als Konkurrenten wahrnimmt, dem in Phantasieausbrüchen der Tod gewünscht wird. Diese Phase können gestärkte Ichs überwinden und sozialisiert werden. Doch manchmal geht etwas schief und die mütterliche Bindung reißt nicht ab. Der Vater als unheilvoller Konkurrent bleibt schwebend über der weiteren Entwicklung des Kindes bestehen, was für den Eintritt ins Erwachsenenalter nichts Gutes verheißt. Ödipus tötet Laios und nach dem Lösen des Rätsels der Sphinx bekam er seine Mutter Iokaste zur Frau und gemeinsam zeugten sie vier Kinder. 

Und Pholiota oedipus? Das ganze Drama seiner Existenz können wir auf den unteren zwei Fotos nachvollziehen. Rechts unten ist bereits das Schwert in die Brust des Vaters gebohrt und niedergestreckt zeigt er seine weiß bewimperten Lamellen, seinen ockerlich-braunen Stiel, den eine kleine Ringzone schmückt, die der hilflose Versuch eines improvisierten Verbandes darstellen könnte. Doch es liegen zwei Fruchtkörper – aus dem Leben geschieden – vor unseren Augen, was sich allerdings leicht auflösen lässt. Zwei mögliche Varianten fallen mir spontan ein. Mit Rekurs auf die griechische Mythologie stellt der zweite Fruchtkörper Polyphontes, den Fahrer des Wagens in dem Laios fuhr, dar. Beide wurden von Ödipus getötet. Man sieht, meine Fotos sind mythologisch stimmige Kompositionen. Die zweite Lesart transzendiert etwas die mythologische Welt und kehrt ein in die Leiden der menschlichen Psyche. Natürlich wiederholt sich der Vatermord zwischen den Blätter-Scheinschüpplingen unzählige Male und hier hätten nun zwei im Ödipus-Komplex verstrickte Fruchtkörper ihr Unwesen getrieben. 

Und weiter? Ja, den weiteren Fortgang der ganzen Lebenstragik von Meottomyces dissimulans sehen wir auf dem linken unteren Foto. Der Vatermörder nähert sich der warmen Umarmung seiner Mutter. Was auf den ersten Blick niedlich wirkt, ist in Wahrheit das psychische Drama einer gesamten Pilzspezies.

Gut, das musste sein. Mykologisch betrachtet, natürlich alles furchtbarer Unsinn. Fruchtkörper entstehen aus einem Myzel und die Kategorien der menschlichen Fortpflanzung greifen nicht wirklich.

Doch auch der neue Artname unseres Pilzes – Meottomyces dissimulans – und sein deutscher Name Blätter-Scheinschüppling verweisen auf ein tieferliegendes Identitätsproblem. Er gibt vor, ein Schüppling zu sein, ist es aber nicht. Klaffende Wunden eines durch und durch verletzten Ichs, das sich in ein Anderes hineinträumt, liegen vor unseren Augen.

Betrachten wir zum Abschluss den Blätter-Scheinschüppling mit etwas mykologischerem Blick. Er ist eine typische Winterart und kann zwischen November bis April in Auwäldern gefunden werden. Meist wächst er zwischen oder, besser gesagt auf vermodernden Pappelblättern, kann aber anscheinend auch andere Laubbaumblätter besiedeln. Drückt man einen Finger auf die Hutoberfläche, merkt man, dass sie klebrig ist. Taxonomisch ist Meottocymes schwer einzuordnen. Weder passt er zu den Schüpplingen, noch zu Häublingen oder zu anderen näher verwandten Gattungen. Ein Rätsel, das aber seine Auflösung – quod erat demonstrandum – in den Identitätsstrudeln der Mythologie findet. 

Der dünnstielige Helmkreisling

(15.01.2020)


Es darf geknallt werden

Auch wenn das Jahr nun schon einige Tage alt ist, stelle ich an dieser Stelle einen Pilz vor, den ich noch im alten Jahr gefunden habe. Und nicht an irgendeinem x-beliebigen Tag. Oh nein. Es war Sylvester und tagsüber beschloss ich, die alten Geister durch einen Waldspaziergang zu vertreiben, wozu ich den Knechtstedener Wald auswählte. Noch nicht lange gegangen, erblickte ich auf einem schon sehr vermorschten Eichenstamm durch das schon etwas düster gewordene Licht hindurch etwas Weißes, das sich schließlich zu zahlreichen Fruchtkörpern des dünnstieligen Helmkreislings - Cudoniella acicularis - materialisierte. Ja, ihr lest recht. Man muss schon fast die Nase gegen sie stupsen, um ihre Form zu erkennen. Und wie so oft in der näheren Betrachtung tritt man in eine wundersame und fremde Welt hinein. Doch mein schwaches Ich hält Fremdheit nicht lange aus, weshalb mir so einige Assoziationen in den Kopf schossen, die letztendlich unsere kleinen Becherlinge - auch wenn man es nicht denkt, es sind Becherlinge aus der Familie der Helotiaceae - sehr bald sehr menschlich erscheinen lassen. Wie gesagt, es war Sylvester. Zwar bezieht sich der Namenstag auf Papst Silvester I, doch die eigentliche Weihung erhält der Tag durch die Etymologie. Steckt doch in Silvester das lateinische Wort "silva", was - passender geht es kaum - "Wald" bedeutet. Also haben wir den letzten Tag eines Jahres eigentlich dem Ort geweiht, in dem die Mythen und Geheimnisse verborgen sind. Und was tut man am Jahreswechsel? Man feiert und verabschiedet das alte Leben, um Neues, in das sich so manche Hoffnungen eingenistet hat, zu begrüßen. Und nicht nur die Menschen tun dies. Die Tage werden wieder länger und man begrüßt das neu erwachende Licht. Seht euch die dünnstieligen Helmkreislinge der Fotos an. Aus dem vermorschten Holz haben sie sich fanfarengleich zum Licht herausgeschraubt und posaunen und schießen ihr Feuerwerk aus Licht in den Wald hinein. Und man bedenke, dass es erst früher Nachmittag zum Zeitpunkt der Aufnahmen war. Was man hier sieht, ist ein Vorgeschmack auf das, was sich zum Jahreswechsel ereignen wird. Ein weißes ohrenbetäubendes Feuerwerk aus Licht wird sich im Waldesraum ergießen und alles - Bäume, Tiere und Pilze werden sich freudentrunken in den Armen liegen. Ach Gott, die armen Pilze. Die meisten von ihnen sind um diese Jahreszeit als Myzel im Erdboden versteckt. Doch eigentlich weiß man es ja schon. Kurz vor Zwölf werden sie an die Erdoberfläche kriechen und das weiße Helmkreislingslicht schauen und sich in den Tanz der Kreaturen hineinbegeben.
Gut, ihr seht. Ich habe es geschafft Cudoniella acicularis seiner Fremdheit zu berauben.
Kommen wir zum Abschluss noch einmal auf die Fruchtkörper als solche zu sprechen. Ihr Hymenium - also der Teil, an denen Pilze ihre Sporen bilden - liegt oben auf den Hütchen, die im Alter schwarz werden. Die Hütchen sind am Rand nach unten gebogen, weshalb man zuerst nicht unbedingt auf die Idee kommt, es mit Becherlingen zu tun zu haben. Auch der recht lange und kräftige Stiel hilft zu einer recht sicheren Bestimmung. Häufig scheint die Art nicht zu sein, jedoch kann es sein, dass sie wegen ihrer kleinen Größe einfach übersehen wird.
Doch wir sahen bereits: Die Kleinheit ist nur vorgetäuscht. In ihr explodiert Silva zu neuem Licht-Leben.     

Der Perlpilz

(19.12.2019)


Blut und Maden

Ich muss zugeben, dass die Fotos das ganze ästhetische Potential des Perlpilzes - Amanita rubescens - gekonnt in Szene setzen. Pilze wie aus dem Marchenwunderbilderbuch; doch der Perlpilz ist in seinem Aussehen recht variabel und von klein bis groß, schmächtig bis kräftig, braun bis weißlich können seine Fruchtkörper die ganze Palette zwischen ehrfurchtsvollem Schauen und nacktem Grauen hervorrufen. Hier ist tatsächlich ein ehrfurchtsvolles Schauen angebracht, sowohl was die ausgewachsenen als auch die gerade dem Erdreich entsprungenen Fruchtkörper angeht. Und die Pilze zeigen schon direkt ein wichtiges Erkennungszeichen: das Röten an einigen Stellen - hier am Hut und am Stiel. So wird unser Pilz sehr treffend und auf durchaus poetische-berauschende Weise in Portugal als Amanita de vino bezeichnet - als Amanita des Weines. (Es ist wohl definitiv der Rotwein gemeint!) Doch berauschende Wirkung besitzt er leider nicht, ist aber ein durchaus guter Speisepilz, auch wenn einige Quellen ihn als mehr oder weniger mittelmäßig beschreiben. Ach, ihr blinden, ignoranten, jeglicher Geschmackspapille verlustig gegangenen Nichtsahner! Doch kommen wir noch einmal auf das poetische Potential unseres Pilzes zurück. Auch das Deutsche poetisiert Amanita rubescens als Perlpilz und deutet die Hutschuppen als Perlen, die darauf warten von Feenhänden gepflückt und ins goldene Haar gesteckt zu werden.  Der lateinische Artname verweist wiederum auf das Röten während Pierre Buillard - der Erstbeschreiber des Pilzes - wohl nur Grauen erregende Fruchtkörper zu Gesicht bekam: 1787 taufte er den Pilz Agaricus verrucosus und assozierte die Hutschuppen mit Warzenauswüchsen. Tja, die Zeit der Aufklärung schuf Monster - hier in Form von Amanita rubescens. Jedoch ist unser Pilz durchaus warzig, und zwar an der Stielbasis, die ein weiteres wichtiges Erkennungsmerkmal des Pilzes offenbart. Der Stiel weitet sich zu einer nicht abgesetzten Knolle, die von kleinen Warzenringen umgeben ist. (Leider auf den Fotos nicht zu sehen.) Und da wir schon mal bei den bestimmungsrelevanten Dingen angelangt sind, muss noch der Ring des Stiels Erwähnung finden: Er ist gerieft. Warum nun reite ich so sehr auf den Bestimmungsmerkmalen herum? Nun, es gibt durchaus gefährliche Doppelgänger, so z.B. den Pantherpilz, der unerfahrenen Pilzsammlern schon mal einen Perlpilz vorgaukeln kann. Doch sein Ring ist ungerieft und seine Stielbasis in mehrere ringförmige Wulste aufgeteilt, die als Kindersöckchen bezeichnet werden. 
Bevor ich meinen ersten Perlpilz aß, habe ich mich sehr genau über die Merkmale informiert, habe im Wald bestimmt und erst als ich wirklich sicher war, nahm ich einen Fruchtkörper nach Hause und briet ihn. Lecker war er, doch die folgende Nacht ist in mein persönliches Gruselkabinett denkwürdig eingegangen. Nach dem Essen blätterte ich in Pilzbüchern und stolperte über ein Foto, das den grünen Knollenblätterpilz zeigte. Tja, und der ähnelte meinem gerade gegessenen Exemplar furchterregend stark. Hierzu muss man wissen, dass die doch markant wirkenden Schuppen des Perlpilzes durch Alter und Regen abgewaschen sein können. So eben auch bei dem Exemplar, das ich aß. Schnell bekam ich Zweifel: Hatte ich wirklich die Stielbasis untersucht? War das von mir wahrgenommene Röten wirklich rot oder doch eher der projizierte Schatten eines Fichtenzapfens? Kurzum, ich war jeglicher Möglichkeit eines geruhsamen Schlafes beraubt und lag vor Angst gepeinigt auf dem Sofa, darauf wartend, dass die ersten Brechattacken über mich kämen. Nun, nichts geschah und es folgten noch mehrere Perlpilzmahlzeiten, die durchaus genussreicher verliefen.
Mittlerweile sammele ich ihn allerdings nicht mehr. Und dies hat tatsächlich mit den Maden, die im Titel genannt wurden, zu tun. Wenn Maden eine Lieblingsspeise haben sollten, dann ist es Amanita rubescens. Sie bohren sich von der Stielbasis in das Fruchtfleisch und geben sich hemmungslosen Fressorgien hin. Selbst junge kräftige Fruchtkörper, die einem schon das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, stellen sich als völlig madenverseucht heraus. (Man kann es schon meistens am weichen Stiel erfühlen, dass sich ein Pflücken nicht lohnt) Das Röten des Fruchtkörpers ist nun leider kein vom Pilz destilliertes alkoholisches Getränk, sondern Reaktionen des Fleisches auf die Fraßspuren der Maden. Und hier nun ist der Pilzsammler in ein paradoxales Seinsgeschehen geworfen. Auf der einen Seite das wichtige Erkennungsmerkmal des Rötens, das man den Maden verdankt, auf der anderen Seite den Maden verfuchenden Seufzer, wenn sich ein Perlpilz als nicht mehr pfannentauglich erweist. Ich bin auf jeden Fall zu einem glühenden Verfechter des Madenverfluchens geworden und tue es still, ohne noch einen Versuch zu starten, einen Perlpiz zubereiten zu wollen. Resigniert gebe ich mich allein dem ästhetischen Vergnügen seines Daseins hin.  
Und der Perlpilz? Er blutet - gefoltert und gemartert schreit er sein Leiden in die Wälder hinein. 

Der lehmfarbene Rasling

(31.10.2019)


Der Pilz und der Tod

Das Motiv des Todes und des Mädchens kennt man zur genüge. Aber der Pilz und der Tod ist ein Motiv, das einer Neuinterpretation bedarf, dessen ich mich in den folgenden Zeilen bemühen möchte. Stellen Tod und Mädchen Gegensätze dar und erzeugen im noch so prüdesten Herzen schaurig-erotisches Schauder, so sind Pilze doch des Öfteren mit dem Tod assoziiert und deuten auf denselben Wirklichkeitsbereich. Die kleinen Fruchtkörper spielen häufig die Rolle der kleinen Helferlein des Memento Mori, wie man es wunderschön in den Gemälden des niederländischen barocken Malers Otto Marseus van Schrieck entdecken kann. Er malte düster-sinnliche Stillleben, in deren Nachtatmosphären auch Pilze von dem Ende des Lebens künden. 
In diesem Zusammenhang hätte sich der lehmfarbene Rasling - Lyophyllum paelochroum - keinen besseren Platz zum Wachstum aussuchen können als eben das Kriegsgräbergrab in Alendorf in der Eifel, das auf den unteren drei Fotos in unterschiedlichen Ausschnitten zu sehen ist. In ihm befinden sich die sterblichen Überreste von Walter Glick und Rudolf Stropnik, die während der alliierten Offensive 1944 und 1945 in der Eifel ihr Leben verloren. (Am Rande sei bemerkt, dass die Eifel nur so mit Kriegsgräberfriedhöfen übersät scheint, was in der heutigen idyllisch anmutenden Eifellandschaft ein Bild der Absurdität des Krieges vermitteln kann.) Es ist nun der lehmfarbene Rasling, der den beiden gefallenen Soldaten zu einem etwas späten mickrigen Ruhm auf dieser Seite verhilft und ihnen eine Art von Auferstehung in diesen Zeilen ermöglicht.  
Betrachten wir zuerst die Fruchtkörper des Pilzes etwas genauer.  Von einem etwas dunkler gebuckelten Mittelpunkt breitet sich sein Farbspektrum von bräunlichen bis heller ockerlichen Farben bis zum Rand hin aus, der teilweise schon leicht eingerissen und stark gerippt (fast schon gefurcht) erscheint. Die ausgebuchtet angewachsenen weißen Lamellen lassen einen Ritterling vermuten, was ich ebenfalls tat, als ich ihn fand und nur dank der tatkräftigen Unterstützung einer Teilnehmerin eines Pilzforums kam ich auf die richtige Spur. (Mensch, ich bin zu ehrlich - ich sollte doch mehr den Pilzspezialisten raushängen lassen, bevor mich noch der letzte treue Leser verlässt.) Die Beschaffenheit des Stiels beiseite lassend (kann man schließlich auf den Fotos sehen), kommen wir direkt auf die eigentliche Wesensart von Lyophyllum paelochroum zu sprechen, die derjenige erkennt, der einen Fruchtkörper der Länge nach aufschneidet. Betrachtet das Foto: Das Fleisch des lehmfarbenen Raslings wird schwarz, und jetzt sage mir nur einer, das er rein zufällig über den sterblichen Überresten von Walter Glick und Rudolf Stropnik wächst. Nein, hier herrscht Sympathie im besten Sinne des Wortes. Lyophyllum paelochrum kann gar nicht anders, als auf Friedhöfen zu wachsen; er ist der Todespilz par excellence und zeigt den Verwesungsprozess an seinem weißen Fleisch. Doch was ich vorhatte, war ja eine Neuinterpretation des Topos Pilz und Tod, was mir bis zu diesem Zeitpunkt kläglich misslungen ist. Wenden wir die Perspektive und betrachten die Szene von neuem. Beginnen wir: Das Grab ist kein Platz des Todes, da aus ihm heraus neues Leben entsteht und in ein Oben drängt. Den Tod hat es sublimiert und assimiliert, der zwar als schwärzliche Spur in seinem Fleisch anwesend bleibt, doch nicht verhindern kann , dass neue Sporen sich dem Wind übergeben und neues pilzliches Leben entstehen lässt.
Gut, lassen wir die Frage offen, ob dies nun sehr überzeugend wirkte. Ich stelle bestürzt fest, dass man das eben Geschriebene mit einer leichten Wendung in sein Gegenteil verwandeln kann: Das pralle ockerliche, der Sonne zugewandte Leben trägt in der Schwärze seines Fleisches schon die Spuren des Todes in sich. Und schwups wären wir wieder bei dem Memento Mori und Otto Marseus van Schrieck. Es ist aber auch zum Mäuse melken.
Nur noch ein paar abschließende Worte zum Pilz selber: Er riecht recht deutlich nach Mehl und ist recht selten. Er kommt in höheren kollinen Gegenden vor (Eifel reicht) und in meinem Falle scheint er eine gewisse Vorliebe für kalkhaltige Böden zu haben. Immerhin gehören Raslinge zu den Ritterlingsverwandten, weshalb ich mit meiner ersten Vermutung der Gattungszugehörigkeit nicht ganz falsch lag.
Bleibt am Ende nur zu erörtern, ob der die Gebeine von Walter Glick und Rudolf Stropnik in irgendeiner symbiotischen Beziehung zu Lyophyllum paelochroum stehen. Zumindest bestehen Knochen ja hauptsächlich aus Kalk, und ich überlasse es meinen verehrten Lesern weiter über die wundersamen Biegungen und Wendungen des Lebens nachzudenken. 

Der blaublättrige Rötling

(10.07.2019)


Ein Pilz, der davon träumte, psychoaktiv zu sein

Der blaublättrige Rötling - Entoloma chalybaeum - hätte allemal das Zeug dazu, als psychoaktiver, halluzinogen wirksamer, Anderswelten-zu-schauen-Ermöglicher in den ethnobotanischen Schatztruhen jedes nur halbwegs Ernst zu nehmenden Psychonauten einen gebührenden Platz zu finden. Aber nein, Entoloma chalybaeum ist nicht psychoaktiv, sondern gilt ganz im Gegenteil als giftverdächtig. Und bei Rötlingen sollte man die Giftgefahr durchaus ernst nehmen. Dabei hätte alles so schön sein können. Die blaue Farbe deutet in der mykologischen Welt des Öfteren auf die Substanz Psilocybin hin, die Eintritte in andere Wirklichkeitsdimensionen erlaubt. Und dann der Wuchsort von Entoloma chalybaeum: Auf dem linken oberen Foto erkennt man kleine Rosettenblätter des kleinen Habichtskrautes - Hieracium pilosella. "Pilosella" deutet auf etwas Haariges hin, und auf dem unteren linken Foto schiebt sich ein Blatt ins Bild, dessen fast schon zottige Behaarung gut zu erkennen ist. Neben seinen Heilwirkungen, die u.a. für die Behandlung grippaler Infekte genutzt werden kann, besitzt nun Hieracium pilosella psychoaktive Wirkungen, die - in schwächerer Form - mit denen von Cannabis verglichen werden können. Allgemein wird nach dem Rauchen der Pflanze von Stimmungsaufhellungen und leichten Bewußtseinsveränderungen berichtet - und das alles ohne Nebenwirkungen (gut, Rauch in der Lunge ist nicht unbedingt gesund) und der Gefahr körperlicher Abhängigkeiten. Das kleine Habichtskraut scheint der sensible kleine Bruder oder die kleine sensible Schwester des Marihuanas zu sein.   
Kommen wir aber wieder auf den blaublättrigen Rötling zu sprechen und spekulieren wir etwas über den Grund, warum er zwischen dem kleinen Habichtskraut wächst. So wie ich es sehe, können zwei Aspekte Licht in seine dunkel-blaue Existenz bringen. Entoloma chalybaeum könnte ein Pilz sein, der davon träumt psychoaktiv zu sein. So kleidet er sich in blaue Farben am Stiel und an den Lamellen und umgibt sich mit den Rausch ermöglichenden Blättern des kleinen Habichtskrautes. Trübselig und voller Neid spürt er die zottigen Haare der Blätter und träumt sich in den Weltenraum hinaus. Oder ist er gar der Junkie der Pilzwelt? Völlig abhängig von den rauschhaften Substanzen kann er gar nicht anders als zwischen dem kleinen Habichtskraut zu wachsen. Nur einen Meter links oder rechts wachsend, würde er vor Schmerzen des Entzuges sicherlich nur kümmerliche Fruchtkörper hervorbringen. So ist schließlich die blaue Farbe des Pilzes Zeichen dafür, dass er direkte Leitungen zwischen sich und Hieracium pilosella gelegt hat, durch die der ambrosische dionysische schamanische Saft in seine Pilzhyphen eindringt. Ganz am Rande sei noch erwähnt, dass man immer noch nicht weiß, welche Substanz die psychoaktive Wirkung des kleinen Habichtskrautes verursacht. Doch darum schert sich der blaublättrige Rötling nicht - hauptsache es kracht gut. Und ist die Wirkung bei Menschen sanft und gering, so ist das Leben von Entoloma chalybaeum sicherlich ein kontinuierliches Schweben über der Wirklichkeit. 
Ist das kleine Habichtskraut überaus häufig anzutreffen, so ist der blaublättrige Rötling eine Pilzart, die in seiner Existenz bedroht ist und Eingang in die Rote Liste (Stufe 3=gefährdet) gefunden hat. Dies liegt an seinem Lebensraum, denn der blaublättrige Rötling kommt in Gebieten vor, die durch magere Böden geprägt sind. Häufig - wie bei meinem Fund - findet man ihn unter Kiefern. 
Hier nun ist der Zeitpunkt gekommen, noch eine kurze Betrachtung über das Pilzesammeln im Allgemeinen zu verlieren. Ich glaube, dass jeder Pilzsammler seine angestammten Wälder und Sammelgebiete hat, so dass man sich in ihnen recht gut auskennt und auch einschätzen lernt, welche Pilzarten in ihnen vorkommen können. (Natürlich gibt es immer wieder mykologische Überraschungen.) So tut es ganz gut, immer mal wieder Pilzsammelgebiete auszuprobieren, die man noch nicht kennt. Und besonders diejenigen, die sich durch andere Bodensbeschaffenheiten, Höhenstufen oder Waldtypen unterscheiden. (So bin ich nun in diesem Jahr zu einem absoluten Fan der Magerwiesen und Magerböden geworden.) Ich verspreche euch, die neue Artenvielfalt, die sich euch zeigen wird, ist atemberaubend.  

Der Hasen-Bovist

(26.06.2019)

Hase und Pilz

Neben allen Merkwürdigkeiten, die unser Pilz vereint, ist seine deutsche Namensgebung sicherlich besonders herauszustellen. Was hat Lycoperdon utriforme - so sein lateinischer Artname, der allerdings veraltet ist (dazu später mehr) - mit einem Hasen zu tun. Sein äußeres Erscheinungsbild scheint nicht Pate gestanden zu haben - weder Pfoten noch lange Löffelohren konnte ich bei ihm feststellen. Als ich mich näherte, sprang und hoppelte er auch nicht davon, wie man es von einem Hasen erwarten könnte. Nein, völlig bewegungslos,  aufgeblasen, eingedellt, eingerissen und mit (teils spitzer) schuppiger und flächig aufschuppender Huthaut präsentierte er sich meinen Augen. Recht treffend vergleichen einige Autoren sein Aussehen mit einem Fußball, dem die Luft ausgegangen ist und nun etwas platt auf dem Boden sein Rollen aufgegeben hat. Es hilft nichts, es bleibt uns nur der Blick in den mythologischen Symbolgehalt des Hasen. 
In der Antike wurde der Hase als beliebtes Jagdtier der Inbegriff nackten Opferexistenz, die nur durch ständiges Häschen-in-die-Welt-setzen sein Überleben sichern konnte. So mauserte sich der Hase zum Symbol der Fruchtbarkeit und der sexuellen Libido  (So langsam kommen wir der Namensbedeutung von Lycoperdon utriforme auf die Spur.)
Sexuelle Libido und Fruchtbarkeit gingen als Elemente auch in die christlich geprägte Symbolik ein, weshalb - wie nicht anders zu erwarten - der Hase in sich das Böse und das Gute trug. So findet man einerseits auf christlich inspirierten Darstellungen die Mutter Gottes mit einem Hasen assoziiert, was eine göttlich inspirierte Fruchtbarkeit symbolisieren könnte. Diese Fruchtbarkeit steht auch in dem Zusammenhang der Auferstehung, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass ausgerechnet der Hase zum Paradetiertier des Osterfestes wurde. 
Den Gedanken der Auferstehung griff auch Joseph Beuys auf, für den der Hase das Symbol der Inkarnation war. Er inkarniere sich sozusagen, indem er sich eine Mulde in die Erde gräbt, in der er aus Erde Hase wird. 
Doch die sexuelle Libido war dem Christentum natürlich suspekt. So stellte der Hase in einer anderen Symbollinie den Weg in die Verdammnis dar. 
So, es reicht, sonst vergessen wir ja ganz, dass es in diesem Beitrag um einen Pilz gehen soll.
Ich stelle nach dem ganzen Vorgeplänkel die gewagte These auf, dass die Fruchtbarkeitssymbolik des Hasen verantwortlich für die Namensgebung des Hasen-Bovisten ist.  Er wächst normalerweise auf Mager- und Halbtrockenrasen und bevorzugt sandigen, aber auch lehmigen Boden. Und gefällt ihm ein Standort, dann sprießen die Fruchtkörper nur so um die Wette aus dem Boden, dass er bald für einen neuen Fruchtbarkeitskult zum Symbolpilz avancieren wird. Er treibt es eben wie die Karnickel respektive Hasen. (So scheint in ihm auch der Weg zur Verdammnis angelegt zu sein.)
Trotzdem steht Lycoperdon utriforme auf der Roten Liste auf der Stufe 3 (sowohl im gesamten Deutschland als auch in Nordrhein-Westfalen) der bedrohten Pilzarten. Oh Gott, verliert unser Pilz die sexuelle Lust? Nein, glücklicherweise ist das nicht der Fall. Schuld an seiner bedrohten Existenz ist das Schwinden der Lebensräume, in denen er wachsen kann. Mager- und Trockenrasen sind im Zuge des Wandels der Feldbewirtschaftung selten geworden, was Lycoperdon utriforme leider wieder dem antiken Bild des Hasen als Opfertier näher bringt. So fand ich die Fruchtkörper auch in einem Naturschutzgebiet am Niederrhein, das sich durch sandige Magerrasen auszeichnet. Und ja, nach diesem Gebiet zu urteilen, müssen wir uns um die sexuelle Libido wirklich keine Sorgen machen.
Eine weitere Merkwürdigkeit des Hasen-Bovisten ist, dass man sich nicht einigen kann, in welche Gattung er überhaupt gehört. Familiär ist er mir den Champignonsartigen verwandt, doch dann wird es kompliziert. Neben Lycoperdon utriforme heißt er: Bovista utriformis, Utraria utriformis, Calvatia utriformis und Handkea utriformis. Und sein gültiger momentaner Name ist seit 2017 Bovistella utriformis. Tja, mal schauen, welche Namensveränderungen unser Pilz in Zukunft noch durchmachen wird. Ich bleibe stur bei Lycoperdon utriforme, obwohl meinen morbiden Geist besonders Calvatia utriformis anspricht, bezeichnet doch "calva" im Lateinischen den Schädel. Der Schädelförmige. Es schließt sich der Kreis. Der knöcherne Schädel, der Totenkopf beherbergt in seinem Inneren die sexuelle Lust und Fruchtbarkeit, den Tod in sich ewig wiederholenden Auferstehungen in das Leben hineinzuziehen.
Ein Abruptum mal wieder zum Schluss: er ist, wenn sein Fleisch noch innen weiß ist, essbar. Was seinen lukullischen Genuss angeht, sind die Meinungen wie immer heillos diametral gegenübergestellt: von vorzüglicher Speisepilz bis ungenießbar, aber ungiftig ist alles vertreten. Eine bedrohte Art sollte man jedoch sowieso nicht für Speisezwecke sammeln. So ist das fehlende Stück am Fruchtkörper des unteren linken Fotos auch nicht meinem Heißhunger geschuldet. Ich gehe davon aus, dass eine Schnecke ihre Zähne in den Leib der nackten Existenz des Hasen trieb.   

Der voreilende Ackerling

(04.06.2019)


Das Wesen der Hast

Da jetzt Anfang Juni die Holunderblüte schon längst den Frühsommer eingeläutet hat, hinkt Rotten Trees - im Gegensatz zu dem Pilz, der in diesem Beitrag vorgestellt wird - zeitlich hoffnungslos zurück. Der voreilende Ackerling - Agrocybe praecox - ist ein typischer Vertreter der Frühlingsmonate und kann recht häufig zwischen April und Juni (also doch alles in bester Ordnung) an Wegesrändern in Wäldern und Parks an mehr oder weniger grasbewachsenenen Stellen gefunden werden. Wählerisch in Sachen Bodenbeschaffenheit scheint er nicht zu sein, was seinem Charakter als Voreilenden jedoch auch nicht gut bekäme. Wer so beschaffen ist, darf keine Ansprüche an seine Umgebung erheben. Bevor wir jedoch auf die Oberflächen- und Tiefenstruktur seines Wesens zu sprechen kommen, müssen noch einige Punkte erwähnt werden, deren erster in seinem Geruch begründet liegt. Diesen teilt er sich nämlich mit dem anderen "klassischen" Frühlingspilz, der im vorhergehenden Beitrag vorgestellt wurde: dem Mairitterling. Wie dieser riecht Agrocybe praecox recht intensiv nach Mehl, was ihn bei Berücksichtigung seines Aussehens (gelblicher Hut, Neigung zur Buckelbildung, heller Stiel mit Ring, der durch das Sporenpulver braun werden kann und ausgebuchtet angewachsene und leicht herablaufende Lamellen) recht einfach bestimmen lässt. Ha, weit gefehlt. Beim Auffinden der Fruchtkörper, die am Wegesrand in der Nähe eines kleinen Sumpfgebietes wuchsen, hatte ich nicht die Spur eines Zweifels, dass es sich um den voreilenden Ackerling handeln müsste. Als fleißiger Besucher diverser Pilzforen im Internet bekam meine Bestimmungssicherheit jedoch leichte Risse. Eingestürzt ist sie letztendlich aber nicht. In einem Forum wurde bei einem eingestellten Ackerling die Frage erörtert, ob es sich bei ihm um den Sumpfwiesen-Ackerling - Agrocybe elatella - handeln könnte. Tja, und dieser kann dem voreilenden Ackerling schon recht ähnlich sehen, bildet aber insgesamt kleinere Fruchtkörper aus. Aber der Fundort: der Rand eines Sumpfgebietes. Der passt wie die Faust aufs Auge zum Sumpfwiesen-Ackerling. Und zu allem Unglück fand ich 50 Meter weiter wirklich zwei Fruchtkörper, die schmächtig und klein auf Agrocybe elatella hindeuten. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass eben genannte Pilze tatsächlich Sumpfwiesen-Ackerlinge gewesen sein könnten, die auf den Fotos zu sehenden Fruchtkörper aber voreilende Ackerlinge sind. Insgesamt sind sie zu kräftig und groß für die kleine Schwesternart.
Falls meine Leser an diesem Punkte meines Schreibens bereits eingeschlafen sein sollten, würden sie nun die schon versprochene Erörterung der Wesensmerkmale unseres Pilzes verpassen. Weiter oben sprach ich bereits in diesem Zusammenhang von der Oberflächen- und Tiefenstruktur, die nun bei Agrocybe praecox als eindimensional einebenig verstanden werden muss. Das Artepitheton "praecox" verweist - wie der deutsche Artname - auf das vorzeitige Reifen der Frucht. Verweilen wir bei dem Wort vorzeitig, das das nachfolgende "Reifen" zu negieren scheint. Vor der Zeit trägt den Nimbus des Nichteigentlichen, des Nichtexistenten und hat sich herausmanövriert aus jeglicher Form der Zielgerichtetheit von Zeit. Sic! Was ist nun ein zur Reife gelangter Pilz jenseits eines Zeitkontinuums? Ganz klar, der gereifte Kern seines Wesens hat nichts, was im eigentlichen Sinne des Wortes Wesen genannt werden darf. Ich denke, dies ist der Grund seiner Hast, vorzueilen, der Zeit voraus. Es ist das, was der kolumbianische Schriftsteller Álvaro Mutis die "Verzweiflung" genannt und was der italienische Philosoph Giorgio Agamben als "sich aufs Spiel setzen" umschrieben hat. Eine Hast, in kein Wesen hinabzusinken, der Chronologie der Zeit den Stinkefinger zu zeigen und frühreif eine nicht-wesenhafte Reifung zu zeitigen.
Gut, imaginäre Schwafelschiedsrichter wedeln vor meinen Augen bereits mit gelben Karten, weshalb ich nur noch darauf hinweisen will, dass Agrocybe praecox essbar ist. Ich habe es nicht ausprobiert, schreiben die einschlägigen Quellen doch von einer eher minderwertigen kulinarischen Qualität. Roh gekaut (das zumindest habe ich getan) hat er mehlig-bittere Geschmacksnoten, was erst einmal ja nicht gegen ein kleines Küchenexperiment spricht.

       

Der Mairitterling

(23.05.2019)


Der Drachen-Winter-Töter

Vergesst die Mär, dass der Frühling nach zarten süßen Blüten riecht. Nein, er duftet nach Mehl nach Mehl nach Mehl und treibt einen in die sinnlichen Freuden des Lebens hinein. Frühling, ich will dich mehlig. Wie kommt es nun zu der - so müssen zumindest meine Leser denken - etwas aberranten Frühlingsassoziation? Schuld daran ist natürlich wieder ein Pilz, genauer gesagt der Mairitterling - Calocybe gambosa -, den man auf den oben zu sehenden Fotos in all seiner Pracht bewundern kann. Er riecht intensiv nach Mehl, ist essbar und behält seinen Mehlgeruch auch nach der in der Pfanne vor sich gehenden Zubereitung. Und es ist ein Genuss, ihn in den ersten wärmenden Strahlen der Sonne auf dem Balkon zu verspeisen. Calocybe gambosa ist tatsächlich ein Frühlingspilz par excellence. Volkstümlich wird er auch Georgsritterling genannt und spielt damit auf den Namenstag des Heiligen - der 23.April - an. Und ab diesem Zeitpunkt kann man ihn an grasigen und krautreichen Stellen von Laub- und Auwäldern  finden. Sehr lohnenswert scheinen mir Brennnessel-bewachsene Wegränder zu sein, und hat man einmal einen Ort gefunden, an dem Mairitterlinge wachsen, kann man ihn getrost jedes Jahr von Neuem aufsuchen, denn der Pilz ist sehr standorttreu. So hat man fast das Gefühl, alte Bekannte nach einem lang andauernden Winter wieder zu treffen. Dieser Moment ist wahrhaftig ein Genuss. Wenn man den ersten Fruchtkörper aus dem Boden gedreht hat und an seine Nase führt, dann ist es so, als ob der Frühling mit all seiner Kraft in den Körper eindringt. Ja, ich weiß, pathetisch, aber riecht erst einmal an ihm, dann werdet ihr sehen, dass ich maßlos untertreibe.
Natürlich spielt der Name "Georgsritterling" nicht nur auf den Namenstag des Heiligen Georg an, sondern verweist auch auf seine Legendengeschichte. Besonders der "Legenda aurea" des Jacobus de Voragine haben wir die Vorstellung Georgs als Drachentöter zu verdanken. Natürlich darf dabei auch eine Jungfrau nicht fehlen. Diese ist Tochter des Königs von Kappadokien und befindet sich in den Fängen eines Ungeheuers, des Drachens. Georg kämpft mit dem Drachen und verletzt ihn schwer, worauf die Jungfrau das Ungeheuer zurück nach Kappadokien führt. Dort veranlasst Georg die Einwohner und den König, sich taufen zu lassen. Als schließlich alle Einwohner christlich geworden sind, tötet Georg den Drachen, und das Böse, der Schrecken, die Furcht sind aus der Welt geschafft.
Wenn man so will - und nun kommen wir auf den Titel des Beitrages zu sprechen -, ist der Mairitterling der heilige Georg, der das Böse, den Schrecken, die Furcht - den Winter - aus der Welt vertreibt. Doch keine Angst, wir müssen uns nicht taufen lassen, ist doch die Taufe in der Legendengeschichte auch nur ein Symbol für das neue Eintauchen in das Licht des Frühlings, in das Licht des neuen Lebens. 
Man kann den Symbolgehalt natürlich ganz einfach umdrehen. Wie die Geburt Christus allegorisch auf den Fliegenpilz verweist (durchstöbert den Blog, davon war schon öfters die Rede), so verweist die Georgslegende allegorisch auf den Mairitterling. Ja, kraftvolle mythische Wesen bevölkern das Pilzreich und zeugen von Lichturgewalten.
Wenden wir uns nun noch einmal abrupt der Kulinarik zu. Mittlerweile ist es zu meinen Frühlingsritualen geworden, die ersten gesichteten Fruchtkörper von Calocybe gambosa mit Zwiebeln und einigen Wildkräutern zuzubereiten. Im letzten Jahr habe ich sogar den Versuch gestartet, sie zu trocknen, um das gantze Jahr über Frühlingsgefühle bekommen zu können. Macht es bloß nicht. Der mehlige Geschmack steigert sich solchermaßen, dass von einem lukullischem Vergnügen keine Rede mehr sein kann. Der Mairitterling ist nun mal ein Frühlingspilz und sollte nur zu dieser Jahreszeit genossen werden. Und am besten nur einmal.
Noch immer stehen an meinen wohlbekannten Mairitterlingsstellen Fruchtkörper, doch ich lasse sie stehen. Calocybe gambosa ist ein Ritualpilz, der nur einmal den Winter tötet. Dies tut er aber mit solcher Kraft, dass man den Frühling über das Jahr hindurch mit sich trägt.

Die Speise-Morchel

(07.05.2019)


Der Sieg des Sisyphos

Es ist vollbracht. Der Felsen wurde auf den Berg gewuchtet und stürzte nicht wieder in die Tiefen herab. Ich scheine den Frieden mit den antiken Göttern gefunden zu haben. Über Jahre hinweg nun habe ich versucht, die Speisemorchel zu finden, und ich muss sagen, dass das ein wirklich deprimierendes Unterfangen gewesen ist. Durch Au- und Bruchwälder bin ich in den Monaten April und Mai gestreift, nur um geknickten Hauptes und mit leerem Korb aus den Waldestiefen wieder hinauszukommen. Keine Esche auf meinen Wegen gab es, deren nähre Umgebung nicht systematisch abgesucht worden ist. Auch bei Obstbäumen machte ich halt und inspizierte das unter ihnen wachsende Gras. Nichts, kein kleines Zipfelchen, das sich zwischen den Grashalmen hinauswagte. Mit den eben geschriebenen Sätzen habe ich eigentlich auch ganz gut das Habitat der Speisemorchel - Morchella esculenta - umschrieben: Unter Eschen, Obstbäumen und in Au- und Bruchwäldern kann sie vorkommen. Zu nennen wären noch Rindenmulch und die Nähe zu fließendem Wasser in Form von kleinen oder größeren Bächen. In diesem Jahr hat zu meinem Sammelerfolg ein Umstand geführt, den ich bisher bei der Speisemorchelsuche sträflich vernachlässigt habe, der jedoch - so zumindest meine ich nun - von fundamentaler Wichtigkeit für eine erfolgreiche Morchelsuche ist: kalkhaltiger Boden. Ja, Morchella esculenta scheint eine Vorliebe für diesen Untergrund zu haben. Deshalb machte ich mich Ende April auf in die Eifel - genauer gesagt in die Kalkeifel - und wurde auf einem Wanderweg, den ich gehen wollte, schon bald belohnt. Ein Teil des Weges führte an den idealen Wachstumsorten von Morchella esculenta vorbei: eine Esche nach der anderen und ein kleiner Bach floss ungefähr dreißig Meter entfernt in einem kleinen Tal. Ich muss zugeben, dass die Morchelsuche schon bald rauschhafte Züge annahm. Die Umgebung jeder einzelnen Esche untersuchte ich akribisch und krabbelte unter Schlehen und Weißdornbüsche, die oft zwischen den Bäumen standen. Auch ihre Dornen spürte ich nicht und erst als das Blut meiner dornengeritzten Haut in größeren Tropfen auf den Boden fiel, verlegte ich die Suche auf die etwas offeneren Grasflächen zwischen den Bäumen. (Nunja, ich übertreibe - Am Ende begnügte ich mich mit sechs Fruchtkörpern, da ich noch am Anfang der Wanderung stand und sie tatsächlich auch noch zu Ende gehen wollte). Tja, wo befindet sich wohl dieser Morchel durchtränkte Ort?  Ha, seid versichert, selbst unter den Folterwerkzeugen der spanischen Inquisition werde ich ihn nicht verraten, obwohl ich bei anderen Speisepilzen keine großen Bedenken habe, die Fundstellen anderen Sammlern mitzuteilen. (Tja, naive Bedenkenlosigkeit ist eine meiner großen Stärken.) Aber nein, bei Morchella esculenta verstehe ich keinen Spaß. 
Zu Hause stellte ich mir die Frage, wie ich sie zubereiten sollte. Ich entschied mich für die Variante, sie erst einmal zu trocknen, da durch den Trocknungsvorgang der Geschmack intensiviert werden soll. Nach dem Trocknen legte ich sie in Wasser, um sie wieder aufzuweichen und briet sie nur mit Zwiebeln, Pfeffer und Salz, wobei ich das Ganze mit dem Wasser, in dem die Pilze aufweichten ablöschte und einreduzieren ließ. Etwas mulmigen Respekt hatte ich schon, denn es wird von einigen Quellen von einem Morchella-Syndrom berichtet, das anscheinend von einem hitzestabilen Gift in der Morchel verursacht werden kann. Dieses Gift ist noch nicht identifiziert, und man geht davon aus, dass es sich erst in sehr alten Fruchtkörpern bildet. Die Symptome beginnen ungefähr nach fünf Stunden des Pilzverzehrs und äußern sich in Bauchweh, Brechreiz und Durchfall. Nach 12 Stunden kommen neuronale Störungen: Schwindel, Sehstörungen und Trunkenheitsgefühl hinzu. Mensch, psychoaktiv kann die Speisemorchel also auch. Nun, diese Vergiftung ist extrem selten, aber man weiß ja nie. Zur Beruhigung: Die Symptome klingen nach weiteren 12 Stunden wieder ab und zeitigen keine bleibenden Schäden.
Schließlich hatte ich das Morchelgericht auf dem Teller und verspeiste es mit frischem Brot. Ging ich in den Jahren davor davon aus, dass der Morchelhype irgendwie mit dem Geschmack des Pilzes nicht mithalten könnte, muss ich nun enthusiastisch feststellen, dass die Morchelbegeisterung zurecht existiert. Ein wundervoller Geschmack, der noch Stunden nach der Mahlzeit mit einer angenehmen würzigen Note im Mund und in der Nase blieb. So was habe ich bei Pilzen bisher noch nicht erlebt und Morchella esculenta gehört von jetzt an auf jeden Fall zu meinen Top 5 der Lieblingsspeisepilze. 
Als Euphoriebremse können folgende Zeilen dienen:
Eigentlich müsste der lateinische Artname durch ein s.l. erweitert werden, also so: Morchella esculenta s.l.. "S.l." steht für senso largo, was man mit "im weitesten Sinne" übersetzen könnte. An anderer Stelle hatte ich schon einmal geschrieben, dass in Folge der Gensequenzierungen die Pilzwelt kopfüber steht. Morchella esculenta gehört nun zu einem Artkomplex, zu dem mindestens sechs verschiedene Pilze gehören. Allerdings weiß man noch nicht, wie man sie makro- und mikroskopisch bestimmen kann. Ja, leckomio, irgendwie habe ich aus meiner laienhaften Sicht heraus den Eindruck, dass Gensequenzierungen etwas fragwürdig werden, wenn man morphologisch keine Differenzmerkmale herausarbeiten kann. Aber anscheinend wird gerade daran geforscht. Betrachtet man weiter die Spitzmorcheln und Käppchenmorcheln, so sollen gar um die 60 verschiedene Morchelarten gefunden worden sein. So geil ich es auch finde, Pilze zu bestimmen: Hier rufe ich ein gekonntes "Basta ya" in die Welt hinein. 

Der schuppige Stielporling

(29.04.2019)


Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Der Titel dieses Beitrages bezieht sich nicht auf das ästhetische Erscheinungsbild des schuppigen Stielporlings - Polyporus squamosus -, denn meine verehrten Leser werden mir beistimmen, wenn ich sage, dass in Fragen des Stils unser Stielporling sich nicht vor der Haute Couture des Pilzreiches verstecken muss. Ganz im Gegenteil muss davon ausgegangen werden, dass er in jener glamourösen Welt eine hervorgehobene Rolle spielen wird. Die sanft geschwungenen Linien seines Körpers strahlen Eleganz und Formbewusstsein aus. Die Farbgebung seiner Hutoberfläche ist dezent gewählt und ein gesättigtes Gelb des Randes bleicht zur Mitte hin immer weiter aus, um am Stielansatz ein fast reines Weiß erreicht zu haben. Dieses reine Weiß verbirgt Polyporus squamosus gekonnt unter schwarzen Schuppen, die sonst auch mal heller und mal dunkler seine übrige Hutoberfläche bedecken. Betrachtet man im Besonderen das linke untere Foto, macht es fast den Anschein, als ob ein geflügeltes Wesen auf den Pilzleib geprägt wurde. Endlich ist der Beweis erbracht: Nicht nur Menschen lassen sich, dem Körper huldigend, Tattoos auf die Haut stechen. Auch der schuppige Stielporling hebt hier gekonnt und mit dem Blick des Connaisseurs seine natürliche Schönheit hervor. Gott, was für ein eitler Fratz. Nein, so urteilen nur Neider, die nicht so reich von der Natur beschenkt wurden. Gleichzeitig entwickeln die schwarzen Schuppen in der Nähe des Stielansatzes eine ganz eigene Form von Dynamik. Vom Hutrand ausgehend, scheint eine Bewegung zu entstehen, die in den schwarzen Schuppenstrudel hineingerissen wird, um den Stiel entlang in die Tiefe zu rasen. Sanftheit, Dynamik, Körperbewusstsein - Geschmacksurteile können hier nur eindeutig sein.
Viel profaner, aber durchaus sinnlich, bezieht sich der Titel auf den Speisewert des Pilzes.
Einig ist man sich, dass Polyporus squamosus essbar ist. Doch dann bereits scheiden sich die Geister. Von vielen wird er als "minderwertig" und fad bezeichnet. Tja, ich muss gestehen, dass ich zu dieser Gruppe der Vielen gehöre. Im letzten Jahr probierte ich ihn - in der Pfanne mit Zwiebeln, Salz und Pfeffer zubereitet. Ich habe zwar den Teller aufgegessen, doch ein Genuss war das wirklich nicht. "Fad" ist eigentlich ein passendes Adjektiv für seine kulinarischen Qualitäten, aber auch ein sehr subjektives. In einem Pilzforum wurde ein Thread gestartet, in dem die Forumsteilnehmer Pilze geschmacklich mit Hilfe einer Skala von 1-10 (wobei 1 der schlechte, 10 der beste Wert ist) bewerten sollten. Wie staunte ich nicht schlecht, als  Polyporus squamosus von einigen Teilnehmern mit dem höchsten Wert 10 ausgezeichnet wurde. Meine erste abwehrende Haltung ging natürlich in die Richtung, dass diese Menschen völlig geschmackssynapsenamputierte Wesen sein müssten, die wahrscheinlich nur mit Müh und Not Salz von Zucker unterscheiden können.  Oder habe ich was bei der Zubereitung falsch gemacht. Nein, letztendlich wird es das sein, was schon im Titel zu lesen war: Geschmack ist eine rein subjektive Welterfahrung.
Doch natürlich kommt mir ein mich niederschmetternder Gedanke: Vielleicht offenbart der Pilz sein Geschmackspotential denjenigen, die in sein Wesen schauend eingelassen wurden, die sein Sein aus Eleganz, Dynamik und Sanftheit sympathetisch aufgespürt haben. Sozusagen die Eingeweihten, zu deren Zahl ich mich nicht zählen darf.
Frustriert und deprimiert bleibt mir nur die Aufgabe des Massenmenschen, der noch nicht vom Daimon wachgeküsst wurde: die Aufzählung von langweiligen Fakten: Polyporus squamosus ist ein Frühlingspilz, der besonders in den Monaten April und Mai seine Fruchtkörper an alten und geschwächten oder bereits abgestorbenen Laubholzstämmen bildet. Mit zunehmendem Alter werden die Fruchtkörper immer gelber und der Stiel nimmt oft eine schwarze Farbe an. Dann ist auf jeden Fall der Zeitpunkt gekommen, auf kulinarische Experimente mit ihm zu verzichten. In seiner Erscheinung ist er auch recht einzigartig, weshalb die Gefahr, ihn mit giftigen Pilzen zu verwechseln, verschwindend gering ist.
Also wagt den Versuch und schaut, ob ihr in den Kreis der Erlesenen aufgenommen werdet. 

Die Riesenlorchel

(08.04.2019)


Ein etwas anderer Frühlingsbote

Kam in dem letzten Beitrag der frühe Mürbling als zarter, zerbrechlicher erster Hauch des Frühlings daher, präsentiert sich die Riesenlorchel - Gyromitra gigas - als monströser, missgestalteter Bote des neuen Lebens. Lappenartig, gehirnwindenförmig scheinen verschiedene Wesen ineinander gequollen zu sein und sind im ersten Sonnenlicht zu einem durchaus skurrilen Gesamtkunstwerk geronnen. Ja, viel gemeinsam scheint die Riesenlorchel nicht mit dem frühen Mürbling zu haben. Gyromitra gigas gehört zu den Schlauchpilzen, was bedeutet, dass ihre Sporen in Schläuchen - sogenannten Asci - gebildet werden. Bei Reife platzen die Asci auf und werden über die Oberfläche des Hutes verbreitet. Ich gehe davon aus, dass in den engen Windungen unseres Pilzes abertausende von Sporen hängengeblieben sind und verzweifelt versuchen, die verstopften Gänge zu verlassen. Gnade uns Gott, wenn Sporen schreien könnten. Unsere Waldeinsamkeit würde zum akustischen Schauplatz des dröhnenden Flehens um Erlösung. 
Gefunden habe ich das Exemplar der Riesenlorchel zwischen vermodernden Laubholzstämmen und 
-ästen, was recht typisch für ihr Vorkommen ist. Sie lebt saprobiontisch in Laubwäldern, kann jedoch manchmal auch auf Kahlschlägen gefunden werden. Eigentlich hatte ich mir für dieses Frühjahr vorgenommen, endlich einmal die Frühlingslorchel und Morcheln zu finden. Jede freie Minute geht es nun in die Natur hinein, um das Finderglück zu erzwingen. Bisher völlige Fehlanzeige. Während in den Pilzforen die Sammler stolz ihre ersten Morchelfunde präsentieren - ich könnte kotzen - bleibt mein Sammelkorb kontinuierlich leer. Die gesamte Gattung der Morcheln hat sich gegen mich verschworen, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass zwischen ihnen eine geheime Kommunikation stattfinden muss. Wenn sie mich den Waldweg entlangkommen sehen, warnen sie sich gegenseitig und verschwinden im Erdboden und tauchen erst dann wieder auf, wenn ich an ihnen vorbeigegangen bin. Tja, April und Mai, die Monate, in denen sie wachsen, sind ja zum Glück noch nicht vorbei, aber große Hoffnung habe ich eigentlich nicht. Und auch die Frühlingslorchel - eine Verwandte der Riesenlorchel - hat sich, obwohl sie eine recht häufige Art ist, bei mir noch nicht blicken lassen. Um so  überraschter war ich, als ich Gyromitra giga fand, da sie recht selten ist und auf der Roten Liste der gefährdeten Arten als gefährdet eingestuft wird.  
Bevor wir noch einmal auf ihr Erscheinungsbild zu sprechen kommen, seien ein paar Worte zu ihrem Speisewert angeführt. Nun, an sich erübrigt sich dessen Erörterung aus dem Grund, dass man gefährdete Arten nicht unbedingt verspeisen sollte. Doch man weiß ja nie, vielleicht trifft man ja mal auf ein Waldstück, das nur so übersät mit Riesenlorcheln ist, so dass die Entnahme von ein paar Fruchtkörpern die Art nicht in ihrem Bestand gefährdet. Doch selbst dann sollte man die Finger von Gyromitra gigas lassen. Wie ihre nahe Verwandte - die Frühlingslorchel - gilt sie zumindest in Mitteleuropa als tödlich giftig. Schuld daran ist der chemische Stoff Gyromitrin, das im Körper zu Monomethylhydrazin umgewandelt wird, das im schlimmsten Falle zum Leberversagen des Menschen führen kann. Nichtsdestotrotz wird Frühlings- und Riesenlorchel besonders in Osteuropa gerne gegessen. Dies liegt in dem Stoff Gyromitrin selbst begründet, da er bei einer Temperatur von über 85 Grad zerstört wird. Auch die Trocknung der Pilze soll das Gift teilweise abbauen. So sollten die Lorcheln getrocknet und dann zweimal für längere Zeit gekocht werden, wobei nach dem ersten Kochgang das Kochwasser weggeschüttet werden sollte. Und ja nicht in der Küche bleiben. Schon der Wasserdampf wirkt giftig. Nun, was soll man davon halten? Die Pilze müssen ja schon verdammt lecker sein, wenn man solch eine komplizierte und latent gefährliche Zubereitungsmethode zelebriert. Doch die Natur ist launisch. Unterschiedliche Fruchtkörper derselben Art können unterschiedliche Konzentrationen von Gyromitrin haben, sodass nicht sichergestellt ist, dass durch die hohen Temperaturen wirklich der gesamte Stoff abgebaut wird. In Russland machen die Vergiftungen mit der Frühlingslorchel immerhin 45% der gesamten Pilzvergiftungen aus. Und wer jetzt immer noch mit dem Gedanken spielt, die Lorcheln zu Speisezwecken zu sammeln, dem sei noch auf den Weg gegeben, dass Gyromitrin auch krebsauslösend sein kann. Gut, ein russischer Pilzsammler wird sich beim Lesen dieser Zeilen nur verständnislos den Kopf schütteln und ausrufen: Ach Germanski, von Pilzen verstehst du gar nichts.
Kehren wir zu guter Letzt in die geschwungenen, ausufernden Windungen von Gyromitra gigas zurück. Der weiße Stiel, den man ansatzweise auf dem rechten unteren Foto erkennen kann, scheint unter ihrem Gewicht förmlich in den Erdboden gedrückt zu werden. Alles an der Frühlingslorchel ist wucherndes Wachstum, was seiner Stellung als Frühlingspilz gut zu Gesicht steht. Nur ist seine Stimme nicht sanft wie die der kleinen schüchternen Blütenpflanzen, sondern sind hier wallend, Crescendo auf Crescendo türmend, andere Kräfte am Werk.   

Der frühe Mürbling

(28.03.2019)

Die Qualen der Pilzbestimmung

Ja, glaubt es oder glaubt es nicht. Das harmlose Hobby der Pilzbestimmung kann in die Abgründe der höllischen Reiche führen. Gekonnt, wie mein Schreibstil nun mal ist, werde ich aber zuerst einen kleinen Suspense zwischen den ersten zwei Sätzen und ihrer etwas späteren einsetzenden Fortführung legen. Mensch, ich habe es voll drauf. Zuerst möchte ich nämlich in bester Manier des Eigenlobes darauf hinweisen, wie thematisch stringent die beiden letzten Beiträge dieser Seite aufeinander aufbauen. Konnte man in der letzten Veröffentlichung von dem Winterhelmling lesen, so wird nun ein Vertreter der Frühlingspilze bedacht, wodurch ersichtlich wird, dass Rotten Trees sich in einem natürlichen Fluss der Jahreszeiten bewegt. Den frühen Mürbling - Psathyrella spadiceogrisea - fand ich letzte Woche an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Die unteren Fotos zeigen den ersten Fund in einem Laubwald in der Bröcke. Die oberen Fotos entstanden einen Tag später in dem Laubwaldgebiet von Bad Bentheim. War das Bad Bentheimer Exemplar ein klassischer Einzelgänger, so zeigen sich die Pilze aus der Bröcke büschelig bis gesellig wachsend zwischen den verdorrten Buchen- und Eichenblättern. Psathyrella spadiceogrisea ist also für verschiedene Lebensformen offen. Sowohl das laute triebsame Miteinander als auch die stille einsame Einkehr scheinen Optionen in seinem kurzen Erdenleben zu sein. Oder ist der Bad Bentheimer Mürbling etwa ein im Scherbengericht gezeichneter Ausgestoßener, der die Polis des Mürblingsreiches verlassen musste und nun vogelfrei auf sein Ende wartet? Nun, sei es wie es sei, unter ästhetischen Aspekten ruht das Auge sicherlich wohlwollender auf ihm als auf seinen etwas speckig glänzend wirkenden Artgenossen aus der Bröcke. Doch kommen wir nun endlich auf die im Titel versprochenen Qualen zu sprechen. Die Bestimmung der zwei Pilzgruppen hat mich tatsächlich einige Tage beschäftigt, und ich muss gestehen, dass ich mir zwar alle erdenkliche Mühe gegeben habe, den zwei Pilzgruppen haftet jedoch ein letzter Identitätsrestzweifel an. Nun könnte man denken, dass im Frühjahr das Pilzbestimmen eine relativ einfache Angelegenheit ist. So viele von ihnen gibt es noch nicht, denn sie warten lieber die Stunden ab, in denen das Licht abnimmt und sich langsam Dunkelheit über die Erde legt. 
Weit gefehlt. Psathyrella spadiceogrisea gehört einer Gruppe unter den Mürblingen/Faserlingen an, die sich makroskopisch und mikroskopisch furchtbar ähnlich sehen. Als Beispiel sei Psathyrella fatua - der tonblasse Mürbling - angeführt. Ich habe gefühlt Stunden damit verbracht, die Merkmale von P. fatua mit denen von P. spadiceogrisea zu vergleichen. Letztendlich ähneln sie sich wie ein Ei dem anderen. Tendenziell hat der frühe Mürbling enger stehende Lamellen, was bei unseren Pilzen der Fall zu sein scheint. Als mikroskopisches Unterscheidungsmerkmal gehen bestimmte Quellen auf die unterschiedliche Sporenwanddicke ein. So ganz gesichert scheint das aber noch nicht zu sein. Ja, leck mich doch, bei Sporenwanddicke hört der Bestimmungsspaß wirklich auf. Tja, wenn es denn nur Psathyrella fatua wäre. Nein, auch andere Mürblinge der Gruppe können glatt als Zwillinge durchgehen. Bei meinen Recherchen stieß ich auf Psathyrella cascoides, der erst vor kurzem in Bielefeld das erste Mal entdeckt worden ist. Ha, und da sage noch einer, die Stadt gebe es nicht. Für die Mürblingswelt hat sie auf jeden Fall schon einmal Geschichte geschrieben. In einem Pilzforum konnte man mehr oder weniger live miterleben, wie diese neue Pilzart gefunden und bestimmt worden ist. Zuerst ging man auch davon aus, dass es Psathyrella spadiceogrisea sein müsste. Dem Mürblingsspezialisten des Forum gefielen jedoch einige Details nicht, sodass der Pilz genetisch sequenziert wurde. Das Ergebnis: Die Geburt von Psathyrella cascoides. Dem Finder des Pilzes wurden in der Bielefelder lokalen Presse sogar einige Artikel gewidmet. Nun, was ich andeuten wollte ist, dass die Bestimmung der Pilze aus der Gruppe um Psathyrella spadiceogrisea wirklich keinen Spaß macht.
Betrachten wir lieber voller Freude die Fruchtkörper des Mürblings, der wie die Frühjahrsblumen das neu beginnende Leben symbolisiert. Ob er sich nun spadiceogrisea, fatrua, cascoides oder sonstwie schimpft, spielt in kosmischen Dimensionen zum Glück nur eine untergeordnete Rolle.  

Der Winterhelmling

(18.03.2019)


Man mag es kuschelig

Während die Blog-Seite schon längst den Frühling eingeläutet hat, hängen unsere lieben Pilze zeitlich etwas zurück, was sie aber umso sympathischer macht. Nein, genormt und getaktet funktioniert die Welt des Mykos nicht. Doch natürlich habe ich etwas nachgeholfen, denn gefunden habe ich die Winterhelmlinge - Mycena tinntinabulum - bereits Anfang November in zwei unterschiedlichen Laubwäldern. Man wird ohne Schwierigkeit feststellen, dass die unteren an einem anderen Ort als die zwei oberen Fotos gemacht worden sind. Präsentieren sich erstere in verschiedenen Grauschattierungen, die manchmal etwas Braun mit eingesprenkelt haben, so warten letztere mit allerlei Brauntönen auf. Gerieft sind die Hüte beider Kollektionen und auch ein weißer "Zähnchensaum" der Hütchen ist bei beiden Gruppen festzustellen. Wenn es feucht ist, haben die Hüte die Tendenz schmierig und klebrig zu werden, was man auf den Fotos der unteren Gruppe auch gut nachvollziehen kann. Helmlinge wachsen nun in allen erdenklichen Formen: Es gibt diejenigen, die eher der Einsamkeit frönen, andere, die zu zweit als monogames Pärchen ihr oberirdisches Dasein fristen und dann wiederum solche, die in Scharen gesellig, aber mit dem gehörigen Anstandsabstand zueinander wachsen. Der Winterhelmling gehört der Kuschelfraktion unter den Helmlingen an. Dicht an dicht gedrängt wachsen sie aus Laubholzstümpfen oder gefällten Stämmen - die allerdings schon etwas angemorscht sein müssen - dem Licht entgegen. Die Exemplare, die bei dem wilden Durcheinander das Pech haben, kein Licht abzubekommen, müssen auf die schönen dunklen Farben verzichten und bleiben mehr oder weniger weiß. So kann auch der lustige Farbverlauf der Hütchen der Winterhelmlinge auf den unteren Fotos erklärt werden. Ein paar Tipps für ein gelungenes Bräunen könnten sie wahrlich gebrauchen.
Doch ein Helmling wäre kein Helmling, wenn er nicht mit außergewöhnlichen Fertigkeiten seine Umwelt verängstigt. Zunächst sei hier der lateinische Artname angeführt: Mycena tinntinabulum. Tinntinabulum - wenn Grufties und Emos sich für Pilze interessieren würden, dann wäre der Winterhelmling ihr Pilz. Mittelalterlichen Gruften entsteigend hallt der Name durch die winterlichen Laubwälder und auch farblich passt er sich ja ganz gut den todesaffinen Szenen an. Das Gruften entsteigende Hallen ist tatsächlich seinem Namen eingeschrieben, bezeichnet tinntinabulum doch eine Glocke im Lateinischen. Und es muss eine Todesglocke sein. 
Ein zweiter Aspekt nun am Winterhelmling rückt ihn in das Reich des Unheimlichen, des wiedergängerischen Diffusen. Ich hoffe, meine Leser werden mich nun nicht für völlig plemplem erklären, doch schaut euch das untere linke Foto genauer an und verweilt bei dem Pilz, der recht mittig zwischen zwei Artgenossen eingeklemmt in der rechten Bildhälfte zu sehen ist. Klar und deutlich schälen sich eine kahle Stirn, zwei eingefallene Augen, ein Ohr und eine nach links verschobene Nase hervor. Ein Gesicht hat sich in den Hut eingeprägt. Ich merke förmlich, wie die ersten kalten Schauer meinen Rücken hinunterperlen. Ein verzaubertes Wesen, ein inkarniertes Etwas, das sich in dem Pilzkörper manifestiert und auf eine Deutung wartet. Es scheint von der Form ein Hybrid zwischen Calderon de la Barca und Miguel de Cervantes zu sein (mit ein bisschen Sean Connery) - lacht nicht, ich habe ein umfangreiches Bildvergleichsstudium durchgeführt. So ist nun auch das "Leben ist ein Traum"-Motiv und das postmoderne Momentum der auflösenden Konturen der Wirklichkeit bei beiden Autoren präsent und ihrem Werk eingeschrieben. Und der Winterhelmling? Ihm sind beide Elemente sozusagen in den Pilzleib gefräst und ich gehe davon aus, dass in der kurzen Spanne ihres Pilzfruchtkörperlebens fröhliche Poetry-Battles abgehalten wurden, zu denen die dunklen Todesglocken von Mycena tinntinabulum den Takt läuteten. 

Der Eichen-Zystidenrindenpilz

(10.03.2019)


Mondlandschaften

Erst gestern gefunden, präsentieren sich die Fruchtkörper des Eichen-Zystidenrindenpilzes - Peniophora quercina - schon heute auf der Homepage Rotten Trees. Wenn das mal nicht zeitnahes Funddokumentationsschreiben ist. Was erst einmal wie eine etwas unappetitlich anmutende Hautkrankheit aussieht, ist in Wirklichkeit tatsächlich ein Pilz, und ich kann euch versichern, dass er nur so von Gesundheit strotzt. Wie der Name Eichen-Zystidenrindenpilz nahelegt, wuchs er auf einem abgefallenen und zerbrochenen Eichenast, obwohl er in einigen Fällen auch auf Buchenholz und gelegentlich auch auf anderen Laubhölzern wachsen kann. Eichen sind jedoch sein bevorzugtes Substrat, das er der unwiederbringlichen Vermorschung zuführt. Während andere Rindenpilze in bestimmten Phasen der Holzzersetzung fruchten, ist Peniophora quercina nicht so wählerisch: Man findet ihn sowohl auf relativ frischem Totholz als auch an Ästen, die die besten Tage ihres Dahingeschiedenseins schon hinter sich gebracht haben. Bevor ich nun auf die wirklich spektakulär zu nennenden Fruchtkörper zu sprechen komme, sei noch angefügt, dass im Gegensatz zu anderen Rindenpilzen Peniophora quercina relativ einfach makroskopisch anzusprechen ist. Das Dunkelrötliche bis -violette Farbenspiel, verbunden mit den auf der Fruchtschicht sich aufwölbenden Quasten, verbindet sich mit der Tendenz der Ränder, sich vom Substrat zu lösen, zu einer doch einfachen Bestimmungsübung, In etwas trockenem Zustand können die Ränder wie aufgerollt wirken, sodass man meinen könnte, es mit abpellender Rinde des Astes zu tun zu haben. Verweilen wir noch etwas bei der Ästhetik des Eichen Zystiden-Rindenpilzes. In seiner krustenartigen und wachsgleich glänzenden Form ist er ein Wesen, das durch tausend Wüsten hindurch gegangen ist, tausend Peitschenhiebe in seinem Antlitz erdulden musste und in tausend Stürmen seine Rindenhaut den Elementen entgegen gehalten hat. Aufgequollen, zerfurcht, mit Kratern zerpflügt stellt er die nackte Existenz des Überlebens dar. Ja, wie von einer anderen Welt auf den Eichenast gesunken, fristet er sein Dasein, das solange währen wird, wie es den Eichenast gibt. Wenn man so will, frisst er sich zu Tode, doch vorher hat er unzählige Sporen produziert und das Überleben seiner Art gesichert. Doch vielleicht beamt er sich auch kurz vor dem Ende des Eichenastes zurück in seine extraterrestrische Welt, aus der er gekommen ist. Mondlandschaftsgleich ist - finde ich - eine ganz passende Beschreibung seines Äußeren. Diese Landschaftsform zieht nun - neben fotographierenden Menschen - auch andere Lebewesen an. Ganz versessen scheint die Nacktschnecke auf dem unteren rechten Foto auf Peniophora quercina zu sein. Es macht den Eindruck, als wollte sie zwischen den Pilzflächen hindurch ins Holz hinabsteigen, aber wahrscheinlich weidet sie nur die leckeren Pilzhyphen ab. Was für die Schnecke ein festliches Mal ist, ist für den Menschen, parallel zu den weiter oben aufgeführten Assoziationen, eine weite aufgewühlte Ödnis. Zu hart, um gekaut zu werden, belässt man den Eichen-Zystidenrindenpilz besser auf seinem Eichenast. Den Namen "Zystidenrindenpilz" verdankt er übrigens seinen mikroskopischen Strukturen, die u.a. spitz zulaufende Zellen besitzen, die Zystiden genannt werden. Häufig ist der Pilz auch. Nur - laut Wikipedia - tut sich eine rätselhafte Verbreitungslücke im rechtsrheinischen Nordrhein-Westfalen auf. Weiß der Teufel, was unserem Pilz dort nicht gefällt. Die einzige mir plausibel erscheinende Theorie ist folgende: Als Sinnbild des nackt bloßgestellt Leidenden, in Mondfurchen Lebenden, ist ihm der rheinische Frohsinn ein Greul. Gefunden habe ich ihn dementsprechend auch im linksrheinischen Lank Latum. Zwar ist der Rhein nicht weit, doch kann sich unser Exemplar von Peniophora quercina erleichtert die Schweißtropfen aus der Stirn wischen: Puh, gerade noch einmal gut gegangen. 

Der Wakefielder Saftporling

(04.03.2019)


Ein Pilz wird kartiert

Der deutsche Name Wakefielder Saftporling gibt es eigentlich gar nicht und stellt eine Erfindung meinerseits dar. Trotz ausgedehnter Suche ist es mir nicht gelungen, einen "offiziellen" deutschen Namen zu finden, was daran liegt, dass Tyromyces wakefieldiae (so der lateinische Artname) ein ausgesprochen seltener Saftporling ist. Saftporlinge bilden Fruchtkörper aus, die pileat (hütchenbildend) bis resupinat wachsen können. Tyromyces wakefieldiae bildet, wie auf den Photos zu sehen ist, auf vier "Stockwerke" verteilt, weit in die Breite ausgreifend, Hütchen aus, deren Ränder wellig-onduliert in den dunklen Fichtenwald hineinblicken. Die Frage nun, ob der oben zu sehende Pilz eine typische makroskopische Ausprägung seiner Art ist, muss offenbleiben, da es tatsächlich zu wenige Funde von ihr gibt. Die gesicherten Bestimmungen im Internet zeigen zumindest Fruchtkörper, die nur bedingt Ähnlichkeit mit unserem Pilz haben. Und trotzdem kann ich zweifelsfrei verkünden, dass der hier vorgestellte Tyromyces wakefieldiae tatsächlich Tyromyces wakefieldiae ist, da ich es nicht selbst gewesen bin, der ihn bestimmt hat. Um der ganzen Wahrheit genüge zu tun, muss ich gestehen, dass ich noch nicht einmnal die Spur eines Schimmers hatte, in welche Gattung er hineingehörte. Ich stellte ihn deshalb in ein Pilzforum zur Diskussion und weckte sogleich das Interesse eines dort aktiven Pilzspezialisten, der meinte, dass es ein besonderer Fund sein müsste. Er bot mir an, ein Exsikkat von mir mikroskopisch zu untersuchen. Exsikkate sind Belegsproben des Pilzes, die getrocknet werden, um auch zu späteren Zeitpunkten Merkmale des Pilzes überprüfen zu können. Natürlich hatte ich den gesamten Pilz im Wald belassen, weshalb ich am nächsten Tag wieder den Fruchtkörper aufsuchte, um ein Stück abzuschneiden und zum Trocknen zu legen. Per Post ging es dann ins südliche Deutschland und die Ergebnisse ließen nicht lange auf sich warten: Der Pilz gab sein Geheimnis nicht preis, der Pilzexperte hatte nur Ideen für die Gattungszugehörigkeit, war sich aber auch bei ihr nicht ganz sicher. Doch diese Bestimmungsschmach wollte er nicht auf sich sitzen lassen und stellte in Aussicht, das Exsikkat dem erklärten Porlingsexperten in Deutschland zukommen zu lassen. Schon an diesem Punkt war ich von meinem Porlingsfund so begeistert, dass ich jedem, der es hören wollte oder nicht, von der Existenz des kleinen Fichtenwaldbewohners erzählte. Jedoch verstrichen die Tage, dann Wochen, bis nach einigen Monaten ich die Hoffnung aufgab, dass der Pilz jemals noch zu einem Namen finden könnte. Und als ich dann vor gut zwei Wochen nichts ahnend  auf die Pilzforumsseite ging, war es amtlich: Der Pilz war bestimmt und stellte sich ohne jeden Zweifel als Tyromyces wakefieldiae heraus. Im Forum legte man mir nahe, den Pilz kartieren zu lassen, da er so selten ist. In Nordrhein-Westfalen ist dies erst der zweite Nachweis der Art, sodass ich mich mit dem Kartierungsbeauftragten (ja, auch so etwas gibt es) von NRW in Verbindung setzte, der nun den Fund in eine Datenbank einspeisen wird. Noch ist es nicht geschehen, aber ich hoffe, dass es bald so weit sein wird. Dann wird hier in dieser Hall of Fame des Finderglückes mein Pilz auf der Landkarte erscheinen und für ewig meinen Ruhm in die Weiten des Internets hinausposaunen. 
Wie alle Saftporlinge ist auch Tyriomyces wakefieldiae ein Weißfäuleauslöser und ist bisher in den meisten Fällen an Laubholz aufgetaucht. Tja, mein Fruchtkörper hat schon einige Sonderbarkeiten an sich. Der Wuchsort war Fichte und insgesamt war er sehr hart, was bei Saftporlingen auch nicht unbedingt üblich ist. Dann wäre noch die Größe zu nennen, die an die 30 cm maß, was bisher wohl so auch noch nicht vorgekommen ist. Aber da Tyromyces wakefieldiae eben noch nicht oft gefunden wurde, weiß man auch noch nicht genau, wie weit sein makroskopisches Spektrum reichen kann. Ja, der Wakefielder Saftporling birgt noch so manche Geheimnisse, die in den Tiefen der Weißfäule darauf warten, gelüftet zu werden. 

Der veränderliche Spaltporling

(21.02.2019)


Prähistorische Fragen

Bevor auf den Titel etwas näher eingegangen werden kann, muss erst einmal die Frage geklärt werden, wer denn nun der veränderliche Spaltporling - Schizopora paradoxa - auf den Fotos eigentlich ist, denn es präsentieren sich zwei verschiedene Pilze auf ihnen. Meine mykologisch vorgebildeten Leser wissen es natürlich direkt, dass der weiß-ockerliche Pilz der Spaltporling und der gelbe ein Schichtpilz ist - höchstwahrscheinlich der runzelige Schichtpilz - Stereum rugosum. Gut, die Namenszuordnung wäre geschehen, aber wenn es doch nur so einfach wäre. Von dem linken oberen Foto geht eine Sogwirkung aus, die uns in prähistorische Zeiten trägt. Stereum rugosum wandelt sich in eine gigantische buckelige Echse, die gerade dabei ist über Schizopora paradoxa herzufallen und sie sich einzuverleiben. Doch neben dieser prähistorischen Auslegung habe ich noch eine sympathischere präkolumbinische Deutungshypothese anzubieten. Das Geschehen auf dem Foto ist in diesem Sinne als eingebettet in einen Fruchtbarkeitshorizont zu interpretieren. Man führe sich nur die präkolumbinischen Tonfiguren mit ihren lang eregierten Penissen vor Augen und betrachte danach das Foto. Unter der tellerförmig aufgefächerten Hand der Echse erkennt man einen - wenn auch kurzen - eregierten Phallus, der in die Volva von Schizopora paradoxa lusttrunken eindringt. Ja, die Szene lässt eigentlich keine andere Deutung zu: Hier zelebriert an einem toten, aber noch stehenden Laubstamm das Leben sich selbst. Ich weiß nicht, ob es nun zu weit führt, aber der Fruchtkörper des runzeligen Schichtpilzes auf dem Foto oben rechts könnte in einer prähistorischen oder präkolumbinischen Welt als Ejakulationsrest gedeutet werden.
Und da sage noch einer, die Welt der Pilze sei langweilig. Mensch, Mensch, Mensch: Ein mit einem Spaltporling kopulierender Schichtpilz; yeah, it's a wonderful and frightening world...
Aber wenden wir uns jetzt Schizopora paradoxa zu und schenken ihm unsere ganze Aufmerksamkeit. Gefunden habe ich ihn am 19. Januar diesen Jahres an einem abgestorbenen, aber noch aufrecht stehenden Laubbaum im Witte Venn. Diese genaue Ortsspezifizierung ist eigentlich unnötig, da Schizopora paradoxa einer der häufigsten resupinaten (dem Substrat aufliegenden) Porlinge ist, der in fast allen Waldgesellschaften vorkommt. Zwar bevorzugt er Laubholz, jedoch ist er auch auf Nadelholz anzutreffen. Und auch außerhalb der Wälder kann man ihn finden. Gerade heute inspizierte ich meinen nun mittlerweile völlig vermorschten Balkontisch und habe einen Pilz entdeckt, der der veränderliche Spaltporling sein könnte. Falls es sich herausstellen sollte, dass er eine verschollene Porlingsart ist, werde ich in Kürze hier einen Aufruf starten, Garten- und Balkonmöbel ja nicht vor den Unbilden des Wetters zu schützen, sondern einfach verrotten zu lassen. Wer weiß, welch kostbare Biotope hierdurch entstehen. Ich schweife ab, wahrscheinlich wird es doch Schizopora paradoxa sein. Aber so häufig der Pilz auch ist - um zu einer sicheren Bestimmung zu kommen, ist meistens das Mikroskop (zumindest zur letzten Absicherung) von Nöten. Andere resupinate Porlinge oder auch resupinate Stachelpilze können makroskopisch schon Ähnlichkeiten aufweisen. Und er verändert sein Aussehen, was das  deutsche und wohl auch lateinische Artepitheton andeuten. Die Poren von ihm können von rundlich, eckig bis labyrinthisch verwirrt reichen. Dann gibt es zähnchenartig in die Länge gezogene Poren, die oft "zerschlitzt" wirken. (Daher der Name Spaltporling bzw. Schizopora) Bei unserem Spaltporling auf den Fotos wirken die Poren oft eher wie langezogene, etwas platt gedrückte Reihen von Backenzähnen. Und schon wieder ist die Versuchung zu groß, mich in prähistorische Zeiten hineinzuträumen: Trägt unser Pilz vielleicht die Spuren untergegangenen Lebens in sich?
Sei es wie es sei; bei Fruchtkörpern, wie sie auf den Fotos zu sehen sind, wäre auf jeden Fall mein erster Gedanke, dass es Schizopora paradoxa sein muss. Und wenn es nun in die Struktur des Textes überhaupt nicht passt: Ich liebe den lateinischen Namen des veränderlichen Spaltporlings. Eine paradoxe Gestalt, die sich unserem Deutungsbemühen widersetzt und sich lieber kopulierend mit Schichtpilzen seines Erdendaseins erfreut.  
  

Der gemeine Trompetenschnitzling

(14.02.2019)

Die Gemeinheit im Pilzreich

Nach dem gemeinen Schmutzbecherling wird nun ein weiterer Vertreter der Gemeinen unter den Pilzen vorgestellt: Es handelt sich um den gemeinen Trompetenschnitzling - Tubaria furfuracea -, der sich büschelig wachsend auf den Fotos präsentiert. Dieses büschelige Wachstum kann bei ihm vorkommen, ist aber nicht gerade typisch. Eher wachsen seine Vertreter in größeren Gruppen und bewahren dabei einen mehr oder weniger großen Abstand zueinander, was als geselliges Wachstum bezeichnet wird. Die Frage, was nun die oben zu sehende Gruppe dazu veranlasst hat, die gegenseitige Nähe zu suchen, kann mal wieder nur spekulativ beantwortet werden. Vielleicht erproben sie alternative Formen des Zusammenlebens und werden von anderen gesellig wachsenden gemeinen Trompetenschnitzlingen als linke Hippies diffamiert und argwöhnisch beäugt. Zu dem hippiehaften Leben passt auch ihr gelb-weißlicher Haarkranz, der zwar unter menschlicher Wahrnehmungsperpektive eher wie verkahlt wirkt, in pilzlichen Dimensionen aber wohl eine sprießende unbändige Haarmähne vorstellt. Falls meine Leser den Faden verloren haben sollten: Es ist von den Velumresten am Hutrand die Rede, die bei Tubaria furfuracea auch nicht unbedingt sichtbar sein müssen und oft - auch schon bei jungen Exemplaren - fehlen. Die These, dass wir es hier mit Hippies zu tun haben müssen, erhärtet sich also immer mehr. Doch das Schicksal als "Gemeine" teilen sich Hippies und bürgerlich etablierte Kreise der Trompetenschnitzlingswelt. Als moralisch minderwetige Zeitgenossen fristen sie ihr Dasein auf pflanzlichen Überresten, von denen sie sich saprobiontisch ernähren und träumen davon, doch endlich einmal als nett und niedlich beschrieben zu werden. Aus diesem Grund vielleicht hat auch die hier vorgestellte Gruppe beschlossen, näher zusammenzurücken, um zumindest unter sich so etwas wie Anerkennung zu finden. Somit verlören sie direkt wieder ihr zugesprochenes Hippiedasein und würden eine emotionale Notgemeinschaft bilden, um der Hölle des Bezeichnetwerdens zu entkommen. 
Zum Glück jedoch haben moralische Kategorien im Pilzreich nichts zu suchen und fast alles, was ich bisher geschrieben habe, ist purer Blödsinn. "Gemein" bedeutet natürlich "häufig vorkommend", und dies ist bei Tubaria furfuracea tatsächlich Programm. Obwohl das ganze Jahr über findbar, hat man in den Wintermonaten förmlich das Gefühl, über ihn zu stolpern. Jeder braun-rote Pilz mit Hut und Stiel, der sich in der Kälte ins Freie traut, hat gute Chancen, ein Trompetenschnitzling zu sein. (Natürlich gibt es noch den Samtfußrübling, der jedoch mehr an größeren Holzstämmen und-stümpfen anzutreffen ist, während Tubaria furfuracea oft scheinbar aus dem Boden herauswächst.)  
Besonders bekommen hat es dem gemeinen Trompetenschnitzling, dass auf Beete und Bepflanzungsflächen Rindenhäcksel aufgetragen wurden. Mit Begeisterung nimmt er dieses Biotop an, weshalb er auch im städtischen Raum häufig anzutreffen ist. Seine Bestimmung ist in den meisten Fällen auch recht unproblematisch. Wichtig sind hier die rot-bräunlichen Hutfarben und der mehr ins gelbliche abgleitende Stiel, der auch etwas bereift sein kann und eine angedeutete Ringzone aufweisen kann. Der Hut ist ebenfalls sehr oft bei älteren Exemplaren gerieft. Dann sind die durchaus breit angewachsenen ockerfarbenen Lamellen zu nennen. Neben dem büscheligen und geselligen Wachstum trifft man auch immer wieder auf solitäre Einzelgänger. Büschelig, gesellig, allein - mensch, vielleicht stammen wir ja nicht vom Affen, sondern vom Trompetenschnitzling ab. Eine interessante Forschungsaufgabe zeichnet sich ab. 
Natürlich aber wird die einfache Bestimmbarkeit mal wieder verkompliziert, denn die Wissenschaft hat versucht, aus dem gemeinen Trompetenschnitzling einen Artkomplex zu machen: Neben dem gemeinen würde es noch den Winter-Trompetenschnitzling und Tubaria romangnesi geben, der noch nicht einmal einen deutschen Artnamen besitzt. Neben bestimmten makroskopischen Feinheiten wurden hierbei besonders die unterschiedlichen Formen der Zystiden als Argument für die Aufspaltung angeführt. Nachdem man jedoch festgestellt hatte, dass die verschiedenen Zystidenformen doch auch bei Exemplaren einer Kollektion einer Art recht fließende Übergangsformen besitzen, gehen die meisten Forscher mittlerweile wieder davon aus, es doch nur mit dem gemeinen Trompetenschnitzling zu tun zu haben.
Wie kommt unser Pilz nun aber zu dem wirklich grob-motorisch musikalischen Namen? Klangliche Qualitäten konnte ich bei ihm nicht feststellen und die Form verweist für mich auch nicht unbedingt auf das blecherne Blasinstrument. Doch wieder muss ich gestehen, dass ich die wichtigsten Untersuchungssregeln beim Finden eines Pilzes außer Acht lasse. Wahrscheinlich hätte ich den Test machen müssen, in den Stiel zu blasen. Ach, Mensch. In den kühlen Wintertag hinein hätte ich die schönsten Passagen aus Haydns Trompetenkonzert in Es-Dur geblasen.     

Der gemeine Schmutzbecherling

(07.02.2019)

Ein Spaß für die ganze Familie

Wenn ihr begeisterte Waldspaziergänger seid und kleine Kinder habt, die eurem Enthusiasmus nur ein quengelndes Nörgeln und Schlechtgelauntsein entgegenbringen, so macht euch auf  die Suche nach dem gemeinen Schmutzbecherling - Bulgaria inquilans. Ich versichere euch, dass euch eure Kinder bald schon ausstaffiert mit Anorak und Wollhandschuhen von der Couch zum nächsten Wäldchen zerren werden. Ach, hätte ich ihnen doch niemals Bulgaria inquilans gezeigt - und dieser Gedanke wird sich mantragleich in euren Gehirnwindungen festsetzen, wenn ihr ausgemergelt und bleich an dem Marterpfahl eurer eigenen Ideen verendet. Hui, diese pathetische Wendung hatte ich eigentlich nicht im Kopf gehabt, als ich den ersten Satz dieses Artikels schrieb. Manchmal gehen mit mir halt die Worte durch, was beim Anblick des gemeinen Schmutzbecherlings nicht verwundern kann. Worin besteht nun aber dieser Spaß, der sich böse rächen kann? Die Antwort gibt der deutsche Gattungsname: Schmutzbecherling. Auch das lateinische Artepitheton weist in dieselbe Richtung: inquilans könnte ebenfalls mit "beschmutzen" übersetzt werden. Welche beschmutzende Kraft wohnt nun unserem Pilz inne? Es ist die Kraft des Hautschwarzfärbens - und das alles ohne gesundheitliche Nebenwirkungen und auch Kinder können sich förmlich Schmutzorgien hingeben, ohne dass kreischend besorgte Familienmütter und Familienväter in heimischen Wäldern in Ohnmacht fallen müssen. Ja, der gemeine Schmutzbecherling erstaunt ob dieser Fähigkeit. Streicht man mit einem Finger über die schwarze Fläche seiner Fruchtschicht, dann bleiben die schwarzen Sporen an der Haut kleben und färben sie schwarz. Wischt man sich nun mit angemessenem Druck durch das Gesicht, so kann man mit etwas Phantasie und symmetrischer Vorstellungskraft eine durchaus imposante Kriegsbemalung auf die Haut zaubern. Ist man nun auch noch Anhänger eines Analogiedenkens, dann wird Bulgaria inquilans zur Inkarnation des Wehrhaft-Kriegerischen schlechthin. Schaut euch das linke untere Foto genauer an: Wie ein Schild eines mittelalterlichen Ritters glänzt es im Tageslicht und zeigt die feinen Linien seiner Narben, die von unzähligen Kämpfen seines Daseins zeugen. Gut, dieses sollte man seinen Kindern aber nicht unbedingt erzählen. 
Kommen wir nun aber noch etwas auf den gemeinen Schmutzbecherling als solchen zu sprechen. Er gehört der Familie der Schmutzbecherlingsverwandten (Phacidaceae) an  und ist die einzige Art der Gattung der Schmutzbecherlinge. Eine Gattungsmonographie fällt demgemäß etwas kleiner aus. Gleichzeitig gehört er zu den sogenannten Ascomyzeten - den Schlauchpilzen. Schlauchpilze bilden ihre Sporen in Schläuchen, die zwischen sterilen Zellen der - in unserem Falle - schwarzen Fruchtschicht herangebildet werden. Ist die schwarze Scheibe oft glänzend schön, ist die Außenschicht von Bulgaria inquilans kleiig rötlich-braun. Junge Fruchtkörper haben tatsächlich noch eine becherartige Form, jedoch verlieren sie diese in zunehmendem Alter und erscheinen dann als schwarze Fläche auf meist großen Stämmen gefällter Laubbäume (am Liebsten Eiche). 
Die beste Zeit, ihn zu finden, ist der Winter. Was nun seine Essbarkeit angeht - nun -  treffender als der Kölner kann es keiner auf den Punkt bringen: Jeder Jeck ist anders. Gemeinhin gilt Bulgaria inquilans als ungenießbar, wobei einige Quellen auch explizit von einer Giftigkeit sprechen, die sich anscheinend darin äußert, eine Sonnenstrahlenallergie auf der Haut hervorzurufen. Tja, das schert unsere liebgewonnenen chinesischen Pilzliebhaber nicht die Bohne: Im Nordosten Chinas gilt der gemeine Schmutzbecherling als ausgesprochene Delikatesse. Da Peking nun mehr oder weniger im Nordosten Chinas liegt, könnte man ja sagen: Was solls? Kommt eh keine Sonne durch den Smog. Doch ich gehe davon aus, dass der gemeine Schmutzbecherling schon vor der Luftverschmutzung von Chinas Hauptstadt genüsslich verspeist worden ist.
Mit Monty Python zu sprechen: I like Chinese. Aber auch auf die Gefahr hin, von muskulösen Machochinesen als Weichei verschrien zu werden: Ich werde Bulgaria inquilans nicht essen. Viel lieber schmiere ich mir seine Sporen über die Haut und laufe, Kriegsgeschrei ausstoßend, durch die westmünsterländischen Wälder. 

Der genabelte Filzkrempling

(31.01.2019)

Von wegen Filz

Endlich schafft es mal wieder ein Pilz mit Hut und Stiel - so wie es sich gehört - auf meiner Homepage bedacht zu werden; lange genug hat es nun ja gedauert. Die lange stiel- und hutlose Zeit liegt zum Teil an der Jahreszeit, denn, wie es vielleicht aufgefallen ist, versuche ich jetzt hauptsächlich Pilze vorzustellen, die es zur Zeit der Beitragsveröffentlichung auch tatsächlich in der Natur gibt. Und da man die winterliche pilzarme Zeit ganz gut mit Rindenpilzen, resupinaten Porlingen und Stümmelfüßchen und co. überbrücken kann, sind sie in den letzten Wochen mehr in den Fokus gerückt. Schon an dieser Stelle entschuldige ich mich direkt bei allen Rindenpilzen, resupinaten Porlingen, Stummelfüßchen und co.: Ihr seid keine Platzhalter, keine Auswechselspieler der Kreisklasse C - nein, ihr habt es einfach drauf und seid geil. So, das muss reichen.
Der genabelte Filkrempling - Ripartites tricholoma forma metrodii - bildet nun in dem Plan, Pilze auf die Seite zu stellen, die zu dieser Zeit auch wachsen, eine Ausnahme; wenn auch eine relativ kleine. Gefunden habe ich die auf den Fotos zu sehenden Exemplare am 20. Dezember 2018 auf einem Gras- und Kräuterstreifen in einem Fichtenwald in der Bröcke. Ihr seht, die Zeitdifferenz von etwas mehr als einem Monat fällt im Angesicht der Ewigkeit nicht wirklich ins Gewicht. Bei Pilzen jedoch schon: Nachdem der Frost nun auch im Westmünsterland Einzug gehalten hat, dürfte es schwer sein, Ripartites tricholoma forma metrodii noch zu finden. Seine "normale" Erscheinungszeit reicht vom Sommer bis in den Spätherbst - und quod erat demonstrandum auch bis in den frühen Winter.
Ich weiß, ich weiß, ihr brennt förmlich darauf, zu erfahren, wie unser Pilz zu solch einem monströsen Namen gekommen ist: Ripartites tricholoma forma metrodii. Doch Geduld, Geduld.
Zuerst muss ich auf die Umstände des Findens und auf das Pilzesammeln im Allgemeinen zu sprechen kommen. Als ich die beiden genabelten Filzkremplinge fand, ging ich davon aus, es mit irgendwelchen spätherbstlichen Trichterlingen zu tun zu haben. Zum Glück war das Pilzaufkommen an diesem Tag recht mager, ansonsten hätte ich die beiden Pilze bestimmt stehen gelassen. Trichterlinge zu bestimmen ist echt oan Hund, wie ein Österreicher sagen würde. Die mikroskopischen Merkmale sind allesamt recht unspektakulär und es scheint mir, dass es auf Nuancen ankommt, die Pilze der Gattung richtig zu bestimmen. Tja, etwas für die Profis der Mikroskopierfront. Aus Mangel an Alternativen nahm ich einen der beiden mit nach Hause und mikroskopierte ihn trotz besseren Wissens. Die Überraschung kam beim Betrachten der Sporen: so kugelig und stachelig ornamentiert kriegt das kein Trichterling hin. (Auch die Sporenpulverfarbe sprach klar gegen ihn: Sie war bräunlich.) Was war es aber dann? Schnell wurde ich bei den Filzkremplingen fündig, von denen ich - Schande und Scham und Teer und Federn über mein Haupt - vorher noch nicht einmal etwas gehört hatte. Damit kommen wir zu den Betrachtungen über das Pilzsammeln im Allgemeinen: Ich beschäftige mich nun seit knapp vier Jahren intensiver mit Pilzen und muss sagen, dass die Sache mit der Zeit immer komplexer und unübersichtlicher wird. Hatte ich am Anfang noch das Gefühl, mit einem halbwegs umfangreichen Pilzbestimmungsbuch das Reich des Mykos im Handumdrehen zu erobern, so müsste ich mittlerweile für jede Gattung eigentlich eine umfangreiche und auf dem neuesten Stand sich befindende Gattungsmonografie besitzen, um der Pilzwelt angemessen gegenüberzutreten. Selbst bei an sich einfach zu bestimmenden Arten wie dem Samtfußrübling muss man plötzlich erfahren, dass sie einen Artkomplex darstellen, der mehrere Arten zusammenfasst. Puh, und was früher einfach eine Ziegenlippe war, wird heute zu einem unübersichtlichen Artsammelsurium von Filzröhrlingen. Aber keine Angst. Wenn man Pilze für die lukullischen Genüsse sammeln möchte, spielt das glücklicherweise keine große Rolle.
Diese schon unübersichtlich anmutende Komplexität wird auch bei der Artfindung unseres Pilzes deutlich. Die Gattung Ripartites umfasst insgesamt nur fünf Arten, was die Sache ja eigentlich einfacher machen sollte. Auf den ersten Blick war es das auch. Nach gründlichem Abwägen und Vergleichen kam ich zu Tricholoma metrodii und stellte die Fotos zur Absicherung in ein Pilzforum. Dort wurde meine Bestimmung auch bestätigt, doch -herje- das Artkonzept des Pilzes problematisiert. Folgendes kam dabei heraus: Der bewimperte Filzkrempling - Ripartites tricholoma - unterscheidet sich mikroskopisch nicht von dem genabelten Filzkrempling - Tricholoma metrodii. Der einzige Unterschied liegt auf makroskopischer Ebene: Ist Ripartites tricholoma filziger und am Hutrand mit Haaren bewimpert, ist R. metrodii kahl. Demnach herrscht auch Unklarheit, ob R. metrodii nun eine eigene Art oder doch eher eine Varietät zu R. tricholoma darstellt. An meiner monströsen Namensgebung wird ersichtlich, dass ich mich für letztere Variante entschieden habe. Noch komplizierter wird es allerdings, wenn man sich die Frage stellt, was mit den Hutwimpern in starken Regenschauern geschieht. Werden sie weggespült? Haben wir es am Ende doch nur mit kahlgespülten bewimperten Filzkremplingen zu tun?
Die Frage muss unbenatwortet im Raum stehen bleiben. Am Ende nun ergibt sich jedoch noch ein philosophisches Problem: Ist ein Filzkrempling ein Filzkrempling, wenn er kahl ist? Als semantisch bewanderter aufgeklärter Zeitgenosse muss ich diese Frage ganz klar verneinen und plädiere für die Schaffung einer neuen Gattung. Wie wäre es mit den weißen Fichtenkahlingen? Ich bin begeistert und werde meinen Vorschlag direkt an die Deutsche Mykologische Gesellschaft weiterleiten.    

Das kugelsporige Stummelfüßchen

(24.01.2019)

Hoppla, den hatten wir doch schon einmal

Den Titel "Hoppla, den hatten wir doch schon einmal" könnten aufmerksame Leser meiner Seite beim Betrachten der Fotos vorwurfsvoll über die Lippen bringen und sich daransetzen, mir einen erbosten Leserbrief zu schreiben. Jetzt hat er doch die Unverfrorenheit, alte Fotos zu recyclen und die auf ihnen abgebildeten Pilze als neue Arten zu verkaufen. Anscheinend sind ihm endgültig die Pilze ausgegangen und ganz im postmodernen Zeitgeist präsentiert er nun Wiederholungen von Wiederholungen, die ihrerseits in ein paar Wochen von Wiederholungen der Wiederholungen der Wiederholungen abgelöst werden. Doch ich versichere euch, dass ich keinen Schabernack treibe, zumindest nicht, wenn es sich um ein Stummelfüßchen handelt. Diese Pilzgattung stellt nun mal das Fleisch gewordene Leiden einer wollig-filzigen Existenz dar, mit der man keine Späße macht.
Für diejenigen, die jetzt nur noch verständnislos den Kopf schütteln, sei gesagt, dass ich vor Kurzem erst einen Vertreter der Stummelfüße vorgestellt habe: das gemeine Stummelfüßchen - Crepidotus variabilis. Heute nun geht es um das kugelsporige Stummelfüßchen - Crepidotus cesatii. Schaut man sich die Fotos des gemeinen und des stummelfüßigen an, kann man schon ins Grübeln geraten. Sehen ja ziemlich ähnlich aus, besonders wenn man die Unterseite der Lamellenschicht betrachtet. Beide Arten glänzen in formvollendeter Eleganz. Die Oberseite - nun ja. Beide Arten sind wollig-filzig bedeckt; ansonsten sehen sie schon recht unterschiedlich aus. Doch das täuscht. Das gemeine Stummelfüßchen kann sich durchaus auch mal wie das kugelsporige auf den Fotos weiter oben präsentieren. Das Umgekehrte gilt natürlich ebenfalls, auch wenn ich meine, dass Crepidotus cesatii nicht die Größendimensionen seiner Schwesternart erreichen kann. Die Form von jungen Fruchtkörpern des kugelsporigen Stummelfüßchen hat so etwas wie eine langgezogene nach oben hin enger werdende Filzhutstruktur, und es wächst gerne auf abgestorbenen Weiden- und Erlenästen, während C. variabilis liebe Buchen, Hainbuchen, aber  -oh Gott - auch Weiden besiedelt. Um ehrlich zu sein, sind dies alles sehr vage Hinweise und Stummelfüßchen müssen mikroskopiert werden, um eine sichere Artbestimmung zu erhalten. (Es gibt aber zwei Ausnahmen)
Und schon bei einem nur flüchtigen Blick auf die Sporen erkennt man, dass wir es tatsächlich mit zwei verschiedenen Arten zu tun haben. Die Kugelsporigkeit ist bei Crepidotus cesatii Programm und unterscheidet ihn leicht von dem gemeinen Stummelfüßchen. Allerdings nicht von anderen Vertretern der Gattung, sodass man etwas genauer schauen muss. Doch selbst mir als absolut grobmotorischen Mikroskopiernovizen gelingen hier in den meisten Fällen abgesicherte Bestimmungen. Also, wer sich einmal in der Pilzmikroskopie betätigen möchte, dem sei die Gattung Crepidotus wärmstens ans Herz gelegt.  
Doch vielleicht spielt das ja alles keine Rolle, und die Welt wird auch nicht untergehen, wenn man Stummelfüßchen untereinander verwechselt. Und vielleicht versperrt der nach Unterscheidungen gierende Blick ja gerade die Wesentlichkeit und Wesenheit unserer Stummelfüßchen, die darin begründet liegen, auf einen Mangel zu verweisen, der sich selber aufhebt. Der Mangel des verstümmelten Stiels macht Platz für das erotisierende Moment der sich langsam aufblätternden Lamellenpracht. Eros und Leiden - Amputation und Lust sind nur zwei der Antagonismen, die Crepidotus cesatii und all seine Artleidensgenossen in sich aufgenommen haben.  
      

Großer Zystidenkammpilz

(19.01.2019)


The wonderful and frightening world of Lamprocystidia

Wieder einmal ist die Versuchung zu groß gewesen und ich konnte es nicht unterlassen, ein Fall-Zitat - leicht abgeändert - im Titel zu verwenden. Die wundersame und furchteinflößende Welt der Lamprozystiden: Schon jetzt gehört er definitiv zu meinen Lieblingstiteln. Doch was sind Lamprozystiden? Wir müssen sozusagen das Feld vom Unsichtbaren her aufrollen, bevor wir uns der makroskopischen Erscheinung des großen Zystidenkammpilzes - Phlebiopsis gigantea - zuwenden können. Lamprozystiden sind die Zellen, die sich auf den Mikrobildern dunkel, dickwandig und bis zum Anschlag grob inkrustiert von den übrigen Hyphen absetzen. Wie kurze Dolche drohen sie mit Tod und Verderben, und ich kann von Glück sagen, das Mikroskopieren unbeschadet überlebt zu haben. Somit hätten wir ein Element des Furchteinflößenden der Lamprozystiden umschrieben. Doch ihre Welt ist komplex und wundersam zugleich, denn welche Funktion sie im Pilzzellgeflecht übernehmen, ist noch völlig ungeklärt, was auch für die übrigen Zystidenformen, von denen es zahlreiche gibt, gilt.  Die Welt der mykologischen Wissenschaft scheint in diesem Felde sich den wildesten Spekulationen hinzugeben: Einige schreiben ihnen stützende Aufgaben im Zellsystem zu, andere sprechen von unterstützenden Zellen für den Sporenflug, wieder andere gehen davon aus, dass sie Sekrete aussondern, andere sehen in ihnen Zellen der Stoffspeicherung (welche das auch immer sind). Die neueste Theorie zieht in Erwägung, dass Zystiden Abwehrzellen gegen schädliche Fremdorganismen sind. Nun, wofür sie auch immer da sind, Lamprozystiden sehen einfach geil aus, was ja schon Daseinsberechtigung genug ist.
Verlassen wir aber jetzt die Mikrowelt und wenden uns dem Fruchtkörper von Phlebiopsis gigantea zu. Ich kann nicht anders, für mich ist er der Impressionist in der Pilzwelt. Versenkt man sich in seinen Anblick, verblüfft und fasziniert einen das flüchtig aufgetragene changierende Farbenspiel. Von Weiß zu Blau, zu Bleigrau, hin zu einem Orange, das in Gelbtöne übergeht. Hier war Meisterschaft am Werk, besonders wenn man die uneben gestaltete Oberfläche des Pilzes ästhetisch betrachtet: eben, knubbelig, zu kleinen Klumpen anschwellend, zäpfchenförmig, flauschig. Ja, ich verkünde hiermit den großen Zystidenkammpilz zu dem herausragendsten Vertreter des abstrakten Impressionismus. 
Im Gegensatz zu anderen  Rindenpilzen und resupinaten Porlingen ist Phlebiopsis gigantea schon ganz gut makroskopisch anzusprechen. Neben dem schon erwähnten Farbenspiel zeichnet ihn in einem feuchten Zustand eine wachsartige Konsistenz aus. Darüber hinaus wächst er sehr großflächig - gigantea wurde nicht zufällig als Artepitheton gewählt - und sehr häufig auf frisch gefällten Kiefern, oder besser gesagt auf ihren Stümpfen. Es kommt tatsächlich vor, dass ein Stumpf über und über von Phlebiopsis gigantea überdeckt ist. Und wehe, ein Halm oder Stock hat sich zu nahe am Kiefernstumpf niedergelassen: Gnadenlos wird auch er von dem großen Zystidenkammpilz überzogen.
Passt also auf, wenn ihr das nächste Mal auf einer Wanderung Rast machen wollt. Kommt ja nicht auf die Idee, einen Kiefernstamm als Ruhestütze eures schmerzenden Rückens auszuwählen. Phlebiopsis gigantea würde euch binnen Minuten mit seiner Kruste in die höllischen Qualen der Weißfäule hinunterziehen, wenn er euch nicht schon vorher seine Lamprozystiden in den Leib gerammt hätte.
Zuletzt bleibt wieder nur, ein Loblied auf den Winter anzustimmen. Er ist nicht die lebensabgewendete Jahreszeit. Man muss nur etwas länger und genauer suchen, dann wird man die seltsamen Wesen entdecken, die in ihr zu Hause sind. Zu ihnen eben gehört auch der große Zystidenkammpilz  
  

Gelbe Braunfäuletramete

(10.01.2019)

Es wird abenteuerlich

Das Abenteurliche des Titels bezieht sich erst einmal nicht auf den Fruchtkörper als solchen der gelben Gelbfäuletramete - Antrodia xantha -, obwohl seine Form durchaus abenteurlich genannt werden kann. Nein, es geht um zeitliche Dimensionen, die in diesem Falle wirklich abenteuerlich anmuten. Ich habe sage und schreibe über ein ganzes Jahr gebraucht, um Antrodia xantha ohne Restzweifel bestimmen zu können. Ich weiß, spätestens jetzt habe ich mir das Mitleid meiner Leser wahrlich verdient. Ach der arme Kerl, ein Jahr seines Lebens hat er der gelben Braunfäuletramete gewidmet, sich in den hinter den hütchenförmigen Eingängen beginnenden labyrinthischen Felswohnungen des Pilzes verlaufen, nur um jetzt verkünden zu können, dass es sich um Antrodia xantha handelt. Nein, ganz so schlimm war es zum Glück nicht. Doch ich habe den Fruchtkörper bereits im Winter letzten Jahres gefunden und versucht, ihn mit Hilfe eines Pilzforums zu bestimmen. Damals hieß es, dass ohne weitere mikroskopische Untersuchungen nichts zu machen sei, und da ich damals mikroskopisch mich an Porlinge nicht herantraute, überließ ich das weiß-gelbe Ungetüm seinem Schicksal. Da der Kiefernstumpf, auf dem er wuchs, an einem Waldweg liegt, den ich häufig benutze, konnte ich direkter Zeuge seines Werdens und Vergehens werden. Schon im Laufe des Frühjahrs bildete sich der Fruchtkörper merklich zurück und bald hatte ich seine Existenz vergessen. Bis ich vor wenigen Tagen den Weg wieder entlangging. Schon von weitem leuchtete ein intensives Weiß in den düsteren Wintertag hinein mir entgegen. Je näher ich kam, desto imposanter wurde seine Erscheinung. Bald auch gewahrte ich die gelblichen Flecken auf seiner Oberseite. Dieses Gelb ist charakteristisch für die gelbe Braunfäuletramete. Nicht zuletzt verweisen das deutsche und lateinische Artepitheton (xanthos - gelblich) auf diese Farbe. Wenn ich es mir so überlege, ist der Pilz makroskopisch eigentlch ganz gut ansprechbar. Erst einmal ist der Habitus zu nennen: Gewöhnlich wächst Antrodia xantha auf Kiefernstümpfen und bedeckt diese in einem außergewöhnlich zu nennenden Umfang. Des Weiteren riecht er recht deutlich nach Zitrone, was ich aber erst zu Hause feststellen konnte. Und kaut man etwas auf einem Stückchen seines Fruchtkörpers herum, wird man einen (wenn auch nicht sonderlich widerlichen) bitteren Geschmack feststellen. (Besser nicht runterschlucken, als Speisepilz taugt Antrodia xantha leider nicht.) Nun gut, ich nahm ein Stück nach Hause und versuchte mich daran, mikroskopisch taugliche Bilder hinzubekommen. Sporen konnte ich leider nicht finden (was für eine sichere Bestimmung normalerweise hinderlich ist). Das, was ich an Zellformen fand, stellte ich ins Pilzforum, wo mir bestätigt wurde, dass alles auf Antrodia xantha hindeute. Um letztendliche Gewissheit zu erhalten, sollte ich die Amyloidität der Pilzzellen überprüfen. Hä, wat? Amyloide Zellen enthalten Stärke, die man mit einer Substanz namens Melzers Reagenz nachweisen kann. Und das, was wir auf dem unteren rechten Foto sehen können, ist genau diese Reaktion des Fruchtkörpers auf Melzers Reagenz: Er hat sich in Teilen blau verfärbt. Dass nicht der ganze Pilzbrocken blau wurde, liegt daran, dass bei Antrodia xantha nur ein bestimmter Zelltyp (die sogenannten Skletthyphen) Stärke enthält. Jubel, Jubel: Es war die gelbe Braunfäuletramete.
Puh, wieder recht langatmig. Diesmal schiebe ich die Schuld auf meinen Computer: Nachdem ich einen Buchstaben auf der Tastatur gedrückt habe, braucht es gefühlte 30 Sekunden, bis er auf dem Bildschirm erscheint, was einem kreativen Schreibfluss durchaus hinderlich ist. (geniale Ausrede)
Betrachten wir aber den Fruchtkörper auf den Fotos etwas genauer. In großen Teilen überzieht er den Kiefernstumpf wie eine Kruste eng anliegend, die im unteren Bereich teilweise rissig aufgebrochen ist. An bestimmten Stellen haben sich unter- und übereinander kleine hütchenförmige Gebilde ausgeprägt. Ja, eigentlich würde der Pilz in ästhetischer Hinsicht besser in eine Tropfsteinhöhle als an einen Kiefernstumpf passen. Doch die Launen der Natur sind unergründlich. Doch noch eigentlicher stellen die hervorquellenden Hütchen - wie schon oben angedeutet - die Eingänge zu den Felswohnungen einer untergegangenen archaischen Zwergenkultur dar. Stellt sie euch vor, die kleinen Wesen, wie sie  jahrelang mörtelten und putzten und mühevoll Baumaterial den Kiefernstumpf emporhievten. Warum sollte es sich jedoch um eine untergegangene archaische Kultur handeln? Nein, bestimmt hausen sie noch immer am Rande des Waldweges und klettern zur Nachtstunde aus ihren Wohnungen heraus, um Eicheln und das letzte grüne Laub der Wälder einzusammeln, noch bevor der Frühling seine Tarnkappe über die Wohnstatt wirft. Hätte ich nur statt der Geschmacksprobe mein Ohr an den Fruchtkörper der gelben Braunfäuletramete gelegt. Bestimmt hätte ich ein dunkles tiefes Schnarchen in den Eingeweiden des Kiefernstumpfes gehört. 

Orangeroter Kammpilz

(03.01.2019)

A kurious Oranj

Die Weihnachtstage sind nun vorbei, und eigentlich hätte jetzt an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt ein ganz anderer Pilz zu Ehren Jesus' Geburt vorgestellt werden müssen. Die Rede ist natürlich vom Fliegenpilz, umschreibt doch die Weihnachtsgeschichte auf allegorische Weise die kosmische Geburt des Pilzes, der die Grundlage unserer Kultur bildet - so zumindest laut John Allegro. Doch noch immer schrecke ich davor zurück, über den Fliegenpilz einen Artikel zu schreiben. Er ist so vollgesogen mit kulturellen Konnotationen und Substraten, dass ich Scheu habe, dem König der Pilzwelt nicht gerecht zu werden.
Doch zumindest in Sachen Ästhetik braucht sich unser orangeroter Kammpilz - Phlebia radiata - vor seinem bekannteren Pilzverwandten wahrlich nicht zu verstecken. Wie aus einer anderen Welt taucht er auf dem Laubholzstamm auf, und eher bekommt man den Eindruck, es mit einer Weichtierart aus der Unterwasserwelt zu tun zu haben. Ja, mit den Knubbeln, Zähnchen und Kämmen und den leuchtenden Farben auf seiner Fruchtkörperoberseite könnte man ihn bei einer Tauchlehrveranstaltung als tödlich giftige und aggressive Molluskelart der Korallenriffe vorstellen, und ich bin sicher: Beim nächsten Tauchgang wird jeder Tauchschüler bei einem orangenen Flimmern unter Wasser in Todesangst geraten.
Dabei ist Phlebia radiata eine für den Menschen völlig harmlose Art, die zwar ungenießbar, jedoch ungiftig ist.  Er gehört der Familie der Fältlingsverwandten - Meruliaceae - an, was bei dem Blick auf die faltig sich wölbende Fruchtkörperoberfläche zumindest nachvollzogen werden kann. Und auch seine Gattungszugehörigkeit zu den Kammpilzen ist schön zu sehen: Die Zuwachsränder bilden streifenförmige Erhebungen aus, durch die gerade ein Kamm gestrichen ist. Ungekämmt sich den Bäumen des Waldes zu zeigen, käme für ihn nicht in Frage -  Stil ist alles. Das ungepflegte in den lieben langen Tag Hineinleben überlässt er dann lieber der Risspilzfraktion. 
Ich kann meine Mitleser nur dazu auffordern, auch in den Wintermonaten in die Wälder zu gehen und nach Pilzen Ausschau zu halten. Phlebia radiata wächst zwar ganzjährig, am Häufigsten jedoch wird man ihn ab dem späten November bis in den Februar hinein antreffen  - vorausgesetzt es bleibt frostfrei. Und suchen muss man nicht sehr lange, um ihn zu finden. Der orangerote Kammpilz ist wirklich fast in jedem Laubholzwald beheimatet. So schön, wie er sich auf den Fotos präsentiert, ist er allerdings nur in einem sehr jungen Stadium. Wie man auf dem  oberen linken Foto erkennen kann, hat Phlebia radiata die Tendenz, mit anderen Fruchtkörpern zusammenzuwachsen, was des Öfteren zu großen Pilzflächen führen kann: Das obere rechte Foto gibt eine Idee davon. Ja, für die Einsamkeit ist unser Pilz anscheinend nicht gemacht - er favorisiert das orgiastische Grenzen auflösende Eingehen in einen All-Leib. 
Neben seinem kosmischen Potential lebt er ganz prosaisch saprobiontisch auf Laubholz und löst in diesem eine Weißfäule aus, was bedeutet, dass er Lignin im Holz abbaut. Dafür ist u.a. ein Enzym - Laccase - - verantwortlich. Interessant ist, dass die Fähigkeit von Organismen, Lignin abzubauen, evolutionär erst vor gut 300 Millionen Jahren entwickelt wurde. Davor überdauerte Lignin in Form von Steinkohle unter der Erde. Dadurch, dass Organismen nun über das Enzym Laccase verfügten, gingen anscheinend auch die Ablagerungen von Steinkohle zurück. Tja, um den Gedanken etwas weiter zu spinnen: Hätte es Laccase schon seit Beginn des organischen Lebens gegeben, wäre es erst gar nicht zur letzten Zechenschließung in Bottrop gekommen, denn das Ruhrgebiet hätte es mit seinen Kumpels so nicht gegeben. 
Gut, viel schöner aber ist es, zum Schluss sich noch einmal in den Anblick von Phlebia radiata zu verlieren und in die Liedzeilen von The Fall einzustimmen: They were positively deranged and they were curious orange. They were curious orange.     

Gemeines Stummelfüßchen

(19.12.2018)


Der Verstümmelte

Beim Lesen des deutschen Artnamens - gemeines Stummelfüßchen - stellte ich mir zuerst eine etwas gedrungene Comicfigur vor, die boshaft seine verstümmelten Füße, an Krücken humpelnd, durch die Welt trägt und seine Mitmenschen drangsaliert. Von der Bewahrheitung dieser Vorstellung ist Crepidotus variabilis - so der lateinische Name - zum Glück weit entfernt. Durchaus filigran und meisterhaft gesetzt wirken die zuerst noch weißen Lamellen, die in zunehmendem Alter ockerbräunlichrosa werden, was an der Sporenfarbe liegt, die als rosaliches Braun bezeichnet werden kann. Man kann erkennen, wie sich einige Lamellen an dem angedeuteten Stiel treffen, der kurz und verkümmert seinem Substrat ansitzt. Daher rührt nun auch der deutsche Gattungsname "Stummelfüßchen" - in den meisten Fällen - wenn überhaupt - ist nur noch ein stummeliger Rest eines Stiels erkennbar. Oh, schade, höre ich schon meine verehrten Leser aufseufzen. Das gemeine Stummelfüßchen wurde kein Opfer eines messerstechenden Psychopathen und ist auch nicht von wildgewordenen Helmlingsbanden gegen Stämme und Äste des Waldes gequetscht worden, wodurch sein Füßchen zum Stummel wurde. Nein, das Stummeldasein gehört bei Crepidotus variabilis zu seiner Natur, und er ist es wahrscheinlich, der Pilze mit ausgeprägtem Stiel und Hut als die wahren Krüppel bemitleidend wahrnimmt. Doch eigentlich gehe ich davon aus, dass er nichts wahrnimmt. Sich seiner eigenen Schönheit genügend, verschwendet er gewiss keinen Blick an andere Pilzwesen, die ihn nur an die Verkommenheit der Welt erinnern würden.
Doch auf was um alles in der Welt nimmt der lateinische Gattungsname "Crepidotus" Bezug? Bei der Beantwortung dieser Frage bin ich nur zu einem halbwegs vernünftigen Ergebnis gekommen. Im Lateinischen bedeutet "crepida" Sandale und "crepidotus" würde ich jetzt mit meinen rudimentären Lateinkenntnissen als "den Sandale Tragenden" übersetzen. Ja, die imaginären Fragezeichen blähen sich ohne Aussicht auf Erlösung auf. Brauchen Stummelfüßchen Sandalen? Doch lassen wir diese Frage einfach unbeantwortet. Der lateinische Gattungsname scheint auf die Form des ebenfalls "verstümmelten" Hutes abzuzielen. Das mittlere der unteren drei Fotos zeigt ihn - und nun ja, als halbierte Sandale könnte man ihn tatsächlich mit etwas Phantasie bezeichnen. Außerdem liegen die Fruchtkörper an Ästen oft in direkter Bodennähe, so dass der Namensgeber der Gattung vielleicht den Einfall hatte, sie wären die aufgegebene Fußbekleidung eines Zwergenstammes.   
Die Hüte sind es auch, die man bei Crepidotus variabilis zuerst an abgefallenen Laubholzästen wahrnimmt. Dreht man dann die Hölzer um, ist die Lamellenpracht der Fruchtkörper erst einmal Sprache verschlagend. Die Gattung Crepidotus ist tatsächlich diejenige,  deren Lamellen die eigentliche Schönheit der Pilze darstellen. Hätten sie nur die verkümmerten Hüte - Gnade ihnen Gott. 
Auch hat sich dieser Beitrag nun endlich der Jahreszeit angepasst. Crepidotus variabilis findet man noch oft bis in den Januar hinein, vorausgesetzt, die Temperaturen sinken nicht unter den Gefrierpunkt. Und obwohl das gemeine Stummelfüßchen wirklich gemein im Sinne von "weit verbreitet" ist, muss man die Bestimmung mikroskopisch absichern. In Europa gibt es um die 30 Arten der Gattung, weltweit sind es gar schwindelerregende 200. Und viele von ihnen ähneln sich so stark, dass fast nur das Mikroskop letzte Bestimmsicherheit geben kann. 
Essen sollte man sie nicht. In der meisten Literatur steht, dass sie ungenießbar seien oder als Speisepilze nicht in Frage kämen. Letzte Formulierung klingt etwas vage diffus. "Nicht als Speisepilze in Frage kommend" - sind sie nun giftig oder nicht? Dies scheint keiner zu wissen. Man sollte es kaum glauben, aber zu vielen Pilzen ist der Speisewert nicht geklärt. Vor kurzem las ich einen Artikel über für Speisezwecke in Frage kommende Schleierlinge (Cortinarien). Und in dieser Gattung herrscht ein chaotisch anmutendes Tohuwabohu. So z.B. wird der amethystblättrige Klumpfuß (Cortinarius callochrous) von Quellen als eßbar bezeichnet, während andere ihn mit dem Symbol des Totenkopfes versehen.
Für Crepidotus variabilis erübrigt sich jedoch die Frage nach der Essbarkeit eigentlich schon von selbst.
Wer käme denn auch auf die Idee, ein verstümmeltes Pilzwesen zu verspeisen?     
 
    

Der Tintenfischpilz

(13.12.2018)


Australians in Europe

Never evey breathe. Am Ende des Liedes von The Fall heißt es: "Australians in Europe/Wake up und suss the Scene./You'd better leave them parents, and try Hamburg to Berlin./Your just a bloody Twister, so who do you think your fooling. Austalians in Europe" Wie nicht anders zu erwarten, stammen die eben zitierten Zeilen aus dem Lied "Australians in Europe" aus dem Jahre 1993. Ich weiß nicht, ob Mark E. Smith, der Sänger von The Fall, den Tintenfischpilz - Clathrus archeri - gekannt hat; wenn man sich die Liedzeilen jedoch etwas genauer anschaut, muss man zu diesem Schluss kommen. Zuerst einmal ist der Tintenfischpilz tatsächlich ein Australier in Europa. Man geht davon aus, dass er durch Wollimporte eingeschleppt worden ist. 1913 wurde er das erste Mal in den Vogesen nachgewiesen, 1934 dann in Deutschland - im Schwarzwald. Mittlerweile hat er sich in Mitteleuropa fest etabliert und gilt als nicht invasiver Neophyt, was bedeutet, dass er anderen Arten in seiner Umgebung nicht schadet, was auch nicht verwundert, da er saprobiontisch von organischem Material im (in den meisten Fällen) Wald lebt. Nunja, aber wer weiß - vielleicht fechten seine Myzelien erbitterte Kämpfe mit denen des Steinpilzes aus, und schaut man sich unseren Tintenfischpilz einmal genauer an, dann wird man mit Schrecken konstatieren müssen, dass er wohl als Gewinner den Waldboden verlässt.
In Deutschland ist er flächendeckend verbreitet; ich kenne ihn jedoch nur aus einem meiner Sammelgebiete, das sich im Knechtstedener Wald in der Nähe von Dormagen befindet. Wenn Clathrus archeri sich weiter in solch einem Tempo ausbreiten sollte, dann werden wir in 50 Jahren nicht mehr vor die Tür gehen können, ohne über ihn zu stolpern. Man versteht nun die Zeile des Liedes "Australians in Europe never ever breathe".Wie auch? Sind sie doch von früh bis spät damit beschäftigt ihre Sporen zu verbreiten und deutsche Wälder abzubauen. Ja, sie kundschaften die Szene wahrlich aus, nachdem sie ihre Eltern verlassen haben und nun nicht nur zwischen Hamburg und Berlin ihre Tentakel drohend auf dem Boden ausbreiten. Doch was meint Mark E. Smith mit "Your just a bloody Twister, so who do you think your fooling"? Ganz klar: Mich  bzw. die Menschen, die ihm zu nahe gekommen sind. Doch keine Angst! Der wie eine Röhre aussehende Stamm des Receptaculums wird euch nicht in seinen Schlund ziehen und mit ätzenden Stoffen zersetzen. Hoffen wir mal, dass in Zukunft auftretende Mutationen diese Fähigkeit nicht ausbilden. (Receptaculum bezeichnet übrigens den Träger der Gleba. Hä wat? Die Gleba ist die dunkle fleckenartige und schleimige Masse, die man auf den Tentakeln sehen kann. In ihr werden die Sporen gebildet.)
Nein, der Tintenfischpilz ist ein verfluchter Betrüger, der einen im wahrsten Sinne des Wortes verarscht. Ja - im wahrsten Sinne des Wortes - der von mir benutzte vulgärsprachliche Ausdruck muss wortwörtlich genommen werden. Als ich daranging, die Tentakel für die Fotos etwas in Form zu biegen, brachen sie sehr leicht ab, so dass ich die Bruchstellen etwas kaschieren musste. Bei dem Pilz auf dem oberen linken und unteren rechten Foto ist das untere Tentakel gebrochen, was jetzt aber ein eigentlich unnötiger und langweiliger retardierender Moment ist. Das Entscheidende ist, dass ich den Tintenfischpilz mit meinen Fingern berührt habe. Das Grauen, das Grauen, das Grauen - treffender kann Joseph Conrad nicht zitiert werden. Wie die Stinkmorcher verströmt Clathrus archeri einen Gestank nach Aas und dem liegt dieselbe Ausbreitungsstrategie zugrunde. Fliegen und sonstige Kadaver fressende Insekten werden angelockt, die die Gleba samt Sporen fressen und somit dem Tintenfischpilz zu seiner weiteren Verbreitung verhelfen. 
Tja, und ich beging den Fehler, die Tentakel zu berühren. Den ganzen Tag verließ mich der Gestank nach Aas nicht mehr. Ich kann von Glück sagen, dass der Knechtstedener Wald nicht von Bären und Geiern bevölkert ist - lebend wäre ich bestimmt nicht mehr herausgekommen. Man wächst jedoch mit seinen Leiden. Ich muss zugeben, dass am Ende des Tages der Aasgeruch ein leichtes perverses Wohlgefühl in mir entstehen ließ.
Oh man, "who do you think your fooling".
Zuletzt sei noch angefügt, dass völlig ungewollt nun auch die Homepage "Rotten Trees" an konzeptueller Durchdachtheit hinzugewinnt. Stinkmorchel und Tintenfischpilz in unmittelbarer virtueller Raumnachbarschaft - ein Clou sondergleichen, gehören doch beide Pilze ein und derselben Familie an: der der Stinkmorchelverwandten - Phallaceae. So könnte man im Zusammenhang mit unserem neophytischen Australier auch von einer Familienzusammenführung sprechen. Doch davon will die Stinkmorchel wahrscheinlich nichts wissen:
"Australians in Europe never ever breathe".
      
 

Die Stinkmorchel

(05.12.2018)


Der Unzüchtige

Sollte mich einmal das Schicksal ereilen, durch eine unheilbare Krankheit erblinden zu müssen, gibt es zum Glück in punkto Pilzesammeln Hoffnung: Die Stinkmorchel - Phallus impudicus - findet man auch, ohne sich der Augen bedienen zu müssen. Der Gestank nach Aas, den sie ausströmt, ist schon von weitem wahrnehmbar und durchaus unangenehm. Falls man dann gar durch einen seltenen Virus der Geruchsfähigkeit verlustig gegangen ist, selbst dann ist noch nicht alles verloren. Wenn man den Fruchtkörpern zu nahe kommt, erhebt sich dröhnend summend eine Fliegenschar, die die klebrige schleimige Schicht des Stinkmorchelkopfes bevölkert und frisst. Tja, wenn dann auch noch die Hörfähigkeit flöten geht, dann ist endgültig mit dem Pilzesammeln Schluss - aber so weit ist es bei mir zum Glück noch nicht. Fliegen, Schleim und Gestank bilden den Komplex, den die Fortpflanzungsstrategie von Phallus impudicus ausmacht. In dem Schleim sind die Sporen herangereift und durch den Gestank werden Fliegen angelockt, die ihn fressen und so als Sporenverbreitungstransportmittel dienen. Gleichzeitig dürfte der Gestank potentielle Stinkmorchelfresser auf Abstand halten - zumindest was den Menschen angeht, klappt das auch ganz gut. Obwohl ungiftig, habe ich noch niemanden getroffen, der sie sich mit Speck und Zwiebeln in die Pfanne gehauen hätte. Und schon muss ich einen ersten Einschub einfügen, der das soeben Gesagte etwas relativiert. Auf dem oberen rechten Foto sind kugelige Gebilde zu sehen, die als Hexeneier bezeichnet werden. Sie stellen sozusagen das Embryonenstadium der Stinkmorchel dar, bevor sie aus ihnen herauswächst und ihren Stiel in die Höhe reckt. Schneidet man nun solch ein Hexenei auf, so kann man, umgeben von einer gallertartigen transparenten Masse, den schon ausgebildeten Fruchtkörper des Pilzes erkennen. Diesen kann man herauslösen und entweder roh oder gebraten verzehren. Ich habe es selbst noch nicht ausprobiert, aber ein Versuch schadet sicherlich nicht. Von Aasgeruch kann in diesem Stadium noch keine Rede sein, eher ist eine leichte Rettichnote dezent anwesend. Aber etwas anderes habe ich ausprobiert: In einem Internetforum las ich, dass die gallertartige Masse des Hexeneis durchaus positive kosmetische Wirkungen auf der Haut habe. Diesem Hinweis konnte ich natürlich nicht widerstehen, nahm ein Hexenei mit nach Hause und schmierte einen Teil meines Körpers mit der wabbeligen Masse ein. Ich muss sagen, dass sie wirklich gewirkt hat. Noch nach Stunden sah meine Haut jugendlich frisch aus, und insgesamt war das gesamte Körpergefühl wohlig gesteigert. Vergesst die teuren Spas - Stinkmorchelcreme wird der neue Wellness-Hype, und ich kann von mir behaupten, ganz hipstermäßig neue Trends gesetzt zu haben.
Kommen wir noch einmal auf den Gestank des ausgewachsenen Fruchtkörpers zurück. Hatte ich oben  geschrieben, dass ihn Scharen von Fliegen bevölkern, wird sich der aufmerksame Leser fragen, wo sie denn auf den Fotos geblieben sind. Die drei Fliegen, die auf ihnen zu sehen sind, sind tatsächlich noch etwas entfernt von einer Schar oder gar Scharen. Dies hängt mit der Jahreszeit des Fundes zusammen: Es war bereits Mitte November, als ich die Fruchtkörper fand, und in diesem Monat sind die meisten Fliegen schon den Weg alles Irdischen gegangen.
Puh, nach diesem ganzen Geschwafel kommen wir nun endlich zu dem eigentlich Wichtigen des Beitrags, der in die mythologischen Tiefen der Menscheit hinabbreicht. Der lateinische Name unseres Pilzes ist Phallus impudicus - der unzüchtige Schwanz. Er stellt eigentlich das phallisches Symbol schlechthin der Pilzwelt dar. Seit der griechischen Antike werden die Wörter für Pilz (mykes) und Phallos (Penis im erigiertem Zustand) synonym verwandt. In der griechischen Antike hatten demnach alle (Ständer)Pilze phallische Symbolkraft. Und der König unter ihnen muss zweifellos Phallus impudicus gewesen sein. Und dem Phallos ist auch ein Gott zugeordnet: Dionysos.
"Dionysos ist nicht, wie viele meinen, der Gott des Weines. Er ist der Gott des Rausches, der manía , des göttlichen Wahnsinns. Er beschenkt die, die es wirklich wissen wollen, mit der wirklichen Ekstase, die sie durch seinen Phallus erfahren möchten oder können. Er ist der Herr der Pilze, und zwar der Pilze, die den göttlichen Wahnsinn erzeugen. Er ist der Herr der Sexualität, die im Rausch des  Pilzes zu göttlicher Verzückung, eben zur totalen Ekstase führt. Dionysos wurde in der Antike vor allem von Frauen verehrt; und zwar in der Gestalt, die ihn auf sein Wesentliches, nämlich seinen Phallus, reduziert. Er wurde als mykes, als Pilz geküsst und bekränzt". (aus: Christian Rätsch, Pilze und Menschen, AT-Verlag, Aarau und München 2010, S. 72)
Phallus impudicus hat zwar keine halluzinogenen Stoffe wie andere Pilze, wodurch es ihm schwerfallen sollte, tatsächlich den "göttlichen Wahnsinn" zu erzeugen. Aber nein, ich denke, seine ekstatische Wirkkraft kann sich durch seine visuelle Erscheinung entfalten. Also, macht euch auf in die Wälder! Tanzt euch hinein in den ekstatischen Wahn und küsst und bekränzt Phallus impudicus! 
      

Der seidige Rötling

(29.11.2018)


Lehrer sein ist geil

Jetzt endlich ist es raus. Ja, steinigt mich, stellt mich gefedert und geteert an den Pranger: Ich bin Lehrer. Meine verehrten Leser werden sich sicherlich die Frage stellen, ob ich nun doch die falschen Pilze gegessen habe und völlig durchgedreht bin. Was, bitte schön, hat mein Beruf mit dem seidigen Rötling - Entoloma sericeum - zu tun? Gemach, gemach, die Beantwortung wird in den kommenden Zeilen geschehen. 
Vor zwei Tagen hatte ich Unterricht in einem Klassenraum, der gegenüber der Computerräume liegt. Dazwischen erstreckt sich ein Rasen, der reichlich mit kleinen Kräutern durchsetzt ist, was dem Lauf der Zeit und nicht gärtnerischer Planung geschuldet ist. Ich stöhnte schon innerlich, dass, ich nach zwei gegebenen noch weitere sechs Unterrichtsstunden zu geben hatte. Nicht dass man mich falsch versteht: Eigentlich bin ich ganz gerne Lehrer; wenn jedoch der Unterrichtstag so einen Anstrich von Fließbandarbeit annimmt, dann ist ein innerliches Stöhnen sicherlich nachvollziehbar. Um nun endgültig das eigentliche Thema - Entoloma sericeum - aus den Augen zu verlieren, möchte ich noch anfügen, dass die gesamten Reformen der Bildungspolitik und die letztens gestartete Digitaloffensive der Regierung am eigentlichen Problem der Bildungsmisere völlig vorbeizielen. Was es braucht, sind entlastete Lehrer und kleine Klassengrößen. Wenn man am Ende des Schultages in das über Hundertste Gesicht eines Schülers geschaut hat, ist es schwer, noch irgendein Empathieempfinden mit einem Jugendlichen aufzubringen. Wenn man dann auch noch die Arschkarte der Fächerkombination gezogen hat, dann verbringt man seine Wochenenden mit Rotstift und Fehlern, was bestimmt keinen positiven Effekt auf die eigene Persönlichkeitsentwicklung hat.
Ha, ich larmoyanter und lamentierender Staatsbeamter. Auch falls es nun nicht so klingt - die meisten meiner Schüler mag ich schon ganz gerne.
Kehren wir nun langsam zu dem seidigen Rötling zurück. Nachdem ich den Inhalt der Stunde eingeführt und den Arbeitsauftrag erklärt hatte, setzten sich die Schüler in kleinen Gruppen zusammen und arbeiteten. Tja, viel hatte ich nun erst einmal nicht zu tun und ging etwas gelangweilt von einem Ende des Klassenraums zum anderen, beobachtete meinen Kollegen im gegenüberliegenden Computerraum und ließ immer wieder meinen Blick über das Rasenstück streifen. Da entdeckte ich relativ kleine, gesellige Pilze, die ich vom Fenster aus für Faserlinge hielt. Man kann sich vorstellen, wie meine Aufregung stieg. Doch vor den Augen der Schüler aus dem Fenster klettern wollte ich dann doch nicht. So schmiedete ich, während ich auf das Ende der Gruppenarbeit wartete, Pläne, mich den kleinen Pilzgesellen zu nähern. Die kurzen Pausen waren dafür auch nicht geeignet, denn ich wollte nicht vor allen Kollegen- und Schüleraugen auf dem Rasen knien, und wenn nötig sogar liegen. Nein, strategisch klug wartete ich das Ende des Schultages ab. Angst um die Pilze musste ich mir auch nicht machen: Das besagte Rasenstück wird nur alle paar Monate von einem Mann auf einem kleinen Mähtraktor betreten, und dies war vor zwei Tagen zum Glück nicht der Fall.
Also gelang es mir, den Pilzen gegenüberzutreten. Die  gerieften Hüte hatten einen dunklen Braunton, der von einigen rötlichen Farbreflexen begleitet war. Die Lamellen waren grau-ocker-braun und weiterhin ging ich davon aus, es mit einer Art der Faserlinge zu tun zu haben. Der dunkle Punkt in der Hutmitte weckte leise Hoffnungen, ihn bestimmen zu können, weshalb ich ein Exemplar mit nach Hause nahm. Ich ließ ihn aussporen und schaute mir den Farbton des Sporenpulvers an: es war braun-rosalich. Zwar können auch Faserlinge im Sporenpulver rote Farbschattierungen aufweisen, hier schien mir das Rosa jedoch etwas zu dominant zu sein, weshalb ich mich schon fragte, ob meine makroskopische Einschätzung Wesentliches übersehen hätte. Ja, die Sporenform (die Sporen hatten fünf bis sechs Ecken) unter dem Mikroskop betrachtet, ließ nur einen Schluss zu: Es musste eine Art der Gattung der Rötlinge - Entoloma - sein. Mein Mut sank etwas, denn in der Gattung Entoloma tummeln sich in Europa so um die zweihundert Arten und eine mikroskopische Bestimmung muss recht gekonnt angegangen werden. Wichtig dabei ist die Betrachtung der Zellen der Huthaut und die Beurteilung, ob diese oberflächlich oder intrazellulär pigmentiert sind. Auch die Stärke der Pigmentierung kann wichtig werden. Alles andere als überzeugt davon, vernünftige Mikrobilder hinzubekommen, fing ich an die Huthaut zu mikroskopieren. Und helau, ich muss angeberisch verkünden, dass mir noch nie so gute Mikrobilder wie hier gelungen sind. Tatsächlich kann man auf dem Foto des Mikrobildes feststellen, dass einige Hyphen inkrustiert sind. (Es sind die dunkleren Bereiche der Zellabgrenzungen.) Unfassbar - die Bestimmung war dann recht schnell, und ich muss eingestehen, dass unser Pilz eigentlich schon ganz gut makroskopisch eingrenzbar und wohl auch recht häufig ist. Wenn man etwas genauer schaut, kann man leichte rosa Flecken auf den Lamellenflächen entdecken, was mir allerdings erst unter der Stereolupe auffiel. Gott, bin ich ein Dilettant. Dann ist neben seiner recht dunklen, des Öfteren seidig glänzenden Hutfarbe (seidiger-sic-Rötling) auch sein Geruch nach feuchtem Mehl sehr charakteristisch. Ihn konnte ich jedoch erst feststellen, als ich ein Stück des Hutes zwischen den Fingern zerrieb. Schließlich sei noch das Habitat erwähnt: Entoloma sericeum wächst typischerweise auf Rasenflächen und ernährt sich saprobiontisch von  irgendwelchen pflanzlichen Überresten.
Puh - nachdem der Artikel eigentlich ganz schwungvoll begann, hat er im Laufe des Zeilenfortschrittes doch einiges an ungelenker Fahrt eingebüßt. Aber ich verspreche: Sie wird in den abschließenden Sätzen rasant und elegant den Klimax erreichen.
Vor zwei Tagen schaffte ich es tatsächlich, das erste Mal einen Rötling ohne einen geringsten Restzweifel zu bestimmen. Die ganzen Jahre, die ich an meiner Schule zubrachte, haben sich gelohnt. Jedes rot gesetzte Rechtschreibungszeichen an den Rand einer missglückten Schülerarbeit diente nur als Vorbereitung auf dem Weg, den seidigen Rötling zu finden. Noch im Greisenalter werde ich meinen Enkeln von diesem Höhepunkt meiner Lehrerkarriere berichten.             

Der weißflockige Mürbling

(23.11.2018)


Der Olympionike

Irgendetwas ist schiefgegangen. Weder der deutsche - der weißflockige Mürbling - noch der lateinische Artname unseres Pilzes - Psathyrella olympiana - scheinen auch nur im Entferntesten auf den Pilz der Fotos hinzudeuten. Von Weißflockigkeit ist nicht einmal ein Hauch zu spüren. Und olympisch - nunja - im Stiel zweifach geknickt, schafft es Psathyrella olympiana noch gerade so, seinen Hut mehr schlecht als recht waagerecht zum Boden auszurichten, damit seine Sporen verbreitet werden können. Ein doppeltes Rätsel, das es zu lösen gilt. Erst einmal sei gesagt, dass ich die Mikrobilder hinzugefügt habe, um keinen Zweifel an der Identität des kleinen Pilzwesens aufkommen zu lassen. Ja, die Form der Cheilo- und Pleurozystiden mit ihren andeutungsweise zu erkennenden Kritallschöpfen bzw. apikalen Anlagerungen (der dunkle Bereich an der Spitze der Zellen) und schließlich die Sporenform und -länge lassen für mich keinen anderen Schluss zu, als dass unser Pilz eben auf den Namen "Weißflockiger Mürbling" hört. Gefunden habe ich ihn letzte Woche am Rande eines Venngebietes im Westmünsterland. Am Saum eines Waldes reckte er etwas mitleiderregend seinen zermarterten Leib auf einem Holzästchen zwischen anderen Holz- und Pflanzenresten in die Höhe. Von olympischen Höhen konnte jedoch wahrlich nicht die Rede sein. Doch verweilen wir noch etwas bei seinem deutschen Artnamen. Tatsächlich ist der Hut von Psathyrella olympiana in einem jungen Entwicklungsstadium mit weißen Flocken besetzt. Diese sind jedoch recht flüchtig und an älteren Exemplaren kaum noch feststellbar. Im Alter besitzt der rot-bräunliche Hut die Tendenz, runzelig zu werden, was schön auf den Fotos nachvollzogen werden kann. Die Gattung der Faserlinge (auch Mürblinge genannt) ist sehr zahlreich und einzelne Arten sind teilweise auch nicht einfach zu bestimmen. Die Runzeligkeit des Hutes teilt Psathyrella olympiana u.a. auch mit dem kleinsporigen Faserling, Psatyrella laevissima. Doch ich denke, dass der weißflockige Mürbling makroskopisch ganz gut eingrenzbar ist - auch wenn er flockenlos nackt in der Gegend herumsteht. Dies liegt m-E. an den Lamellen, die einen Grauton aufweisen, wie man es an Schwefelköpfen beobachten kann und den z.B. Psathyrella laevissima nicht hat.
Gut, was um alles in der Welt ist nun olympisch an unserem Pilz? Göttergleich thronend tut er auf alle Fälle nicht. In seiner Gebrechlichkeit rührt er fast schon an, und man würde ihn am liebsten im nächsten Pilzsanatorium unterbringen, damit sein geschundener Leib wieder aufgepeppelt werden kann. Schon der kleinste Windhauch droht ihn aus dem Leben hinwegzufegen. Doch ich denke, dass gerade hierin sein olympischer Charakter begründet liegt. Zweifach geknickt, stemmt er allen Widrigkeiten zum Trotz sein Hütchen an die angrenzenden Moose, um seinen ungebrochenen Willen der Welt zu zeigen. C'est simplement l'envie de vivre wie es in einem Lied von Grand Corps Malade heißt. Ja, diese Lust ist es, die Psatyrella olympiana göttergleich heroisch in seinem Namen eingeschrieben findet.          

Der rosa Rettichhelmling

(16.11.2018)


Aus der Art geschlagen

Eigentlich müsste der Titel "Aus der Gattung geschlagen" heißen, jedoch klang das selbst für einen Sprachverstümpeler wie mich nicht elegant genug. Helmlinge haben ihren Gattungsnamen aufgrund ihres helmlingsartigen Hutes bekommen und die meisten Arten halten sich auch brav an die genetischen Vorgaben. Ha, die Wortkombination brav und Helmling stellt aber sowieso ein klassisches Oxymoron dar. Unangepasst und wild ziehen sie durch die Wälder und verbreiten Chaos, Angst und Schrecken. Unangepasst und wild - der rosa Rettichhelmling? Ja, auch er - Mycena rosea - passt haargenau in das Bild, das ich mir von den Helmlingen gemacht habe, und bisher hat mich noch keine Art enttäuscht. Unser Pilz pfeift auf das äußere Erscheinungsbild, dem sich ein Helmling gemeinhin unterwerfen muss. Von einem helmlingsartigen Hut kann bei Mycena rosea wahrlich nicht die Rede sein. Aufgeschirmt mit einem kleinen ockerbräunlichen Buckel trägt er nun gar nichts von dem martialischen Kopfschmuck seiner Gattungsgenossen. Und auch seine Farbgebung hebt ihn heraus aus dem Farbenspiel der Helmlingswelt. (Nunja, nicht ganz, u.a. kommen Mycena pura, auf den ich noch zu sprechen komme, und Mycena diosma auch mit allerdings dunkleren gefärbten Rosatönen daher.) Irgendwie schien dem rosa Rettichhelmling die Verbindung zwischen der Farbe Rosa und dem kriegerischen Element des Helms nicht ganz passend, weshalb er beschloss, schnell aufzuschirmen. Oder stellt er gar einen Pilz dar, der transsexuell innerhalb der Gattung Mycena sein Leben fristen muss und eigentlich im Geiste ein Rötling ist? Fürwahr, die Helmlingswelt ist voller Rätsel. 
Zumindest kann ich mit Sicherheit sagen, dass unser Pilz in seinem transsexuellen Leben nicht zu leiden hat. Selbstbewusst und schön präsentiert er sich den Augen des Betrachters. Wenn - ja wenn - da nicht mal wieder der Geruch ins Spiel käme, der den potentiellen Sexappeal direkt im Keim erstickt. Mycena rosea gehört zu den Rettichhelmlingen und riecht recht stark und penetrant nach dem Wurzelgemüse. Diesen Rettichgeruch teilt sich unser Helmling mit Mycena pura. Mycena rosea wurde früher auch nur als Varietät des gemeinen Rettichhelmlings aufgefasst. Einen Artrang bekam unser Pilz dank seiner toxilogischen Zusammensetzung, die ihn von M. pura unterscheidet. Ja, unser Pilz ist gar der giftigste unter den Rettichhelmlingen. Mikroskopisch ähneln sich beide sehr stark, sodass die Artbestimmung hauptsächlich makroskopisch erfolgt. 
Tja, und hier muss ich etwas kleinlaut einschieben, dass für mich fast alles auf Mycena rosea hindeutet, aber wie so oft gibt es einen kleinen Punkt, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Ich fasse zusammen, was für Mycena rosea spricht: Zuerst sind die eher helleren Farben des Hutes zu nennen, dann der eher weißliche nur leicht rosa überhauchte Stiel. Weiterhin wird der Stiel des rosa Rettichhelmlings zur Basis hin breiter und kann dort gelbliche Verfärbungen aufweisen, was man auf den oben zu sehenden Fotos gut erkennen kann. Und nun das Kopfzerbrechungsmerkmal: Mycena pura soll in der Hutmitte konzentrisch eingebuchtet sein, was eigentlich auf dem rechten oberen Foto zu sehen ist. Es ist zum Haareraufen. Irgendwas tanzt immer aus der Reihe. Eigentlich bin ich sicher, dass es Mycena rosea ist; ich suche allerdings morgen noch einmal die Fundstelle auf und schaue, ob andere Exemplare des Pilzes zu finden sind. Wenn meine Bestimmung Blödsinn ist, gebe ich Bescheid.
Unser Helmling wäre nun aber kein Helmling, wenn er nicht noch mit einer erstaunlichen Tatsache aufwarten würde, die uns in die wunderbare fremde Welt des Lebens führt:
Das Rosa seines Hutes verdankt Mycena rosea dem Pyrrolochinolinalkaloid Mycenarubin A. In der Struktur ähnliche Pyrrolochinolinalkaloide wurden in Lebewesen nachgewiesen, die im Meer leben. So gibt uns Mycena rosea zum Schluss den Anstoß, philosophisch in die Entstehung des Lebens einzutauchen und Leben als Verbindung und als zusammenhängendes Gebilde zu verstehen. 
Ja, auch die Philosophie haben unsere Helmlinge drauf. 
         

Der Fadenhelmling

(09.11.2018)


Taucht hinein in die Helmlingswelt

Habe ich schon an anderer Stelle auf dieser Seite meine Begeisterung für die Helmlinge geäußert, so hat mich auch der dritte Vertreter, der auf Rotten Trees vorgestellt wird, nicht enttäuscht. Nicht enttäuscht - welche Litotes-gleiche rhetorische Unfigur. Schaut euch sie an, wie sie ihre Hüte ungestaltet und verrunzelt in die Höhe strecken. Gleichzeitig zeichnen die zwei Vertreter der Fadenhelmlinge - Mycena filopes - eine ganz eigentümliche Art von Dynamik aus. Rechts sind die Hutränder unsymmetrisch in die Länge gestreckt und links um so mehr verkürzt. Es hat den Anschein, als ob unsere Pilze in höchstem Tempo zum linken Bildausschnitt rasen wollten. Ihre Hute sind dadurch nach hinten und in die Höhe gehoben, und man würde schon gerne einen Blick unters Röckchen werfen, was ich auch getan habe. Davon zeugt das untere rechte Photo. Von rasender Geschwindigkeit im Pilzreich zu sprechen, ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. In der Zeit, in der ich mich mit den Fadenhelmlingen auf den Photos beschäftigt habe, sind sie nicht wirklich vorwärts gekommen. Doch was wissen wir schon von der Weltwahrnehmung der Fungi? Ich bin sicher, dass andere Pilze in der Umgebung vor Angst ihre Hüte in die Erde gegraben haben, um nicht den zerfasernden Aufprall auf dem nächsten Baumstumpf mit ansehen zu müssen. Mycena filopes besteht aus purer und reiner Energie. Streben die Fruchtkörper nach links, so strebt gleichzeitig ihr Zipfel wie ein Bergspitzenungetüm in die Höhe. Man kann förmlich miterleben, wie sich die Kontinentalplatten der Erde ineinanderschieben und den Pilzhut in die Höhe treiben.
Puh, stoppt mich, ich bin gerade der enthusiastischen, ekstatischen Helmlingsanbetung verfallen.
Um kühlen Kopf zu bewahren, kann ein Blick auf die Fakten die angestiegenen Temperaturen wieder senken. Nein, ich schaffe es einfach nicht, denn auch die Fakten heben Mycena filopes in den Pilz-Olymp. Zu nennen sei erst einmal sein Geruch. Riecht man im Wald an ihm, ist man enttäuscht: Eigentlich riecht er nach nichts. Pflückt man ihn aber und lässt ihn etwas antrocknen, dann erschlägt er einen förmlich mit seinem Jodgeruch. Es gibt einige nach Jod riechende Helmlinge - dieser Sprung vom Nichts in den Medizinschrank ist aber schon hohe Kunst. Ja, auch als Performance-Künstler hat der Fadenhelmling seine Qualitäten. Doch mit den Menschen, die ihn bestimmen wollen, treibt er einen gehörigen Schabernack. Es gibt eine andere Mycena-Art - Mycena metata - die fast identisch aussieht und auch dasselbe Geruchsmuster aufweist. Auf der tollen Internetseite des norwegischen Mykologen Aronson (beim Klicken auf den Namen kommt man auf ihr direkt zu Mycena filopes) wird explizit auf Möglichkeiten der Unterscheidung eingegangen. Aber Gott, Mycena filopes und Mycena metata haben sich abgesprochen, um die laienhaften Pilzbestimmer in den Wahnsinn zu treiben. Habe M. metata rosa Töne, zeichne sich M. filopes beim Trocknen durch silbrige Farbschattierungen aus. Tja, nach meinen Erfahrungen ist das - wie der Düsseldorfer sagen würde - Killepitsch. Wie aus dem Bilderbuch gemalte Filopes entpuppten sich schließlich als Metata und umgekehrt. Ich kann mir zwar vorstellen, dass sich mit der Zeit eine gewisse makroskopische Bestimmsicherheit einstellt - bis das jedoch der Fall ist, hilft nur das Mikroskop. Zwar sehen auch die Cheilozystiden sehr ähnlich aus, doch erreichen sie bei Mycena metata viel größere Ausmaße. 
Beide Arten können sowohl mit pflanzlichen Überresten im Laub- wie auch im Nadelwald. Bei mir war es allerdings bisher so, dass ich den Fadenhelmling eher im Laub-, den kegeligen Helmling (M. metata) eher im Nadelwald gefunden habe. Heißt aber nichts.
So, während ich diese langweiligen Ergüsse auf das virtuelle Papier gebracht habe, ist unser Pilz bestimmt schon in die Waldesnacht gerast und lacht sich über unsere Bestimmungssorgen halb scheckig. Yeah, damn it all, so schreit er es in die Welt hinein.
Als Antiklimax muss zuletzt noch gesagt werden, dass unsere Pilze auf den Photos nicht unbedingt typische Vertreter ihrer Art sind - was man beim Klicken auf den Namen Aronson feststellen wird. Doch ich bin sicher, dass in allen Mycena filopes dieser Welt der verrenkende Geschwindigkeitsrausch genetisch eingeschrieben ist.  
 

   

Der rosenrote Gelbfuß

(31.10.2018)

Psycho Killer

Psycho Killer
Qu'est-ce que c'est
Fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-far better
Run run run run run run run away oh oh
Psycho Killer
Qu'est-ce que c'est
Fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-fa-far better
Run, run, run, run, run, run, run, away oh oh oh
Yeah yeah yeah yeah!
So schlimm, wie es hier die Zeilen des Songtextes der Talking Heads versprechen, wird es leider doch nicht, aber ich hoffe, meine Leser neugierig gemacht zu haben, mit was für einem perversen Gesellen es wir bei dem rosenroten Gelbfuß - Gomphidius roseus - zu tun haben. Erst einmal kleidet er sich in attraktive rosenrote-orangene Farbtöne und verzückt seine Betrachter. Und auch sein verschmierter Hut kann seine Schönheit nicht entstellen. Die Schmierigkeit des Hutes wird übrigens in seinem zweiten deutschen Volksnamen deutlich: der rosenfarbene Schmierling. Betrachtet man die gesamte Form des Fruchtkörpers, so fällt auf, dass von dem breiten Hut über die am Stiel hinablaufenden Lamellen der Pilz immer schlanker wird, um fast etwas spitz an der gelben (daher Gelbfuß) Stielbasis zu enden. Der lateinische Gattungsname "Gomphidius" könnte es nicht besser bezeichnen: Er ist abgeleitet von dem griechischen Wort "gomphos", was so etwas wie Pfropfen bedeutet. Ja, pfropfenartig ist unser Pilz allemal, und man hätte Lust, ihn in die nächste Weinflasche zu stecken. (Tja, am Rande fließen hier auch immer wieder ausgefallene Partytipps ein.) Die anfangs noch weißen Lamellen werden mit der Zeit immer grauer, bis sich ihre Farbe zu einem oliv-grau gewandelt hat. Diese langsame Verdunkelung liegt an den reifenden Sporen, die dunkelbraun-schwarzbraun sind. An der Ringstruktur des Stiels kann man auf den Fotos schon schwärzliche Spuren erkennen, die von herabgefallenen Sporen herrühren. 
Gomphidius roseus ist außerdem wie gemacht dafür, das phänomenologische Betrachten in der Natur zu üben. Hat man ihn ein paar Mal gefunden, wird man zweierlei feststellen: Erstens wächst er bei Kiefern, zweitens taucht in unmittelbarer Nähe von ihm ein anderer Pilz auf - der Kuhröhrling (Suillus bovinus). Kuhröhrlinge treten in den meisten Fällen recht zahlreich an einem Ort auf, und oft kann man zwischen ihren Fruchtkörpern einige Exemplare von Gomphidius roseus finden. Ja, den rosenfarbenen Schmierling wird man ohne den Kuhröhrling nicht finden. Umgekehrt geht diese Gleichung nicht auf: Der Kuhröhrling kann durchaus ohne Gomphidius roseus erscheinen, In beiden Fällen müssen jedoch Kiefern in der Nähe wachsen. Nach diesen etwas umständlichen Erklärungen kommen wir zu dem Wesentlichen: Was wir vor uns haben, ist sozusagen ein Gefüge aus drei Elementen: Zwei Pilze und ein Baum, die eng aufeinander bezogen sind. Nur wie ist die Bezogenheit zu deuten? Die Sache mit der Kiefer scheint einfach zu erklären zu sein. Beide Pilzarten sind Mykorrhizapartner der Kiefer, was bedeutet, dass sie eine Symbiose mit dem Baum über sein Wurzelsystem eingehen. Erhalten die Pilze Kohlehydrate, so versorgen sie selbst den Baum mit Mineralien und sind auch bei der Wasserversorgung ein wichtiges Element. Ich bin sicher, dass in dem Dürresommer 2018 kein Baum überlebt hätte, wenn sie nicht mit Pilzen verbunden gewesen wären. Nun, so far so good, doch wie erklären wir die doch eher einseitige Bezogenheit des rosenfarbenen Gelbfußes auf den Kuhröhrling. Die Wissenschaft geht mittlerweile davon aus, dass Gomphidius roseus neben seiner Mykorrhizaeigenschaft auch auf den Hyphen des Kuhröhrlings parasitiert. Das müssen wir erst einmal sacken lassen, bevor wir mit unseren Schimpftiraden beginnen. Der Psycho, in wunderschöne Kleider gehüllt, saugt er vampirhaft an den Hyphen des Kuhröhrlings. Und auch das in Verzweiflung ausgestoßene "Run run run run run away" wird ihm nicht helfen können. Wahre Sprinter sind unsere Pilzfreunde ja nun gerade nicht. Wenn Gomphidius roseus tatsächlich dieser parasitische Psycho-Killerpilz ist, dann ist er jedoch noch weit davon entfernt, als Profi-Killer Eingang in die Hall of Fame der Pilzwelt zu finden. Zumindest würden paramilitätisch geschulte kolumbianische sicarios nur ein verächtliches Schulterzucken für ihn übrig haben: Seit drei Jahren kenne ich die Stelle, an der die beiden Pilzarten wachsen, und wenigstens bis jetzt konnte ich nicht bemerken, dass die Anwesenheit von Gomphidius roseus den Kuhröhrling irgendwie beeinträchtigt hätte. Vielleicht haben wir es ja gar mit einer zweiten Form der Symbiose zu tun, bei der beide Pilzarten voneinander profitieren. Dann entschuldige ich mich jetzt schon einmal für die anfangs zitierten Liedzeilen der Talking Heads.
Sei es wie es sei,  die ménage à trois macht uns darauf aufmerksam, wie Natur sich in Abhängigkeiten und Gefügen gestaltet. Autarkes Leben gibt es nicht, was der Mensch so gerne vergisst. Er beherbergt Millionen und Abermillionen von Bakterien, ohne die er noch nicht einmal die ersten Tage seines Erdenlebens überstehen könnte. Natürlich bleibt uns das verborgen. Jedoch kann ein geöffneter Blick in die Natur dazu beitragen zu verstehen, dass Arten nicht für sich, sondern als Gefüge gedacht werden müssen.
So, zuletzt aber noch einmal zu dem Psycho-Killer in uns allen: Wie alle Gelbfüße ist Gomphidius roseus essbar und durchaus lecker.             

Der Mönchskopf

(26.10.2018)

Klosterleben im Wald

Man muss es der katholischen Kirche lassen: Sie reformiert sich, was man anhand des Mönchskopfes gut belegen kann. Wurde unser Pilz von Bulliard 1792 Agaricus  geotropus genannt, wurde er 1872 in die Gattung der Trichterlinge verschoben und erhielt den Namen Clitocybe geotropa. Nein, da passt er nun auch nicht mehr hinein. 2003 wurde von dem finnischen Mykologen Harmaja eine neue Gattung gegründet, in der mit 12 weiteren Trichterlingen unser Pilz eine neu Heimat gefunden hat: Infundibulicybe. So heißt der Mönchkopf bis zu weiteren Aufspaltungen und Reformen "Infundibulicybe geotropa". Kommen wir erst einmal auf das lateinische Artepitheton "geotropa" zu sprechen. Übersetzt wäre es so etwas wir sich zur Erde hinneigend. Nein, davon kann bei unserem Mönchkopf wahrlich keine Rede sein. Die einzelnen Fruchtkörper scheinen geradezu sich in der Länge ihres Stiels übertreffen zu wollen, und diese können in wirklich stattlichen Exemplaren an die 25 cm erreichen. Ein Blick in die Fachsprache der Botanik kann hier weiterhelfen. Dort wird von positivem und negativem Geotropismus gesprochen. Alles klar? Von negativem Geotropismus spricht man bei pflanzlichen Organen, die sich von der Erde wegbewegen - also z.B. der Stiel. Ja, und Infundibulicybe geotropa kann sich anscheinend nicht weit genug vom Erdmittelpunkt entfernen können und sucht sein Heil in den Höhen. Somit ist auch in diesem Falle der deutsche Artname "Mönchskopf" sehr treffend gewählt. Hat nicht schon immer die christliche Kirche ihr Heil im Himmel gesucht und die heidnischen Erdgötter in die Hölle verdammt? Falls die katholische Kirche mal ein neues Bildsymbol sucht, könnte der Mönchskopf allemal in seiner negativen geotropischen Ausrichtung als Kandidat in die engere Auswahl kommen. Doch wir haben es ja hier mit Mönchen zu tun, und zwar mit keinen eremitisch zurückgezogenen, sondern mit einer Mönchsgemeinschaft, deren Körperkontakte meine Augenbrauen schon bedenklich in die Höhe schnellen lassen.  Na na na, zügelt euch, möchte man der Gruppe zurufen. Sind sie vielleicht doch nicht als symbolträchtiges Banner der katholischen Kirche zu gebrauchen, sondern eher als allegorische Verdeutlichung der diversen Missbrauchsskandale? Nun, diese Urteil überlasse ich meinen geneigten Lesern. 
Ganz etwas anderes hat mich an dieser Pilzgruppe fasziniert. Wenn man so will, kenne ich sie schon seit drei Jahren. Regelmäßig im späten Oktober streben die Fruchtkörper in einem kleinen Fichtenwald in der Bröcke aus der Erde. Vor drei Jahren wuchsen sie allerdings noch zwei Meter entfernt von der Stelle, an der ich sie in diesem Jahr gefunden habe. Gut, klingt nicht so recht spektakulär, aber es verrät doch etwas über das Wesen der Pilze. Das Pilzmyzel im Boden (also der eigentliche Pilz) wächst weiter und bewegt sich. An seinen Myzelenden streben dann die Fruchtkörper zu einem geeigneten Zeitpunkt und bei geeigneter Bodenbeschaffenheit aus der Erde. Zwei Meter in drei Jahren: Junge, Junge. Ich denke, unsere Mönchskopfgruppe ist das Gesprächsthema Nummer Eins in der Pilzwelt: "Hast du gehört? Der Mönchskopf hat zweit Meter in drei Jahren geschafft. Der hats voll drauf. Nun ja, trainiert ja auch das ganze Jahr über." Ja, auch die Pilzwelt kennt Neid und Missgunst.
Trotz aller in sich gekehrter und lasziver Waldeseinsamkeit denkt der Mönchkopf auch an die Menschen, denn er ist essbar. Er gilt als mittelmäßiger Speisepilz, was ich aber nicht so stehen lassen kann und will. Vor ein paar Tagen veranstaltete ich mit ein paar Freunden nach einer Pilzwanderung ein gemeinsames Essen, bei dem neben dem Mönchskopf noch Eichenrotkappen und kleine Waldchampignongs den Weg in die Pfanne fanden. Was soll ich sagen? Obwohl Eichenrotkappe und kleiner Waldchampignong als ausgezeichnete Speisepilze gelten, machte hier eindeutig der Mönchskopf das Rennen. Zwar ist er etwas zähfleischig, und man muss schon etwas kauen - geschmacklich aber gehört er in die obersten Kategorien des Speisepilzolymps.
Verwechseln kann man ihn eigentlich auch nicht: In seiner Hutmitte ist immer ein kleiner Buckel vorhanden, der ihn von anderen, teils auch sehr giftigen Arten, wie z.B. dem bleiweißen Firnistrichterling, trennt.
Also, begebt euch hinein in seine Hexenringe (ja, auch die kann er bilden) und betet im dunklen Fichtenwald für positive Geotropismen und gedenkt einsamen Mönchen, die eure Zuneigung brauchen. 

Der Orangebecherling

(22.10.2018) 

Der Orangenbaumpilz

In der Literatur wird der Orangebecherling - Aleuria aurantia - als überaus häufig und nirgends fehlend beschrieben. Und schon hier muss ich mein erstes Veto ziehen, denn sooft ich auch im Westmünsterland auf der Suche nach Pilzen war, Aleuria aurantia habe ich dort noch nicht zu Gesicht bekommen. So wird die einschlägige Pilzliteratur neu geschrieben werden müssen: "Überaus häufig und nirgends fehlend; eine unerklärliche Ausnahme bildet hier das Westmünsterland, in dem der Orangebecherling als gefährdet eingestuft werden muss." So, nur dass es einmal gesagt worden ist. Gefunden habe ich die hübschen Fruchtkörper auf einer Eifelwanderung, die ich letzte Woche mit einem Freund unternommen hatte. Ich habe ihm hoch und heilig versprochen, die genaue Fundstelle nicht zu veröffentlichen, handelt es sich doch bei ihr par excellence um den Hotspot von Steinpilzen und Rotkappen. Nein, ein Pilzsammler verrät seine Fundstellen nie, ganz im Gegenteil, er verwischt seine Spuren, legt falsche Fährten, um etwaige Sammelkonkurrenz in die Irre zu führen. Dafür ist natürlich einiges zu beachten. Vor Betreten des Hotspots muss man sich vergewissern, dass niemand in der Nähe ist, der einen beobachten könnte. Schnelle Körperdrehungen, Blicke über die Schultern sind unerlässlich und sollten regelmäßig geübt werden. Wird man während des Sammelns von einem Spaziergänger überrascht, so ist es ratsam, ihn einzuschüchtern. Ein Hinweis auf unkontrollierbare Zuckungen des Arms, in dem man das Pilzmesser trägt, sollten eigentlich ausreichen, um neugierige Fragen im Keim zu ersticken. Ist der Pilzkorb dann übervoll mit Steinpilzen gefüllt, kommt der gefährliche Rückweg. Garantiert wird man von allen möglichen Menschen gefragt, wo die Pilze denn wachsen würden. Dann hilft nur ein unbestimmt in die falsche Richtung weisender Arm, der idealerweise zu dem Rand einer tiefen Schlucht führt. Doch schon die heimatliche Abreise erfordert strategisches Kalkül. Falls ihr in die Eifel aufbrecht, solltet ihr schon Tage vorher ankündigen, ihr wolltet im Sauerland nach Steinpilzen suchen. Im Auto dann nur noch im Rückspiegel mögliche Verfolger ausschließen und abhängen, und so gewappnet kann einem erfolgreichen Pilzgang eigentlich nichts mehr im Wege stehen.
Eigentlich. Doch da hat man die Rechnung ohne das Jahr 2018 gemacht. Dürre, Wasserknappheit  und selbst im El Dorado des Steinpilzes kein Fruchtkörper, der sich ans Tageslicht gewagt hätte. Trotzdem war es eine wunderschöne Wanderung, die durch ein wie unberührt wirkendes großes Waldgebiet führte. Und ein paar Pilze gab es dann doch: Parasole, andere Riesenschirmpilze, falsche Pfifferlinge en Masse und eben der Orangebecherling, der auf den Fotos zu sehen ist. Bevor ich nun endlich aber auf ihn zu sprechen komme, noch eine Anekdote mit einem Pilzsammler, den wir schon auf dem Rückweg trafen. Klassisch. Statt einer Begrüßung fragte er uns schon von weitem, ob wir noch etwas übrig gelassen hätten. Ja, besonders beglückt wirkte er nicht, uns zu sehen. Als wir ihn aufklärten, dass es außer falschen Pfifferlingen fast nichts gäbe, klarten seine vorher von Angst durchzuckten Gesichtszüge merklich auf, und er meinte, dass er genau diese Pilze suchen würde. Unser Einwand, dass sie doch leicht giftig seien, quittierte er mit einem herablassenden Lächeln: Besser als Steinpilze seien sie. Punkt aus. Nunja, neugierig hat er mich nun schon gemacht, oder ist er etwa einer dieser perfiden Pilzjäger, die ihre Konkurrenz in die Abgründe schickt, hier in Form eines giftigen Pilzes? Puh, lasst euch nicht mit Pilzsammlern ein, es könnte fatale Folgen haben. 
Nun aber endlich zum Hauptakteur dieses Beitrages: dem Orangebecherling. Aus pilzlicher Sicht war er der absolute Höhepunkt der Wanderung. An gleich drei verschiedenen Stellen am Wegesrand fanden wir die Fruchtkörper, die schon von weitem auf sich aufmerksam machten. In der Literatur wird zwar beschrieben, dass sie einzeln bis gesellig wachsen würden, in unserem Falle jedoch wuchsen sie fast büschelig kreuz und quer durcheinander. Das lateinische Artepitheton "aurantia" nimmt Bezug auf den Orangenbaum (lateinisch "aurantium") und verweist auf die tief orangene Farbe der Fruchtkörper. Ein absoluter Hingucker. Geruchlich fällt unser Pilz allerdings im Vergleich zum Orangenbaum etwas ab: Er riecht nach gar nichts und auch geschmacklich ist er absolut neutral. Allerdings kann man ihn essen und als Dekoration in Salaten oder auch Nachspeisen ist er ein Highllight, an das man sich noch Jahre später erinnern wird. Und keine Angst: Er ist auch einer der wenigen Pilze, die man roh verzehren kann. Er ist ein wunderschöner Pilz, von dessen Anblick man nicht genug bekommen kann. Auch leicht bestimmbar ist er: Theoretisch gäbe es zwei Pilze, die ihm schon ähnlich sehen. Einer davon wächst aber auf Holz, der andere besitzt einen bräunlichen Rand - also Dinge, die man leicht überprüfen kann. 
Die auf den Fotos zu sehenden Fruchtkörper habe ich übrigens stehen gelassen und nicht als Salatdekoration benutzt. Einen von ihnen habe ich gekostet und danach beschlossen, sie stehen zu lassen. In diesem Dürrejahr zeugen sie von so etwas wie Hoffnung und sollen als Orangenbaumfarbtupfer weiterhin wild in aller Kreuze und Quere durcheinander wachsen..   

Der weißgenatterte Häubling 

(17.10.2018) 

Das Geheimnis des Sternenhaften

Der weißgenatterte Häubling - Galerina sideroides respektive Galerina stylifera - umhüllt seine Gestalt direkt mit mehreren Geheimnissen. Das erste hängt mit seinen zwei lateinischen Artnamen zusammen, die synonym gebraucht werden. Dies ist erst einmal nichts Außergewöhnliches. Unterschiedliche Wissenschaftler zu unterschiedlichen Zeiten haben sich mit den Arten beschäftigt und taxonomisch ist die Pilzwelt in einem Fluß, der nicht aufhören will, zu fließen. Gerade in unserer Zeit befindet sich die Taxonomie durch genetische Untersuchungen in einem heillosen purzelbaumschlagenen Umbenennen, wo auch vor Gattungsneugründungen nicht halt gemacht wird. Doch darum geht es hier nicht. Denn noch 1982 waren Galerina stylifera und Galerina sideroides zwei getrennte Arten, wobei letztere anscheinend in die Abgründe der Nichtexistenz hineingesunken ist: "M.M. Moser unterschied in der letzten Ausgabe seines Schlüsselwerkes 1982 noch zwischen G. sideroides und G. stylifera. Spätere Autoren setzten beide gleich und verwenden den Namen G. sideroides. Dieser Pilz ist jedoch velumfrei und zeigt auch noch andere abweichende Eigenschaften, wie z.B. nicht oder schwach gestreiften Hut und weißes Fleisch. Wohl nicht mehr zu klärendes Taxom." (Erhard Ludwig, Pilzkompendium Band 4 - Beschreibungen, Fungicon-Verlag, Berlin 2017, S. 26)
"Ein nicht mehr zu klärendes Taxom" - ich liebe diesen Satz, weshalb ich unseren Pilz in diesem Beitrag als Galerina sideroides bezeichnen werde, da er das Angedenken an einen nicht mehr existierenden Pilz in sich trägt. Das zweite Geheimnis hängt ebenfalls mit dem lateinischen Artepitheton "sideroides" zusammen. "Sideroides" leitet sich von dem lateinischen Wort "sidus" ab, das "Stern" bedeutet. Also hätten wir es hier mit dem sternenhhaften Häubling zu tun. Was ist nun sternenhaft an unserem Pilz? Eine wahrlich nicht einfach zu beantwortende Frage. Die Hüte sind ockerlich braun und blassen in einigen Fällen von der Hutmitte angefangen aus, was man hygrophan nennt. Einige Fruchtkörper sind am Hutrand weißlich-gelblich ausgefranst, was ich jetzt aber nicht unbedingt als Velumreste interpretieren würde. Des Weiteren kann man an den meisten der weißgenatterten Häublinge kleine buckelhafte Erhebungen in der Hutmitte erkennen. Mhh, am Ehesten scheint mir noch der Stiel sternenhaft zu sein. Der deutsche Artname "weißgenatterte Häubling" trifft es eigentlich ganz gut. Doch von dieser Weißnatterung auf die nächtlich erleuchtete Sternenpracht zu schließen scheint mir doch etwas weit hergeholt. So komme ich letztendlich nur zu einer schlüssigen Herleitung des Artnamens, was mir bei Betrachten des unteren rechten Fotos offenbar wurde. Schaut euch die auf ihm zu sehenden unteren zwei Pilze an! In romantischer Versunkenheit schmiegen sie sich aneinander und betrachten - ja.- den Himmel über ihnen. Ich kann mir zu nächtlicher Stunde das pilzliche Liebessäuseln  nur zu gut vorstellen: "Siehst du auch den leuchtenden Polarstern? So klar und rein wird auch unsere Liebe in der Finsternis leuchten." Und schon werden neue Sporenschwärme durch den Wind in die Nacht getragen.
"Sideroides" nimmt somit Bezug auf das Verhalten unserer liebestrunkenen Pilze.
Kommen wir zum Schluss auf das eher prosaische Auffindungsszenario des weißgenatterten Häublings zu sprechen. Insgesamt habe ich die Pilzgruppe an zwei aufeinanderfolgenden Tagen besucht. Dies hing damit zusammen, dass ich am ersten Tag an den Stielen nichts Weißgenattertes feststellen konnte. Durch die Mikroaufnahmen war ich mir aber ziemlich sicher, den Pilz richtig bestimmt zu haben. Und nun kann ich endlich meine Tollkühnheit und Gefahren ins Auge blickende Abenteuerlust zur Schau stellen. Der Fundort der Pilze liegt in einem Venngebiet (Das Witte-Venn) an der Grenze zu den Niederlanden. Die Spazierwege werden nun nicht nur von Spaziergängern, sondern auch von wirklich stattlichen Gallowayrindern benutzt. Ja, es scheint mir, dass sie die Wege als bevorzugte Ruheorte auserkoren haben, und so blieb mir nichts anderes übrig als mich zwischen ihnen hindurchzuschlängeln, was meinen Testesteronspiegel in die Höhe schnellen ließ. Ja, auf dem Weg zur Pilzbestimmung hält mich so leicht nichts auf.
So absurd es klingen mag: Dass ich die Pilze überhaupt gefunden habe, liegt an der extremen Dürre dieses Jahres. Sie wuchsen an einem schon merklich verfallenen Baumstamm (es muss Nadelholz sein, denn Galerina sideroides kommt nur an ihm vor) inmitten eines Gebietes, das in einem normalen regenreichen Jahr morastig verschlammt sein muss. (Es führte ein auf Pfählen errichteter Holzweg über es.) 2018 konnte ich jedoch ohne Angst, als Moorleiche zu enden, zu dem Baumstamm gehen, auf denen die Pilze wuchsen. Und tatsächlich konnte ich beim zweiten Besuch feststellen, dass einige Fruchtkörper einen weißgenatterten Stiel hatten. Alle auf mich genommenen Gefahren hatten sich also gelohnt. Die weiße Natterung verliert unser Pilz anscheinend in zunehmendem Alter, aber wenden wir uns zum Schluss lieber wieder der innigen sternenschauenden Vertrautheit von Galerina sideroides zu und schauen mit ihm in den von Sternen kündenden Nachthimmel hinauf.      
 

        

Der lilaseidige Risspilz

(11.10.2018) 

Ein Pilz und die Spiritualität

Ein auf Mode achtender Mensch wird beim Anblick des lilaseidigen Risspilzes - Inocybe violacea - einen Schrei des Entsetzens nur schwer unterdrücken können. Durchaus in ein elegantes seidiges Violett gehüllt, zerstört er schon aufkommende Blicke der Bewunderung mit einem wahrlich völlig missratenen braun-rötlichen Buckel, der jeglicher gesellschaftlich anerkannten Farbkombinationswahl Hohn spottet. Doch ich denke, dass dies seine Absicht ist. Müde des ständigen Lobes, der heuchlerischen schmeichlerischen Worte und der nicht so ganz zweideutigen Avancen, hat er beschlossen, seinen Körper kontrapunktisch zu entstellen. Sozusagen zeigt er den Stinkefinger den Konventionen eines Schönheitsideals, das Inocybe violacea radikal ablehnt. Der majestätische Steinpilz wird zumindest vor Gram und Enttäuschung seine braunen Hutfarben verlieren, hatte er doch davon geträumt auf dem nächsten hochherrschaftlichen Bankett neben dem lilaseidigen Risspilz in einem attraktiven Licht zu glänzen. Nein, daraus wird nichts, denn ich gehe davon aus, dass Inocybe violacea noch nicht einmal eingeladen wird.
Doch gerade sein Ablehnungscharakter macht unseren Pilz schön, weshalb ich nun auch beim zweiten Risspilz dieser Pilzseite auf den Titel "Die Schmuddelkinder" (siehe "Der gerandetknollige Risspilz) verzichten werde. Stattdessen möchte ich auf seine spirituelle Seite verweisen, die im Zusammenhang mit der Farbe Violett steht und viel besser zu unserem Pilz zu passen scheint. Violett ist von dem lateinischen Wort "viola" - Veilchen abgeleitet, was wiederum eine (wahrscheinliche) diminutive Ableitung des altgriechischen Wortes "ion" ist, das auf die Göttin Io verweist. Diese war Priesterin der Hera und wurde von Zeus verführt. Gut, belassen wir es hier nun mit den mythologischen Anspielungen, die als Substrat in der Farbe Violett aufklingen. Doch schon hier merkt man, dass sie keine gewöhnliche Farbe ist, sondern in mythologische Tiefen hinabreicht. So verwundert es vielleicht nicht, dass Violett allgemein als Farbe der Spiritualität gilt und als Symbol für Buße, Einkehr und Umkehr steht. Nicht zufällig ist sie die liturgische Farbe des Advents und der Fastenzeit, stehen diese Zeiten doch auch für das Ende von etwas und die Vorbereitung auf etwas Neues. So wird in spirituellen Kreisen Violett als seelische Unterstützung für die Personen genutzt, die vor schweren Entscheidungen stehen und einen Neuanfang in ihrem Leben wagen wollen. Nur am Rande sei erwähnt, dass es sogar eine Partei gibt, die sich "Die Violetten" nennen. Liest man ihr Parteiprogramm, kann man durchaus eine gewisse Sympathie für sie empfinden. Unter anderem fordern die Violetten ein gesetzliches Grundeinkommen, damit die Menschen sich ohne Sorgen und ohne zeitlichen Druck ihrer spirituellen Seite zuwenden können. Was hier in diesem kurzen Satz vielleicht etwas naiv und weltfremd (nunja, letzteres ist es wahrscheinlich leider doch) klingt, ist zumindest auf philosophischer Ebene gut durchdacht, was man bei einem Besuch der Webseite der Partei feststellen kann.
Gut, nach all den etwas langatmigen und doch zu kurz geratenen Ausführungen kommen wir wieder auf den lilaseidigen Risspilz zurück. Ich bin sicher, dass es deutlich und klar geworden ist, warum er kein Pilz der gesellschaftlichen Auftritte ist und sich lieber in die Einsamkeit von Gräsern und Laubwerk eines kleinen Mischwaldes im Westmünsterland zurückgezogen hat. Angeblich soll er widerlich nach Erde und Mehl stinken, was ich bei dem gefundenen Exemplar aber nicht feststellen konnte. Eine leicht erdige Note hatte er allerdings schon. Er wuchs alleine, was ganz dem Konzept der Buße und Einkehr entspricht. So ist es letztendlich der Pilz, der seinen Fruchtkörper helfend den Wesen entgegenstreckt, die einkehren, umkehren und büßen wollen. Er ist der wahre Pilz der Meditation. Sucht ihn, setzt euch neben ihn und versenkt euch in ihn, dann sicherlich wird er auch das wahre Wesen des rot-bräunlichen Buckels offenbaren.        

Der kleine Blutegerling

(04.10.2018)

Eigentlich nichts für Vegetarier

Der kleine Blutegerling - Agaricus silvaticus - wird auch der kleine Waldchampignon genannt und kommt tatsächlich nur in Wäldern vor. In den meisten Fällen zieht er Fichtenforste vor, kann aber manchmal auch in anderen Waldtypen angetroffen werden. In unserem Falle wuchs er in einem Fichtenwald in der Bröcke im Westmünsterland - also ganz klassisch. Das lateinische Artepitheton - silvaticus - nimmt ebenfalls Bezug auf den Wald; also haben wir es mit dem perfekten Pilz für diese Homepage zu tun, denn sein Leben ist darüber hinaus auch dem "Rotten-Dasein" gewidmet. Wie alle Champignonarten lebt Agaricus silvaticus saprobiontisch, was bedeutet, dass er organisches Material abbaut und zersetzt. Doch auch auf ästhetischer Ebene spielt er mit dem Konzept des Morbiden. Ja, er ist die wahre Drama-Queen mit ausgesprochener Vorliebe für Splatter-Horror-Thrash. Wenn er jetzt noch sprechen könnte, würden wir keine wohlgesetzten kultivierten Worte vernehmen, sondern ein wildes angstgepeinigtes Schreien und Stöhnen, das sich in Mark und Bein des Fichtenforstes hineinbohrt. Worauf ich anspiele, ist leider nur unvollkommen auf den Fotos zu sehen, aber unten links bekommt man zumindest eine kleine Ahnung des Wesens des kleinen Blutegerlings. Berührt man ihn nämlich oder schnippelt gar an ihm herum, verfärbt er sich in Sekundenschnelle zu einem tiefen Rot, das tatsächlich an Blut erinnert. Somit mimt er ein in den Wald gehetztes Wesen, das den Massakern der Kettensägen entkommen möchte. In seiner Welt ist nun der Pilzsammler die Verkörperung der wild gewordenen Bestie, die sich mit Messern (in der Wahrnehmungswelt der Pilze nehmen sie bestimmt kettensägengleiche Züge an) auf ihn stürzt. Jedoch sagte ich es ja bereits: Er ist die Drama-Queen, denn schon bei leichteren Berührungen vergießt er sein Blut, was er bestimmt in Form von Ketchup-Plastikbeutelchen unter der obersten Pilzhyphenschicht bereithält.
Aus alldem erkennt man, - um nun auf den praktisch-kulinarischen Aspekt von Agaricus silvaticus langsam einzuschwenken - dass er recht leicht zu bestimmen ist. Es gibt zwar eine makroskopisch nicht trennbare Nachbarart, - Agaricus langei (der große Blutegerling) - mikroskopisch (wenn man es denn will) sind die beiden Arten leicht auseinanderzuhalten. Agaricus silvaticus hat einfach die kleineren Sporen, was ich nun für unseren Pilz auch überprüft habe. Und er ist ein wirklich vorzüglicher Speisepilz, der nach dem Zuchtchampignon schmeckt, den Geschmack aber um ein Vielfaches intensiviert und mit einem Schuss Waldesluft versehen hat. Ich muss zugeben, dass die kettensägenbewaffnete Bestie hinter der Tastatur sitzt und diese Zeilen auf den Bildschirm setzt, denn ich nahm die auf den Fotos zu sehenden Pilze mit nach Hause und bereitete sie nur mit Zwiebeln, Butter, Salz und Pfeffer zu. Um jetzt auch noch den letzten meiner Leser neidisch zu machen: Es war ein wirklicher Genuss. 
Und das beste habe ich mir natürlich wieder für den Schluss aufgehoben. Sicherlich gibt es einige Menschen, die aus ethisch-moralischen oder auch gesundheitlichen Gründen erwägen, Vegetarier, wenn nicht gar Veganer zu werden, es aber bisher nicht geschafft haben, auf  Fleischliches zu verzichten. "Nein, so ganz ohne Fleisch könnte ich mir ein Leben nicht vorstellen"- denjenigen, die diesen mit einem schlechten Gewissen ausgesprochenen Satz nur zu gut kennen, kann geholfen werden.
Nehmt Agaricus silvaticus und zerschneidet ihn mit euren frisch gewetzten Fleischmessern. Sein Blut wird euch förmlich entgegenspritzen und euch vorgaukeln, es mit frischem Fleisch zu tun zu haben - und das alles rein vegan. Somit eignet er sich für alle, die schon immer Vegetarier sein wollten, es bisher aber noch nicht gewagt haben zu sein.
Und gesund ist er auch noch - wenn man von etwaiger radioaktiver Belastung oder der Anreicherung von Schwermetallen einmal absieht. Champignons gelten sogar als Heilpilze, die das Immunsystem stärken und Stoffe enthalten, die das Wachstum bestimmter Tumorzellen hemmen sollen.
Wer jetzt noch auf seinem Wohnzimmersessel sitzen bleibt und nicht Hals über Kopf in den nächsten Fichtenwald stürmt, dem kann nicht geholfen werden.   

Der Blutmilchpilz

(29.09.2018)

Der blutende Wolf

Auch wenn man es nicht glauben mag: Dieser Pilz besitzt die Fähigkeit sich fortzubewegen und das auch noch in allen möglichen Richtungen. Was er tut, ist wolfsgleich über seine armen Opfer herzufallen: Algen, Bakterien, Pilze: - nichts ist vor seiner Fraßgier sicher und wehe ihr kommt einmal in seine Nähe. Schleimgleich wird er euch überziehen und der Auflösung entgegenbringen. Die Rede ist von dem Blutmilchpilz - Lycogala epidendrum -, einem neben der gelben Lohblüte häufigsten Schleimpilze unserer Breiten. In dem Entwicklungsstadium, in dem die Fotos entstanden sind, ist er ungefährlich, unbeweglich und einfach hübsch, ja sogar etwas skurril. Schleimpilze sind keine richtigen Pilze, sondern nehmen in der Biologie eine seltsame Stellung zwischen Tier, Amöbe, Bakterium und Pilz ein. Eigentlich müsste neben Tieren, Pflanzen und Pilzen eine vierte Ordnung des Lebens eröffnet werden, doch davor scheut man anscheinend noch etwas zurück. Oder es ist einfach allen egal, was mit den kleinen Schleimpilzen passiert, denn man muss in den meisten Fällen schon gezielt auf die Suche gehen, um sie zu finden. Aus den Sporen der Schleimpilze entstehen amöbenhafte Einzeller, die millionenhaft zusammenfinden, um eine schleimige räuberische Masse zu bilden. Zellwände werden dabei nicht ausgebildet, so dass tatsächlich von einem Einzeller gesprochen werden kann. Wenn dann alle äußeren Bedingungen günstig sind und der Heißhunger gestillt, werden Fruchtkörper gebildet, die letztendlich ihre Sporen für einen neuen Lebenszyklus heranbilden. Was wir auf den Fotos sehen, sind die Fruchtkörper des Blutmilchpilzes, und ein besonderes Glück war es, unterschiedliche Entwicklungsstadien auf einem Kiefernholzstück zu finden. Oben rechts und unten links erkennt man die noch jungen weiß gemaserten rötlich-pinken Fruchtkörper. Unten rechts sind sie bereits weiter herangereift und oben links schließlich haben sie sich geöffnet, um ihren Sporenstaub dem Wind zu überlassen. Doch was in aller Welt ist unten links zu sehen?  Eine Skulpturausstellung im Reich der Myxomyceten (Schleimpilze)? En Fallschirm? Ist unser Blutmilchpilz etwas aus den Wipfeln einer Kiefer auf das Holzstück geschwebt? Eine biologische Anomalie? Nein, der Schuldige der roten bizarren Form sitzt hinter der Tastatur und berichtet von seiner Freveltat. Ich habe mit meinem Messer in ihn hineingestochen und in Sekundenschnelle quoll die pastenartige Form an die Luft und verharrte als aussagekräftige Figur. In Wirklichkeit ist es die noch unreife Sporenmasse, die nun steril und nutzlos in der Luft erstarrt. 
Doch eigentlich verhält es sich wie immer ganz anders. Das, was wir auf dem Foto sehen, ist das Blut eines verletzten Wolfes. Und ich versichere meinen Lesern, dass ich mir dies nicht aus meinen letzten Haaren gesaugt habe. Der Volksname  von Lycogala epidendrum ist nämlich Wolfsblut. Allgemein ist ja bekannt, dass der Wolf nach Mitteleuropa zurückkehrt. Dass er nun aber schon im Westmünsterland umherstreunert war mir neu, doch die unumstößlichen Beweise sind leider nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Ich bin sicher, dass in der heutigen Nacht sein schmerzverzerrtes Heulen - er muss schließlich verletzt sein -  mein Einschlafen begleiten wird. Was für die folgenden Tage bleibt, ist der Spur der Blutmilchpilze zu folgen. Dann, ja dann wird der Augenblick kommen, den Wölfen im Westmünsterland mit beklommenem Herzen und schlotternden Knien gegenüberzutreten. 
Ob dann mein Blut auch zu pilzähnlichen Geschöpfen heranwächst, bleibt abzuwarten. 
 

Der falbe Rötling

(20.09.2018)

Hochmut kommt vor dem Fall

Um meine ganze grenzenlose Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit in aller schonungsloser Blöße darzulegen, habe ich das, was nun am Anfang folgt, nicht gelöscht, sondern setze es einfach gekonnt in Anführungszeichen: 
"Ich kann es nicht lassen und hoffe, meine Leser nicht mit einer erneuten Eigenlobhudelei endgültig zu verschrecken. Doch folgendes Zitat aus "Die Großpilze Baden Württembergs - Band 4" von German J. Krieglsteiner lässt erahnen, wie ich in nächster Zeit nur noch von oben herab, hochnäsig versnobbt, meine Mitmenschen betrachten werde: "In Deutschland zeigt sich die Art in Bayern und Baden-Württemberg selten und unregelmäßig verstreut […], ansonsten sind nur wenige Vorkommen in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg bekannt." (S. 196). Ha, und gefunden habe ich den Weidenrötling - Entoloma sericatum - in einem Bruchwaldgebiet zwischen Pappeln in Lank Latum, also im tiefsten Nordrhein-Westfalen. Es hilft nichts, die Pilzverbreitungsbücher müssen neu geschrieben werden. Ich wusste es ja schon immer: Lank Latum hat es in sich. Ist schon der Sportplatz eine Reise wert (siehe Orte), so wird der Lank Latumer Bruch zum El Dorado der seltenen Artenjäger unter unseren mykophilen Freunden werden.
Gut, um der Wahrheit genüge zu tun und nicht den Eindruck zu erwecken, ich wäre wirklich ein mit allen Wassern gewaschener Pilzkenner, füge ich beschämt hinzu, dass die Bestimmung völlig unsystematisch und von chaotischer Zufälligkeit geprägt war. Ich besitze zwar einen Schlüssel zu den Entoloma-Arten (aus jenem oben zitierten Buch), doch von einem souveränen Durchschlüsseln kann bei mir leider keine Rede sein. Um nur ein (von vielen) unüberwindbares Hindernis zu nennen, sei gesagt, dass von einem die Entscheidung gefällt werden muss, ob das Pigment der Huthauthyphen intrazellulär oder inkrustiert ist. Ja, leckopfanni, keine Ahnung.  
Und um direkt weiter der Euphorie den Atem zu nehmen, muss ich ebenfalls hinzufügen, dass ich nicht hundertprozentig sicher bin, den Pilz wirklich richtig bestimmt zu haben."
Das, was nun eben zwischen Anführungszeichen zu lesen war, habe ich vor drei Tagen in die Tastatur gehämmert. Als ich den letzten Satz schrieb, wurde mir endgültig bewusst, dass die Bestimmung wirklich alles andere als sicher war, weshalb ich daran ging, mir weitere Optionen der Gattung Entoloma anzuschauen. Tja, und da präsentierten sich tatsächlich einige weitere Arten, die durchaus besser zu meinem Pilz zu passen schienen. Entoloma sericatum schied schließlich völlig aus, da das Fleisch unter der Huthaut braun sein sollte, das meines Pilzes war jedoch definitiv weiß. Schließlich kam ich auf Entoloma sordidulum - den falben Röhrling. Alles schien besser zu passen: der starke ranzig-mehlige Geruch, die Sporen und das Gesamterscheinungsbild. Und schon wurde Lank Latum als Hotspot der Pilzraritätensammler von der Landkarte gefegt, und keine noch so eilig einberufene Ratsversammlung wird daran etwas ändern können. Entoloma sordidulum ist recht häufig und zur Absicherung stellte ich die Fotos in ein Pilzforum. Die Antwort des Pilzexperten war definitiv und irgendwie schon zu erwarten gewesen: Es könnte Entoloma sordilulum sein oder auch nicht. Rötlinge haben es echt in sich. In vielen Fällen muss man tatsächlich gute Mikrobilder der Huthautpigmentierung bekommen, da sonst eine genaue Artbestimmung nicht möglich ist. Und meine Mikrobilder erreichen bei weitem nicht die zu erfüllenden Kriterien einer Rötlingsbestimmung.
Im Forum erhielt ich den Tipp, es mit meiner Anfrage in einem Spezialforum für Rötlinge zu versuchen. (Ja, es gibt tatsächlich ein Spezialforum für Rötlinge - die Welt des Internets ist wahrlich angsteinflößend.)
Dort wurde mir auch prompt geantwortet, dass tatsächlich nichts gegen die Bestimmung meines Pilzes als falber Röhrling sprechen würde - so weit es eben meine Mikrobilder zu beurteilen zuließen. So erhält nun mein Pilz den Namen Entoloma (cf.) sordidulum.  Cf. steht für einen Arbeitstitel und für keine gesicherte Bestimmung. Das Kürzel leitet sich vom lateinischen "conifer=vergleiche" ab. Bei meinem Pilz bedeutet dies übersetzt: Nach den Photos kann es Entoloma sordidulum sein, es fehlen aber weitere Untersuchungen, um dies auch ohne einen Restzweifel behaupten zu können.
Gut, wie ihr seht, muss es noch etwas dauern, bis ich es mir leisten kann, mit hocherhobenem Kopf auf meine Mitmenschen herabzublicken.     

Verlieren wir zum Abschluss noch ein paar Worte zu Entoloma (cf.) sordidulum, denn er kam nun definitiv zu kurz in diesem Beitrag. Unscheinbar - falb - ist er tatsächlich. Doch aufmerksam macht er durch zweierlei: seinen aufdringlichen zuerst sogar süßlich wirkenden mehligen Geruch und seine rosa gefärbten Lamellen (Dieses Merkmal teilt er sich jedoch mit  allen Entoloma-Arten.). Erblickt man ihn, möchte man ihn keines zweiten Blickes würdigen, doch um Gottes Willen, was würde man verpassen. Von oben, von der Seite, von unten changiert er von einem nichtssagendem ausgewaschenen Grau zu einem kokett leuchtenden Rosa. Wenn er nun noch einmal seine Geruchswahl überdenken würde, könnte man ihn als durchaus attraktiv bezeichnen.
 

Der gerandetknollige Risspilz

(14.09.2018)


Die kulturelle Vielfalt im Pilzreich

Lasst die Korken knallen, jubelt mit Freudenschreien und stimmt ein in den Chor von Millionen: Ja soooo, bestimmt ein Weltmeister, ja soooo, bestimmt ein Weltmeister, ja, soooo, bestimmt ein Weeeltmeister. Gut, ich konnte es mir am Anfang nicht nehmen lassen, mich mit Eigenlob sozusagen zu übergießen, doch da ich bisher keinerlei Glückwünsche erhalten habe, muss ich mir diese eben selbst aussprechen. Ja, endlich ist es mir gelungen, einen Risspilz mit dem Mikroskop zu bestimmen. Man muss wissen, dass die Gattung der Risspilze - Inocybe - sehr viele ähnlich aussehende Arten beheimatet und makroskopisch landet man sehr oft bei sehr vagen Vermutungsbestimmungen. So auch hier. Makroskopisch schien mir alles auf den strohgelben Risspilz - Inocybe cookei - hinzudeuten, besonders da ich den Geruch des gefundenen Pilzes als honiggleich wahrgenommen habe, was eben auf den letztgenannten Pilz hindeutet. Nun, Gerüche sind so eine Sache. Viele der Risspilzarten riechen nach Sperma, und ich frage mich, ob Menschenn sie in einer günstigen Hormonkonstellation als sexuell stimulierend empfinden. Das wäre mal eine Schlagzeile: "Skandal - Wanderfreunde aus A.  veranstalten wilde Orgie nach dem Schnüffeln an Pilzen." Ich schweife ab und versuche im Folgenden, mich auf den gerandetknolligen Risspilz - Inocybe mixtilis - zu konzentrieren. Nun um sicher zu gehen, dass ich den vermeintlichen strohgelben Risspilz richtig bestimmt hatte, fing ich an, ihn zu mikroskopieren. Und gleich das Sporenbild zerstörte mein Selbstvertrauen in mein makroskopisches Können. Die Sporen waren höckerig, die vom strohgelben Risspilz nicht. (Risspilze kommen mit zwei Sporenformen daher: höckerige und elliptisch bis bohnenförmige, was bei einem Blick durch das Mikroskop schon eine Menge Arten ausschließt). Nun, das Bestimmungsunterfangen wurde wieder auf Null gestellt und ich schaute mir mögliche höckerigsporige Inocyben an. Schnell wurde ich bei Inocybe mixtilis fündig, musste aber feststellen, dass es einige ähnliche höckersporige Arten gibt, die durchaus in Betracht kamen. Oh Gott, vielleicht sollte ich mich doch wieder auf die Wandergruppe aus A. konzentrieren. Es hilft nichts, ich brauche Pilzgifte,  um die Bildsynapsen meines Gehirns zu blockieren.
So schaute ich mir die Lamellenschneide unter dem Mikro an. (Ich zupfte ein kleines Stück der Schneide mit einer Pinzette unter einer Stereolupe ab und musste feststellen, dass zwischen den Lamellen zahlreiche Milben auf und zwischen ihnen hin und herwanderten. Auf die Mikrobilder haben sie es leider nicht geschafft. Aber ihr seht, selbst Milben halten mich nicht davon ab, den richtigen Artnamen eines Pilzes zu erfahren.) Die Form der Cheilozystiden (die Zellen, die auf den Fotos zu sehen sind) und Pleurozystiden (ein Zelltyp, der an den Lamellenflächen vorkommt) brachte die Lösung: Ja, es musste Inocybe mixtilis sein. 
Makroskopisch wichtig ist eine rundliche Knolle, die man auf dem oberen linken Foto erkennen kann.
So weit, so gut. Eigentlich hatte mir vorgeschwebt, meinen ersten Beitrag auf dieser Seite zu einem Risspilz mit dem Titel "Die Schmuddelkinder" zu versehen. Viele Risspilze reißen im Alter radial auf, sind mit Schmutz bedeckt und wachsen an Stellen, die man seinen eigenen Kindern zum Spielen verbieten würde. Eigentlich sind sie die wahren Rabauken des Pilzreiches. Doch der gerandetknollige Risspilz macht hier eine Ausnahme und präsentiert sich durchaus hübsch, weshalb ich nun auf "Die kulturelle Vielfalt im Pilzreich gekommen bin". Hä, was? Es hat mit dem lateinischen Artepitheton "mixtilis" zu tun, das so in etwa "gemischt", "vermischt" bedeutet. Gewählt wurde er, da unser Pilz anscheinend Merkmale verschiedener Arten in sich vereinigt. Ein wahrer Multikulti also, der Hybride, der sich hoffentlich nicht wie wir Menschen um Identitätszuschreibungen Sorgen machen muss. Oder verfasst er etwas auch Abhandlungen und doziert in den Waldesnächten über die Immanenz der Identitätskonstruktion und den "third space" einer neuen pilzlichen Bedeutungsemergenz?  Ich hoffe, seinen pilzlichen Nachbararten bleibt dieses erspart. Aber ebenfalls hoffe ich, dass unser Pilz nicht von anderen Rabauken-Inocyben gemobbt und ausgegrenzt wird. Pegidaaufmärsche habe ich zum Glück im Pilzreich noch nicht feststellen müssen.
Aber es ist auch besser, sich nicht mit unserem Pilz anzulegen. Wie fast alle Risspilzarten besitzt er ein Gift, das Muscarin heißt. Und Muscarin ist nicht so ohne. Es setzt sich an den sogenannten muskarinischen Acetylchotinrezeptoren fest und kann von körpereigenen Enzymen nicht mehr abgebaut werden. Gut, klingt jetzt nicht so tragisch, aber ist es doch. Die Rezeptoren sind Teil des parasympathischen Nervensystems, das für die Steuerung vieler innerer Organe - unter anderem das Herz - zuständig ist. Tja, und sind sie blockiert, kann das unschöne Dinge  nach sich ziehen. Ein ungesteuertes Herz ist zumindest nicht das, was ich mir wünsche. 
Doch falls ihr mal im Wald stolpert und mit offenem Mund auf einem Risspilz landet, gibt es zum Glück Abhilfe, wenn ihr euch schnell ins Krankenhaus begebt. Die Rettung ist Atropin - ein Stoff, der in der Tollkirsche vorkommt. Er ist in der Lage Muskarin an den Rezeptoren zu vertreiben, was jetzt aber keine Aufforderung sein soll, im Wald nach den leckersten Inocybearten Ausschau zu halten.
  
 
 

Der Stink-Schirmling

(07.09.2018)


Hilfe, ich muss pervers sein

Vielleicht überrascht meine verehrten Leser der Titel nur in der Hinsicht, dass die in ihm erhaltene Erkenntnis so spät kommt. Und was hat der wirklich schön anzusehende Stink-Schirmling - Lepiota cristata - damit zu tun? Habe ich etwas ein so obszönes Treiben vor ihm veranstaltet, dass seine Schuppenstruktur vor Scham rotbraun angelaufen ist?  Doch keine Angst, ich habe mir alle erdenkliche zarte Mühe mit ihm gegeben und ihn sogar mikroskopiert, um andere ihm sehr ähnelnde Arten auszuschließen. Was also dann? Es hängt mit seinem deutschen Artnamen zusammen: Stink-Schirmling. Noch immer bin ich empört, wie einer so eleganten Erscheinung ein solcher despektierlicher Artname gegeben worden ist. So denke ich auch, dass die rotbraunen Hutschuppen nicht aus Scham, sondern aus purem Ärger diese Farbgebung angenommen haben. Schaut man in die Literatur und ins Internet und liest sich die Beschreibungen des Geruchs unseres kleinen Pilzes durch, kann man tatsächlich Mitleid mit einem Wesen bekommen, das besseres verdient hätte. So ist von "unangenehm, widerlich nach Leuchtgas" zu lesen, an anderer Stelle heißt es: "Er riecht unangenehm und widerlich". Und in der Pilzzeitschrift "Der Tintling", von der ich bisher ein begeisterter Abonnent gewesen bin, wird der Geruch von Lepiota cristata als "unangenehm metallisch stechend" umschrieben. All dies ist purer Unfug und nachdem ich einen mit unflätigen Ausdrücken gespickten Leserbrief geschrieben haben werde, werde ich mein Abonnement auf Lebenszeit kündigen. Doch wie es so ist, hat sich ein anderer furchtbarer Gedanke in meinen Gehirnwindungen festgesetzt: Bin ich es etwa, der den Geruch des Stink-Schirmlings in einer Richtung wahrnimmt, der andere Menschen nur ein entsetztes Kopfschütteln abgewinnen können? Bin ich der perverse Mensch, der auf Müllhalden und Autobahntoiletten in Ekstase gerät? 
Was immer es sei, für mich verströmt der Stink-Schirmling einen zitronengleichen Duft, der mich in mediterrane Glücksgefühle hineinträgt.
Und auch wenn ich öfters das Nennen der lateinischen Artnamen als etwas borniertes Möchtegernintellektuellesauströmendes wahrnehme, scheint es mir hier der einzige Ausweg zu sein. "Crisata" bedeutet, dass sich auf dem Scheitel unseres Pilzes eine Art Helmschmuck befindet, was auf den Fotos auch gut zu erkennen ist. Ja, die wahre Stink-Schirmlingsnatur kommt hier in all seiner Eleganz und all seinem ritterlichem Adel zur Geltung. 
Trotz seiner feudalen Erscheinung ist er sich nicht zu Schade, recht häufig an Waldrändern und an anthropogen beeinflussten Standorten (Zitat Wikipedia) zu erscheinen.
Über seine Essbarkeit herrscht mal wieder völlige chaotische Meinungsverschiedenheit. Schreibt die für in alle Ewigkeit geächtete Zeitschrift "Der Tintling", dass Lepiota cristata zwar ungiftig sei, wegen seines widerlichen Geruchs und Geschmacks als Speisepilz aber ohnehin nicht in Frage komme, so bezeichnet Wikipedia den Stink-Schirmling als ungenießbar und zumindest giftverdächtig. Andere Seiten im Internet benennen unseren Pilz als giftig. Tja, was nun?  Esst ihn lieber nicht, denn auch wenn er tatsächlich ungiftig sein sollte, gibt es andere recht ähnlich aussehende Schirmlingsarten, die sogar tödlich giftig sein können. Und bevor ich wieder meine Nächte in Notaufnahmen der deutschen Provinz verbringe, erfreue ich mich lieber an seiner Erscheinung und seinem zitronenartigen Duft. 

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Der Douglasien-Röhrling

(03.09.2018)


Kennt ihr den Baum, wo die Orangen blühen?

Kennt ihr den Baum, wo die Orangen blühen? Nein? Dann macht euch auf in die Wälder eurer Umgebung und sucht nach Douglasien, pflückt einige Nadeln vom Baum und zerreibt sie zwischen euren Händen und führt sie zu eurer Nase. Ich versichere euch, dass ein Lächeln sich in eure Gesichter zaubert und ein mediterranes Wohlgefühl euch durchströmt. Ich kann mittlerweile an keiner Douglasie mehr vorbeigehen, ohne mich mit ihrem Orangenduft vollzusaugen. Mediterran ist der Baum allerdings nicht, sondern stammt aus Nordamerika, genauer aus den Rocky Mountains und British Columbia und folgt die Sierra Nevada entlang bis nach Mexiko. Ein schottischer Botaniker namens David Douglas brachte das erste Exemplar im 19. Jahrhundert nach Kew Gardens in der Nähe von London und seitdem ist der Siegeszug der Douglasie als Forstbaum nicht mehr aufzuhalten. Ja, mittlerweile gilt sie als wichtigster nicht heimischer Forstbaum schlechthin.  Dies liegt u.a. auch daran, dass sie ein sehr schnell wachsender Baum ist. Doch nicht nur der Baum ist nach Europa gekommen, sondern auch seine pilzlichen Symbionten, die allerdings in Deutschland wohl noch nicht so häufig vorkommen. Unter ihnen befindet sich der Douglasien-Röhrling - Suillus lakei -, der oben auf den Fotos zu sehen ist. Ha, häufig vorkommen, er ist in Wirklichkeit extrem selten. In Mecklenburg-Vorpommern wurde der Erstnachweis der Art erst 2008 erbracht. Nun, um mich nun nicht mit pilzlichen Lorbeeren und Orangenpokalen zu schmücken, muss ich leider gestehen, dass ich Suillus lakei nicht in Deutschland, sondern in Neu Mexiko gefunden habe und dort in den Sandia Mountains nahe Albuquerque. Und wenn man sich die natürliche Verbreitungskarte der Douglasie anschaut, wird man feststellen, dass dieses Gebirge tatsächlich noch das natürliche Verbreitungsgebiet des Baumes darstellt.
Als ich den Pilz auf dem 10K-Trail nahe des Sandia Peaks fand, wusste ich ihn mal wieder nicht richtig einzuordnen. Eine Suillus-Art schien mir naheliegend, denn er ähnelte etwas dem Hohlfußröhrling - Suillus cavipes-, der in Deutschland in Massen bei Lärchen wächst. Auch konnte ich mich nicht richtig konzentrieren, denn kurz vorher traf ich einen Mountain-Biker, der mir zurief, dass er in der Nähe einen Berglöwen gesichtet hätte. Das war dann doch etwas zu viel für meine Nerven, hatte ich doch wohl eine Stunde vorher eine kleine Wandergruppe getroffen, die mir erzählte, dass vor kurzer Zeit in den Sandia Mountains ein Schwarzbär einen Wanderer getötet hätte. Mensch, das wäre es mal, dachte ich mir so, wenn ich bei Betrachten eines unbekannten Pilzes von hinten von einem Berglöwen und von vorne von einem Schwarzbären angefallen würde, während ich mir Gedanken machte, ob der Röhrenansatz unseres Pilzes nun leicht am Stiel herablaufend war oder nicht. Um ehrlich zu sein, machte mich schon das Rascheln eines Eichhörchens nervös, und als plötzlich auch noch ein Hirsch zwischen den Bäumen auftauchte, war ich kurz davor die bedingungslose Wanderkapitulation zu unterschreiben, nicht ohne zuvor noch einmal angsterfüllt und panisch durch den Wald zu schreien.
Doch ich nahm meinen letzten Mut zusammen und machte einige Fotos. Auch wenn der typische Suillus lakei auf dem Hut mehr rotbraune Schuppen besitzt, bin ich mir sicher, ihn richtig bestimmt zu haben. Meine Exemplare waren schon etwas älter und hatten ihre jugendliche Verfärbung zugunsten eines eher bräunlich-gelb-orangen Farbenspiels aufgegeben. Essen kann man ihn auch, aber es ist nicht zu erwarten, dass der Douglasien-Röhrling in absehbarer Zeit in Deutschland in Massen wächst. Falls die Suche ergebnislos verläuft, bleibt immer noch der Griff in die Zweige seines Baumpartners und gewiss bemächtigt sich eurer ein unwiderstehliches Sehnen und Verlangen nach orangengetränkter Sinnlichkeit.

Die verzweigte Becherkoralle

(23.08.2018)


Es wird exotisch

Mal wieder habe ich einen Titel gewählt, der eigentlich völlig in die Irre führt. Exotik und verzweigte Becherkoralle - Artomyces pyxidatus - wollen dann doch nicht so geschmeidig in einem Atemzug genannt werden, und auf Wikipedia ist sogar zu lesen, dass Funde unseres wärmeliebenden Pilzes in den letzten Jahren in der norddeutschen Tiefebene stark zugenommen hätten. Und norddeutsche Tiefebene und Exotik - nun ja. Doch es war nicht die norddeutsche Tiefebene, in der ich die verzweigte Becherkoralle gefunden habe. Nein, es war in der Bergwelt der Sandia-Mountains in der Nähe Albuquerques in Neu Mexiko. Tja, wenn das nun mal nicht exotisch ist. Die spanischen Conquistadores nannten den Gebirgszug nach der "Wassermelone" (sandía), da in der untergehenden Sonne die Berge tatsächlich in ein stetig changierendes orange-rötliches Farbenspiel getaucht werden, das die Spanier an eine Wassermelone denken ließ. Wäre ich damals als conquistador in Albuquerque gewesen und hätte namensgebende Befugnisse besessen, hätte ich die Berge Corales-Mountains (Corales=Korallen) genannt, und endlich hätte es einmal einen Gebirgszug gegeben, der nach einer Pilzgattung benannt worden wäre. Damals jedoch hatten die Spanier anscheinend anderes als Pilze im Sinn, weshalb mit Fug und Recht behauptet werden kann, dass eine historische Chance vertan wurde. Gefunden habe ich die schon etwas älteren Fruchtkörper der verzweigten Becherkoralle eher zufällig an einer schon umgestürzten und vor sich hin modernden Espe, einer Baumart, die mit ihrer oft augenförmig aufreißenden Borke wie belebt wirkt und seltsame Chiffren in die einsame Bergeswelt schreibt.  Von der Wanderung schon etwas erschöpft, machte ich schnell ein paar Fotos, ohne jedoch große Hoffnung zu haben, den Korallenpilz bestimmen zu können. Es gibt unzählige Arten, die sich recht ähnlich sehen können und dann noch Neu Mexico: Wer weiß, was für seltsame Wesen in diesem Teil der Welt beheimatet sein mögen. Aller Skessis zum Trotz war es letztendlich jedoch recht einfach.  Die verzweigte Becherkoralle hat eine Verzweigungsstruktur, die pyxidat genannt wird. (Ich sagte ja, es wird exotisch!) Pyxidat bedeutet, dass die Ästchen in ihrem Endpunkt becherförmig vertieft sind, an dessen Rand weitere kleine Ästchen in die Höhe streben, was man m.E. ganz gut (nunja, nicht perfekt) auf den Fotos erkennen kann. Außerdem wachsen nur wenige Korallen direkt auf umgestürzten Bäumen, was die Bestimmung dann auch einfacher macht. Doch kommen wir zur Exotik zurück. Tatsächlich ähnelt unser Pilz (und seine Nachbararten) seinen unter Wasser lebenden Seinsgenossen. Doch muss man sich der verzweigten Becherkoralle nicht mit Taucherbrille und Sauerstoffmaske näheren, und ebenfalls muss man keine Angst haben, eine in ihrer Existenz bedrohten Tiergattung durch tollpatschige Unterwasserbewegungskoordination ins Jenseits zu trampeln. Nein, getrost kann man einige Ästchen abbrechen und sich an ihrem würzigen Geruch erfreuen. Wenn man ganz mutig ist, kann man sie auch zum Essen zubereiten, jedoch gehen die Meinungen zur Essbarkeit mal wieder in sehr unterschiedliche Richtungen. Von Unwohlsein, Ungenießbarkeit bis zur uneingeschränkten Essbarkeit reichen die Literaturangaben. 

Gerne hätte ich Artomyces pyxidatus in der untergehenden Neu-Mexikanischen Sonne gesehen. Ich bin sicher, dass auch er orangerotwassermelonengleich sein Licht in den Wald verströmt hätte.   

 

Der harzige Lackporling

(21.07.2018)

Von der Wiege bis zur Bahre

Ein Memento Mori, so wie es der Titel nahelegt, wird dieser Artikel nicht darstellen, obwohl viele Pilzfruchtkörper in ihrer Kurzlebigkeit schon symbolisch auf jenes bezogen werden könnten. Gefunden habe ich den harzigen Lackporling - Ganoderma resinaceum -  Ende Juni in der Bröcke an einem abgestorbenen Eichenstamm.  Und hier drängt sich natürlich ein weiteres Memento-Mori-Moment auf, denn unser Pilz lebt zuerst parasitär und Weißfäule verursachend an Laubbäumen (meistens Eichen) und nach Absterben ihres Wirtes können sie noch einige Jahre saprobiontisch ihre Zerstörungsarbeit fortsetzen. Fruchtkörper werden meistens im Juni gebildet und sind einjährig - im Gegensatz zu anderen Porlingen, deren Fruchtkörper oft jahrelang weiterwachsen und Sporen produzieren. Bevor ich nun auf den eigentlichen Titel dieser Zeilen zu sprechen komme, muss ich einen Aspekt voranstellen, der mir erst bei Betrachten der Fotos aufgefallen ist. Machte es für mich am Anfang den Eindruck, als ob der Fruchtkörper  das Produkt eines von einem Bäckerlehrling verhunzten Brotlaibes sei (siehe oberes Foto links) bin ich nun auf die wahre Natur dieses Pilzes gestoßen. Schaut euch in aller Ruhe das obere linke Foto an. Woran erinnert es euch? Ja, an ein bedecktes und etwas verunstaltetes kleines Zwergenbaby. Man erkennt den Mund, das geschlossene Äuglein und die ins Monströse gewachsene gerötete Nase. Wahrscheinlich hat die Zwergenmutter ob solcher Monströsität einen Schreck bekommen, so dass es ihr Baby an dem toten Eichenstamm abgelegt hat. Nun, und wir kommen der Bedeutung des Titels immer näher, habe ich den harzigen Lackporling eine Woche später erneut besucht, wovon das Foto links unten zeugt. Eine kleine Metamorphose hat stattgefunden und nun gleicht unser Zwergenbaby einem kleinen Elefanten im Profil. Alles ist da: das breite große Ohr, die weite gewölbte Stirn und der Rüssel, der in unserem Falle eine direkte Verbindung mit dem Bauchinhalt aufgenommen hat, als ob es sich selbst vernichten und aufsaugen wollte. Das Foto oben rechts wurde drei Wochen nach dem Erstfund aufgenommen und jetzt endlich ist es soweit, die Bedeutung des Titels zu lüften. Ich habe mir nämlich vorgenommen die Entwicklung des Pilzes mitzuverfolgen, bis er den Weg alles Irdischen gegangen ist. Der Fundort ist nicht weit von meiner Wohnung entfernt, so dass ich ihn recht bequem aufsuchen kann. Und schon das Zeitspektrum der drei Wochen, aus denen die Fotos stammen, zeigt eine schnell fortschreitende Veränderung. Nach einer Woche hat sich die gelbe helle Harzkruste schon stark verdunkelt, und nach drei Wochen ist sie gänzlich dunkelbraun geworden. Wenn alles gut läuft, wird Ganoderma resinaceum in ein paar Wochen abgeflacht und dunkel sein, wobei sich ebenfalls der wulstige gelbe Rand abgeflacht haben müsste. Falls dem nicht so sein wird, werde ich dies mit einem "P.S." nachtragen. Die Harzkruste ist leicht eindrückbar und schmilzt blubberig, blasig aufschäumend, wenn man ein Feuerzeug nimmt, und die Flamme an die Harzkruste hält. Ein Spektakel für Groß und Klein, und der Pilz dürfte auch keinen zu großen Schaden nehmen, vorausgesetzt, es ist nun tatsächlich kein kleines Zwergenbaby. 

Das Sporenpulver ist braun, und man kann es tatsächlich auf dem oberen rechten Foto sehen. Die dunkle Farbe ist den Sporen geschuldet. Nach der Aufnahme habe ich mit der Hand eine Stelle der Oberfläche poliert, und, was soll ich sagen. sie war danach braun verschmiert und erst zu Hause konnte ich mich mit Hilfe von Seife von den Fortpflanzungseinheiten befreien. Die polierte Stelle war etwas heller bräunlich gefärbt, hatte aber auch eine leichte Farbschattierung hin zum Dunkelrötlichen. Diese dunkelrötliche Farbe besitzt nun auch ein Verwandter unseres Pilzes: der kupferrote Lackporling - Ganoderma pfeifferi. Unterscheiden kann man beide ganz gut, wenn man sie durchschneidet. Hat Ganoderma resinaceum eine helle bräunliche Trama, ist sie bei Ganoderma pfeifferi dunkelbraun gefärbt. Gott, ein kleines Zwergenbaby zu zerschneiden, wäre mir aber trotz aller perversen Tendenzen, die mir eingeschrieben sind, nicht eingefallen. Ein Hinweis, dass es der harzige Lackporling sein muss, gab es aber doch: In jungem Zustand sondern die Fruchtkörper in großen Mengen eine harzhaltige Flüssigkeit aus, die nach kurzer Zeit verhärtet. Wenn man in das rechte untere Foto etwas hineinzoomt, kann man zumindest etwas davon erkennen. Sonst müsst ihr mir einfach glauben.

Um dem Weg von der Geburt bis zum Tod etwas erträglicher zu gestalten, hat der harzige Lackporling noch mit einer Fähigkeit aufzuwarten. Er ist eng mit dem glänzenden Lackporling - Ganoderma lucidum - verwandt und einige Forscher meinen sogar, dass es nur unterschiedliche Artvarietäten wären. Ganoderma lucidum ist der König der Heilpilze, und ebenfalls unser Pilz besitzt diese heilenden Kräfte. Also, begebt euch in die Wälder, erntet, stellt Tinkturen, Pilzpulver und sonstiges her und gedenkt eines kleinen verunstalteten Zwergenbabys, das an einem Eichenbaum zurückgelassen wurde.        

Der gezonte Ohrlappenpilz

(18.07.2018) 

Der Hungerkünstler

Das Wort Hungerkünstler führt in die Irre. Eigentlich müsste der gezonte Ohrlappenpilz - Auricularia mesenterica - der Durstkünstler heißen, doch da dieser Begriff nicht geläufig ist und auch keine kafkaesken Reminiszenzen zulässt, belasse ich den Titel bei "Der Hungerkünstler". Doch keine Angst, Kafka wird in diesem Artikel nicht weiter vorkommen, denn ich habe schlimmeres im Sinn. Ich werde nämlich - Fanfarentrommelwirbel - Auricularia mesenterica in eine direkte Verbindung zur französischen Aufklärung stellen. Jawoll! Und zwar fand ich bei meiner Suche von Vergleichsbildern im Internet ein handkoloriertes Blatt des gezonten Ohrlappenpilzes des französischen Botanikers und Mykologen Jean Baptiste Francois Buillard (1752-1793). Dieses stammt aus einem Werk, dessen Titel allein schon eine Würdigung wert ist: "Histoire des Champignons de la France, ou Traité élémentaire renfermant dans un ordre méthodique les descriptions et les figures des champignongs qui croissent naturellement en France". Ja, ganz im aufklärerischen Geist ist von einem "ordre méthodique" die Rede, die Buillard in diesem Werk auf die Pilze anwendet. Ordnen, klassifizieren, systematisieren, alles dies war en vogue in einer Zeit, in der man meinte, die Welt mit dem Verstand durchdringen und verstehen zu können. Mittlerweile wissen wir ja zum Glück, dass die Welt so einfach nicht verstanden werden kann, doch hat Buillard durchaus seine Verdienste. Zum einen hat er zur Verbreitung des Klassifizierungssystem Linnés beigetragen, zum anderen verdankt die Mykologie diesem Menschen die ersten wissenschaftlichen Beschreibungen und Benennungen vieler Pilze, welche teilweise bis heute Bestand haben. Auch gelang ihm eine systematische in Gattungen aufteilende Betrachtung der verschiedenen Pilzarten. Doch ich wusste es schon immer, dass der französischen Aufklärung nicht zu trauen ist. Hätte ich versucht, nur mit Hilfe des Tafelwerks den gezonten Ohrlappenpilz zu bestimmen, ich wäre kläglich gescheitert. Zwar zeigt das Blatt die durchaus typische Zonierung der Oberseiteseite des Pilzes, die Innenseite ist jedoch völlig verfehlt. Fast hat man bei Betrachten des Bildes den Eindruck, es mit einem Pilz zu tun zu haben, der einen Stiel und eine wabenförmige Struktur besitzt. Leise Zweifel beschleichen mich. Bei Bulliard heißt der Pilz Auricularia tremelloides - Auriculaire tremelloide. Hier hat es der französische Aufklärer also nicht geschafft, seine Namensgebung durchzusetzen. Oder stellt er etwa einen Pilz vor, den es heutzutage nicht mehr gibt? Ist nicht kurz nach dem Entstehen des Tafelwerkblattes mit Auricualria mesenterica die französische Revolution ausgebrochen und kam es nicht wiederum kurze Zeit später zu den Massacres de septembre? Ist Bulliards Auricularia tremelloides etwa ein Gegner der französischen Revolution gewesen? Ich denke, dass alle Fragen mit Ja beantwortet werden müssen. Bulliards Pilz wurder unter den scharfen Messern der Guillotinen niedergemetzelt und die Köpfe seiner Artgenossen rollten über die Pariser Plätze.

So bleibt also nur noch der gezonte Ohrlappenpilz wie er sich auf den Fotos präsentiert.

Und ja, er ist ein wahrer Hungerkünstler. Gefunden habe ich ihn Mitte Juli auf einer Weide (der Baum ist gemeint) auf einem baumbestandenen Feldweg in Lank Latum. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet, und so rechnete ich auch nicht damit, irgendwelche Pilze zu finden, bis ich plötzlich einen schwarzen Belag am Stamm eines Baumes wahrnahm. Ja, ein Pilz. Ziemlich schnell war ich mir sicher, dass es der gezonte Ohrlappenpilz sein müsste. Die Fruchtkörper lagen dem Stamm flach mit gerunzelter Unterseite auf und die Oberseite, die sich fast im rechten Winkel vom Substrat löste, ließ eine Zonierung erkennen, die dem Pilz seinen Namen gab. Alle Fruchtkörper waren knochentrocken und hatten die Konsistenz eines dünnen Streifen Holzes. Und wie verdient er sich nun den Namen eines Hungerkünstlers? Dies kann man auf dem oberen linken und unteren rechten Foto bestaunen. Ich nahm einen Fruchtkörper mit nach Hause und legte ihn in Wasser. Nur wenige Minuten dauerte es, bis er sich vollgesogen und die Flüssigkeit aufgenommen hatte. Nichts war mehr von der holzähnlichen Konsistenz übriggeblieben. Nun fühlte er sich gallert- und gummiartig an. In diesem Zustand macht nun auch Bulliards Namensgebung "tremmeloides" Sinn, denn etwas zitternd Vibrierendes hat der vollgesogene Pilz, wenn man mit dem Finger gegen ihn schnippt.

Ich bin sicher, dass Auricularia mesenterica selbst in Wüsten zurechtkäme, wenn es dort denn Laubbäume gäbe. Ein Dürrespezialist, ein Asket, der, wenn die Gelegenheit sich bietet, aber wahrlich zu einem Gourmand heranwächst.  

Der löwengelbe Dachpilz

(13.07.2018)


Der tropische Raubpilz

Bis auf die Farbe hat unser kleiner hübscher Pilz leider nichts mit den Tropen zu tun. Aber er ist so etwas wie ihr Bruder im Geiste. Da wären erst einmal die klimatischen Gegebenheiten des Fundzeitpunktes zu nennen. Wie allgemein 2018 war es Ende Juni sehr heiß und sonnig, als ich ihn zwischen vermorschtem Laubholz im Bad Bentheimer Wald fand. Es war eine Lichtung, auf die die Sonne mit voller Kraft schien. Und schon von weitem konnte man das kräftig dunkelgelbe Leuchten des löwengelben Dachpilzes - Pluteus leoninus - sehen, und es machte den Anschein, als ob er die gesamte Kraft der Sonne in sich speichern wollte. So hätte man ihn sicherlich auch Sonnenpilz nennen können, jedoch sind die Namensgeber in ihren Assoziationsketten an dem afrikanischen Raubtier hängengeblieben. Und ich muss zugeben, dass ich diese Namenswahl für durchaus gelungen halte. Ist der Pilz im Lateinischen nur der Löwenpilz, verweist die deutsche Sprache explizit auf die Farbe der Großkatze.  Um die Menschen nicht allzusehr durch seinen Löwencharakter zu schrecken, hat Pluteus leoninus noch leichte Pinktöne in seine Mähnenpracht eingewoben. Vielleicht möchte er sich so selbst zum Plüschtierlöwen degradieren, damit spazierengehende Mitteleuropäer nicht vor panischer Furcht schreiend durch dichte Buchenwälder rennen. Ja, rücksichtsvoll ist er, der löwengelbe Dachpilz. Das Rosa ist allerdings weniger in der Mähne, als an den Lamellen zu erkennen. Dies liegt daran, dass er - wie alle Dachpilze - rosa Sporenpulver besitzt, das mit zunehmendem Alter der Fruchtkörper immer intensiver wird. Hat man nun denn alle Furcht überwunden und sich ihm genährt, so verdunstet auch die letzte auf der Stirn gebildete Angstschweißperle in dem Moment, in dem man an ihm riecht. Kein Raubtiergestank, nein, harmloses veganes Rettich nimmt man an ihm wahr. Doch wiegt euch nicht zu sehr in Sicherheit, denn raubtierhaft ist Pluteus leoninus allemal. Er lebt saprobiontisch von (meistens) Laubholz und bildet Fruchtkörper in der Optimalphase der Zersetzung des Holzes, was man auf den Fotos ganz gut erkennen kann. Folgt man nun weiter der Analogiebildung zum Tierreich, müsste unser Pilz eigentlich der hyänengelbe Dachpilz - Pluteus hyäneus - heißen, ist er doch gewissermaßen ein vegetarischer Aasfresser. Doch anscheinend ist die Hyäne zu negativ besetzt, als dass sie als Namenspatin eines Pilzes herhalten könnte. Sonst hätte der Titel dieses Beitrages auch "Der tropische Aasfresser" heißen müssen, was die Leser bestimmt schon vor der ersten Zeile abgeschreckt hätte.

Wie kommt es nun aber zu dem Mikrobild unten rechts. Mal wieder arrogantes Posen? Nein, denn es gibt tatsächlich einen zweiten Dachpilz, der makroskopisch recht ähnlich aussehen kann. Es handelt sich bei ihm um den goldbraunen Dachpilz - Pluteus chrysophaeus. Beide kann man gut an den Endzellen der Huthaut unterscheiden. Hat der goldbraune Dachpilz kugelige Endzellen, so weist Pluteus leoninus längliche Zellen auf, was auf dem Mikrobild gut zu erkennen ist. (Weltweit umfasst die Gattung der Dachpilze ungefähr 300 Arten, wovon um die 60 in Europa vorkommen. Viele sind tatsächlich nur mit dem Mikroskop bestimmbar.)

Doch nun noch zu einem letzten Punkt. So wie in der tropischen Wildnis das Motto "Fressen und gefressen werden" herrscht, stellt sich auch in Mitteleuropa die Frage nach der Essbarkeit des löwengelben Dachpilzes. Und wie so oft findet man unterschiedliche Angaben, die von ungenießbar bis essbar reichen. Zumindest ist man sich einig, dass er nicht giftig ist. Den einzigen Dachpilz, den ich als Speisepilz sammele, ist der rehbraune Dachpilz - Pluteus cervinus -, da er doch viel häufiger auftritt als der hier vorgestellte Pilz. Unseren tropischer Vertreter findet man so selten und auch dann mit nur wenigen Fruchtkörpern, dass man ihn lieber stehen lassen und hoffen sollte, dass seine Sporen neue Löwenkinder zeugen.     

Der nördliche Zinnoberschwamm

(08.07.2018)

Ein Pilz, die sexuelle Lust und die Mataco-Indianer Argentiniens

Obwohl wunderschön, gebe ich zu, dass der nördliche Zinnoberschwamm - Pycnoporus cinnabarinus - nicht unbedingt sexuell stimulierend wirkt. Zumindest auf mich, vielleicht geht es meinen Lesern da ja anders. Doch er hat es in sich. Wenn Lust, Erregung, Ausschweifung nur noch bedeutungsleere Worthülsen sind und auch die heißesten Leopardentangas und Spandexbodies nichts mehr ausrichten können, dann hilft nur noch der Weg in den Wald, um den rot leuchtenden Pilz zu suchen. Denn er hat liebeszauberische Kräfte. "Die Mataco-Indianer (Nord-West-Argentinien) nennen den Feuerschwamm (Pygnoporus coccineus) "olét" und reiben sich mit dessen Unterseite das Gesicht als Liebeszauber rot ein; sie werden dadurch sexuell attraktiv, heißt es." (Christian Rätsch, Pilze und Menschen, AT Verlag, Aarau und München 2010, S.86) Gut, ich gebe zu, dass Christian Rätsch hier von einem anderen Pilz schreibt, der aber sowohl in der Zusammensetzung seiner Inhaltsstoffe als auch in der makroskopischen Ansicht unserem Pilz sehr ähnlich ist. Pycnoporus coccineus wächst nicht in Deutschland, sondern ist eher in tropischen Gefilden zuhause. Doch sein nordischer Bruder, der auf den Fotos zu sehen ist, wird sicherlich dieselben Wirkungen zeitigen. Also, probiert es aus, reibt eure Gesichter rot ein, und wenn dann die Menschen auf offener Straße vor euch ihre Kleider vom Leib reißen, wisst ihr: Er wirkt.

Gleichzeitig ist Pycnoporus cinnabarinus (und mit ihm seine Nachbararten (P. coccineus, P. sanguineus) ein Heilpilz mit langer Tradition. So wurden bei den australischen Aborigines Fruchtkörper der beiden letztgenannten Arten bei Wunden oder Ekzemen im Mund gekaut und allgemein bei Hautproblemen die entsprechenden Stellen eingerieben. Und für Kleinkinder wurden sie als Zahnspangen genutzt. Tatsächlich ist dieser Pilz (noch einmal sei gesagt, dass alle drei hier genannten Arten über (fast) dieselben Inhaltsstoffe verfügen) chemisch gut untersucht worden und u.a. wurden zwei antibiotisch wirkende Substanzen nachgewiesen. Allgemein gilt er auch als immunstabilisierend und antibakteriell, und man kann ihn Aborigine-like auf die Haut reiben oder pulverisiert als Teeaufguss zu sich nehmen. Allerdings sollte man nicht so verfahren, wie jener Mann auf einem Youtube-Video, der Pycnoporus cinnabarinus im Selbstversuch in großen Mengen kaut und herunterschluckt. Noch immer fassungslos verlinke ich das Video. Im Untertext zu dem Video schreibt er, dass ihm eine Stunde nach Verzehr schlecht wurde, Kopfschmerzen bekam und sich dehydriert fühlte: wie ein "Hangover". Zwei Tage hätten die Symptome angehalten, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er sich vergiftet hat. Nun, ich sage, selber schuld, denn ganz ohne ist der nordische Zinnoberschwamm nicht und sollte auf jeden Fall nicht als Speisepilz verzehrt werden. Eine seiner antibiotisch wirkenden Substanzen ist die Polyporsäure, die auf den Menschen toxisch wirkt und in hoher Konzentration zum Tod führen kann. Diese hohe Konzentration wird zwar nicht von Pycnoporus cinnabarinus erreicht, trotzdem sollte er allenfalls als Heilpilz oder Liebeszauber genutzt werden. (Jedoch bin ich mir nicht so sicher, ob der Roaming Gnome [so der Name des Videopilzessers] weiterhin Filme drehen könnte, wenn er alle Zinnoberschwämme, die in seine Schüssel waren,  heruntergeschluckt hätte.) 

Der nördliche Zinnoberschwamm zeigt seine Verwandtschaft mit den zwei tropischen Arten auch darin, dass er wärme- und lichtliebend ist und deshalb oft an kahleren Stellen im Wald erscheint. Und den heißen Sommer 2018 scheint er zu lieben. Finden kann man ihn an toten Laubhölzern in der Initialphase ihrer Zersetzung.    

Der behangene Faserling

(05.07.2018)


Ein Pilz und die Eskamotage

Zugegeben: Bei dem Titel wollte ich etwas angeben, und endlich habe ich es geschafft das Wort "Eskamotage" in einem Beitrag unterzubringen. Um meine überbordende Gelehrtheit weiter zur Schau zu stellen, folgt direkt ein Zitat von Sartre [sic!]: "[D]er Boden schien unter unseren Füßen zu wanken, und plötzlich begann auch für uns die große historische Eskamotage: jene ersten Jahre des großen Weltfriedens mußte man plötzlich als die letzten der Zwischenkriegszeit betrachten." Herrje, wie bekomme ich nun den Bogen zu dem behangenen Faserling - Psathyrella candolleana -, der es sich wahrscheinlich auch nicht hat träumen lassen in einem Atemzug mit Sartre genannt zu werden. Aber die Buchstaben der Sprache sind biegsam und ganz andere Abstrusitäten werden sprachlich zusammengestellt: schwarze Milch, Amerika und Demokratie, Schule und Bildung usw. Warum also nicht Sarte, Eskamotage und Psathyrella candolleana?

Wenn man nun das verwandte Verb "eskamotieren" auf unseren Pilz anwenden möchte, so fällt bei Betrachten der Fotos auf, dass der behangene Faserling eigentlich eine braun-ockerliche Grundfarbe besitzt. Doch kaum dem Erdreich entsprungen, scheint sie sich in rasantem Tempo an den Rand zu drängen und einem gelblichen Weiß Platz zu machen, in dem man diese Psathyrella-Art normalerweise zu Gesicht bekommt. Eine erste Form der Eskamotage, auf die ich jedoch nicht weiter eingehen möchte. Denn ja, Psathyrella candolleana ist der Zauberer in der Pilzwelt oder zumindest pflegt er einen engen Kontakt zu Fabelwesen, die die Gabe besitzen, Dinge und Wesen verschwinden zu lassen.

Gefunden habe ich die auf den Fotos zu sehende Gruppe Ende Juni in der Bröcke. Sehr zahlreich wuchsen die Fruchtkörper am Rande eines Weges, und ich ärgerte mich schon, keinen Sammelkorb dabeizuhaben, denn der behangene Faserling ist essbar und ein nicht zu verachtender Speisepilz. (Angemerkt sei an dieser Stelle, dass man nur ihn in den Korb tun sollte. Er ist sehr zerbrechlich, und sollte man den Fehler begehen, ihn mit Steinpilzen zu transportieren, so wird Psathyrella candolleana zu einer unansehnlichen zerquetschten Pilzmasse.)

Nun gut, der Ärger war schnell verflogen, und ich freute mich über die hübsch anzusehenden Pilze, besonders da aus mykologischer Sicht 2018 bisher ein großer Reinfall war. Kaum Regen, stattdessen Hitze- und Trockenperioden. Psathyrella candolleana gehört jedoch zu den Arten, die nach meiner Erfahrung auch nach kurzen Schauern fruktifizieren können.

Da ich so pilzentwöhnt war, stattete ich der Gruppe zwei Tage später einen erneuten Besuch ab. Und was soll ich sagen. Nicht eine Spur von ihnen war zu finden. Sie schienen ihre weißen Körper in den Rachen des Nichts geworfen zu haben. Fassungslos suchte ich die Stelle ab. Zumindest Stielreste müssten doch zu finden sein. Nein, nichts. Nichts, was auf ihre Anwesenheit zwei Tage zuvor schließen ließ. Psathyrella-Arten sind zwar in ihrem dünnfleischigen faserigen Dasein per se nicht besonders langlebig, dieser Drang der Auslöschung ging mir jedoch zu weit. Ich erwog mehrere Möglichkeiten. 1. Eine gefräßige Schneckenherde suchte sie heim. 2. Ein anderer Pilzsammler pflückte sie 3. Ein Gefährt zermatschte sie. 4. Ich hatte mich in der Fundstelle geirrt 5. Es mussten transzendente Kräfte gewirkt haben. 

Nach reflektiertem Abwägen gab ich der 5. Option den Vorzug, was den Vorteil hat, wieder auf das Sartre-Zitat des Anfangs zurückzukommen. Was stattgefunden hatte, war die große historische Eskamotage im Pilzreich. Ich gebe zu, Sartre etwas zu trivialisieren, doch große Ereignisse erfordern große Worte. Wie weggezaubert waren die Pilzkörper, ein flüchtiges Aufscheinen im Dunkel des Waldes und schon warf jemand die Tarnkappe der Unsichtbarkeit über sie. Oder tauchten sie selbst in die Märchen hinab, um fortan nur als kurzlebige Erinnerung weiter zu existieren? Eskamotage und behangener Faserling werden zumindest für mich als konvergenter Existenzialismus eine Einheit bilden.


Der blaustielige Heftnabeling

(03.07.2018)

Der Faktor Zufall

Dass dieser kleine graue Pilz überhaupt zu einem Namen gefunden hat, verdankt er einem Zufall und einer Art Umweg über einen weiteren Pilz, der allerdings noch seiner Namensgebung harrt. Was hier nun etwas kryptisch klingt, ist leicht aufzulösen. Letzte Woche begab ich mich wieder in die Bröcke in der Hoffnung, nach einem kurzen Regenintermezzo Pilze finden zu können. Die Ausbeute war sehr mager. Diesen oben zu sehenden Pilz fand ich am Anfang auf einem Gras-, Moos- und Krautstreifen am Wegesrand eines Fichtenwaldes. Nun, um ehrlich zu sein, hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung, zu welcher Gattung er gehören könnte. Für einen Helmling war er zu weit aufgeschirmt, ein Trichterling schien er mir auch nicht zu sein. Also was? Dummerweise hatte ich auch kein kleines Döschen dabei, um ihn sicher nach Hause zu transportieren. Ich versuchte es in der Hand, jedoch schon nach wenigen Metern brachen Teile des Hutes ab, so dass ich es aufgab und ihn zum weiteren Aussporen ins Gras legte.

Wenig später fand ich mehrere kleine orangefarbene Pilze zwischen Lebermoos. Sie ähnelten dem orangeroten Heftnabeling - Rickenella fibula -, jedoch schienen mir weder der Wuchsort noch der Lamellenansatz zu passen. Von ihnen schaffte ich es, ein Exemplar heil nach Hause zu bringen. (Während einer Pinkelpause, bei der ich ihn neben mir ablegen musste, wäre er fast verloren gegangen, so klein war er.) Ich mikroskopierte die Sporen und die Lamellenschneide und verglich die Ergebnisse mit Rickenella. Nein, es konnte kein Rickenella sein, da die Sporen viel zu groß waren. Was aber dann? Ich stöberte etwas durch Pilzbestimmungsseiten im Internet und fand den kleinen Orangenabeling - Loreleia marchantiae - und seine Nachbarart Loreleia postii, die orangerote Loreleia, zu denen meine Mikromerkmale mehr oder weniger passten und auch makroskopisch schien die Bestimmung hinzukommen. Beide sind sehr selten und so machte sich schon etwas Stolz in der Pilzsammlerbrust breit. Zur Bestätigung stellte ich den Fund auf eine Pilzforumsseite, wo sehr schnell meiner Bestimmung widersprochen wurde und wiederum Rickenella in Spiel gebracht wurde. Auch mein Einwand, dass für Rickenella die Sporen zu groß seien, schien kein Argument. Nun, eigentlich bin ich weiter von meiner Seltenheitsfundtheorie überzeugt, doch sei es drum. Unser Hauptakteur befindet sich ja oben auf den Fotos. Während ich mir verzweifelt Rickenella-Arten im Netz anschaute, um weitere Optionen für meinen orangenfarbenen Pilz zu bekommen, stieß ich auch auf den blaustieligen Heftnabeling - Rickenella swartzii - und ja, den hatte ich doch schon einmal gesehen. Ich schaute mir die von ihm gemachten Fotos an und ja, makroskopisch schien alles zu passen: der Farbverlauf des Hutes, die Tendenz zum Aufschirmen und als entscheidendes Merkmal die Blaufärbung im oberen Stielbereich. Nun, Bilder im Internet zeigten zwar eine stärkere Blaufärbung, aber immerhin: Blau konnte man zumindest auf meinen Fotos erahnen. (Weiterhin ist die für Rickenella-Arten typische "Bereifung" des oberen Stielbereiches und des Hutes zu nennen; es sind Zystiden, die man unter dem Mikroskop gut für die Artbestimmung nutzen kann. Im Stielbereich werden sie Kaulo-; auf dem Hut Pileozystiden genannt.) Wiederum stellte ich den Pilz ins Forum und diesmal war die Antwort des Pilzexperten klar: ein makroskopisch typischer Rickenella swartzii. Juhu.  

Ich frage mich nun allerdings, wie sich unser blaustieliger Heftnabeling fühlt. Erbarmungslos in die Ecke gestellt, ein Schmuddelkind, mit dem man sich nicht abgeben wollte und ihm nur wieder Aufmerksamkeit schenkte, da alle Liebesbemühungen für ein anderes Wesen in die Leere liefen und schnöde abgewiesen wurden. Doch die erbarmungslos fortschreitende Zeit schafft in ihrer chronologischen Borniertheit andere Ungerechtigkeiten. Der orangenfarbene Pilz wird in der Hölle der Namenslosigkeit verwesen, während Rickenella swarzii seinen blauen Unterleib triumphierend auf den Fotos präsentieren darf.

Ich weiß nicht, ob er das nun wirklich verdient hat. Schließlich ist sein Leben ein parasitäres Wuchern unter Moosen, die er mit seinen Pilzhyphen durchdringt.     

Der tränende Saumpilz

(02.07.2018)


Der Tränenreiche

2018 ist bisher ein desaströses Pilzjahr im Westmünsterland. Hitzewellen, Trockenheit und nur selten mal ein kleiner Schauer sind das, mit dem der Pilzfreund sich herumschlagen muss. Während andere frohgelaunt in den sommerblauen Himmel blicken, spähe ich nach jeder kleinen Wolke, die etwas Regen verspricht. Doch einige Pilzarten scheinen nicht viel Wasser zu benötigen. Dazu gehört ganz offensichtlich der tränende Saumpilz - Lacrymaria lacrymabunda -, denn schon einige Tröpfchen haben der oben zu sehenden Gruppe genügt, um erwartungsvoll ihrer Fortpflanzung entgegenzuwachsen. Vielleicht war es ihnen dann aber dann doch nicht so ganz geheuer, denn sie wuchsen büschelig, was ich bei dieser Pilzart bisher so stark ausgeprägt noch nicht beobachten konnte. Bei meinen vorherigen Funden wuchsen sie eher gesellig  mit wenigen Fruchtkörpern, die zusammenstanden. Wahrscheinlich brauchen sie das Gedränge, um durch die Körperwärme Schweiß zu produzieren. Tja, wenn es schon nicht regnet, dann sorgt man eben selbst für die Flüssigkeit.

Die Fotos zeigen wichtige Bestimmungsmerkmale: die schon samtig anmutende faserige Huthaut, der flockig längsstreifig besetzte Stiel und das Velum partiale (der Ring), der die Lamellen der jungen Fruchtkörper schützt und bei älteren Fruchtkörpern noch als schwarzes Überbleibsel am Stiel zu erkennen ist. Das wichtigste Merkmal allerdings fehlt auf den Fotos: die Lamellen, die im Alter schwarz und fleckig sind. Denn neben dem Schweiß produziert Lacrymaria lacrymabunda auch Flüssigkeitstropfen an den Lamellen, die eingetrocknet als Flecken sichtbar sind.  Und daher stammt nun auch sein Name: Sein Gattungsname Lacrymaria verweist auf die Träne - Lacrima auf Lateinisch. Doch der tränende Saumpilz kann sich nicht genug ausheulen. Ist die Träne schon in seinem Gattungsnamen präsent, so steigert das Artepitheton ihn geradezu zur Heulsuse: lacrymabunda - tränenreich; übersetzt also: Der tränenreiche Tränende. Was um Gottes Willen kann ihn so traurig machen? Ich habe mich lange neben die oben zu sehende Gruppe gesetzt, doch ich konnte keinen Grund finden. Weder Schnecken scheinen unseren Pilz sonderlich zu mögen, noch Maden tummeln sich übermäßig in seinem Fleisch. Eigentlich könnte er tatsächlich in aller Fröhlichkeit wachsen. Die einzige mir plausibel erscheinende Lösung ist folgende: Der tränende Saumpilz ist der Existenzialist unter den Pilzen. Er hat das Wissen aufgesogen, dass die pilzliche Existenz bedeutungslos und jegliches pilzliche Streben dem Untergang geweiht ist. Doch das hindert ihn nicht, am Leben und am Sporen und am Vergehen teilzunehmen. Ja, er ist die Verkörperung des wahren Camuschen Sisyphos, der schweißüberströmt den Felsen auf die Bergeskuppe rollt. Die Tränen von Lacrymaria lacrymabunda sind der Schweiß der griechischen mythologischen Figur. 

Auch wenn es nun etwas abrupt kommt: Ihr könnt Teil seines existentialistischen Wissens werden, denn er ist essbar. Am Anfang sollte man jedoch nur kleine Portionen zu sich nehmen, da anscheinend einige Menschen ihn nicht gut vertragen. Doch eigentlich ist dieser Pilz zu anderem geschaffen: zu einem Mahnmal für das Wesen unserer Welt. 



Die gelbe Lohblüte

(30.06.2018)


Die Scheiße des Mondes

Die Assoziationen, die die gelbe Lohblüte - Fuligo septica - hervorruft, sind vielfältig und von unterschiedlichen kulturellen Räumen bestimmt. Verweist der deutsche Name "Hexenbutter" auf den magischen Raum des Waldes, haben Engländer diesen magischen Raum anscheinend verlassen, wenn sie unseren Pilz als "Dog slime" bezeichnen. Pragmatisch-prosaisch wie die Engländer nun einmal sind, treffen sie eigentlich ganz gut, zu was in vielen Fällen unsere Wälder geworden sind: zu einem Scheißplatz zivilisations-degenerierter Haushunde, die sich wohl ab und zu auch mal übergeben müssen. (Ein Kapitel für sich, wenn man am Waldrand im Gras hockt, um Pilze zu fotografieren und zu spät bemerkt, an welchem Ort man sich tatsächlich niedergekniet hat. Ja, als Pilzsammler kann man zum Hundehasser werden.) Nun, ich schweife ab, denn der Titel dieses Beitrages verweist ja ebenfalls auf Ausscheidungen, deren Erörterung um ein vielfaches interessanter sind als die Schleimspuren unserer Hunde. "Die Scheiße des Mondes" - Caca de Luna -  wird dieser Pilz im Spanischen genannt. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Name in Spanien selbst oder in  Mittelamerika geprägt wurde. Ich tippe auf letzteres und grenze das Namensentstehungsgebiet weiter ein: Mexiko. Zumindest hat dieser Pilz in diesem Land eine gewisse kulturelle Bedeutung, denn er wird dort gegrillt und verspeist. Allein dies fordert ja geradezu dazu auf, vor Mexiko und seinen Einwohnern in ehrfurchtsvoller Demut niederzusinken und ihnen Respekt zu zollen. Wenn man vor diesem Pilz steht und ihn mit den Fingern berührt hat man den Eindruck, es mit einer Portion pulsierendem Leben zu tun zu haben, das weich, feucht und schleimig ist. Auf die Idee gekommen, es zu essen, wäre ich zumindest nicht. Falls ich jemals in meinem Leben zu einer mexikanischen Grillparty eingeladen werde, werde ich mich aber auch nicht wehren, wenn mir die gelbe Lohblüte serviert wird. 

Wie kommt es nun zu dem Namen "Scheiße des Mondes"? Zuallererst spielt hier sicherlich die Farbe von Fuligo septica ein Rolle. Dieses schon golden zu nennende Gelb erinnert tatsächlich an die Farbe des Mondes, wenn er voll und in einem tiefen Gelb am Himmel erscheint. Ab und zu scheidet er dann kleine Bröckchen seines Glanzes aus, und mit etwas Glück kann man sie in den Wäldern finden. Außerdem scheinen mir Mexikaner per se schon eine gewisse extraterrestrische Affinität zu besitzen. Wie bekannt, zirkulieren einige Theorien dazu, wie Azteken und Mayas mit außerirdischen Kulturen in Kontakt standen. Und nur zu gut erinnere ich mich an einen langhaarigen Mexikaner in einem heruntergekommenen kolonialen mexikanischen Hotel, der einen Abend lang mich und meinen Bruder mit diversen Fotos und Zeichnungen davon überzeugen wollte, dass die Azteken die Spuren dieses kulturellen Kontaktes in ihren Bauwerken hinterlassen haben. Gut, alles passt also: ich werde die gelbe Lohblüte von nun an auch nur noch Mondscheiße nennen und habe dabei alle nur erdenklichen positiven Assoziationen im Kopf.

So, nun aber noch einmal zu dem Pilz selber: Er ist nämlich gar kein Pilz und dürfte auf dieser Seite gar nicht erscheinen. Er ist ein sogenannter Schleimpilz - ein Myxomycet-, der eine sonderbare Stellung innerhalb der Biologie einnimmt: weder Pilz noch Tier noch Bakterium noch Amöbe, aber irgendwie trägt er Eigenschaften von allen. Aus Sporen entwickeln sich amöbenhafte Lebewesen, die sich irgendwann zusammenfiinden und einen als Plasmodium bezeichneten Fruchtkörper bilden. (Das Plasmodium sieht man auf den Fotos). Die gelbe Masse des Plasmodiums ist - man mag es kaum glauben - ein Einzeller, der jedoch aus tausenden bis Millionen Zellkernen besteht. In diesem Lebensabschnitt bewegt er sich vorwärts und frisst so ziemlich alles, was ihm in den Weg kommt: organisches Material, Pilze, Bakterien, Insekten. Rette sich wer kann. Danach kommt es zur Ausbildung der Sporen und ein neuer Lebenszyklus beginnt.

Und seine Raubzüge zeigen Intelligenz: Japanische Wissenschaftler haben durch ein selbstgebasteltes Labyrinth herausgefunden, dass Fuligo septica immer - wirklich immer - ohne Fehlversuche den kürzesten Weg zu Nahrungsquellen einschlägt.

Tja, angsteinflößend ist er wirklich. In einem texanischen Dorf tauchten die Fruchtkörper sehr zahlreich auf, was panikähnliche Reaktionen zur Folge hatte. Die Einwohner dachten an den Beginn einer außerirdischen Invasion, was schließlich dazu führte, dass selbst die Feuerwehr und das Militär zur Bekämpfung unseres Schleimpilzes eingesetzt wurden. 

Und endlich weiß ich es: Trumps Idee, eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen, hat nicht das Ziel, Menschen aus den USA fernzuhalten. Nein, er ist nicht dieser wildgewordene und menschenverachtene White-Collar-Redneck-Shit. Nein, seine Mission ist die Rettung der gesamten Menschheit vor den Fraßzügen der gelben Lohblüte. Stellt euch vor, wie viele Sporen dieses Monsters im Magen eines von einem Grillfest kommenden und die Grenze zu den USA überquerenden Mexikaners transportiert würden. Ja, Trump hat die Gefahr erkannt und sinniert von früh bis spät im Weißen Haus, wie er der Scheiße des Mondes Herr werden kann.


P.S Falls nun jemand bei dem Gedanken einer Lohbüteninvasion niicht schlafen kann: Dieser Schleimpilz ist völlig harmlos.  



Chaga, der schiefe Schillerporling

(September 2017)

Pilze sind nichts für Weicheier

Das Bild des Pilzsammlers: etwas betagt, Korb am Arm, ein kleines Messer, um die Pilze abschneiden zu können, womöglich noch eine kleine Bürste, um Erdreste von den Stielen und Hüten zu entfernen. Ruhiger, gemächlicher Schritt.

Alles Humbug, der moderne Pilzsammler stattet sich im Baumarkt aus, um an die Früchte des Waldes zu kommen.

So geschehen im Frühjahr 2017. Endlich gefunden: Chaga, der schiefe Schillerporling. Inonotus obliquus. In meinem Kopf hat er schon mythische Ausmaße angenommen, selten soll er sein. Seine Auswirkungen auf die Gesundheit legendär. Gegen Krebs, gegen Magenprobleme, für das Imunsystem kann man ihn einsetzen. Russische Soldaten während des zweiten Weltkrieges hätten nur dank seiner Hilfe überlebt. 

Nur wie ihn von der Birke bekommen, die er fast ausschließlich besiedelt? Ich kratze und stochere mit meinem kleinen Messer an ihm herum - nichts, bis auf ein paar Krümel gelingt es mir nicht, ihn zu lösen. Kleinmütig gebe ich auf und mache mich auf den Heimweg. (Immerhin um die 50 km) Zuhause dann gebe ich Chaga bei Youtube ein und schaue, wie andere Sammler sich anstellen. Mit Messer keine Chance, eine Axt muss es sein, und mit ein paar gezielten Hieben bekommt man ihn vom Baum.

Ich also am nächsten Tag in den Baumarkt und kaufe mir eine Axt, fahre die 50 Kilometer zu der Fundstelle - eine etwas größere Tasche habe ich mitgenommen, um die Axt nicht so offen mit mir herumzutragen, will schließlich nicht als potentieller Amokläufer die Spaziergänger verschrecken - und, ein Blick um mich herum, dass mich auch keiner beobachtet - hiebe ich mit aller Kraft auf den Schillerporling ein. Es gelingt, ein großes Stück bricht ab, mit dem ich mich auch zufriedengebe.

Zuhause nun die Frage, wie man ihn weiterverarbeiten kann. Dafür muss man das große Stück wiederum in kleine Stücke hauen, was erst einmal einfacher klingt als es tatsächlich ist. Es in der Küche zu versuchen ist keine gute Idee, eine Fliese bekommt eine tiefe Kerbe, worauf ich Chaga in einen großen Karton lege und auf dem Balkon auf ihn einhaue. Gut, professionell ist das nicht, aber der Erfolg gibt mir recht. Daraufhin trockne ich die kleineren Stücke in einem Dörrautomaten und nach ungefähr 24 Stunden sind sie einsatzbereit, meinen kranken Körper und Geist zu beflügeln.

So, aber wie? Auf jeden Fall als Tee. Einige Leute geben ganze Stücke in eine Tasse und begießen sie mit kochendem Wasser. Die Stücke sind dann solange nutzbar, wie das Wasser sich kaffeebraun färbt. Ich will filigraner zu Werke gehen und mahle ein Stück in einer Kaffeemühle zu feinem Pulver. Aufpassen - es staubt wie sau.

Dann einen bis anderthalb Teelöffel in eine Tasse und mit kochendem Wasser für ungefähr 5 bis 8 Minuten ziehen lassen.

Was soll ich sagen, er schmeckt. Hat etwas von Kaffee und wenn man ihn trinkt und die ganzen Mühen, die man mit ihm hatte, vor dem inneren Auge ablaufen lässt - dann kann ich sagen: ein Hochgenuss. Axt sei dank.